von Gemüsen und Früchten, die ihr völlig unbekannt sind. Zunächst
einmal die zirka 200 Kartoffelarten, die es hier in der Heimat
der Kartoffel gibt, dazu die Chunos, auf Eis und in der Sonne zu
Steinhärte getrocknete Knollen, die, dann wieder in Wasser geweicht,
das Lieblingsgericht der Indios bilden, die Tuntas, durchs Wasser
gezogene und an der Sonne getrocknete Kartoffeln, und dergleichen mehr.
Eine Delikatesse, auch für Europäer, sind die Ocas, die in gefrorenem
Zustand zusammen mit Miel de Caña, dem Saft des Zuckerrohrs, gegessen
werden. Dazu die Fülle fremder Früchte, deren Königin die Chirimoya
ist, eine mitunter kindskopfgroße Frucht mit herrlich süßem, weißem
Fleisch.
Wie mit Gemüse und Frucht ist es mit Fleisch; denn auch alle inneren
Teile, wie Kaldaunen, Magenwände und dergleichen, was in Deutschland
Anrecht der Hunde beim Schlachten ist, liegt hier aus, und Stier- und
Hammelhoden sind beispielsweise gesuchte Leckerbissen.
Besonders Sonntags, dem Hauptmarkttag, flammt und leuchtet die ganze
Calle Recreo in buntesten Farben. Die Indias und Cholas, auf den
Boden gekauert, blühen in ihren weiten, bunten Röcken und Tüchern
gleich farbigen Blumen aus dem Boden. Zwischen goldenen Orangen,
blassen Limonen, gelben Bananen liegt in bunten Lappen ein schreiender
Säugling. Dazwischen gackern Hühner, schnattern Enten und blähen sich
Truthähne, während die vollgepackten Lamas mit unglaublich dummen und
arroganten Mienen durch die Menge schieben.
In einem unterscheiden sich die Marktfrauen von La Paz wohl von
allen der Welt. Man kann alles nachprüfen, alles anfassen und
dann weitergehen, ohne etwas zu kaufen, und man wird doch kein
unfreundliches Wort hören. Überhaupt spielt sich das ganze Geschäft
sehr eigenartig ab. Feste Preise gibt es nicht. Die Eingeborenen
fordern zunächst so viel, wie sie meinen, daß der Gringo, der
Ausländer, dumm genug ist zu bezahlen. Das ist in andern Ländern
ähnlich, aber eine bolivianische Spezialität mag sein, daß der Weiße,
wenn das Geschäft nicht anders zustande kommt, sich einfach die Ware
nimmt und bezahlt, was er für angemessen hält. Nur in den wenigsten
Fällen wird der Indianer dagegen aufzumucken wagen.
Er ist es ja auch nicht anders gewöhnt. Bereits am Eingang der Stadt
erwarten die Zwischenhändler, meist Cholos, die Indianerkarawanen
und nehmen ihnen ihre Lasten ab zu Preisen, die sie selbst ziemlich
einseitig und willkürlich festsetzen. Auch der Weiße, der von den
Indios ganze Lasten kauft, Gerste, Futter oder Brennmaterial, macht das
Geschäft meist derart, daß er zunächst durch sein Dienstpersonal die
Lasttiere, Esel oder Lamas in seinen Hof treiben und abladen läßt. Wenn
er dann den Preis bietet, großes Jammern des Indianers, der aber doch
meist zufrieden abtrollt, wenn man ihm noch ein paar Centavos für Coca
drauflegt. Mitunter helfen allerdings ein paar Fußtritte nach.
An diese ganz anderen sozialen Verhältnisse muß man sich überhaupt erst
gewöhnen. Vielleicht muß man sehr weit nach Afrika hineingehen, um noch
diese Unterwürfigkeit des Farbigen dem Weißen gegenüber anzutreffen.
Selbstverständlich, daß kein Weißer etwas trägt. Kauft man nur die
geringste Kleinigkeit auf dem Markt, so ist man von einem halben
Dutzend Indianerbuben umdrängt, die das Paket tragen wollen. Sollte
aber gerade keiner Lust dazu haben, und der Weiße sieht sich suchend
um, so mahnt ein eingeborener Polizist mit ein paar sanften Püffen den
nächstbesten Indio an seine Pflicht dem Weißen gegenüber. Der Begriff
„Blanco“, „Weißer“ ist dabei übrigens nicht wie in den Südstaaten der
Union eine Rasse, sondern ein sozialer Begriff. Auch der Mischling und
der Indio haben auf das gleiche Vorrecht Anspruch, wenn sie zu Stellung
und Vermögen gekommen.
