Das Hotel war eine Bretterbude. Es gab ein besseres, aber ich wollte

landesüblich reisen. Ich mochte wohl als der vornehmste Gast gelten;

so erhielt ich das letzte Fremdenzimmer in der Reihe. Um dorthin zu

gelangen, mußte man durch alle andern hindurch. In dem ersten lagen ein

paar Gauchos gestiefelt und gespornt auf den Betten, im zweiten saß

eine Familie mit kleinen Kindern zu Tisch, im dritten stand ein junges

Weib mit aufgelösten Haaren mitten im Raum. Das Haar war ein wenig

fett, aber lockig und von einem ins Blaue spielenden Schwarz. Es fiel

in Ringeln um ein ebenmäßiges, olivbraunes Gesicht. Wie zwei lebendige,

verwunderte Fragen standen dunkle Augen darin. Daneben lag hinter

einer löcherigen Tapetenwand mein Zimmer. Ich stieß die Fensterläden

auf, um die schwüle stickige Luft hinauszulassen. --

Nach dem Abendessen bummelte ich noch ein wenig durch die nachtdunkle

Stadt; vor allem wollte ich eine Gelegenheit für ein alltägliches,

unvermeidliches Bedürfnis suchen; in solch kleinen Orten haben nur

die vornehmsten Häuser ein eigenes Lokal dafür. Eine stockdunkle

Straße war gerade geeignet. Zur Seite schien, ein wenig tiefer, eine

buschbestandene Wiese zu liegen. Ich wollte schon hinabspringen,

als ich plötzlich anhielt und erst mit dem Stock sondierte. Er fand

keinen Grund. Ich warf einen Stein und hörte erst nach einer Weile ein

klatschendes Aufschlagen. Es war ein Sumpf. Die Straße fiel in steilem

Sturz jäh dahin ab. Ich überlegte, wie ich wohl wieder herausgekommen

wäre. --

Später traf ich den Spanier, den ich auf der Station kennengelernt. Wir

bummelten über die Plaza. Aus dem Café drang Musik. Das Kino warf einen

frechen Lichtkegel auf die Straße. Einen Augenblick glaubte ich das

olivbraune Profil meiner Nachbarin zu sehen. Dann spazierten wir wieder

unter den dunklen Bäumen.

„Ach, Sie sind Deutscher!“ rief er aus, „ich hielt Sie für einen

Engländer.“ -- Mit einemmal war er wie ausgewechselt. „~Muy amigos los

alemanes!~“ Er schloß mich in die Arme.

„Die Deutschen sind unsere Freunde! Wen sollten wir sonst haben? Die

Engländer? Die Franzosen? Die alle wollen nur etwas von uns, aber die

Deutschen -- Und schließlich werden die Deutschen doch noch siegen.“

Um uns flanierte eine müßige Menge.

„Sehen Sie nur die Leute hier; hier und überall. Aber die Deutschen

arbeiten. Ein Volk, das arbeitet, kann nicht zugrunde gehen, nie!“

Die zerfetzten Töne des letzten Operettenschlagers aus Rio wehten vom

Café her über die Plaza.

51. Deutschbrasilianer.

Santa Maria.

Gaucholand -- die südliche Hälfte von Rio Grande do Sul, des

südlichsten Staates der brasilianischen Union, ist damit gemeint. Die

Brasilianer selbst nennen sie so, halb verächtlich, halb anerkennend.

In jedem Fall heißt es etwas Fremdes. Gaucho, Pampa, das ist

argentinisch, nicht brasilianisch. Und argentinisch ist fremd, fast

feindlich.

Auch in Brasilien gibt es unendliche Flächen, unzählbare Herden, aber

das ist im Innern, in Matto Grosso, in Gegenden, die dem Brasilianer

in Rio oder São Paulo fremder sind als Europa. Brasilien heißt Urwald,

Plantage, Reis und Baumwollfeld, Kaffeepflanzung.

In Kurven schmiegt sich die Bahnlinie den Hängen an. Es ist ein

Paktieren mit der Landschaft. In Argentinien ist der schnurgerade

Schienenstrang darüber gelegt wie ein Befehl. In Brasilien fehlt die

grandiose Eintönigkeit der Pampa. Diese kahlen, grasbewachsenen Hügel

sind eigentlich nur langweilig.

