furchtbaren Ruck, alles purzelte durcheinander, der Zug stand. Die
Gleise entlang liefen Leute, bauten einen Apparat auf, warfen einen
Draht über die Telegraphenleitung und fingen an zu telegraphieren.
Ich stieg aus und ging nach vorn. Sehr weit über die Lokomotive hinaus
kam ich nicht. Eine Mazamorra war heruntergebrochen. Ein unheimliches
Bild: ein breiter, wandernder Strom zähen Lehmes, der sich die Hänge
herunterwälzte. Fast sah es aus wie eine Heerschar von Ameisen oder
wimmelnden Würmern, endlos, unaufhaltsam, unabsehbar.
Arbeiter kamen angelaufen, Scharen von Indianern, Spaten und Hacken
über den Schultern, telegraphisch heraufgerufen von La Paz, das
man noch unten im Grunde im Abendlicht verdämmern sah. Sie gruben
und hackten, zogen Kanäle, daß das Wasser abfloß, und stauten den
erhärtenden Schlamm beiderseits der Schienen. Ein Aufseher probierte,
um den Weg abzukürzen, über die Morastdecke zu kommen; bis über die
Knie sank er ein. Der Schlamm wollte ihn nicht wieder freigeben, wie
mit Fesseln hielt er ihn gebunden. Grauenhaft, wenn einen auf einsamem
Ritt in engem Tal die Mazamorra überfällt...
Am folgenden Morgen passierten wir fröstelnd die dichtverschneite
chilenisch-bolivianische Grenze. Dann ging’s hinunter in rasender
Fahrt, eine Spirale hinunter, in die brennend heiße Wüstenzone der
Provinz Tacna.
Sand, Stein, Staub. Nackter Fels, glühend, in sengender Sonne. Keine
Pflanze, kein Tier und im Gegensatz zu den Salpeterprovinzen weiter im
Süden auch kein Mineral. Tacna ist das Symbol der Unfruchtbarkeit, und
dennoch kämpften drei Nationen blutig um den Besitz dieser Provinz,
heute noch streiten sie sich darum. Noch war keine Einigkeit um ihre
endgültige Zugehörigkeit zu erzielen, und jeden Augenblick kann neu der
Krieg ausbrechen, der die kaum zur Ruhe gekommene Wirtschaft dieser
jungen, unruhigen Länder wieder auf Jahrzehnte vernichten würde. --
Mazamorra.
In Arica, der Hafenstadt der Provinz, wächst ein bißchen Grün, auf das
man sehr stolz ist, und das blauende Meer hilft mit, die Trostlosigkeit
der Landschaft zu überwinden. Vom Dampfer aus sieht man noch lange den
Morro, den Steilfels, den die Chilenen im Pazifikkriege stürmten.
„Um des Morro willen, um des chilenischen Blutes willen, das diesen
Fels gefärbt, können wir Tacna und Arica niemals wieder aufgeben“,
hatten mir die Chilenen gesagt.
„Von diesem Fels“, erzählten mir die Peruaner, „stürzten die Chilenen
die Gefangenen ins Meer hinunter. Diese Schmach wird erst gesühnt sein,
wenn das rot-weiß-rote Banner Perus wieder über dem Morro flattert.“
Wer den Weltkrieg mitgemacht, kann nur traurig die Achseln zucken, kein
Volk lernt vom andern.
Die schwarzen, feinen Striche der Langrohrkanonen heben sich noch
lange vom klaren Himmel ab. Der Südchilene, der unverkennbar die
Spuren deutschen Blutes im Antlitz trägt, streckt den hageren Arm
aus und zeigt seiner Frau den Fels; als sechzehnjähriger Junge hat
er ihn mitgestürmt. Die Frau an seiner Seite ist klein, zierlich,
gazellenhaft, mit der pfirsichweichen, bronzebraunen Haut der
Peruanerin. Um sie herum auf der auf dem Deck ausgebreiteten Matratze
spielen drei blonde Kinder.
