An den Linien liegen die Venden, ferner die Schulen, dann Brauerei-

und Limonadefabriken, Schneide- und Mahlmühlen und was man sonst

noch hier an kleingewerblichen Betrieben braucht, sowie die

bevorzugten Kolonielose: manche Musterwirtschaft, aber auch mancher

heruntergekommene Betrieb, in denen ein paar Polen oder ein Weißer mit

einer Farbigen in einer Hütte hausen, die nicht mehr als gerade das zum

Leben Nötige anbauen.

Beiderseits der Linie Mais. Dann Tabak, der mit Maniok wechselt,

und wieder Mais. Mais ist die Hauptfrucht, die wichtigste Nahrung

für Mensch und Vieh. Aus ihm bäckt der Kolonist sein Brot. Erst der

Wohlhabende nimmt Weizen dazu. Weizen ist hier Luxus. Für seinen Anbau

ist es bereits zu heiß. Er muß von der Serra, dem kalten Hochland,

hergeschafft oder aus Argentinien importiert werden.

Um die Häuser steht Obst, vor allem Pfirsich, der ähnlich wie in

Argentinien auf diesem Boden gleich Unkraut wuchert und bereits im

ersten oder zweiten Jahr Frucht trägt, Yerba -- Bäume, deren Blätter

den Mate-Tee liefern, und wo Italiener siedeln, eine Weinlaube oder

Weinberg.

Die Häuser selbst sind fast sämtlich aus Holz, von hübschen soliden

Bauten bis zu einfachsten Bretterbuden. Daneben ein Schuppen für die

geerntete Frucht und ein Pferch für das Vieh.

Je länger wir reiten, desto häufiger unterbrechen Waldpartien die

Felder, und schließlich geht’s eine ganze Strecke lang durch

ungerodeten Urwald. Lianenverfilzt schließen die alten Bäume gleich

Mauern beiderseits die Straße ein. Es sind noch nicht kultivierte

Kolonielose, deren Besitzer auf die Konjunktur warten, um sie mit

hohem Nutzen weiterzuverkaufen. Wo eine neue Staatskolonie vermessen

wird, macht sich alsbald die Spekulation breit. Wenn auch dem Gesetz

nach jeder Bodenwucher vermieden und Land nur an jene abgegeben werden

soll, die es tatsächlich bebauen, so ist doch unvermeidlich, daß der

und jener, von den Koloniechefs und Vermessungsingenieuren angefangen,

durch Mittelsmänner eine größere Anzahl von Losen in seine Hand bringt,

die er erst zum Verkauf stellt, wenn alles Land in der Gegend vergeben

und durch die Arbeit der Kolonisten auf den Nachbargrundstücken ein

erheblicher Wertzuwachs eingetreten ist.

Eine Pforte in der Mauer steht offen. Ein schmaler Weg führt in den

Wald. Ein schmales Spitzgewölbe aus Zweigen und Blättern. Grünliches

Dämmern. Treibhausluft. Hintereinander gehen die Pferde.

Wo sich der Weg senkt, öffnet sich eine Lichtung. An den Hängen liegen

noch geschlagene Stämme. Verkohlte Stumpen, zwischen denen sich

handhoch Asche breitet, zeigen, daß hier frische „Roce“ gemacht wurde.

Unten im Grunde steht zwischen hochtreibendem Mais an einem kleinen

Wässerlein eine einfache Bretterhütte: der Anfang einer Kolonie. Es ist

vollendete Urwaldeinsamkeit, aber lange nicht gleich der, in der Väter

und Großväter der heutigen Deutschbrasilianer anfingen. Ein kurzer Ritt

bringt bis an die Linie, nur ein paar Stunden sind bis zur nächsten

Venda und nicht mehr als zwei Tagereisen bis an die Bahn. Man kann

leicht und billig alles kaufen und heranschaffen, was nötig: Gerät und

Lebensmittel, Nägel und Bretter. Und Freunde und Nachbarn sind nicht

weit, die einem im Notfall helfen können.

Trotzdem bleibt genug an Einsamkeit und Härte des Lebens. Die Frau

kommt uns aus der Küche entgegen. Die Küche ist ein offenes Feuer

zwischen zwei Feldsteinen. Darüber hängt ein Kessel. Das ist alles.