Gaucholand, Uruguay und Zentralargentinien, das ist geographisch eine

Einheit. Ihre Vereinigung der gegebene Zielpunkt imperialistischer

Politik am La Plata, zumal Gaucholand sich auch ethnographisch

assimilieren ließe, denn hier fehlt das Negerblut, das der Bevölkerung

der nördlichen brasilianischen Staaten seinen Stempel aufdrückt.

Und selbst die Sprache zeigt Ähnlichkeit. Das Portugiesisch, das

man hier spricht, ist dem Spanischen viel verwandter als das in

Bahia oder Pernambuco gesprochene. In jedem Fall -- sollte je die

argentinisch-brasilianische Rivalität um die südamerikanische

Vorherrschaft in einem Krieg zum Ausbruch kommen, hier werden die

ersten Entscheidungen fallen.

Argentinien hat Tanks in England bestellt. Nein, schnellfahrende

Panzerautos wären das Richtige auf diesem Gelände, dessen feste

Grasnarbe überall gute Fahrbahn bietet. -- Auf der Bank mir gegenüber

sitzen Soldaten. Groß, blond, die deutsche Abstammung ist unverkennbar.

Es sind Söhne deutscher Kolonisten aus dem Urwald.

Das kompliziert das Problem. Die dem Zentral- und Nordbrasilianer

eigentlich wesensfremden Estancieros und Gauchos, die Viehzüchter und

Viehhirten, bilden hier das nationale Element. Die Urwaldbevölkerung,

die Kolonisten, die als eingesessene Bauern das wirtschaftliche

Rückgrat von Rio Grande wie von Paraná und Santa Catharina bedeuten,

sind fremdstämmig, sind deutschen, italienischen, polnischen,

skandinavischen Ursprungs.

In welcher Richtung wird dieses zähkonservative Bauerntum politischen

Einfluß nehmen, wenn es einmal zum Bewußtsein seiner Macht gelangt?

-- Die Vereinigten Staaten von Brasilien, wie sie offiziell heißen,

sind kein organisches Gebilde. Wenig Gemeinsamkeit besteht zwischen

dem tropischen, fieberheißen Norden mit seiner Negerbevölkerung

und dem gemäßigten Süden, in dem infolge des Fehlens der früheren

Sklaven und der starken europäischen, insbesondere auch deutschen

Einwanderung eine ganz andere Rasse im Entstehen ist. Immer wieder

reiben sich die Rivalitäten aneinander, immer wieder tauchen Gerüchte

auf, die von den Loslösungsbestrebungen der Südstaaten erzählen. Es

wäre nicht verwunderlich, wenn in den drei Südstaaten, die kulturell

wie wirtschaftlich weitaus am höchsten stehen, das Gefühl entstände:

wozu sollen wir mit unserer Arbeit, unsern Steuern die lethargischen

Nordstaaten mit finanzieren und die Hauptlast der Bundesfinanzen

tragen? Vielleicht liegt hierin mit ein Grund dafür, daß die Regierung

in Rio de Janeiro die jetzt von Europa herüberkommenden Einwanderer

möglichst nach den Staaten Bahia und Pernambuco zu lenken sucht. --

Kurz vor Santa Maria stieg ein Bauernbursch ein, so blond, so

urwüchsig, so deutsch, daß ich ihn anreden mußte. Man hätte meinen

können, er sei unmittelbar auf einer Station in der holsteinschen

Marsch oder der Lüneburger Heide eingestiegen. Und nicht anders

antwortete er, kurz, wortkarg, in keiner Weise Überraschung oder

Freude äußernd, hier einen Landsmann zu treffen. Wie anders hatte doch

vor wenigen Tagen der deutsche Pächter im nördlichen Uruguay auf ein

deutsches Gesicht reagiert.