Auch die Frau an meiner anderen Seite ist bildschön. Einen Mann hat sie
nicht, nur zwei schwarzlockige, schmutzige Kinder. Die Matratzenlager
der beiden Familien pressen mein Feldbett so eng zusammen, daß kaum
Raum daneben bleibt. Übervoll ist das Deck. Hier sagt man nicht
„Zwischendeck“, geschweige denn „Dritte Klasse“, sondern einfach
„Deck“. Die Schiffsgesellschaft gibt nicht mehr als das Recht, sich
irgendwo auf dem Deck einen Platz zu suchen und dazu mittags und abends
einen Löffel Bohnen. Dafür verlangt sie, für die Strecke von Arica nach
Valparaiso, 85 chilenische Peso. Für den Gegenwert in Mark fuhr man im
Frieden von Hamburg dorthin erster Klasse.
Ich fahre mit auf „Deck“ mitten unter den Rottos, den chilenischen
Salpeterarbeitern. Es ist der beste Weg, sie kennenzulernen und zu
erfahren, welche Strömungen die Massen bewegen. Immerhin, auf die Dauer
ist das Vergnügen zweifelhaft. Wir fahren fast acht Tage, der Dampfer
schlingert stark, alles ist seekrank. Auch alles übrige wird auf Deck
erledigt. Meine Nachbarin, die ohne Mann, ist so seekrank, daß sie
sich kaum rühren kann. So bleibt mir als Kavalier und schon im eigenen
Interesse nichts anderes übrig, als ihr beizustehen. Dazu gehört auch,
das Töpfchen über Bord zu gießen. Unter uns ist die erste Klasse.
Manchmal weht der Wind stark schiffwärts. Dann werden die da unten von
meiner Tätigkeit nicht sehr erbaut sein. Macht nichts, in der ersten
Klasse können sie auch einmal etwas abbekommen.
Oben auf Deck ist alles rot, sozialistisch, maximalistisch. Man lebt
nicht umsonst jahrelang in der Hölle der Salpeteroficinen. Sobald der
Dampfer auf der Reede eines Hafens hält und es mit der Seekrankheit
etwas besser geworden ist, wird eifrig diskutiert: Für und gegen
Alessandri. Oder es wird gesungen, mit wahrer Inbrunst und Andacht.
Die Frauen singen mit. Mitschiffs liegt neben ihrem Mann ein starkes,
breithüftiges Weib. Die mächtigen Schenkel deckt nur ein dünner
Rock. Sie hält ein schmutziges, abgegriffenes Heftchen in der Hand
und sie läßt keine Strophe aus. Zu ihren Füßen spielt der Säugling.
Als er zu schreien anfängt, knöpft sie die Bluse auf, legt die
starken, gelblichbraunen Brüste frei und zieht, ohne die Stellung zu
verändern, den Säugling heran, daß er daran liegt wie ein kleines Tier.
Keinen Augenblick stockt dabei ihr Gesang, und in dem langgedehnten
„~Socialiii-sta~“ liegt unendliche Hingegebenheit und inbrünstige
Hoffnung.
Mit dieser Hoffnung und Inbrunst sahen sie Alessandri den
Präsidentenstuhl besteigen. Noch trägt ihn dieser Glaube. Wird er ihn
sich bewahren können?
Am Tage nach der Landung in Valparaiso bin ich in Santiago bei
Alessandri im Präsidentschaftspalais. Er ist derselbe geblieben, der er
als Kandidat des Volkes war. Ich wohne einer öffentlichen Audienz bei.
Hunderte von Anliegen muß er in einem Nachmittag erledigen. Dabei liegt
schon ein voller Arbeitstag auf ihm. Man merkt ihm weder Ermüdung noch
Nervosität an; zu der ärmlichen Frau im zerrissenen Rock spricht er in
gleicher Weise wie zum hohen Beamten.
„Sind noch viele Besucher da?“ fragt er den Adjutanten.
„Der ganze Saal ist voll.“
Aber Alessandri findet doch noch eine halbe Stunde für mich. Ich gehe
von ihm mit dem gleichen Eindruck, den ich schon vor Monaten hatte,
als er noch ein von allen besitzenden und führenden Schichten der
Gesellschaft heftig befehdeter „Bolschewist“ war.
