Die Hacienda, der Komplex der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, ist noch

wesentlich einfacher als in Argentinien. Lebt in Argentinien der Patron

kaum ein paar Wochen und Monate auf seiner Estancia, so kommt er in den

bolivianischen Yungas kaum einmal im Jahr auf wenige Tage hinaus, oft

nur alle paar Jahre. Der Administrator aber ist ein schlecht bezahlter

Angestellter, für den ein einfaches Lehmhaus aus luftgetrockneten

Ziegeln mit Wellblechdach genügen muß.

Dieses Haus mit einem Schuppen für die Coca und dem mit Schiefer

ausgelegten Hof, in dem die Coca getrocknet wird, ist eigentlich alles:

Irgendwelche landwirtschaftlichen Maschinen oder Geräte, totes oder

lebendes Inventar gibt es nicht. Das Maultier für den Administrator,

wenn es hoch kommt, eine Kuh, das ist alles. Das Arbeitsgerät bringen

die Peone selbst mit; es besteht nur in Hacke und Schaufel. Eines fehlt

freilich nicht, auf keiner Finca. Das ist die Kirche, und sie ist stets

der stolzeste Bau, massiv aufgeführt mit Glockenturm und Glocken; denn

der bolivianische Indio ist in erster Linie ein treuer Sohn der Kirche,

und was er irgend erspart, führt er außer dem Alkohol zunächst dem

Pfarrer zu, den er reichlich mit Geschenken regaliert. Jede Messe auf

einer Finca bringt dem Geistlichen nie unter einigen hundert Peso an

Gebühren und Geschenken ein.

Rings um die Finca herum liegen in kleinen Bananenpflanzungen die

rohgebauten, niederen Lehmhütten der Kolonen, der Hörigen. Jede

Finca verfügt ja über ihre bestimmte Zahl höriger Indianerfamilien,

die zur Arbeit für den Patron verpflichtet sind, und der Wert jedes

Grundbesitzes richtet sich auch nach der Zahl der auf ihm ansässigen

Kolonen. Man kauft und verkauft eine Finca nicht nach Hektaren oder

Quadratleguas, sondern nach der Zahl der Kolonen, und im allgemeinen

wertet jede Kolonenfamilie tausend Peso.

In rein mittelalterlich-feudaler Weise spielt sich auch die Arbeit

auf der Finca ab. Jeder Kolone ist verpflichtet, zwei, drei oder vier

Tage, je nach der althergebrachten Gewohnheit, für den Grundherrn zu

arbeiten. Diese Arbeit ist nicht nur völlig unentlohnt, der Kolone

muß auch noch Arbeitsgerät und Arbeitstiere selbst stellen. Er ist

ferner zu unentgeltlichem Dienst im Hause des Patrons verpflichtet.

Jede Kolonenschaft stellt allwöchentlich einen oder mehrere Pongos

als Hausdiener. Ebenso wählt sich der Patron, beziehungsweise der

Administrator aus der Reihe der Frauen und Mädchen allwöchentlich

eine Mitani als Haus- und Küchenmädchen. Verreist er, will er etwas

besorgen lassen, in der Stadt etwas kaufen oder verkaufen, so stellen

die Kolonen so viele Apiris, wie er benötigt, um ihn auf ihren Mulas zu

begleiten oder die Besorgungen zu erledigen.

Als Entgelt für diese Dienste erhalten die Kolonen Land zugewiesen, das

sie in ihrer freien Zeit bebauen. Jeder Indianer hat denn auch seine

Bananenpflanzung, von der er in der Hauptsache lebt, sein Cocal, sein

Cocafeld, dessen Erträgnisse seine sonstigen Bedürfnisse decken müssen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe hatte ich Gelegenheit, den ganzen

Betrieb kennenzulernen. Es war Frontag, und der Hilacata, der Kazike

oder Aufseher der Indianer, trat mit den Kolonen auf dem Hofe an. Dann

ging’s zur Arbeit, Männer und Frauen getrennt.

Wir gingen erst zu den Männern, denen die schwere Arbeit obliegt. Es

galt, neues Land für ein Cocal zu roden. Büsche und Bäume, die den Hang

deckten, waren bereits abgebrannt, und jetzt waren die etwa dreißig

Indios in langer Reihe dabei, mit Hacke und Schaufel die Wurzelstöcke

zu entfernen. Langsam arbeitete sich die braune Kette den Berg hinauf.