Aber hier ist deutsch ja das Alltägliche, das Normale. Die Pampa,

das Gaucholand ist zu Ende, und die Waldberge haben begonnen. Ihre

Bewohner sind Deutsche. Seit drei Generationen in Brasilien ansässig,

aber immer noch Deutsche. Oft genug sprechen sie nicht ein einziges

Wort portugiesisch, und ich habe öfters in Bahn oder Hotel für

Deutschbrasilianer den Dolmetsch machen müssen.

Vor 60, 80 Jahren kamen die Großeltern der heutigen Generation als

Siedler in den Urwald. Der reichte damals bis an die Küste. Und dort in

der Gegend des heutigen Porto Alegre, Blumenau und Joinville fingen sie

an. Meile für Meile haben sie mit der Axt den dichten Wald geschlagen.

An seiner Stelle stehen heute große Städte, dicht besiedelte

Dorfgemeinschaften, intensiv bebautes Feld. Die Kinder und Enkel wurden

reich. Das einst wertlose Land wertet heute nach Zehntausenden von

Milreis.

Die zuerst durch die Einsamkeit des Urwalds und den Mangel an

Verkehrsmitteln bedingte Isolierung der fremden Siedler blieb bestehen,

auch als von Urwaldeinsamkeit längst keine Rede mehr war und ein

dichtes Bahn- und Straßennetz die einstige Wildnis durchzog. Die

Brasilianer taten nichts, die Kolonisten zu assimilieren. Sie schließen

auch die Kinder und Enkel der Einwanderer nach Möglichkeit von Politik

und Anteilnahme an der Regierung aus, stören sie aber nicht in ihrem

eigenen kulturellen Leben. So entstanden völkische Fremdkörper,

Sprachinseln, nicht anders als die von Maria Theresia im ungarischen

Banat angelegten deutschen Kolonien. Die deutschen Kolonisten bauten

und unterhielten, nachdem sie die Anfangsschwierigkeiten überwunden

hatten, ihre eigenen Schulen und Kirchen, sehr prunkvoll mitunter,

stellten Lehrer und Pfarrer an und schlossen sich in sozialer Hinsicht

ganz von den angestammten Bevölkerungselementen ab. Auf ihren Dörfern

duldeten und dulden sie keine „Fremden“, wie sie die Brasilianer

nennen, nicht einmal als Wirt oder Kaufmann, und wo sie stark genug und

genügend viele das volle politische Bürgerrecht erlangt haben, dringen

sie auch auf deutschstämmige lokale Behörden. Aber damit erschöpft

sich, auch in den ältesten Kolonien, das politische Interesse.

Dorfkirchturmspolitik.

So beruht denn auch alles Gerede und Geschreibe von einer großdeutschen

Politik in Südbrasilien auf einer völligen Verkennung der wirklichen

Verhältnisse. Ich glaube, die Deutschbrasilianer dachten in ihrer Masse

nicht im entferntesten an eine politische Verbindung mit dem alten

Mutterboden, und von einer eventuellen Annektion von Südbrasilien durch

das Deutsche Reich wären sie, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit

einer derartigen Angliederung, am allerwenigsten entzückt gewesen.

So hat alles, was darüber geschrieben und gesprochen wurde, nur dazu

gedient, böses Blut zu machen, die Feinde des Deutschen Reiches zu

mehren, und es hat letzten Endes nicht wenig dazu mitgewirkt, daß

Brasilien so rasch und willig in die Reihe unserer Gegner im Weltkrieg

eingetreten ist.

Die Deutschbrasilianer sind Zwitterwesen. Sie sind keine Brasilianer

im Sinne wie etwa die Deutschchilenen Chilenen sind, deren flammendes

chilenisches Nationalgefühl mit dem der reinblütigen, alteingesessenen

Nachkommen der spanischen Conquistadoren und araukanischen Indianer

wetteifert. Aber sie sind noch viel weniger Deutsche. Sie hängen an der

alten Heimat aus Tradition und aus einer sentimentalen Liebe heraus.

Die wenigsten von ihnen würden dort überhaupt leben mögen oder können.