Die Aufgabe, die er sich gestellt, ist fast übermenschlich. Sie
ist: einer kurzsichtigen, zäh an ihren Vorrechten festhaltenden
oligarchischen Adelsclique soziale Reformen und Zugeständnisse
rechtzeitig abzuringen, um zu vermeiden, was sonst unvermeidlich
scheint: die Mazamorra, die anarchische, blutige, soziale Revolution.
Uruguay
[Illustration]
48. Karneval in Montevideo.
Montevideo.
„Es gibt drei vollkommene Dinge in der Welt,“ meinte der Brasilianer,
„die englische Flotte, das deutsche Heer und den Karneval in
Montevideo.“
Wir standen auf dem Oberdeck der „Ciudad de Montevideo“. Pechschwarz
waren Meer und Himmel, über die die Lichtzeilen der flammenden Straßen
von Buenos Aires wie leuchtende Perlenschnüre auf schwarzen Samt gelegt
waren.
Vorn am Bug rauschte das Wasser. Es dauerte eine Weile, bis ich
antwortete. „Gibt? -- Gab!“
„Nun ja,“ meinte er, „es ist lange her, daß ich drüben war, vielleicht
wird ‚es gab‘ auch noch einmal für die beiden anderen gelten.“
Es waren nicht allzuviel Passagiere an Deck. „Noch vor ein paar
Jahren“, sagte mein Gegenüber, „mußte man sich um die Faschingszeit
viele Tage vorher einen Platz sichern; aber heute bei den Preisen und
den Paßschwierigkeiten merkt man den Ausfall.“
Aber am folgenden Abend auf der Plaza de Independencia war im
treibenden Menschenstrom kaum durchzukommen. In der Mitte des Platzes
blendete der Brunnen mit den wasserspeienden Seetieren, von tausend
Glühbirnen überkuppelt. Und weiterhin die Avenidas auf und ab, Wappen,
Girlanden, Ketten farbiger Glühbirnen von Haus zu Haus über die Straßen
gespannt.
Vierzigtausend Peso hatte diese Illumination der Stadt gekostet.
Vierzigtausend uruguaysche Goldpeso! Und darunter zog auf und ab
die endlose Kette der Wagen, Reiter und Autos, Kostüme, Masken,
phantastische Aufbauten, das unablässige Spiel von Dutzenden von
Musikkapellen und das Kreischen der Frauen und Mädchen.
Knöcheltief watet man in Konfetti und Papierschlangen, mit Parfüm und
Wasser bespritzt, einer zweifelhaften Errungenschaft südamerikanischen
Karnevals, und man sieht dem Bemühen dieser Massen zu, sich krampfhaft
zu amüsieren; denn im Grunde ist dieser südamerikanische Fastnachtsspuk
unglaublich langweilig. Das geht nun schon Tage so, und dauert noch
viele Tage, denn wenn der Südamerikaner feiert, dann feiert er
gründlich, womit freilich nicht gesagt ist, daß er selten feiert, und
so beginnen Umzüge und Bälle bereits vor Faschingsonntag und dauern
lange über Aschermittwoch hinaus.
Um nichts zu versäumen, fangen die großen Maskenbälle erst um
Mitternacht an, um die Stunde, zu der der Korso auf den Straßen
endet. Auch auf diesen Bällen ist es nicht viel lustiger als auf der
Straße, und ich gehe bald gelangweilt aus dem Teatro Solis, dessen
Maskenbälle etwa den Münchener Bal parés im Deutschen Theater oder den
Gürzenich-Festen in Köln entsprechen sollen.
Freilich eins kommt hinzu, der Fasching fällt auf der anderen Seite
des Ozeans in den Sommer, ausgerechnet in die Hundstage, und auch die
schönste Winterlandschaft, die man im Teatro Solis aufgebaut hatte,
konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Thermometer über dreißig
Grad zeigte.
Man hängt drüben merkwürdig zäh an Traditionen, wo man solche hat,
und so muß auch das ganze Faschingstreiben sich in den glühheißen
Straßen des Stadtinnern abspielen, statt draußen an der See, auf den
wunderbaren Strandpromenaden, die Montevideo zu einer der reizvollsten
südamerikanischen Metropolen machen.
