Markt übervoll, weit über die Straßen hinaus gequollen, die er
gewöhnlich füllt. Zu den Gemüsen und Früchten, die sonst feilgeboten
werden, zu den Ocas, Tuntas und Chunos, zu den Bananen, Orangen und
Limonen, zu den Ananas, Paltas und Datteln, zu dem Charqui, dem
getrockneten Hammelfleisch, und dem Aji, dem brennend scharfen roten
Pfeffer, sind noch als Votivgegenstände hinzugekommen die goldbemalten,
nackten Holzpuppen, weiß natürlich, mit hellblondem Haar, Lamas und
Puppen aus Teig. Vor allem aber sind Kuchen aufgebaut, über das
Pflaster ausgebreitet, Kuchen in Hunderten von Arten und Formen, runde
und eckige, Kringel und Brezeln. Ein europäischer Weihnachtsmarkt ist
armselig dagegen.
Es wogt von roten, grünen, blauen, orangenen und violetten Ponchos und
Sayas, den bunten Überwürfen der Männer und Frauen. Und die Indianer
kaufen und kaufen. Der Indianer, der sonst für einen „Bob“ stundenweit
die schwerste Last schleppt, der für ein Zehncentavostück als
Draufgabe eine Viertelstunde lang in der demütigsten, jämmerlichsten
Weise betteln und winseln kann, wirft heute mit den Fünf- und
Zehnpesoscheinen nur so um sich. Er, der sonst armseliger vegetiert als
ein Hund, lebt und arbeitet ja nur für seine Feste. Um wenige Tage zu
schlemmen und zu prassen, darbt er ein Jahr lang.
Mit riesigen Körben kommen die Indianer und kaufen, kaufen, bis die
Behälter übervoll sind und sie zu zweit, zu dritt und viert schleppen
müssen. Aber man muß sich gut vorsehen. Die Toten kommen ja wieder,
nehmen Gestalt an, essen und trinken mit. Sie sind tüchtige Esser und
wackere Zecher, die Toten.
Wenn man feiert in Bolivien, tut man es nicht unter einer Woche. Am
Tage vor Allerheiligen geht man zuerst auf den Friedhof, und erst sechs
Tage danach verklingt die letzte Rohrflöte.
Natürlich ist das Fest auf dem Friedhof. Dort wohnen ja die Toten,
und man muß zu ihnen kommen. Ist es entheiligend, zwischen Gräbern zu
schmausen, zu zechen und zu tanzen? Ach nein, höchstens fremdartig
für ungewohnte Augen; denn die Toten, der verstorbene Vater, der
verschiedene Gatte, das tote Schwesterchen sitzen ja mitten darunter,
essen und trinken mit, lachen, scherzen und freuen sich mit den
Lebenden.
Ein lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Friedhof, der hoch
über der Stadt liegt und einen Blick auf das Eis- und Felspanorama
der Anden bietet, der sich mit dem schönsten in der Welt messen kann.
Auto auf Auto rattert heran. Wo kommen sie nur alle her? Und in ihnen
leuchtet es in bunten Farben. Was sonst barfüßig, lastenschleppend
über das holperige Pflaster trottet oder von früh bis spät auf dem
Markt oder in den kleinen Kramläden auf dem Boden hockt, kommt heute
im Auto daher. Besonders die Cholas, die Mischlingsfrauen, prangen
in ihrem ganzen Staat. Seidene Tücher über weit abstehenden, kurzen
Brokatröcken, graue oder lichtgelbe elegante Schnürstiefel, die bis
über die halbe Wade reichen, die Ohrläppchen heruntergezogen von den
schweren Perlengehängen. Auch die Indianerinnen, die sonst von Schmutz
starren, sind heute in neuen, bunten Tüchern. Es flimmert, leuchtet und
flammt in allen Farben.
Kaum kann die Kette der Schutzleute vor dem Gittertor des Friedhofes
die Masse bändigen. Man ist zivilisiert in La Paz und duldet die
tollsten Orgien nicht auf dem Friedhof. So trifft man eine Auswahl
unter denen, die hineindürfen.