Sie nötigt uns ins Haus. Es ist einfach aus Brettern

zusammengeschlagen, vielleicht fünf Meter im Geviert. Eine Bettstatt

und ein Tisch mit einigen Hockern, selbstgezimmert, bilden das ganze

Mobiliar.

Das Haus stellt ein Minimum an Wohnung dar, und trotzdem ist es ein

Palast gegen die Anfangszeit, als man in einer Laubhütte hauste und bei

jedem Regen im Wasser lag.

Der Anfang, das war das Schlimmste; damals, als erst ein Pfad durch den

Wald geschlagen werden mußte, um auf den eigenen Grund zu kommen, und

dann das Roden begann. Bis Breschen für Luft und Licht hineingeschlagen

sind, steckt der Urwald voll Moskitos und Schlangen, von anderem

Ungeziefer nicht zu reden. Dann heißt es mit dem Fäustel das Unterholz

buschen, darnach werden die großen Bäume geschlagen. Nach ein paar

Wochen, wenn alles gut trocken, wird angezündet.

In den durch die Asche gedüngten Urwaldboden, der frischen Roce, wird

der erste Mais gesät. Zwischen den Stumpen und halbverkohlten Stämmen

werden reihenweise mit dem Stock Löcher gestoßen. Ein paar Maiskörner

in ein jedes hinein, und nach ein paar Wochen steht der Mais bereits

mannshoch. Hat man im September Roce gemacht, im Oktober gepflanzt, so

kann man im März die erste Ernte einbringen.

Der Kolonist kommt aus der Roce herunter und begrüßt uns. Er erzählt,

daß er von der ersten Ernte immerhin bereits 35 Sack verkaufte. Für den

Sack 5 bis 6 Milreis. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste

ist, daß man jetzt nicht mehr von gekauften Nahrungsmitteln leben muß,

daß man seinen eigenen Bedarf selbst baut und daß man jetzt daran gehen

kann, sich Vieh zu halten.

Bisher hatte man nur ein Pferd oder Maultier, das im Wald weidete.

Jetzt kann man sich Schweine kaufen und damit vor allem die eintönige

Nahrung aufbessern, die bisher nur aus Mais und schwarzen Bohnen

bestand.

Dicht neben dem Haus ist ein Pferch, in dem bereits ein paar Dutzend

schwarzstruppiger Borstentiere grunzen. Schweinehaltung ist die große

landwirtschaftliche Industrie in ganz Rio Grande. Jeder Kolonist, der

nur ein wenig Glück mit ihnen hat, wird seinen Mais nicht verkaufen,

sondern damit Schweine großziehen. Das Wichtigste an ihnen ist das

Fett, das ausgelassen und in Blechbüchsen in die Hafenstädte verkauft

wird. Was übrigbleibt, ißt man selbst oder verkauft es an die Nachbarn;

denn hat man’s erst, so lebt man auch üppig.

Aber das dauert noch ein paar Jahre, und bis dahin heißt’s harte,

schwielentreibende Arbeit. Auf dem Fußboden spielen die Kinder. Es sind

im zweiten Ehejahr bereits ihrer zwei. Pro Jahr ein Kind. Auch Wald und

Urwaldboden strotzen ja von Fruchtbarkeit.

Im Dach sind Löcher. Der Kolonist folgt unserm Blick. „Ja, das muß ich

auch noch machen. Man kommt kaum zu allem.“ Im Urwald heißt es alles

selbst machen, alles selbst können.

Die Frau bringt das Essen: schwarze Bohnen, Brot und etwas

ausgelassenes Schweinefett. Wie wir abreiten, gehen die beiden zusammen

in die Roce. Das Ein- und das Zweijährige bleiben allein zuhause. Die

Schweine grunzen im Pferch.

Die Sonne steht hoch. Mann und Weib jäten nebeneinander im jungen Mais.

Mann und Weib allein im Wald und nur aufeinander angewiesen. Es ist wie

bei der Erschaffung der Erde.

54. Schirachs Erfolg.

Guarany.