Vor ihnen stand in buntem Poncho, das fast meterlange Messer im Gürtel

und das schwarzglänzende Haar bis auf die Hüften herabhängend, der

Hilacata.

An anderer Stelle waren die Frauen dabei, im Cocal das Unkraut zu

jäten. Auch hier ein Hilacata-Stellvertreter als Aufseher.

Am Abend saßen der Administrator und ich auf der luftigen Veranda

beisammen. Hinter dem scharfen Bergrücken, zu dessen beiden Seiten

Coripata wie ein Raubvogelnest klebt, verflammte der Abend. Aus dem

dunklen Laub des Gartens heraus sah man das Leuchten der Orangen.

Dahinter ließen gleich müden Pferden die Bananen ihre früchteschweren

Köpfe hängen. Von den Indianerhütten her klang monoton eine Rohrflöte.

„Ständiger Ärger mit dem Pack!“

„Nun, ich glaube, jeder europäische Gutsbesitzer würde blaß vor Neid

über solch billige Arbeitskraft. Entlassung geht ja nicht gut, wenn

jeder Arbeiter seine tausend Peso wertet, und Lohnabzug gibt’s auch

nicht. Was machen Sie denn, wenn die Leute widersätzlich sind oder

faul?“

Er sah erstaunt auf. „Aber dafür hat man doch die Peitsche!“

„Die Peitsche?“

„Aber natürlich, glauben Sie denn, es ginge anders? Selbstverständlich

habe auch ich eine, oder vielmehr zwei, eine dicke für die Männer und

eine dünne für die Frauen.“

Ich mußte wohl ein sehr ungläubiges Gesicht gemacht haben. Denn er

meinte: „Wenn Sie es nicht glauben, kann ich ja einen auspeitschen. Ein

Grund findet sich immer.“

Ich dankte. Aber am nächsten Tag frug ich in Coripata den

Munizipalsekretär, wie es eigentlich mit dem Recht der Fincabesitzer

wäre, ihre Kolonen zu schlagen.

„Ein Recht“, meinte er, „besteht selbstverständlich nicht. Aber kein

Richter oder Polizeipräfekt wird etwas dagegen einzuwenden haben,

wenn ein Patron oder Administrator seine Indianer schlägt, in mäßigen

Grenzen natürlich. Aber ab und zu muß der Indianer seine Prügel haben,

damit er nicht verdirbt.“

40. Der Gastfreund.

Irupana.

Das Zimmer war das übliche, vier bis fünf Meter im Quadrat,

weißgetünchte Wände, lehmgestampfter Fußboden, ohne Fenster, nur durch

die Tür Licht und Luft erhaltend.

Wir saßen beim Abendessen, wir, d. h. der Hausherr und Gastgeber,

mein Reisekamerad und ich. Die Frau des Hauses, eine Chola, den

geschwefelten Strohhut auf den straffen, schwarzen, langen Zöpfen, die

nackten Beine hellbraun und schlank, aß wie üblich nicht mit, sondern

bediente die Männer. Von dem, was wir übrigließen, fütterte sie die

Kinder, die, zwei- und vierjährig, vergnügt und halbnackt auf dem Boden

herumkrochen, um dann selbst den Rest stehend in einer Ecke zu sich zu

nehmen.

Mein Reisekamerad hatte mich mitgenommen, d. h. die Kameradschaft war

recht kurz. Wir waren eine Strecke zusammen geritten, waren zusammen in

den Regen gekommen und hatten uns dann gemeinsam in einer Chacra an den

dort überreichlich wuchernden Orangen gestärkt, nachdem wir vergeblich

nach dem Besitzer gerufen.