Diese Glücklichen lassen sich zwischen den Gräbern nieder. Erst ein
Gebet, dann werden die Körbe ausgepackt. Wie riesige farbige Blumen
sehen die kauenden, schmausenden Frauen in ihren bauschigen Röcken
zwischen den niederen Miniaturgewölben auf den Gräbern aus.
Das andere Volk aber lagert sich rings um den Friedhof. Er wäre ja auch
viel zu klein, all die Tausende aufzunehmen. Bis weithin an den Rand
der Puna, der Hochfläche, leuchtet es bunt wie Frühlingsblumen in den
Wiesen und in den Gerstenfeldern.
In zwei in spitzem Winkel aufeinanderstoßenden Reihen sitzen sie,
auf der einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen. In der
Mitte zwischen den Vorräten die einladenden nächsten Angehörigen
der Verstorbenen. Eine alte Frau teilt aus. Sie häuft die Teller:
Kuchen, Früchte, Zuckerrohr. Die bereits Bedachten warten mit dem
Teller auf den Knien, bis alle versehen sind. Dann ein Gebet und ein
Kreuzschlagen, und mit einem Ruck werden als erste die Schnapsgläser
geleert, die zwischen Kuchen und Früchten standen.
Ja, Schnaps! Das ist ja das Wichtigste. In mächtigen Blechkannen wurde
er heraufgeschleppt. Und ein Mädchen steht auf, macht die Runde mit
solch einem Blechtopf und schenkt immer wieder ein.
Lallen und Rufen, Schwelgen und Lallen, und dazwischen das monotone
Murmeln von Gebeten. Bis irgendwo die erste Flöte erklingt, und der
erste Tanzrhythmus anhebt. Einer steht auf: „Unser Toter war fröhlich
in seinem Leben, und er will, daß auch wir es sind.“ Das ist das
Zeichen zum Tanz. Freilich die hauptstädtische Polizei schließt früh
die Friedhofstore. So zieht sich der zweite Teil des Festes immer mehr
auf die Felder, die Umgebung und in die Häuser zurück.
Hier aber tönen jetzt in der Dämmerung überall die Rohrflöten zu
den großen Trommeln. Und wer es hat, leistet sich noch ein paar
Blechinstrumente dazu.
Inkamusik! Uralte Melodie. Sie kennt nicht mehr als fünf Noten. Es ist
ein monotoner, aber unheimlich aufreizender Klang. Ein Rhythmus, der
das Blut peitscht.
Sie tanzen. Ein einförmiges Stampfen und wildes Drehen. Die Röcke
fliegen. Die Köpfe schaukeln im Takt. Nicht Ordnung noch Regel
gibt es bei diesem Tanz. Da tanzen Mann und Weib, erhitzen sich
immer mehr, greifen sich, fassen sich bei den Händen, wirbeln eng
aneinandergepreßt. Da tanzt ein Mann allein oder eine Frau. Oder einer
greift sich zwei Frauen oder ein Mädchen zwei Männer.
Die Nacht fällt. Unermüdlich quäkt die Rohrflöte, dröhnt die Trommel.
Das Blut brennt, die Leiber taumeln. Aus dem lehmgestampften Hof
schwankt ein Paar hinaus. Männer werfen Mädchen zwischen den grünen
Halmen der jungen Gerste zu Boden. „~Ya bailó~“, „sie tanzte schon“,
sagt man von dem Mädchen, das seine Jungfernschaft verlor. Es ist
keine Schande, im Gegenteil. Es ist Bestimmung und Wunsch der Toten.
Tod fordert Zeugung. Die Flöte quäkt. So sproßt aus dem Fest der Toten
neues, junges Leben.
44. Indianerwallfahrt.
Copacabana (bolivianisch-peruanische Grenze).
Sobald der Dampfer die Enge von Tiquina hinter sich hat, beginnt der
Tag zu sinken. Wie eine dunkle Masse hebt sich bald über die Flut die
Sonneninsel des Titicacasees, deren Zacken eben noch scharfe Konturen
in den Horizont schnitten.
Dämmer und Nebel weben. Es ist, als stiegen Gestalten aus dem See,
dessen Inseln und Ufer Sitz und Wiege der Urvölker des Kontinents
waren. Seine Wasser spülen an die Kaimauern der längst versunkenen
Metropole Tiahuanacu. Von der Sonneninsel aus traten die Inkas ihren
Eroberungszug an. Schatten vergangener Zeiten umwallen das Schiff. Das
Herz klopft lauter.