Mein Freund in Guarany war der Tischlermeister. Er war fast seit

Gründung der Kolonie dort und kannte alle Kolonisten in der

Umgebung. Er hatte den nötigen Lokalstolz, um nicht zu ruhen, bis

ich alles gesehen. Das war recht interessant, aber auch ein wenig

strapaziös; denn diese Ritte und Besuche gingen nicht ohne erheblichen

Alkoholkonsum ab. Lag eine Venda an der Linie, so gehörte es

selbstverständlich zum Geschäft, daß man abstieg und einen Schnaps

nahm, und gar wenn mein Besuch einer Brauerei oder Schnapsfabrik galt;

ich war froh, wenn wir einmal eine Limonadefabrik besuchten.

Diese vielen gewerblichen Kleinbetriebe sind ein besonderes Merkmal

der deutschen Kolonien in Südbrasilien und ein Zeichen für die

Rührigkeit der Siedler. Es wird dort eine Menge handwerksmäßig

betrieben, wie z. B. Brauerei oder Brennerei, was wir längst nur

mehr als Industrie- und Großbetrieb kennen. Man staunt, wie einfach

man alles erzeugen kann. Eine Sudpfanne und ein Gärbottich, und die

Brauerei ist fertig. Oder ein einfachster Destillationsapparat für

die Brennerei oder ein, zwei Maschinen für die Limonadefabrik. Die

Produkte dieser Kleingewerbsbetriebe im Urwald stehen recht hoch im

Preis, für die Flasche Bier ein bis zwei Milreis. Aber nicht nur die

Kleingewerbetreibenden dieser Art werden reich durch das Geschäft,

sie beziehen auch Maschinen und Rohstoffe aus den Hafenstädten zu

phantastischen Preisen. Ein Limonadefabrikant nannte mir die Preise,

die er für Fruchtessenzen bezahlen muß. Darnach verdient das deutsche

Exporthaus in Porto Alegre, von dem er bezieht, daran einige hundert

Prozent.

Diese gewaltigen Zwischen- und Unternehmergewinne trägt der Kolonist,

ebenso den Riesenverdienst des Handels, der jeden Gebrauchsgegenstand

übermäßig verteuert. Trotzdem kommt auch der Siedler zu Wohlstand,

selbst Reichtum, wenn er sich nur einigermaßen daran hält; so fruchtbar

ist das Land.

„Wenn Sie sehen wollen, was wir in ein paar Jahren aus einem Stück

Urwald machen können, müssen Sie unbedingt einmal zu Schirach hinaus“,

sagte der Tischler.

So ritten wir eines Morgens los. Gegen Mittag waren wir auf der

Schirachschen Kolonie. Sie lag in einem schmalen Tal, das von der Linie

abzweigte. Unten bildete ein Bach die Grenze, dann ging es 250 Meter

lang am sanften Hang hoch. Das Ganze war ein Kilometer lang, es war

nur eine kleine Kolonie.

Aber jeder Fleck war ausgenützt. Zuerst kamen 400 Meter Pferch, in dem

23 Stück Rindvieh und 3 Pferde weideten. Zwischen den Grasenden standen

noch die langsam verwitternden Stumpen der gefällten Urwaldbäume, und

die verhältnismäßig kleine Weide genügt für den Sommer vollkommen; im

Winter kommt noch ein Zuschuß von Salzcaña hinzu, die als Viehfutter

regelmäßig angebaut wird.

Neben dem Weideplatz lag das Haus mit Schuppen, Scheune und

Schweinestallungen. Davor Rasen, Blumen und dahinter ein großer

Obstgarten. Der Boden lag voll von Pfirsichen, die der letzte Wind

heruntergeschüttelt. Aber auch Birnen und Äpfel fehlten ebensowenig wie

ein Bananengebüsch und eine große dichte Weinlaube, unter deren dichtem

Blätterdach man herrlich kühl ging, während einem die reifen blauen

Trauben nach Art des Schlaraffenlands in den Mund hingen.

Das Haus war, was selten ist, ein Ziegelbau mit Fachwerk; sauber und

fest. Der Besitzer kam uns von der Veranda entgegen. Er konnte sich

jetzt schon ab und zu ein Mußestündchen leisten. Mit Ausnahme von etwa

fünf Hektar Wald, den er zur Deckung seines Holzbedarfs stehenließ, war

alles gerodet und angebaut. Mais, Tabak, Maniok, Reis, Zuckerrohr --

nichts fehlte. Wir liefen uns in der heißen Mittagssonne müde, bis wir

alles angesehen hatten.