Bei der großen Unbildung der Urwalddeutschen machen sich diese von

den Verhältnissen in Deutschland, besonders nach der großen Wandlung

des Krieges, kein auch nur entfernt richtiges Bild. Wie schlecht

sie teilweise über die Lage in Europa unterrichtet sind, erfuhr ich

erschreckend und doch wieder rührend durch die erstaunlich naive Frage

eines Urwaldkolonisten, der mir folgendes sagte:

„Sagen Sie, Sie kommen doch jetzt aus Deutschland? Ist es wirklich

wahr, was die Zeitungen hier immer wieder schreiben, daß Deutschland im

Krieg verspielt hat?“

So konnte denn auch ein Aufstand der Deutschbrasilianer während des

Weltkrieges zugunsten Deutschlands ernsthaft nicht in Frage kommen.

Und wenn auch eine Weile die Möglichkeit bestand, daß die deutschen

Bauern aus São Leopoldo bewaffnet nach Porto Alegre, der Hauptstadt des

Staates Rio Grande do Sul, marschierten, so doch nicht im Interesse

Deutschlands, sondern nur um die deutschen Landsleute dort vor den

Ausschreitungen des Mobs zu schützen.

Die deutschen Kolonisten in diesem südlichsten Staat Brasiliens sind

keine Brasilianer, aber sie sind Rio Grandenser oder vielmehr San

Leopoldiner, oder Novo Hamburger, oder wie ihre Kolonie-Gemeinde heißen

mag. Zäh wurzeln sie auf der Scholle, die sie dem Urwald abgerungen

haben.

So gering ihr politischer Einfluß, so groß ist ihr wirtschaftlicher.

Ihre Arbeitskraft und ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit ist dem

eingeborenen Element gegenüber so groß, daß sie dieses selbst auf

seinem eigensten Gebiet, der Pampa, zurückzudrängen beginnen. Eine

ganze Reihe deutscher Bauern hat angefangen, auch in der Pampa Land zu

kaufen, um dort rationelle Viehzucht und Milchwirtschaft zu treiben.

Ebenso sind die industriellen Betriebe in den Städten wie die Export-

und Importhäuser zu einem großen Teil in den Händen von Deutschen.

Für die brasilianische Regierung besteht die große Schwierigkeit,

sich dieses wirtschaftlich so außerordentlich wertvolle Element

einzugliedern. Daß es auf dem nach der Kriegserklärung an Deutschland

eingeschlagenen Weg der gewaltsamen Unterdrückung nicht geht, hat man

bald eingesehen. Damals wurden deutsche Schulen, deutsche Zeitungen,

deutsche Sprache überhaupt verboten. Allein dieses Verbot war,

besonders was die Sprache anbelangt, von vornherein undurchführbar.

Und andrerseits war es der Regierung selbst nicht so ernst damit;

sie bemühte sich, die Deutschen gegen Ausschreitungen zu schützen.

Schließlich hing alles von den lokalen Verhältnissen ab. Und während

mancherorts die Deutschen böse Tage mitmachten, hat an anderer Stelle

mancher Brasilianer, der sich abfällig über die Deutschen zu äußern

gewagt hatte, ungesühnt seine gehörigen Prügel bezogen.

Nach dem Krieg wurden auch offiziell alle Beschränkungen aufgehoben,

dagegen wurde die Bestimmung eingeführt, daß in den deutschen Schulen

auch portugiesisch unterrichtet werden muß. Ich habe einmal einer

Unterrichtsstunde in einer Urwaldschule angewohnt. Es war Rechenstunde,

und der Lehrer stellte seine Fragen erst auf deutsch, dann auf

portugiesisch. Allein da die Kinder zu Hause nur deutsch hören, und die

Lehrer oft genug selbst nur mangelhaft portugiesisch sprechen, kann bei

diesem Unterricht nicht viel herauskommen.

Eine wirksame Assimilierung der deutschen, ebenso der fast

gleichstarken italienischen Kolonisten würde nur bei Vermischung durch

Heiraten untereinander eintreten. Allein gerade in dieser Hinsicht

schließen sich die Deutschen streng ab. Wie sie auf ihren Festen und

gesellschaftlichen Veranstaltungen keine Brasilianer dulden, heiraten

sie auch nur untereinander. Die Ehe mit dem brasilianischen Element ist

verpönt; wie die wenigen vorliegenden Erfahrungen zeigen, übrigens mit

Recht. Die brasilianische Frau stellt an den Mann Ansprüche, denen der

kühler veranlagte Deutsche ohne Gesundheitsschädigung auf die Dauer

nicht zu entsprechen vermag.