Im Gegensatz zu Buenos Aires, das die Lehmflut des La Plata von der
offenen See scheidet, liegt Montevideo am, fast möchte man sagen im,
freien Meer. Ein sanft ansteigender Rücken schiebt sich in den Ozean
vor, auf dem die Stadt errichtet ist, und von mancher Straßenkreuzung
hat man gleichzeitig nach drei Seiten den Blick auf das strahlende
Blau, das, -- mit dem Himmel sich verschmelzend, wie ein Kuppelhorizont
die Stadt einschließt.
Montevideo ist nur die Hauptstadt der kleinsten der südamerikanischen
Republiken, allein es ist gleichzeitig Weltbad, und darum die
Anstrengung, seinen Fasching, seine Sommerfeste, seine Spielsäle zu
Attraktionen für den ganzen Kontinent auszubauen.
Unmittelbar an die innere Stadt, an das eigentliche Geschäftsviertel
grenzen denn auch die ersten Badehotels und Strandpromenaden;
wunderhübsche große Gärten, weite Strecken feinen gelben Sandes mit
Badehütten und mit Hunderten von Männern und Frauen in farbigen
Badekostümen wechseln ab mit malerischen Felspartien, auf denen ein
Einsamer in zerlumpter Kleidung nach Austern und Seemuscheln scharrt.
Wenn der offizielle Fasching auch noch im Stadtinnern tobt, so ist der
inoffizielle doch schon an den Strand vorgedrungen, und in Pocitos, dem
eleganten Badestrand, flaniert der Strom jener, die sich von der misera
plebs zu trennen wünschen.
Man ist hier demokratisch in Südamerika, trotz aller Oligarchie und
trotz aller Grenzen, die übermäßiger Reichtum aufrichtet. Aber da
die Form gewahrt werden muß, kosten beispielsweise Strandkorb und
Badekabine zu Füßen der Milliardärhotels von Pocitos und Carasco
auch nur die gleichen zehn Cent wie auf dem Volksstrand von Ramires,
und um sich zu separieren, bleibt den Reichen nichts anderes übrig,
als die Badeorte immer weiter hinaus zu verlegen. Wer den weiten Weg
nicht scheut, kann dort mit den hochgezüchteten Frauen aller Nationen
baden und für die kurze Spanne am Strande als ihren Kreisen sich
zugehörig wähnen. Denn um dort auch nur kurze Zeit zu wohnen, reicht
mitteleuropäische Valuta nicht aus; das einfachste Zimmer ist nicht
unter 20 Goldpeso für den Tag zu haben.
Die hell erleuchteten Fenster der Spiel- und Ballsäle werfen
glitzernden Widerschein auf die pechschwarze Flut. Die breite, jetzt
leere Autostraße schimmert violett, und der Schein der Bogenlampen
sticht wie mit Dolchen in unergründliche Tiefen.
In der Stadt fahren noch die letzten buntgeschmückten Autos durch
die Felder bunten Papiers. Die Masken drängen in die Ballsäle. Die
Zeitungsjungen kommen angelaufen und schreien die ersten Ausgaben aus:
„Blutiger Karneval in Buenos Aires. Die Höllenmaschinen im Ballsaal.
Dutzende von Verwundeten.“
Noch druckfeuchtes Zeitungspapier gleitet aus achtloser Hand zu dem
Wust von Papierschlangen und Konfetti, das die Straßenkehrer mit
stumpfer Gleichgültigkeit zu großen Haufen zusammenfegen.
49. Quer durch Uruguay.
Rivera.
Nach durchfahrener Nacht war der Schnellzug von Montevideo nach
Rivera an der Nordgrenze der Republik Uruguay immer leerer geworden.
Trotzdem seit einigen Jahren die ununterbrochene Bahnlinie von
Montevideo wie von Buenos Aires nach Rio de Janeiro fertig ist, gibt es
zwischen den Hauptstädten der drei Staaten doch keinen durchlaufenden
internationalen Verkehr. Frachten und Passagiere nehmen den Seeweg,
der unverhältnismäßig rascher und billiger ist, von der größeren
Annehmlichkeit ganz zu schweigen.