Man hört so oft, daß nur Landwirte es wagen sollten, in Übersee als

Kolonist anzufangen, allein ich habe viel Nichtlandwirte drüben

angetroffen, die es als Kolonisten zu etwas gebracht. Auch Schirach

war Fabrikarbeiter gewesen, nicht einmal jung, 34 Jahre, desgleichen

seine Frau. An Kapital hatte er ein Conto -- das sind 1000 Milreis --,

nach heutigem Geldwert etwa 10000 Mark, mitgebracht. Dafür hatte er das

Haus gebaut. Er wollte sich gleich ein behagliches Heim schaffen. An

Betriebskapital blieb ihm also nichts übrig. Heute, nach acht Jahren,

wertet seine Kolonie etwa 14 Contos, mit totem und lebendem Inventar

etwa 22. Sein jährlicher Reingewinn beträgt, abgesehen von dem sehr

reichlichen Leben, das ihm seine Kolonie bietet, mindestens ein Conto.

Unter Umständen können die Erträge auch viel höher sein. Beispielsweise

kann ein Mann im Jahr auf einem halben Hektar 20000 Tabakpflanzen

anbauen. Sie werden im Frühjahr gepflanzt, im Spätsommer wird geerntet.

Bei einem guten Jahr gibt das einen Ertrag von zwei Contos.

Schirach sagte uns nicht, was er an seinem Tabak verdiente. Aber er

zeigte uns die Stangen, an denen büschelweise die breiten Blätter

zum Trocknen hingen, und die schwarzen Rollen fertigen Tabaks --

die Kolonisten bereiten meist selbst ihren Tabak. Er besteht aus

festgedrehten, ein wenig fettigglänzenden Rollen, die wie große

Blutwürste aussehen. Sich daraus eine Zigarette zu drehen, ist keine

Kleinigkeit. Erst schneidet man wie bei einer Wurst eine Scheibe ab,

dreht und zerdrückt sie zwischen den Händen, rollt und zerkleinert dann

den Tabak und wickelt ihn schließlich in ein trockenes Maisblatt ein.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, sich seinen gesamten Lebensbedarf

selbst herzustellen. Es kommt nichts auf den Tisch, was nicht auf

eigenem Grund und Boden gewachsen, und als wir uns zum Essen setzten,

war alles eigenes Erzeugnis, bis zu dem selbstgekelterten Wein und dem

Zucker zum Kaffee.

Wir saßen in patriarchalischer Weise mit den drei hübschen Mägden und

dem schwarzen Knecht zu Tisch. Schirachs hatten keine Kinder, und ihr

Wohlstand schlägt eigentlich aller Theorie ins Gesicht, daß es nur der

Kolonist mit vielen Kindern zu etwas bringt.

„Ach, wenn wir Kinder hätten!“ meinte die Frau. Sie war Ungarin, gleich

ihrem Mann, und noch immer hübsch.

Als wir nach Tisch bei Wein und Zigaretten in Schaukelstühlen auf der

Veranda lagen, mußte ich unwillkürlich daran denken, wie sich wohl das

Leben dieses Mannes gestaltet hätte, wäre er als ungelernter Arbeiter

in der Heimat geblieben. Er hätte es wohl nicht über den besitzlosen

Proletarier gebracht.

Trotzdem er jetzt einen wohlhabenden Bauer vorstellt, war er noch immer

Sozialist. Er konnte sich nicht genug von den Vorgängen in Europa seit

dem Kriege erzählen lassen. Eine starke Unruhe war in ihm. „Ich hätte

wohl drüben sein mögen!“

„Ach Gott!“ fiel die Frau ein, „denken Sie nur, er will alles

verkaufen, und wieder woanders neu anfangen, jetzt, wo wir uns endlich

etwas leichter tun können!“

„Ja, es freut mich nicht mehr“; er schaute gelangweilt über seine

herrlich stehenden Felder. „Wenn ich jemand finde, der sie mir gut

abkauft, gebe ich meine Kolonie gleich her. Vielleicht gehe ich auch

wieder nach Europa zurück.“

Ich mußte an die Tausende denken, die über den Ozean ziehen, die hier

im Urwald unter schwersten Entbehrungen neu anfangen und denen ein

Besitz wie der Schirachsche wie ein fast unerreichbares Ideal in der

Ferne vorschwebt.

„Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch,“ sagte ich ihm zum

Abschied, „das Land hier scheint mir dem Tüchtigen doch noch immer die

besseren Chancen zu geben.“

Ehe ich heimritt, machte ich noch seinem Nachbar einen kurzen Besuch.

Er hatte gleichzeitig mit Schirach angefangen, aber es noch immer

zu nichts gebracht, trotzdem er zwei große Söhne hat. Er schimpfte

auf das Land und erzählte dann von seiner Zeit als Potsdamer Garde

du Corps. Es war ganz augenscheinlich, daß er auf seine ehemaligen

Unteroffizierstressen auf dem weißen Kragen auch heute noch immer

stolzer war als auf seinen Hof und Feld und auf all seine Freiheit und

Selbständigkeit als brasilianischer Bauer.

55. Brasilianische Landgesellschaften.

Porto da União.

Noch bei Morgengrauen fuhren wir bei Marcelino Ramos über den Fluß,

der hier flußauf Rio Pelotas, flußab Rio Uruguay heißt. Dann ging’s

quer durch Santa Catharina, fast einen Tag lang im Tal des Rio do Peixe

entlang.

Die Bahn war erst seit kurzem wieder hergestellt, nachdem der Fluß den

Damm unterspült und einen Personenzug von den Schienen heruntergeholt

hatte. Reißend sah er noch immer aus, aber es war eine herrliche Fahrt

an den tobenden, in Fällen und Stromschnellen sich überstürzenden

Wassern entlang, die fast schmerzhaft blinkten und glänzten, sobald die

Sonne auf ihnen lag.

Beiderseits des Flusses Wald. Wald in unendlicher Ausdehnung.

Größtenteils brasilianische Koniferen. Mit ihren hohen, geraden

Stämmen, die nur an der Spitze einen Kranz horizontal abstehender,

spärlich mit Nadeln besetzter Äste tragen, sehen sie aus wie riesige

Regenschirme, in deren Bezug ein Sturmwind bös gewütet hat.

An allen Bahnstationen Schneidemühlen und mächtige Stapel von Blockholz

und Brettern. Aber so dicht stand der Wald noch, daß man sich fragte,

woher denn all dies Holz eigentlich stamme.

An dieses Tal grenzen die Ländereien der wichtigsten brasilianischen

Kolonisationsgesellschaft, der Kompanie Hacker. Und alsbald liegen in

allen Waggons die Prospekte und Pläne dieser Kompanie, die zum Kauf

ihrer Ländereien einladen.

Überall in Südbrasilien, in Hotels, auf den Bahnen trifft man die

Propaganda dieser Landgesellschaften, und man begegnet so vielen ihrer

Agenten, daß man sich fragt: „Woher nehmen diese Gesellschaften all

das Geld nur allein für ihre Propaganda; wie teuer muß der Kolonist

schließlich das Land bezahlen, oder wie billig muß der Kompanie

seinerzeit die Konzession zu stehen gekommen sein!“

Die Frage der Einwanderung ist nicht zu trennen von der der

Landgesellschaften, insbesondere da bei weiterem Anschwellen des

Einwandererstromes die Kolonisation der brasilianischen Staaten

keineswegs reicht, alle Landsuchenden mit geeigneten Ländereien zu

versorgen. Dazu kommt ein anderes. Die am günstigsten gelegenen

Ländereien an den Bahnen und Strömen sind zu einem großen Teil in den

Händen von Kolonisationsgesellschaften, die sich häufig diese Komplexe

sicherten, als sie durch einen mit ihnen liierten einheimischen

Politiker von bevorstehenden Bahnkonzessionen erfuhren.