Plötzlich erklingen Glocken hell und stark. Der volle Mond steigt auf,
die Nebel versinken, die Schatten zerreißen. Unmittelbar aus dem See
erheben sich steile Felsen, dazwischen öffnet sich ein weites Tal, aus
dem die Glocken tönen. Licht schimmert.
Copacabana, die Wallfahrtskirche, die als kostbaren Schatz die „heilige
Jungfrau vom See“ birgt, nimmt jetzt den Platz ein, wo ehemals
Inkapriester opferten. Die Glocken klingen lauter, der Spuk versinkt.
[Illustration: Westwand des Illampu.]
[Illustration: Indianerdorf in der Puna.]
[Illustration: Nordostflanke des Illimani.]
Wie ein mächtiger Tempel hebt sich der kuppelreiche Bau über die sich
tief duckenden niederen Lehmhütten. Eine sauber gepflasterte Straße
führt mitten hindurch. Plötzlich treten die Häuser zurück, ein
weiter Platz öffnet sich. Hinter zinnenreichen Mauern liegt die Kirche.
Geheimnisvolle Feuer flackern an ihrem Fuß. In dem ungewissen Dämmer
erscheint der Bau wie eine phantastisch-gewaltige Burg.
Die Feuer vor der Kirche sind Garküchen, die köstlichen heißen Kaffee
schenken. Die darumhockenden Indianerinnen weisen den Weg in die
Pilgerhäuser, wo die gastfreien Padres den Wallfahrern kostenfreie
Unterkunft gewähren.
Copacabana weist dieses Jahr nicht den sonst üblichen Massenbesuch
auf. Der Dampfer war fast leer. Mitfahrer erzählen mir, daß sich in
früheren Jahren die Passagiere Kopf an Kopf drängten. Revolution,
Indianerunruhen, Kriegsdrohung mögen die Ursache sein, und
vielleicht nicht zum mindesten die Verdoppelung der Tarife durch die
Dampfergesellschaft. Teuerung auch hier.
Aber man genießt den Zauber dieses Ortes, der sich an landschaftlicher
Schönheit mit den berühmtesten Wallfahrtsstätten des alten Kontinents
messen kann, vielleicht noch mehr, wenn nicht alle Plätze von Menschen
überfüllt sind. Und die Kirche wird trotz des geringeren Besuches
nicht leer. Unermüdlich ertönt hier die Huldigung an die Jungfrau.
Blumengeschmückt hebt sie sich auf ihrem Tragsessel über die Menge, im
Blumenschmuck prangt die ganze Kirche. Das Braun und Gold der alten
Altäre verschwindet völlig unter Rosen und andern Blumen.
Andächtig liegt die Menge auf den Knien, Indios und Cholas in bunter
Anzahl. Dazwischen die Frauen, die ihre Kinder vom Rücken herabgenommen
und vor sich gelegt haben. Die grellen Farben der Ponchos und
Frauentücher leuchten wie bunte Flammen. Die Orgel tönt. Unermüdlich
geht der Gesang: „Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitt für uns.“
Hinter der Kirche träumt der stille Frieden des Konvents. Die Inkablume
läßt ihre roten Glocken hängen. Ein Brunnen rauscht.
Vor dem Tor hockt noch immer der zerlumpte Bettler, der sich, wenn
jetzt der Tag zur Neige geht, enger in seinen zerrissenen Poncho
wickelt.
Der Weihrauchduft hängt noch in den Kleidern, die Hymnen klingen nach
im Ohr, als ich den Hügel hinansteige. Einen intensiven Goldglanz
breitet die sinkende Sonne über die Landschaft. Wie sie jetzt in den
See taucht, färbt sich seine Flut blutrot. Ein glühendes Kohlenbecken,
liegt der See zwischen den Felsen. Krieg, Krieg, ruft das flackernde
Rot, aber da tönen von unten herauf wieder Glocken. Das allzu grelle
Licht verblaßt zu sanftem Rosa, und in stillem Frieden verscheidet der
Tag. --
* * * * *
In seinem bekannten Werke über Südamerika bringt Jakob von Tschudi
die Nachbildung einer Darstellung einer Prozession zur Ehre der
Muttergottes von Copacabana. Die Originalzeichnung rührt von einem
einheimischen indianischen Künstler her, und sie ist so eigenartig in
ihrer naiven und doch bezeichnenden Schilderung, daß ich die Leser
meines Buches mit ihr bekannt mache.