So gab es, nachdem wir Rio Negro und Tacuarembo passiert haben, nur
geringen Lokalverkehr: Estancieros, Gauchos und Händler, die ein paar
Stationen weit fuhren. Da man mir trotz eines anderthalbjährigen
Aufenthalts in Südamerika und trotz aller Anpassung an die Landessitten
den Gringo, den Fremden, doch immer noch ansah und solche auf dieser
Strecke selten sein mochten, suchte jeder der Neuankömmlinge Anknüpfung
und Gespräch. Es war immer die gleiche Frage, ob ich nicht von einem
Frigorifico käme, um Vieh zu kaufen. Auch in Uruguay haben magere
Jahre den fetten zu folgen begonnen. Die Viehpreise, die während des
Weltkriegs schwindelnde Höhen erklettert, sind auf die Hälfte gefallen;
und die Frigorificos, die großen Fleischgefrieranstalten, haben seit
einiger Zeit die Käufe ganz eingestellt. Mit einiger Ungeduld wartet
man auf dem Lande auf die Käufer.
Von den Viehpreisen glitt dann mit großer Regelmäßigkeit das
Gespräch über die allgemeine wirtschaftliche Lage zu den politischen
Verhältnissen im Lande hinüber. Draußen zog die Unendlichkeit der Pampa
an den staubigen Scheiben vorüber. Seit ein paar Stationen hatte die
endlose Steppe angefangen sich leicht zu wellen. Man sah Buschwerk und
hie und da Bäume, ein bisher wie auch in der ganzen argentinischen
Pampa nie erlebter Anblick. Im übrigen sind ja Argentinien und Uruguay
nach Landschaft und Bevölkerung eine Einheit, wie ursprünglich
die kleine Republik am Uruguay auch politisch ein Bestandteil der
größeren Schwester am La Plata war. Aber die Rivalität Brasiliens
machte sie zu einem selbständigen Pufferstaat, der in der Sorge,
seine Selbständigkeit wieder zu verlieren, vor dem stammverwandten
Nachbar Anlehnung an die große Republik im Norden sucht. An einer
Kleinigkeit fällt diese politische Einstellung auf: man reitet in
Uruguay nicht den argentinischen Sattel, sondern den brasilianischen,
einen silberbeschlagenen Bocksattel mit darüber gelegter Schabracke aus
schwarzem Schaffell. Wer weiß, welche Rolle der Sattel im Leben der
Einheimischen spielt, wird auf solche Kleinigkeiten achten.
Aber diesmal sprachen wir nicht von der Animosität gegenüber
Argentinien. Die Wahlen und der im Zusammenhang mit ihnen drohende
Generalstreik waren erst seit kurzem vorüber, und die innerpolitischen
Probleme beherrschten noch restlos die Gemüter. Mein Gegenüber
erleichterte sich das Herz durch Schmähungen gegen die „Colorados“, die
sich an der Macht behauptet hatten.
„Nun haben wir die deutschen Schiffe“, meinte er, „und könnten eine
eigene nationale Dampferlinie damit einrichten, aber die unfähige
Regierung weiß nichts damit anzufangen. Zuerst haben wir keine Kohle
und, wenn wir Kohle haben, ist niemand da, der die Schiffe fahren kann.
Es ist ein Skandal!“
„Sie sind also ein Blanco?“ -- so heißt die andere, bei den Wahlen
unterlegene Partei --, warf ich ein.
„Ich bin weder ein Blanco noch ein Colorado“, war die Antwort, „die
einen sind nicht besser als die andern.“
Der Schaffner war zu uns getreten und mischte sich in das Gespräch: „Es
ist ganz einerlei, wen man wählt, die Mißwirtschaft ist unter allen
Parteien die gleiche.“
Wie verloren stand das Vieh auf der Weide. In weiten Abständen
voneinander spärliche menschliche Behausungen. Land und Bewegungsraum
noch für Millionen. Hier bedarf es keines der Probleme, unter denen
Europa sich zerfleischt. Wie reich ist dieses Land, niemand muß hier
Not noch Sorge kennen.