Aber solche kurze Bekanntschaft genügt hier zu Gastfreundschaft. Es

ist das Merkwürdige, daß es hier in einsamer Gegend am Ende jeder

Tagereise eine Posada gibt. Aber in Ortschaften fehlt oft genug

jede Unterkunftsmöglichkeit. Wozu auch? Wer hierher kommt, hat

selbstverständlich seine Geschäftsfreunde oder sonstigen Bekannten,

bei denen er nächtigt, wie umgekehrt sie bei ihm, und andere Reisende

gibt es nicht. Wohl hatte ich einen Empfehlungsbrief von der Regierung

an alle Behörden. Aber von allen Behörden war augenblicklich niemand

da, und so wäre ich fast in peinliche Verlegenheit gekommen, da die

Nacht schon hereinbrach, wenn nicht mein Reisekamerad mich zu seinem

„Compadre“ mitgenommen hätte, der ihm Gastfreundschaft gewährte. Dies

geschah mit der größten Selbstverständlichkeit und natürlichsten

Liebenswürdigkeit, und in der gleichen Weise nahm mich der Compadre

auf, als kennten wir uns seit Jahren und als wäre es gar nicht anders

denkbar.

[Illustration: Millunisee mit Huaina Potosi.]

[Illustration: Gipfelgrat des Huaina Potosi.]

[Illustration: Am Fuße der Eiswand des Huaina Potosi.]

Die junge Cholafrau war ein selten zartes, schlankes Geschöpf mit

feinem braunem Gesicht, und es wirkte merkwürdig, wie sie demütig,

sklavenhaft an der Wand lehnte und den Rest der Suppe löffelte,

während wir um den Tisch vor vollen Fleischschüsseln und gefüllten

Biergläsern saßen. Aber das ist nun einmal Landesbrauch.

Nach Tisch gingen wir ins Café an der Plaza: ein kleines Zimmer,

Stühle und Tische, augenscheinlich aus den verschiedensten Häusern

zusammengeliehen, ein Billard und in der Ecke auf einigen über Kisten

gelegten Brettern die Bar. Es gab nur Schnaps; denn die Frachtführer

hatten seit langem aus La Paz kein Bier gebracht. Aber gleichwohl war

der Raum übervoll, und es mußte wohl ein sehr gutes Geschäft sein;

Ausstattung und Betrieb waren mehr als wildwestartig primitiv und der

Besitzer Schenk- und Zahlkellner wie Barkeeper in einer Person.

Als wir heimgingen, zerbrach ich mir schier den Kopf, wie wohl die

Unterbringung für die Nacht sein sollte; denn ich wußte, daß das

Haus aus einem einzigen Raum bestand, an den sich nach rückwärts nur

ein offenes Dach anschloß, unter dem gekocht wurde. Allein unsere

Gastfreunde schienen keine Schwierigkeit zu sehen. Als wir zurückkamen,

lagen die Kinder schon schlafend auf der Bank, und uns beiden wurde,

als sei es gar nicht anders denkbar, das einzige Bett als Schlafstätte

angeboten. Natürlich lehnten wir ab. Aber es bedurfte erst eines

endlosen Hin- und Herparlamentierens, bis sich unsere Wirte endlich

fügten und die Frau des Hauses die Kinder von der Bank wieder ins

Bett legte. Während wir auf Schaffellen auf dem Boden unser Lager

bereiteten, legte sie mit größter Ungeniertheit Rock und Bluse ab,

schlüpfte zu den Kindern, ihr Gatte dazu, und bald hörte man nichts als

tiefe ruhige Atemzüge.

Die Luft war stickig; denn die Tür war fest geschlossen. Dazu machte

sich bald das übliche Ungeziefer bemerkbar, trotzdem ich meinen

Schlafsack so voll Insektenpulver geschüttet hatte, daß ich selbst kaum

schnaufen konnte.

Mein Reisekamerad wachte auf, und so kamen wir ins Gespräch, flüsternd,

während vom Bett in der Ecke her das Atmen der Familie zu uns

herüberdrang.

Mir war schon unterwegs das eigenartige Braun und der scharfe Schnitt

der Züge meines Reisekameraden aufgefallen, und so fragte ich ihn,

woher er stamme.

„Araber, aus Damaskus; nach dem ersten Balkankrieg kam ich herüber.“

Ich mußte plötzlich daran denken, wie ich in den Dezembertagen jenes

unglücklichen Krieges vor dem verzweifelten Angriff der Bulgaren auf

Tschataldscha bei dem Ritt an die Front unweit Derkeskoj jenem frisch

aus Damaskus eingetroffenen Araberregiment begegnete, das sich in

Aussehen und Haltung so sehr von den bei Kirkilisse geschlagenen und

nach der Tschataldschalinie zurückflutenden Türkentruppen unterschied.