Trotzdem werden natürlich mit der Zeit, wenn nicht dauernd starker

Zuzug kommt, deutsche Sprache und Kultur immer mehr verlorengehen,

schon weil sich die starken klimatischen Einflüsse mit der Zeit

geltend machen müssen. Wie diese auf die Dauer wirken, ist eine noch

umstrittene Frage. Wenn die Deutschbrasilianer auch durchweg einen

gesunden kräftigen Eindruck machen, so wird von ärztlicher Seite doch

behauptet, daß sich bereits gewisse Entartungserscheinungen zu zeigen

beginnen. Was besonders auffällt, sind die schlechten Zähne, denen

man allerdings in ganz Südamerika begegnet. Die besser Bemittelten

zeigen ähnlich den Nordamerikanern den Mund voll Goldplomben, während

die Ärmeren bereits in jungen Jahren nur mehr bräunliche Stummeln

haben. In jedem Fall besteht die Gefahr einer gewissen Inzucht; aus

diesem Grund sind Reichsdeutsche bei den töchterreichen Kolonisten als

Schwiegersöhne sehr beliebt, da sie -- wie man dort sagt -- „besseres

Blut“ haben. --

In São Pedro steigt eine Negerin ein. Sie trägt schreiend bunten

Kattun, lange Ohrgehänge, ihr Nacken ist wie aus Holzkohle geschnitten.

Die Fülle ihrer Leiblichkeit droht durch die engen Wagenfenster aus

dem Kupee zu quellen. Sie setzt sich unmittelbar neben die blonden,

schlanken Soldaten. Beide sind gleichberechtigte Staatsbürger ein und

desselben Landes.

52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande.

Santo Angelo.

Im Hotel „Stadt Hamburg“ hatten mich und meinen Reisekameraden die

Wanzen gemeinsam fast aufgefressen. Das verbindet immer. Nun kamen wir

im Zug zufällig wieder zusammen. Wir plauderten daher bereits als alte

Bekannte miteinander.

Das Hotel „Stadt Hamburg“ war übrigens geeignet, meine bisherigen

guten Ansichten über das Deutschbrasilianertum wieder aufzuheben. Im

Vertrauen auf deutsche Sauberkeit hatte ich mich zu Bett gelegt. Sehr

lange dauerte es nicht. Dann hatten mich die Wanzen derart zugerichtet,

daß ich trotz aller Müdigkeit wieder aufwachte. Der Lokalaugenschein

beim Kerzenlicht veranlaßte mich, das Schlachtfeld zu räumen. Ich zog

mich an, um mich draußen auf den ziegelsteingepflasterten Hof zu legen.

Einen neidischen Blick warf ich noch auf meinen fest schnarchenden

Schlafgenossen. Die fettesten Wanzen krochen ihm übers Gesicht, daß es

eine Lust war; er wachte aber davon nicht auf.

Ich hatte diese Gleichgültigkeit und Immunität gegen Ungeziefer trotz

all meiner Reisen auf dem Balkan, in Galizien, Rußland und Polen noch

immer nicht erreicht, und so jagten mich auf dem Hofe die Moskitos

alsbald wieder hoch. Ich ging zurück ins Zimmer, um das Moskitonetz

zu holen, das ich erst von Wanzen säubern mußte. Als ich glücklich

soweit war und in das Netz eingewickelt auf den Fliesen lag, ging ein

derartiger Platzregen los, daß ich schleunigst wieder ins Haus mußte.

Mein Reisekamerad schnarchte immer noch unentwegt.

Im Zug erzählte er mir dann, daß man in ganz Südbrasilien kaum ein

Haus finde, einerlei welcher Nationalität sein Besitzer, das nicht

verwanzt sei; nach meinen späteren Erfahrungen mußte ich ihm darin

recht geben. In dieser Hinsicht haben die Deutschen von der Lethargie

der Einheimischen angenommen; schließlich ist es auch zum Verzweifeln,

wenn keine noch so gründliche Säuberung hilft. Ist ein Haus glücklich

ungezieferfrei, so ziehen die lieben Tiere nach wenigen Tagen aus dem

Nachbarhaus wieder ein.