Mitunter kann man es auf dem Markt auch erleben, daß ein paar
Polizisten mit Besen erscheinen, sich die nächsten Indios aufgreifen,
den Widerstrebenden die Besen in die Hand drücken und sie erst einmal
unter Aufsicht der Polizei den Platz kehren lassen, ehe die armen
Betroffenen ihren beabsichtigten Geschäften weiter nachgehen können.
„Mamita“ oder auch „niña, niñita“ -- „Mütterchen“ oder auch wohl
„Schönes Kind“ -- schallt es den über den Markt gehenden Europäerinnen
entgegen. Fleisch, Früchte, Bauerntöpfe, bunte Tücher werden
entgegengewinkt. Es ist ein fröhliches, buntes Bild unter dem leuchtend
klaren Himmel von La Paz, und man könnte fast vergessen, daß hinter
der fröhlichen Fassade ein armseliges, gedrücktes Volk steht, und im
Hintergrund all dieser Unterwürfigkeit und sklavenhafter Demut lauert
das eine -- Haß gegen den weißen Herrn.
36. Gebirgsreise in Bolivien.
Pongo.
Noch immer ist die Wand der Cumbre in meinem Rücken. Wie der Weg
sich auch schlängelt, bleibt sie und sperrt den Horizont, ungeheuer,
unheimlich und so steil, daß man jetzt kaum versteht, wie diesen
senkrechten Fels überhaupt ein Weg hinunterführen kann, gangbar für
Mensch und Tier.
4600 Meter! Selbst wenn man aus dem 3600 Meter hohen La Paz kommt,
ist der Marsch über die Höhe anstrengend genug. Jetzt sind bereits
wieder 3800 Meter erreicht, und nach dem kahlen, nackten Fels der
Kordillerenhöhe mit den letzten Schneeresten des Winters fängt bereits
wieder das erste Grün am Wege an.
Es dämmert. Die Wand der Cumbre wächst zusammen mit den sich ballenden
Nebelwolken und steigt ins Unendliche auf. Schwache, weiße Wölkchen,
die an ihr hochziehen, entzünden sich am Abendhimmel und glühen wie
irrlichternde rosenrote Flächen auf.
Tief unten rauscht der Fluß, den die Gletscher schufen. Immer schwärzer
wird die Tiefe, daß bald nur mehr Rauschen aus undurchdringlichem
Dämmern dringt.
Wie in einen Schlund rutscht man den steilen Weg hinunter. Bizarre
Felsen am Wege türmen und häufen sich, täuschen Häuser vor. Und
dazwischen wirkliche Reste verfallener Mauern und Häuser, daß man nicht
mehr weiß, was Schein, was Wirklichkeit ist.
Aber jetzt Hundegebell. Lagernde Tiere und Menschen am Wege. Diese
Mauern sind wirklich, sind bewohnte Häuser -- die Posada.
Ein langgestreckter, niederer Bau. Ein fensterloses Zimmer neben dem
andern, auf der andern Seite des Hofes ein Strohdach, unter das die
Tiere bei Regen untertreten können. Das ist die Posada, staatlich
konzessioniertes Wirtshaus, Relaisstelle, der Posthalterstation aus der
Urgroßväterzeit noch am meisten vergleichbar. Es ist die übliche, vom
Staat vorgesehene Unterkunftsstätte in jenen Gegenden, in denen es kein
anderes Verkehrsmittel gibt als das Maultier.
Im ersten Augenblick mutet es seltsam und fast unbegreiflich an, daß in
nächster Nähe der Hauptstadt des Landes, die mit nicht weniger als drei
Bahnen mit dem Pazifik verbunden ist, ein weites, reiches, kommerziell
und wirtschaftlich überaus wichtiges Gebiet liegt, für das es keine
andere Verkehrsmöglichkeit gibt als eine kostspielige und anstrengende
Maultierreise.
So mögen wohl -- wie lange ist es her -- die Poststraßen der Alpen,
über den Gotthard und Brenner, ausgesehen haben, als noch keine
Postkutschen fuhren, Maultierkolonne hinter Maultierkolonne.
Denn die Yungas sind ja keine abgelegene, ferne Region, in die man etwa
eine Expedition unternehmen müßte, nein, es ist das Gebiet, das La Paz,
Oruro und den ganzen Minendistrikt mit Bananen, Orangen, Zitronen,
Kaffee und vor allem mit Coca versorgt, dem unentbehrlichen Stimulans
des Hochlandindianers.
[Illustration: Indianerprozession in Copacabana.]
[Illustration: Eingeborne vom Rio Beni.]
[Illustration: Indianerin am Webstuhl.
Nach einer von Jakob v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines
Indianers.]
Karawane geht hinter Karawane, Maultiere und dann wieder Esel,
struppige kleine Hochlandsesel mit langhängendem Zottelfell. Mit
Früchten und Coca aus den Yungas, mit Gerste und Fleisch vom Hochland
und mit Ware jeder Art von La Paz. Und dazwischen, spärlich allerdings,
Reisende. Am seltsamsten wohl jene Dame, die ich unterwegs traf. Sie
selbst, mit der ältesten Tochter hinter sich, auf dem Maultier; mit ihr
der indianische Diener, ein Kind vor sich im Sattel und auf dem Rücken
noch einen Säugling.