45. Indianeraufstand.
Copacabana.
Das Maschinengewehrfeuer war verhallt, die Revolution hatte gesiegt.
Bewaffnete Aufständische an allen Straßenecken, die Gefängnisse voll
von Ministern und Beamten der gestürzten Partei. Auf der Plaza von La
Paz wollte das Viva-Rufen auf die neuen Machthaber kein Ende nehmen.
Aber mit sinkendem Tag legte sich der Jubel. Gerüchte rannten durch die
Stadt, Gespenster. Begegnende tauschten hastige Worte: Was werden die
Indios machen?
Die Indianer! Gewiß, die neue Revolutionsregierung hatte sich ja auch
an sie gewandt. Recht und Freiheit allen Unterdrückten! Aber man
konnte nie wissen. Auch als Bundesgenossen konnten sie gefährlich
werden. War es nicht in der Revolution der neunziger Jahre, als die
Konservativen gestürzt wurden? Damals hatte man die Hochlandsindianer
bewaffnet; aber schließlich kannten sie weder Freund noch Feind, nur
noch Blancos, Weiße, gegen die jahrhundertelang gebändigter Haß endlich
Rachemöglichkeit fand. Eine ganze Schwadron, die sich, von den Indios
gejagt, in eine Kirche geflüchtet, wurde dort abgeschlachtet, daß
Fliesen und Pfeiler im Blut schwammen....
Die Nacht verging ohne Störung; -- auch die folgenden Tage. Aber die
Gerüchte blieben. Auf der Puna, dem Andenhochland, waren die Indianer
aufgestanden.
In graubrauner Monotonie dehnt sich die grandios-traurige
Unendlichkeit des Hochplateaus. Auf den Stationen Militär, Gendarmen,
Gefangene. Es sind nur einige Fincas, heißt es, auf denen die
Indianer sich empörten, die Gutshäuser angezündet und die Verwalter
niedergemetzelt haben. Man wird mit ihnen bald fertig sein. --
Hinter der Kühle des Kreuzgangs des Klosters am See, den blutrot die
Inkablume umrankt, liegt das Zimmer des Priors. Wir sitzen beisammen
und plaudern. Neben der Bettstatt steht ein Gewehr. Auch in den Zellen
der Mönche sah ich die Waffe.
„Warum?“
„Man kann nie wissen“..., über das kluge, faltenreiche Gesicht huscht
kaum merkbares Lächeln, „-- freilich, die Jungfrau von Copacabana ist
unser bester Schutz. An sie werden sich die Indianer nicht wagen. Aber
immerhin -- es ist besser so.“
Die heilige Jungfrau von Copacabana ist mehrere hundert Jahre alt. Die
ersten bekehrten Indianer schufen sie. Vielleicht wollen sie kommen,
sich ihr Eigentum wiederzuholen.
Längs des gegenüberliegenden Seeufers dehnen sich kilometer-, meilen-,
königreichweit die Fincas Goytias. Ein typisch amerikanisches
Schicksal: vom indianischen Maultiertreiber brachte er es zum
vielfachen Millionär und einflußreichsten Manne im Staat. Heute liegen
die Fenster seines Palastes in La Paz in Scherben. Er selbst ist
landflüchtig.
Die Hörigen auf seinen Gütern, die er mehr bedrückte als jeder Weiße,
trotzdem er oder vielleicht weil er eines Stammes, einer Rasse
mit ihnen ist, witterten Freiheit. Sie standen auf und schlugen
ihre Sklavenhalter nieder. Die Revolution hatte doch Freiheit und
Gerechtigkeit gebracht!