Mein Reisekamerad war vor dreiviertel Jahren eingewandert. Er war

ein junger Bursch, der seine vier Jahre im Feld gewesen war und dann

hinüberging, ohne jemand zu kennen, ohne von dem fremden Land viel mehr

zu wissen, als daß dort Deutsche wohnen. Bei ihnen dachte er Arbeit und

Brot zu finden.

Aber beinahe wäre er dabei verhungert. Die deutsch-brasilianischen

Kolonisten sind wie alle Bauern gegen Fremde mißtrauisch und gegen

deutsche Landsleute sind sie es ganz besonders. Die „Deutschländer“

gelten bei ihnen als arbeitsscheu und anspruchsvoll; es ist schwer zu

sagen, wer schuld daran ist, einzelne Bauernfänger und Schwindler,

die sich kurz nach Kriegsende in den deutschen Kolonien herumtrieben,

sich als Kriegsteilnehmer ausgaben und die teilnahmsvolle Gutmütigkeit

der Deutschbrasilianer für sich ausnützten, oder die deutschnationale

Propaganda, die drüben mit allen Mitteln gegen das heutige Deutschland

und insbesondere seine Arbeiter hetzt.

Genug, der junge Einwanderer zog vergeblich von Hof zu Hof, überall

abgewiesen, bis er schließlich am Ende seiner Kräfte und seiner Mittel

Arbeit und Unterkommen fand. Von da an war er gesichert; denn sein

erster Arbeitgeber empfahl ihn weiter, und so zieht er jetzt, immer an

Hand von Empfehlungen, von einer Kolonie zur andern.

An sich wäre Arbeit genug vorhanden, so daß es nicht erst einer

Empfehlung bedürfen sollte, um sie zu bekommen. Am liebsten arbeitet

allerdings der deutschbrasilianische Kolonist nur mit seinen

Familienmitgliedern. Wenn von einem besonders reichen Bauern die Rede

ist, so kann man oft genug hören: ja der, der hat auch fünfzehn Kinder!

Kinder sind hier eben noch Segen, auch im wirtschaftlichen Sinne. Jedes

Kind mehr bedeutet bereits nach kurzer Zeit eine wertvolle kostenlose

Arbeitskraft. Volkswirtschaftler, die die Ursache für Kinderreichtum

oder Kinderbeschränkung ausschließlich in wirtschaftlichen Gründen

suchen, werden in Südbrasilien die volle Bestätigung ihrer Theorie

finden; denn hier ist Kinderreichtum die Regel. Familien mit einem

Dutzend Kinder sind nichts Seltenes, und auch solche mit 15, 16 und 18

Kindern kommen häufig genug vor.

Aus diesem Grund zahlt der deutschbrasilianische Bauer auch ungern

und nur möglichst niedrige Löhne, wenn er schon fremde bezahlte

Arbeitskräfte beschäftigen muß. Bei freier Unterkunft und Verpflegung

gibt es nicht mehr als 2 bis 2½ Milreis für den Tag. Um bei diesen

Löhnen und den hohen Kosten, die Bahnfahrt und Hotel ausmachen, das

zum Ankauf eigenen Landes erforderliche Kapital in absehbarer Zeit

zu ersparen, muß man schon die eiserne Energie meines Reisekameraden

haben, der mir voll Stolz erzählte, daß er noch niemals auch nur einen

einzigen Centavo für Tabak oder Bier ausgegeben habe.

Inzwischen waren wir in Cruz Alta von der Hauptlinie abgezweigt und

hielten nun in Ijuhy. Von der hochgelegenen Station sah man auf dem

nächsten Hügel die sanft ansteigende breite Straße mit den sauberen

Häusern, auf dem höchsten Punkt die große Kirche. Vor wenigen Jahren

war noch alles Urwald.