Es ist der Fall möglich, daß der kapitalkräftige Siedler vorteilhafter

ein teueres Los bei einer Landgesellschaft erwirbt, als Land vom

Staate zu geringerem Preis. Der Anteil der Transportkosten ist sehr

groß. Der Sack Mais in Kolonien an der Bahn, mit kurzen Frachten zu

den Hauptabsatzgebieten, ist beispielsweise etwa 11 Milreis wert, bei

schlechteren Verkehrsverhältnissen kann er bis zu 7 Milreis und weniger

heruntergehen, während in tagereisenweit von der Bahn abgelegenen

Urwaldkolonien mit obendrein schlechten Wegverhältnissen der Händler

dem Kolonisten nicht mehr als 2 Milreis für den Sack bietet.

Man braucht nicht lange in Brasilien zu reisen, um von den

verschiedensten Seiten die widersprechendsten Urteile über ein und

dieselbe Gesellschaft zu hören. Nach dem einen sind ihre Leiter

sämtlich die gemeinsten Betrüger und Blutsauger, nach dem andern

sind sie die reinen Wohltätigkeitsanstalten, und die Einwanderer

können gar nichts besseres tun, als sich ihnen sofort und blindlings

anzuvertrauen. Man wird ja sehr rasch lernen, ungerechte Erbitterung

und Verärgerung auf der einen wie Interessenverknüpfung auf der andern

Seite zu erkennen. Allein trotzdem ist nichts schwerer, als sich über

die Qualitäten der einzelnen Gesellschaften ein zutreffendes Bild zu

machen.

Die Preisunterschiede zwischen den Ländereien der

Kolonisationsgesellschaften und des Staates sind sehr erheblich.

Während staatliche Kolonielose von 25 Hektar in Paraná für 350 Milreis

zu haben sind, und selbst in Rio Grande mit seinen hohen Landpreisen

Staatskolonien nicht mehr als 1000, allerhöchstens 1500 Milreis kosten,

muß man an Kolonisationsgesellschaften 2-3000 zahlen, es sei denn, daß

es sich um Kolonien in ganz abgelegenen Gegenden handelt, wo schon Land

für 5-800 Milreis zu haben ist.

An Kosten hat die Landgesellschaft im allgemeinen nur die für

Vermessung und Wege hineingesteckt. Die in den Prospekten enthaltenen

Angaben über Kirche, Schule usw. bleiben allzu häufig nur auf dem

Papier.

Im Gegensatz zu den Staatskolonien wird aber streng auf Trennung

von Nationalität und Konfession geachtet. Brasilien sucht gleich

allen andern südamerikanischen Staaten in seinen neuen Kolonien

möglichst die verschiedenen Nationalitäten zu mischen, allerdings

überall mit dem gleichen Mißerfolg -- national geschlossene Kolonien

kommen wirtschaftlich stets rascher voran. Dagegen halten die auf

rein privatwirtschaftlicher Grundlage basierenden Privatkolonien

größtenteils auf Scheidung. So hat zum Beispiel die Hackergesellschaft

nicht nur streng voneinander geschiedene Kolonien für Deutsche

und für Italiener, sondern auch Kolonien für protestantische und

katholische Deutsche. Ebenso wie in Südchile ist ja die Gegnerschaft

der beiden Konfessionen gerade unter den deutschstämmigen Elementen

unvergleichlich größer als in Europa. Wo man auf möglichst alle

Landinteressenten spekuliert, wie es bei neuen, abgelegenen Kolonien

geschieht, legt man wenigstens die verschiedenen Nationen auseinander.

So siedelt beispielsweise die Petri-Meiersche Kolonisationsgesellschaft

in ihrer neuen großen Kolonie Affonso am Paraná im Nordteil nur

Italiener, im Südteil nur Deutsche an. Für beide Nationen ist auch von

vorneherein ein eigener Stadt- und Hafenplatz vorgesehen. In dieser

Kolonie hat sich übrigens ein Teil der mit der „Argentina“ in Buenos

Aires eingetroffenen deutsch-ostafrikanischen Pflanzer angesiedelt.