Ich fragte ihn, ob er jenem Regiment angehört, und als er bejahte,

folgte Erinnerung auf Erinnerung an jene Zeit und Gedankenaustausch

über das, was dann kam, den Weltkrieg, den Zusammenbruch, den Sturz des

Kalifats und das Sinken des Halbmondes.

Es war eine seltsame Unterhaltung, die sich in dem engen, finsteren,

schwülen Zimmer entspann, während vom Bett her jetzt lautes Schnarchen

herüberdrang und das unruhige Hin- und Herwerfen der von Ungeziefer

geplagten Kinder.

„Ich gehe jetzt bald wieder hinüber“, meinte der Reisekamerad.

„Wohin?“ fragte ich. „In Konstantinopel sind die Engländer, in

Kleinasien Griechen und Italiener, in Syrien die Franzosen.“

„Allah wird es wenden...“ Er brach ab. Aber es war, als füllte sich

plötzlich das Zimmer mit einer unheimlichen, die Wände sprengenden

Kraft, und als dröhnten in der Ferne Trommeln und wieherten Rosse.

Als ich am nächsten Morgen bei grauendem Tag weiterritt, war es

unmöglich, den liebenswürdigen Wirten Bezahlung aufzudrängen. So hing

ich wenigstens der Kleinsten eine Holzperlenkette um den Hals, die ich

vorsorglich in mein Gepäck getan.

Dann reichte ich dem Araber die Hand. Wir wußten, daß wir beide

dasselbe dachten, und so brauchte es zum Abschied nur das eine Wort

„Inschallah! -- Gott gebe es!“

41. Auf einer Zuckerrohrplantage.

Cañamina.

Im hochgelegenen Irupana war es kühl gewesen, wie an einem bewölkten

Frühlingstag in Deutschland. Aber hat man den Paß hinter sich, ist

stundenlang über den sanft sich senkenden Rücken geritten und hat den

Abstieg in scharfen Serpentinen zum Bett des Rio de La Paz hinunter

vollendet, eines bei La Paz entspringenden Quellflusses des Beni, so

wird es wärmer und wärmer. Ab und zu sieht man zwischen Büschen, an

deren Stelle mehr und mehr Palmen treten, den Fluß heraufschimmern,

ausgegossen zwischen die steilen Felsmauern wie flüssiges Blei. Das

erstemal erschrickt man, wenn man dieses zwei- bis dreihundert Meter

breite, mattfarbene Band erblickt, -- wie soll man da hinüberkommen?

Aber bald sieht man, daß es das sandige, steinige Flußbett ist, das der

Fluß nur in einzelnen schmalen Linien durchzieht.

Es wird schwül wie in einem Gewächshaus. Seltsame Pflanzen schießen zu

beiden Seiten des Weges hoch. Haushohe Kakteen von einem weißlichen,

verwitterten Graugrün, die aufeinandergetürmt sind wie Reste

zerbrochener Säulen oder wie unheimliche, schlanke Monolithe. Von ihren

Stacheln hängt ein seltsames fahlgrünes Moos herunter, das auch alle

andern Bäume und Pflanzen zu überziehen beginnt, eine Wucherpflanze,

zäh wie Draht, die auf alle Äste und Zweige klettert, das letzte Grün

der Bäume erstickend, bis von den gebeugten, sterbenden Stämmen gleich

Greisenbärten nur mehr das tückische Moos hängt, und sie, bis ins Mark

zerfressen, zusammenbrechen.

Unten im steinigen Flußbett aber glüht und brennt die Sonne zwischen

den hohen Felsmauern wie in einem Feuerofen.

Sorgfältig die Spuren zwischen den Steinen lesend, sucht und findet man

die Furt. Bis über den Bauch geht dem Tier die schmutzig braune Flut.