Ich nahm das Gespräch wieder auf: „Aber wer wird denn aufräumen mit der
Mißwirtschaft? Wer wird’s denn ändern?“
Der Schaffner stand vor mir, breit und massig, sehr adrett in peinlich
sauberer Uniform, sehr honett und sehr bürgerlich.
„Wer es ändern wird, Herr“, er sprach sehr langsam, jedes Wort
betonend, „wer es ändern wird? Die Bolschewiken werden es ändern!“
Das Wort stand einen Augenblick im Raum, ihn ganz erfüllend, unheimlich
und unheilschwanger. Dann ging der Schaffner weiter, sehr ruhig, sehr
honett und sehr bürgerlich. Mein Gegenüber sah aus dem Fenster. Auf
der nächsten Station stieg er aus. Ein deutscher Farmer stieg an seine
Stelle. Laut und lärmend begrüßte er in mir den Landsmann. Er hatte ein
prachtvoll frisches, offenes Gesicht.
„Sollen nur recht viele rüberkommen aus Deutschland,“ meinte er, „zu
kaufen ist ja allerdings schwer, aber zu pachten gibt es Land genug.
Gutes Land, und billig.“ Er wies aus dem Fenster. „Hier die Chacra
können Sie gleich pachten. Sollen nur recht viele kommen!“
Und er erzählte von dem Käse, den er nach Rivera brachte, und von dem
Geschäft, das damit zu machen ist.
Wir liefen in Rivera ein. Die übliche Station, das übliche
Bahnhofspublikum. Nur die angelsächsischen Gesichter der Angestellten
des nordamerikanischen Frigorifico und ihrer Frauen brachten
eine fremde Note hinein. Die Schatten standen kurz und schwarz
auf grellweißem heißem Sand. Sonne, Wohlleben, Lebenlassen. Die
Frigorificos kaufen wieder Vieh.
Brasilien
[Illustration]
50. Abend in Santa Anna.
Santa Anna do Livramento.
Die Grenze führt mitten durch die Stadt. Es ist nur eine einzige, aber
die eine Hälfte heißt Rivera, die andere Santa Anna do Livramento, und
beide scheidet eine unsichtbare Mauer. Der Wagen, der in müdem Trott
durch die sonnenheiße Stadt einen verzerrten Schatten nachschleift,
hält. Im Türrahmen eines weißen Hauses lümmelt ein Neger mit
Beamtenmütze. Grenzkontrolle.
Auch Brasilien hat angefangen, seine Grenzen zu sperren. Man braucht
alle möglichen Visa und Zeugnisse. Der deutsche Konsulatsbeamte in
Buenos Aires wollte mir unbedingt einen neuen Paß ausstellen. Ich
wollte nicht; denn das kostet 56 Peso.
„Dann gebe ich Ihnen kein Visum.“ Er war sehr förmlich.
„Danke, brauche ich nicht.“
„Aber dann gibt Ihnen das brasilianische Konsulat auch keines.“ Er war
sichtlich empört.
„Doch, wetten?“
Er wandte sich ab. Ich konnte froh sein, ohne Rüge fortzukommen.
Ich ging zum brasilianischen Konsulat und schickte dem Generalkonsul
meine Karte hinein. Es war ein reichlich verfetteter, reichlich
schwarzer Brasilianer. Hier unter den Argentiniern fällt einem der
Rassenunterschied zwischen den beiden Völkern stärker auf.
Wir plauderten. Die Unterhaltung war sehr angeregt, über Brasilien, die
beste Reiseroute, meine nächsten Pläne. Dann zeigte ich meinen Paß.