Aber keine Revolution kann an den Grundlagen ändern, auf denen dieser
Staat ruht. Es ist die harte Herrschaft über die Masse der Farbigen,
die eine kleine Schicht ausübt, die sich Blancos nennt, in deren
Adern aber viel Indianerblut fließt. Und so schickt auch die neue
revolutionäre Regierung Truppen gegen die Empörer, muß es tun, um ihrer
eigenen Existenz und Sicherheit willen.
Die Truppen tun ihre Arbeit wie immer. Kurz, blutig, grausam. Sie tun
es, obwohl ihre Haut die gleiche Farbe aufweist, ihre Züge den gleichen
Schnitt wie jene, auf die sie ihre Maschinengewehre richten, sie tun
es, obwohl sie selbst auf eisig kalter, winddurchbrauster Puna auf dem
Lehmboden armseliger Hütten das Leben empfingen und aufwuchsen.
Gefangene überall, an allen Stationen, auch in La Paz. Offen werden
sie über den Markt geführt. Die grauen Uniformen säumen die bunten
Ponchos ein, aber die Gesichter sind dieselben. Eigentlich ist es nur
eine dünne Decke, die die Herrschaft der „Weißen“ trägt, fatalistischer
Glaube an die Macht der Blancos und die Uneinigkeit der Ureinwohner.
In dem Bündel eines der Indianer, das dieser heimlich fortzuwerfen
versuchte, fand man noch einen mit Chunos zusammengekochten
menschlichen Arm.
Es ist ein uralter, unerbittlicher Haß, der sich unter sklavischen
Formen verbirgt und der unter der Decke glüht.
46. Der amerikanische Himalaja.
La Paz.
Eines schönen Tages wird nach Bolivien ein findiger Yankee kommen,
dessen Sinnen nicht nur auf Minen und Bergwerke, auf Kupfer und
Zinn eingestellt ist, wie es bisher bei allen seinen Landsleuten
war, sondern der auch einen Blick für die unendliche Schönheit der
Landschaft übrig hat. Er wird zu seiner Überraschung finden, daß
dieses von Fremden und Touristen noch kaum berührte Land dicht
aneinanderreiht: eine Eis- und Bergwelt, gegen die die Schweizer Berge
klein und ärmlich erscheinen, die Tropenwunder Indiens und die gesunde,
trockene Hitze Ägyptens. Und dieses alles ist von New York aus -- sind
erst einmal die Verbindungen ausgebaut -- nicht schwerer erreichbar
als Europa. Dann werden sich dort, wo bisher nur ärmliche Indios ihre
Lamas trieben, Kurhäuser, Hotels und Sanatorien erheben. In weniger als
Tagesfrist wird man im bequemen, bald zu heizenden, bald zu kühlenden
Aussichtswagen durch alle Klimate der Welt fahren können, und auf die
bisher unersteigbaren Eisberge werden bequeme Bergbahnen leichten
Zutritt ermöglichen.
Doch halt! Eine Schwierigkeit vergaß ich, eine Sperre, die die Natur
zog und die vielleicht doch verhindert, daß hier auf dem Dache
Südamerikas einmal der bevorzugteste Luftkurort der New Yorker
„Upper Ten“ ersteht. Die bolivianische Hochebene, von der aus die
Bergwände gen Himmel streben und von der schluchtartig abstürzende
Täler unmittelbar in die subtropischen und tropischen Provinzen
hinunterführen, liegt 4000 Meter hoch. Nur ein ganz gesundes Herz
vermag diese Höhe zu ertragen, und selbst den Gesunden, Kräftigen fällt
in der ersten Zeit oft genug die Soroche, die Bergkrankheit, an. Obwohl
ich selbst ohne allzu fühlbare Beschwerden von Antofagasta aus diese
Höhe erreichte, so bekam ich doch die ganze Gewalt der Bergkrankheit zu
spüren, als ich allzu leichtsinnig bereits am ersten Tag auf den Vulkan
Ollague zu klettern versuchte. Von seinem Krater trieb mich in 5000
Meter Höhe die Soroche zurück.
Später lernte ich auch die 5000-Meter-Zone ohne Atemnot und
Herzbeklemmung erreichen. Allein die Beschwerden und Schwierigkeiten
der dünnen Luft steigen im quadratischen Verhältnis mit jedem Meter
weiterer Höhe, und so ist noch ein weiter Schritt von den 5000 bis zu
den 6000 und 6600 Meter Höhe, die die Eisspitzen des bolivianischen
Bergmassivs erreichen und überschreiten.