Das Haupttätigkeitsfeld der Kolonisationsgesellschaften liegt in

Santa Catharina und Paraná, teilweise auch in São Paulo. Neuerdings

wird eine wachsende Propaganda für Matto Grosso gemacht. Nach den

Prospekten ist Land und Klima überall herrlich, und viele mögen

auch zufriedenstellende Käufe gemacht haben. Die Rio Grandenser

Bauern kaufen z. B. viel von Kolonisationsgesellschaften. Allein

für Unerfahrene bestehen doch große Gefahren. Es gibt gewissenlose

Landgesellschaften, deren Geschäft hauptsächlich darin besteht, den

Käufer um die Anzahlung zu bringen. Das verkaufte Land liegt dann

entweder in einer Fiebergegend, oder hat keinen Absatz. Der Käufer muß

es aufgeben, und die Anzahlung, meist ein Drittel des Kaufpreises,

verfällt.

Überhaupt ist in bezug auf Fieber die größte Vorsicht geboten. Von

Kolonisten wurde mir gegenüber beweglich geklagt, daß ihnen selbst eine

so alte und renommierte Kolonisationsgesellschaft wie die Hanseatische

Fieberland verkauft habe. Auch Hacker erlebte mit Fieberland ein böses

Fiasko. Er hatte eine riesige Konzession am Paraná-Panema erworben.

Aber das Fieber wütete dort so schlimm, daß bereits der größte Teil

der Vermessungskolonne hinsiechte und sich nur ein kleiner Teil retten

konnte.

Mit mir im Kupee saß ein junger Rio Grandenser Bauer, der sich auf

der Staatskolonie Cruz Machado Land ansehen wollte. Hatten es ihm die

lockenden Prospekte angetan, oder war er anderer Einwirkung erlegen,

jedenfalls sah ich ihn in Capinsal, der ersten Hackerkolonie, mit einem

andern Herrn aussteigen und Richtung landeinwärts nehmen.

So mag wohl etwas daran sein an der Mahnung an die Landsuchenden, die

in allen Prospekten wiederkehrt, doch ja auch bis zu der empfohlenen

Kolonie zu fahren und sich nicht etwa unterwegs von dem Agenten einer

anderen Landgesellschaft beschwätzen zu lassen, um bei ihr sich Land

anzusehen und zu kaufen.

Diese Mahnung sollten Einwanderer weitergehend dahin auslegen,

überhaupt zunächst von keiner Landgesellschaft Land zu kaufen, ehe

sie es nicht auf Grund eigener Erfahrungen über Bodenkultur- und

Absatzverhältnisse zu beurteilen vermögen.

56. Fahrt auf dem Iguassu.

Porto Almede.

Wir standen am Ufer des Iguassu und warteten auf die Barkasse. Jeden

Augenblick glaubte ich das Puffen des Motors zu hören und hoffte das

Boot an der nächsten Flußbiegung auftauchen zu sehen, aber dann war es

wieder nichts.

„Manchmal wird es 5 Uhr, bis sie kommt“, tröstete Karl.

Karl war bisher Kellner in einem deutschen Hotel von Porto da União

gewesen und ging jetzt daran, sich selbständig zu machen. Er hatte sich

ein paar tausend Milreis erspart und erborgt. Mit denen wollte er eine

Venda in Cruz Machado aufmachen.

„Gibt es denn dort noch keine?“ fragte ich.

„Doch, schon drei, aber es wird schon noch für eine vierte etwas zu

verdienen geben. Die Kolonie wächst.“

Karls Vertrauen stand in krassem Gegensatz zu allem, was man mir in der

Stadt gesagt.

„Was, Sie wollen nach Cruz Machado?“ hatte der Wirt gemeint, als er von

meiner Absicht gehört. „Das hat gar keinen Wert. Cruz Machado taugt

nichts.“

„Der Boden ist schlecht“, sagte der Besitzer der größten Venda. „Alle

Einwanderer, die dorthin gehen, kommen wieder zurück. Es ist ein

Verbrechen, Einwanderer nach Cruz Machado zu bringen.“

Auch der sehr verständige Arzt meinte, es gebe so viele Kenner dieser

neuen Staatskolonie in Porto da União, daß ich hier alle Auskünfte viel

besser einziehen könnte als draußen im Wald.

Cruz Machado ist gegenwärtig die bedeutendste brasilianische

Bundeskolonie, in die ein großer Teil der in Rio eintreffenden

Einwanderer geleitet wird. Ich bestand also auf meiner Absicht.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 16 / 19 段