Von hier aus wird von Pionierbataillonen die Bahn gegen das angrenzende

argentinische Misiones vorgetrieben. Die bisher fertiggestellte Strecke

bis Santo Angelo wird noch von Militär betrieben. Aus diesem Grund

müssen wir jetzt nochmals umsteigen, trotzdem der Zug auf dem gleichen

Geleise weiterfährt.

In den Wagen sind jetzt lediglich Deutschbrasilianer, alles Landsucher,

Landkäufer, Neusiedler.

In Neuland fahren wir ein, als der Zug endlich mit sinkendem Tag sich

wieder in Bewegung setzt. Links und rechts der Bahn kaum gerodeter

Urwald, dazwischen gestreut schmale Parzellen von Mais und Tabak.

Von hier bis an den Grenzfluß Rio Uruguay ist noch jungfräuliches

Land, die letzten Ländereien, über die Rio Grande do Sul verfügt.

Kurz vor dem Krieg wurden hier noch deutsche Einwanderer angesiedelt,

mit allen Vorteilen, welche die „Immigração“ gewährt. Heute hat man

die Einwanderung gesperrt, d. h. nicht offiziell, nicht formell. Wer

einwandern will, erhält Land zu den gleichen Bedingungen wie die

Eingeborenen auch, nur Vorteile und Vergünstigungen werden nicht mehr

gewährt.

Rio Grande will das noch verfügbare Land für seine eigenen Landeskinder

vorbehalten. In erster Linie sind dies die deutsch-brasilianischen

und italienisch-brasilianischen Kolonisten; diese brauchen viel Land.

Der väterliche Hof wird ja nicht unter die Kinder geteilt oder einer

erbt ihn und die andern ziehen in die Stadt, sondern jeder Sohn erhält

zur Hochzeit einen Besitz mindestens in der Größe des väterlichen. Zu

diesem Zweck kaufen die Bauern frühzeitig in den frisch vermessenen

Urwaldgebieten Lose für ihre Kinder, auf denen diese nicht anders

anfangen, als es ihre Eltern getan, es sei denn der väterliche

Wohlstand bereits so groß, daß den Nachkommen unter Kultur stehende

Kolonien aus zweiter Hand gekauft werden können.

Im ganzen Wagen -- es ist ein großer, durchgehender amerikanischer

Wagen -- hört man nur von Landpreisen und von Bodenbeschaffenheit

sprechen, von Gegenden, wo noch Land zu haben und von den

Bedingungen, zu denen es abgegeben wird. Dazwischen reden die Frauen

untereinander leise von der Wirtschaft, von Schweinen und Mais. Man

hört unverfälschte schwäbische, hessische und norddeutsche Mundart.

Aus Bündeln wird gute alte deutsche Wurst geholt und Kuchen, wie ihn

die Bauernfrauen in Deutschland auch backen. Es ist ein eigentümlicher

Eindruck, deutsche Bauernschaft um sich zu haben, die in immer dichter

werdenden Urwald hineinfährt.

Bald wird es allerdings so dunkel, daß der Mais wie die Wellen

eines geheimnisvollen Wassers den Bahndamm umspült und die alten

lianenumrankten Bäume sich wie Gespenster über ihn neigen. Schließlich

hockt alles auf harten Bänken und schläft, bis der jähe Ruck in Santo

Angelo uns weckt.

Unergründliche Nacht und unergründlicher Schmutz. Wir fragen nach der

Witwe Schirach, die man uns als Quartiermutter empfohlen. In der Ferne

schimmern ein paar ungewisse Lichter. Sie weist man uns. Wir schultern

den Rucksack und treten den Marsch an, der eine Expedition durch Sumpf

und Schlamm ist.

53. Kolonisten im Urwald.

Guarany.

Wir ritten die Linie entlang. Linien heißen die breiten Straßen, die

schnurgerade durch den Urwald führen und von denen die Nebenwege

abzweigen, an denen die Kolonien liegen.

Die Linien sind die Hauptverkehrsadern der Kolonien. Alle Augenblicke

begegnet uns denn auch ein Wagen, ein Reiter oder ein Viehtrieb. Erst

nach ein paar Stunden Reiten wird es einsamer.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 15 / 19 段