Jenseits mündet ein Tal. Zwischen Urwaldrankwerk führt ein schmaler

Pfad. Bald darauf ein Bananenhain und Bambusrohrhütten. Vor einer der

Hütten hockt eine alte Negerin, vom Halse herunter hängt ein Kropf,

nein, ein Dutzend Kröpfe, in der schlaffen Haut liegen sie wie Bälle

in einem Netz. Ein junges Weib neben ihr platt auf dem Bauch, die

straffen Brüste vor sich ausgebreitet und an jeder einen Bengel säugend.

Es sind Neger, die hier arbeiten, des Fiebers wegen, das den Indianer

gleich dem Weißen angreift. Hier beginnt die königreichgroße Finca des

Sindicato Industrial, die erste Finca des Syndikats „Miguillo“. Der

Weg zur Hacienda führt durch eine Allee von Sisalagaven, ungeheuern

Pflanzen, die ihre harten, scharfen, spitzen Blätter wie Schwerter über

den Weg strecken, so daß es schwierig erscheint, unverletzt dazwischen

durchzukommen.

Von hier an beginnt das lichte Grün des Zuckerrohrs, sich in der Ferne

wie eine unendlich frische, saftige Wiese von der dunklen Tönung des

Waldes abzuheben.

Kreuz und quer über den Fluß, bis das Tal sich weitet, die Hügel

zurücktreten und mitten im lichtesten Grün zwischen Palmen und

Orangenbäumen die blanken Wellblechdächer der Hacienda Cañamina, des

Hauptsitzes des Syndikats, in der Sonne blinken.

Wo sengende Sonne und Wasser im Überfluß zusammenkommen, da wächst die

Caña, das Zuckerrohr. So viel Wasser braucht die Pflanze, daß selbst

der reichliche Regen hier in den Yungas nicht ausreicht und zwischen

den Reihen der bambusartigen Stauden ständig die Fluten künstlicher

Bewässerung rinnen müssen, welche die von den Bergen herunterstürzenden

Gießbäche speisen.

Einundeinhalbes Jahr braucht das Zuckerrohr bis zur Reife, bis die

Neger oder Indianer tagtäglich mit ihren meterlangen, schweren, breiten

Messern in die Cañaverales, die Zuckerrohrfelder, hinausziehen, um das

Rohr zu schneiden.

Harte Arbeit; denn glühend sticht die Sonne, und unermüdlich

umschwirren die Arbeiter Schwärme bissiger Moskitos. Aber immer gibt es

Ruhepausen, in denen das süße Rohr eifrig geschält und gelutscht wird.

Da sieht man überall die schmatzenden, kauenden Gruppen die dicken

Stengel zerbeißen, und aus den Mundwinkeln trieft der schwere süße Saft.

Bald geht man über schwankendes Gewirr hochgehäufter Rohre, bis die

Mulas kommen, um sie zur Mühle zu schaffen.

Auch für die Mühle ist der hundert Meter hoch herabstürzende Gießbach

belebende und treibende Kraft, der in enge Röhre eingezwängt zum

Peltonrad hinunterschießt, um die Trapiche, das Walzwerk, zu treiben,

zwischen dem die Caña bis auf den letzten Tropfen ausgepreßt wird.

Während sich das trocken ausgelaugte Rohr in hohen Haufen stapelt, um

später als Feuerungsmaterial unter den Kesseln zu dienen, rinnt der

Huarapu, der durch die Trapiche ausgepreßte Saft, in große Bottiche,

in denen er sich zum Most wandelt, bis auf mancherlei Umwegen durch

Destillation und Rektifikation als Endprodukt der Alkohol gewonnen ist.

Auch hier ist es nicht Zucker, der aus der Caña erzeugt wird; Alkohol

bringt mehr Geld. Er bringt viel Geld. Die Lata zu 20 Liter wird zu 43

Peso verkauft, mitunter steigt der Preis bis auf 75 Peso. Ein Hektar

mit Caña bestellt, produziert etwa 130 Latas Alkohol. Es muß ein

glänzendes Geschäft sein.

Der Administrator ist auch sehr zufrieden und er denkt daran, den

Betrieb zu vervielfachen. Der Alkoholbedarf im Land nimmt auch ständig

zu. Der Administrator ist ein außerordentlich liebenswürdiger Wirt,

und so unterlasse ich denn, daran zu erinnern, daß ein ganzes ehemals

gesundes, kräftiges Volk langsam am Alkohol zugrunde geht.