„Der genügt doch?“
„Selbstverständlich.“ Er sah gar nicht hinein. „Morgen können Sie das
Visum holen.“
Mir liegt wenig daran, recht zu behalten. So schenkte ich mir einen
zweiten Gang aufs Konsulat, um dem Beamten den trotzdem vidierten
Paß zu zeigen. Vielleicht tue ich dem Mann auch unrecht, vielleicht
haben die deutschen Konsulate Weisung, nach Möglichkeit Paß- und
Visumgebühren einzunehmen. Schön, aber manchmal fällt es einem schwer,
den Ausdruck „Wurzerei“ zurückzuhalten, besonders wenn sich dies
Verfahren gegen frisch Herübergekommene wendet, die sich nicht zu
helfen wissen und für die zehn oder zwanzig Peso ein Vermögen bedeuten.
So traf ich später in Brasilien einen jungen Deutschen, der nach
Argentinien ausgewandert war. Er fand keine rechte Arbeit und wollte
nach Brasilien. Aber das deutsche Konsulat gab ihm kein Visum, da der
Paß nicht auch für Brasilien ausgestellt war. Er mußte sich einen neuen
Paß ausstellen lassen. Das kostete ihm seinen letzten Notpfennig.
Inzwischen war der Neger bei meinem Wagen angelangt und begann die
Koffer abzuladen. Drinnen saß ein zweiter, nicht viel hellerer
Brasilianer hinter einem Tisch. Er sah mich und dann meine Koffer an
und nickte. Die Neger begannen das Gepäck wieder hinauszuschleppen.
Ich wollte meinen Paß ziehen, aber er winkte nur zur Tür. Die Störung
seiner Siesta hatte ihm augenscheinlich bereits lange genug gedauert.
Als das Pferd wieder anzog, war ich eigentlich etwas enttäuscht. Also
auch das brasilianische Visum wäre überflüssig gewesen und das neue
Impfzeugnis dazu, das ich mir in Buenos Aires besorgt hatte, nachdem
ich mich zuletzt noch in dem chilenischen Hafen Arica hatte impfen
lassen müssen.
Eigentlich ist es lächerlich. Kommt man zur See in Rio oder Santos
an, so braucht man alle möglichen Führungszeugnisse und Atteste, auf
dem Landwege aber wird nicht einmal nach einem Paß gefragt. Dabei ist
Montevideo eine offene Einfallspforte, denn die Republik Uruguay kennt
noch keinerlei Paßzwang.
„Wir sind sehr freiheitlich und sehr demokratisch“, hatte mir der
uruguayische Konsul in Buenos Aires stolz gesagt.
Nach Passieren Dutzender von Grenzen bin ich über den Nutzen von
Paßkontrollen ein wenig skeptisch geworden. Ich glaube nicht, daß durch
sie unerwünschte Elemente tatsächlich wirksam ferngehalten werden;
es kommt nur auf eine Belästigung der Harmlosen heraus. Aber die
Einnahmequelle für den Staat dürfte nicht unerheblich sein, und so wird
es einstweilen bei der Notwendigkeit von Pässen bleiben.
Der Weg zum Bahnhof, am andern Ende der Stadt, dehnte sich. Die
niederen Häuser standen in übermäßig breiten Straßen so weit
auseinander, daß es nicht den mindesten Schatten gab. Dazu ging es
hügelauf, hügelab. Aber wenn man aus dem völlig flachen Argentinien
kommt, ist schon das Sensation, und auf den Hügeln, die die Stadt
säumen, stand sogar ein wenig Wald.
Aber die weite Fahrt war vergeblich. Der Zug ging erst am andern
Morgen. Nicht einmal mein Gepäck konnte ich nach São Paulo aufgeben.
Ich hatte es vorausschicken wollen, um, von ihm nicht beschwert,
nur mit ein wenig Handgepäck zu reisen. Im Staate Santa Catharina
hatte es eine Überschwemmung gegeben. Der Regen hatte den Bahnkörper
weggerissen. Wann er wieder hergestellt sein würde? Ein Achselzucken.
Man kann mit Booten passieren, meinte ein dritter.
„Überhaupt, es gibt nur Karten bis zur Landesgrenze“, erklärte der
Stationsvorstand. --
Brasilien ist Bundesstaat; man merkt erst, wenn man im Innern reist,
wie sehr sich die einzelnen Staaten voneinander abschließen und wie
stark die Rivalitäten zwischen ihnen sind.