Hierin und in dem Mangel jeglicher alpiner Hilfsmittel, in dem Fehlen
von Schutzhütten und Stützpunkten, in der Unmöglichkeit, Führer oder
Träger zu beschaffen, liegt der Grund, daß die ganze Bergwelt der
bolivianischen Fels- und Eisriesen bis heute so gut wie unerschlossen
ist; der Anfang zu einer alpinen Erforschung wurde erst vor einigen
Jahren gemacht.
Ein Unternehmen wie die geplante Besteigung des Mount Everest
beschäftigte monatelang die ganze Welt. Aufsätze und Bilder von
dieser Expedition gingen, trotzdem sie nicht zum Ziele kam, durch die
Presse aller Länder. Von den erfolgreichen, kaum weniger schwierigen
Versuchen aber, die ein paar junge, unternehmende Deutsche an die
Eroberung der Eisspitzen des „amerikanischen Himalajas“ wagten, ist
kaum über Bolivien hinaus Kunde gedrungen.
Vier Deutsche, Adolf Schulz, Rudolf Dienst, Eduard Overlack und Bengel,
waren es, die während des Krieges auf dem 6405 Meter hohen Illimani die
deutsche Fahne aufpflanzten. Rudolf Dienst und Lohse bezwangen außerdem
den um ein weniges niedrigeren, aber noch schwerer ersteigbaren Huaina
Potosi, während sich den Anstrengungen des unermüdlichen Rudolf Dienst
im Verein mit Schulz schließlich selbst der höchste Berg Boliviens, der
Illampu, beugen mußte, an dessen steilen Eiswänden im Jahre 1898 der
englische Bergsteiger Sir Martin Conway gescheitert war.
Monatelang hatte ich in La Paz von meinem Häuschen aus, das wie ein
Nest am Berghang hing, das Massiv des Illimani vor mir. Ich sah es
morgens in dem intensiven Rot des Rosenquarzes aufleuchten und sah es
über das schimmernde Weiß seiner Schneefelder und Gletscher und über
den Purpur des Abendglühens bis in die tiefen Schatten der blauen
Stunde verdämmern. Einmal umritt ich in tagelangem Ritt das ungeheuere
Massiv dieses Bergblockes und erlebte, zwischen Palmen und Bananen
reitend, das Märchenwunder, aus blauem und grauem Felsgetürm die
blendend weiße Eisspitze des Berges in den tiefblauen Himmel stoßen zu
sehen.
[Illustration: Bergwerk in der bolivianischen Kordillere.]
[Illustration: Mazamorra.]
[Illustration: Der Morro bei Arica.]
[Illustration: Südbrasilianische Kolonisten.]
Um einen Begriff von den Schwierigkeiten der Besteigung des Illimani
zu bekommen, muß man sich klarmachen, daß die indianischen Träger
in blinder Gespensterfurcht vor den Berggeistern sich weigerten,
die Gletscher zu betreten, daß Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel
unter der Firngrenze zurückgelassen werden mußten. Ohne genügende
Mäntel, nur mit dem nötigsten Proviant wurde die Eisregion angegangen,
nachts hockten die Bergsteiger frierend auf dem blanken Eis, tagsüber
erklommen sie die Felsgrate und schleppten obendrein die schwere
Fahnenstange mit der deutschen Flagge in der eiskalten, dünnen Luft.
Dabei empfingen die kühnen Besteiger, als sie nach ungeheueren
Anstrengungen und Mühen schließlich wieder heruntergestiegen waren,
zunächst nur Angriffe, Hohn und Spott. Es war mitten im Krieg, und man
war um diese Zeit in Bolivien nicht sehr deutschfreundlich.