42. Weg im Fluß.

Tirata.

Das Wasser stieg höher und höher. Jetzt reicht es schon über den Gurt.

Aber schlimmer war noch die rasende Gewalt, mit der es zwischen den

Granitblöcken einherschoß. Schwer kämpfte das Tier. Jetzt glitt es,

sank. Schon fühlte ich seinen Kopf neben dem meinen, schwamm frei im

Strom.

Aber als, statt zu versinken, der Maultierkopf noch immer an meinem

Gesicht schnupperte, erwachte ich langsam aus dem Traum. Schaukelnd lag

ich in der zwischen einem Eukalyptus und einer Kaktee ausgespannten

Hängematte, und „Jutta“, meine Maultierstute, die ich neben dem

Lager angebunden hatte, stieß mich ärgerlich mit dem Kopfe, da sie

augenscheinlich ihre abendliche Ration aufgefressen hatte und mehr

haben wollte.

Über mir glitzerte am tiefdunklen Nachthimmel die ganze Überfülle des

südlichen Sternhimmels, und langsam kam die Erinnerung zurück.

„Reiten Sie auf keinen Fall allein durch den Fluß. Sie kennen die

Furten nicht, und dann: wir sind schon weit in der Jahreszeit, von

einem Tag auf den andern können die Wasser kommen.“

So hatte der Administrator von Cañamina dringend abgeraten. Aber ich

hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, den Weg über den Rio de La

Paz zu nehmen, der eigentlich gar kein Weg ist, sondern ein Wandern

im Flußbett mit hundertfältigem Kreuzen des Flusses, und stellenweise

führt der Weg überhaupt mitten im Fluß, weil rechts und links nichts

ist als steile Felsmauern.

Beim Abreiten von Cañamina sah es auch wenig verlockend aus. Der Himmel

überzog sich. Es fing an zu tröpfeln, und wir kamen ziemlich durchnäßt

nach Miguillo. Hier fing es in der Nacht aber erst richtig an, und ich

verstand, warum man hier nicht „Regenzeit“ sagt, sondern „Zeit der

Wasser“, und nicht „Es regnet“, sondern „Wasser fällt“.

Da es aber am nächsten Morgen besser wurde, ritt ich, noch in der

Dunkelheit, los. Es wurde rasch hell, als ich an den Fluß kam. Allein

von der Spur, von der sie in Miguillo gesprochen, war bald nichts mehr

zu sehen; sie verlor sich völlig zwischen den Steinen.

Also aufs Geratewohl los, und wenn steil an das Flußbett herantretende

Felsen zum Kreuzen des Flusses zwangen, sorgfältig Breite, Tiefe und

Stärke der Strömung geschätzt, und hinein ins Wasser. Ärgerlich nur,

daß die Fluten des Flusses, der allerdings auch den ganzen Dreck und

Unrat der Hauptstadt mit sich führt, unter dem schmutzigen Braun nie

erkennen ließen, was sich unter den Wogen und Wirbeln verbergen mochte.

Das erstemal ging es ganz gut, wenn ich auch bis über die Knie ins

Wasser kam. Aber dann wurde ich leichtsinnig, und beim Passieren einer

nicht ganz unbedenklich scheinenden Stelle gerieten wir bis über den

Sattel unter das gurgelnde Wasser. Einen Augenblick schien es, als

sollte das Maultier seinen Halt verlieren und als würden wir beide von

der Strömung fortgerissen. Aber dann faßte das starke Tier wieder Fuß

und arbeitete sich mit ungeheuerer Anstrengung ans Ufer. Tropfnaß waren

wir, doch es war wenigstens nur beim Schrecken geblieben.