Die Behauptung der Bergsteiger, den Illimani bezwungen zu haben,
wurde zunächst glatt als Lüge abgetan. Man suchte den Gipfel des
Berges nach der angeblich dort aufgepflanzten Fahne ab, und als
man sie nicht entdeckte, wurde von der Geographischen Gesellschaft
von La Paz ein Dokument aufgesetzt, das das Nichtvorhandensein der
Fahne feststellte und die Behauptung von der Ersteigung als unwahr
zurückwies. Dieses Dokument sollte gerade im Observatorium der Jesuiten
unterzeichnet werden, da stürzte einer der Herren, der nochmals mit
dem großen Teleskop die Bergspitze abgesucht hatte, aufgeregt in das
Beratungszimmer und schreckte die dort Versammelten mit dem Rufe: „Die
Fahne ist da!“ Die Beleuchtungsverhältnisse hatten sich geändert, und
tatsächlich konnte man deutlich die Flagge sehen.
Nun brach aber erst recht ein Sturm der Empörung aus, und unter
Führung der alliiertenfreundlichen Presse entrüstete sich das ganze
Land, daß man gewagt habe, die deutsche Fahne auf dem bolivianischen
Berg aufzupflanzen.
Wochenlang dauerten diese Schmähungen und Angriffe. Die kühnen
Bergsteiger ließen sich dadurch nicht anfechten. Es kam ihnen nicht auf
den Ruhm, sondern lediglich auf die alpine Leistung an, und sie gingen
darum nur noch unauffälliger an die weiteren Erstbesteigungen, die sie
vorhatten. In der Folge wurde der unersteigbar scheinende Grat des
Huaina Potosi bezwungen und endlich auch der höchste Gipfel Boliviens,
der 6617 Meter hohe Illampu.
Diese letzte Besteigung war die kühnste von allen. Nach den ersten
abgeschlagenen Versuchen, die Spitze zu erreichen, kehrten die beiden
Männer, Dienst und Schulz, erschöpft in das letzte Lager zurück, das
in einer Eishöhle aufgeschlagen war. Der Proviant war bis auf geringe
Reste verzehrt. Die Träger, Bergarbeiter, konnten in ihrem Bergwerk
nicht länger entbehrt werden, und man hatte sie mit den Decken und
Schlafsäcken hinuntergehen lassen müssen. Die beiden gaben trotzdem den
Versuch nicht auf. Da man noch eine Nachtrast im Eis ohne die Gefahr
des Erfrierens nicht wagen durfte, ruhten sie den Tag über in der Sonne
aus und gingen daran, mit Anbruch der Nacht beim Scheine des Mondes
die Eisspitze zu erklettern. Nachdem sie Tag und Nacht geklettert,
erreichten sie um 4 Uhr nachmittags in rasendem, eisigem Sturm die
Spitze. Mit frosterstarrten Händen pflanzen sie eine kleine Fahne auf
und müssen dann eilen, wieder hinunterzukommen. Vor sich haben sie
keinerlei Stützpunkte mehr. Die Träger sind schon unten im Bergwerk. Da
Gefahr besteht, daß sie in ihrem erschöpften Zustand den ganzen, auf
dem Anstieg eingeschlagenen Weg nicht mehr leisten können, beschließen
sie, auf gut Glück eine neue kürzere Linie zu versuchen, durch den
großen Eisschlund, der sich zwischen dem Illampu und seinem 6560 Meter
hohen Zwillingsgipfel Ancohuma auftut. Das Wagnis ist ungeheuerlich.
Ist auf dieser Linie der Abstieg unmöglich, so fehlt den Erschöpften
die Kraft, umzukehren und die Anstiegslinie wieder zu erreichen. Allein
das tollkühne Wagnis gelang, und in etwa elf Stunden führten sie den
Abstieg aus von den 6600 Metern des Gipfels bis zu 3260 Meter, wo das
rettende Bergwerk sie aufnahm.
47. Mazamorra.
Arica.
Arme Mädel gibt’s, so unglückliche gibt’s... (~Hay pobres mujeres, hay
tan desgraciadas!~) Mit Begeisterung sangen die Soldaten im Kupee, aber
was dann folgte, konnte ich nicht verstehen, so laut kicherten die
Indianermädel; es mußte wohl sehr unpassend sein, denn sie wurden rot,
soweit das bei ihrer braunen Haut überhaupt möglich war, und stolz und
triumphierend sahen sich die Soldaten um und fingen das schöne Lied
immer wieder von vorne an.