Aber als die Mula dann auch noch in einer langgestreckten sandigen

Mulde einmal bis zum Gurt in Schlamm einbrach und ich sie nur durch

raschestes Abspringen wieder herausbrachte, wurde ich vorsichtiger:

ich suchte die Spur, bis ich sie fand, und hielt mich von da an

ängstlich an die wenigen Merkmale zwischen den Steinen: ab und zu die

Spur eines Hufeisens oder eines nackten Fußes. Da aber auch Wind und

Wasser stellenweise sonderbare Zeichen in den Sand gegraben hatten, die

menschlicher oder tierischer Spur täuschend ähnlich sahen, segnete ich

die Verdauung der Mulas und Esel, deren „Tierisches, allzu Tierisches“,

von Zeit zu Zeit freudig begrüßt, unverkennbare Beweise bildete, daß

ich mich auf dem richtigen Weg befand.

So war ich in zwölfstündigem ununterbrochenem Ritt nach Ornuni gelangt,

der ersten Tagesstation, d. h. ganz Ornuni besteht nur aus einer

windigen schiefen Bambushütte, in der zwei alte Indianerinnen hausen.

Aber es gibt hier wenigstens frisches Wasser, ab und zu Futter und

einige Bäume, die bei Unwetter bescheidenen Schutz gewähren, und so

ist der Platz zum Übernachten immer noch besser als das steile, kahle,

steinige Flußbett.

Am nächsten Morgen ging’s früh wieder heraus; denn die Tagesstrecke

war wieder lang, und das Schwierigste stand noch bevor: die Angosturas,

die Felsengen.

Das Flußbett wird enger und enger. Immer häufiger geht es in ständigem

Zickzack kreuz und quer durchs Wasser. Aber der Pfad, der unter den

Felsmauern hinläuft, wird immer schmaler, bis er sich völlig im Wasser

verliert.

Man steht vor einem Schlund. Zwischen senkrechten Felswänden, die zum

Himmel ragen, rauscht unheimlich gurgelnd und wirbelnd der Bergfluß

herab. Es hilft nichts. Der Weg führt im Fluß, hinein ins Wasser.

Ich habe keine Ahnung, führt der Pfad im Wasser am rechten, am linken

Ufer, in der Mitte, geht es erst links, dann rechts? Es hilft nichts...

hinein!

Bis an die Bügel, bis an die Knie, bis zum halben Oberschenkel steigt

die Flut. Unheimlich gurgelt und rauscht es. Mit aller Macht kämpft das

Tier gegen den Strom. In Windungen führt die Klamm. Man sieht nichts

als die alles einschließenden Felsmauern, und unter sich die reißende,

schmutzige Flut.

So ging es hintereinander durch drei Schluchten. Dazwischen schwer

passierbare Engen, wo man auf und ab über Granitblöcke und Felsgeröll

klettern mußte. Kurz vor meiner Reise las ich den Roman eines

bolivianischen Autors, Alcides Arguetas, in dem dieser Weg im Fluß

die Hauptrolle spielt und seine Passage als gefährlichstes Abenteuer

hingestellt wird. Freilich, wenn die Wasser fallen und wenn von

den Felsen herunter die „Mazamorra“ hereinbricht, der gefährliche

Bergrutsch, dann mag es eine verteufelte Lage sein in den Angosturas,

in denen man gefangen ist wie in einem unentrinnbaren, tückischen Käfig.

Und trotzdem die Sonne schien, war auch ich im Grunde recht froh, als

ich die letzte Enge passiert hatte und am Horizont des sich weitenden

Tals das stark leuchtende Grün von Tirata vor mir sah, der ersten Finca

am Fluß.

43. Die Seele des Indio.

La Paz.

Allerseelen. Die Glocken läuten. Übervoll sind die Kirchen. Man ist

fromm und gut katholisch in Bolivien. In der Mitte auf den Bänken

die Frauen und Mädchen der „Weißen“, olivbraun, im dunklen, den Kopf

einhüllenden Manto, die sonst auf dem Prado flirtenden Augen auf das

Gebetbuch gesenkt.

Die Orgel erklingt. In Seide und Gold eifert von der Kanzel der

Priester: „Denkt der Verstorbenen, betet für ihre Seelen!“ Ja, ja, es

sind die Malquis, die Toten, die wiederkommen und in ihre alten Körper

schlüpfen, wenn man an sie denkt, unsichtbar zwar, aber darum nicht

weniger wirklich. Sie sind mächtige Geister jetzt, die schützen und

strafen können. Man darf ihrer nicht vergessen. Auch der Priester sagt

es.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 12 / 19 段