Kein angenehmes Reisen. Und so reist denn auch kaum jemand in den
Yungas außer jenen indianischen Frachtführern und etwa der eine oder
andere Fincabesitzer, der einmal im Jahr mit oder ohne Familie auf
kurze Zeit auf sein Gut kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Der
Bolivianer reist ja überhaupt nicht gern, und wenn schon, dann eher
nach Europa als in sein eigenes Land.
Schwierig, anstrengend und teuer, das war der sich immer wiederholende
Refrain, wenn ich mich nach den Reisemöglichkeiten abseits der Bahn
erkundigte.
Vor allem teuer! „Sie brauchen ein bis zwei Reittiere für sich,
mindestens ein Packtier und ein Tier für den Führer, der gleichzeitig
als Arriero die Tiere versorgt.“ Wie oft habe ich das gehört. Da kämen
allerdings leicht bald 1000 Peso für eine kurze Reise heraus.
So geht’s freilich nicht. Und so habe ich auf Packtier und Führer
verzichtet und bin allein losgeritten, das Nötigste in den Packtaschen,
wie ich es von so manchen einsamen Ritten im Balkan und in Mexiko her
gewohnt war.
Der Hof der Posada ist schon voll fremder Tiere. Eine Jagdgesellschaft,
ein Minenbesitzer und ein paar Goldsucher haben bereits ihre Tiere
eingestellt. Es gibt Beißen und Schlagen, bis jedes Tier sein Futter
hat.
Futter! Da denkt man freilich an das, was erfahrene Yungasreisende in
La Paz erzählten. Ein Tercio Cebada, ein Büschel Gerste auf dem Halm,
kostet einen Peso. Mindestens drei bis vier Tercios braucht man, um
sein Tier satt zu kriegen.
Da ist das Futter für den Menschen billiger, das ein siebenjähriger
Junge bringt -- gleichzeitig Kellner, Hausdiener und Pferdeknecht, kurz
der einzige dienstbare Geist im Hause. Suppe und Fleisch, derartig mit
Aji, dem einheimischen Pfeffer, gewürzt, daß Mund und Gaumen brennen
wie Feuer. Ein Ungar müßte seine Freude daran haben; denn gegen Aji ist
der magyarische Paprika die reinste Süßrahmbutter.
Der Junge klagt beweglich, er sei Waise und sein ganzes Gehalt bestehe
in Schlägen, bis er ein entsprechendes Trinkgeld erhalten hat. Dann
richtet er das Zimmer für die Nacht her, indem er das schmutzige
Tischtuch fortnimmt. Sonst braucht er vor etwaigen diebischen
Gästen nichts zu sichern; denn außer dem wackligen Tisch und einem
dreibeinigen Hocker steht im Zimmer nichts als das leere Bettgestell,
ein Rahmen auf vier Pfosten und darauf ein paar Riemen gespannt. Das
Lager ist hart, die Nacht kalt. Schlafsack, Decke und Mantel genügen
kaum. Draußen wiehern die Mulas. Ein Tier hat sich losgerissen und
galoppiert über den Hof.
Ich trete noch einmal unter die Tür. Eine schmale Mondsichel steht
am Himmel, und die Cumbre ragt in sie hinein. Und es ist wie scheues
Wundern, daß ich noch vor wenigen Stunden auf jener senkrechten Wand
stand und in eine unbegreifliche, märchenhafte Eis- und Felswelt sah.
37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen.
Bella Vista.
Welch ein Kontinent! Immer neue Überraschungen und neue Szenen.
Verblüffte schon in Chile das nahe Nebeneinander der verschiedensten
klimatischen Zonen, so ist das nichts gegen Bolivien. Hier ist es die
reine Hexerei. Hier ist Kälte und Hitze, Nordland und Tropen dicht
beieinander. Mit einem Sprung etwa von Nordrußland nach den Kanarischen
Inseln, weiß Gott, mit +einem+ Sprung. Nicht etwa derart, daß man von
vereinzelten eisstarrenden Höhengipfeln ins warme Tal hinunterstiege.
Das kann man in Italien auch haben. Nein, in Bolivien liegen zwei
gewaltige Gebiete, das eine kaum kleiner als Deutschland, das andere so
groß wie Bayern, dicht beieinander. Wand an Wand kann man sagen: das
Altiplano und die Yungas.
Die Wand der Kordillere, die beide voneinander scheidet, ist bei La Paz
so schmal, daß man sie in einem Tag übersteigt, und kaum daß man von
Pongo abwärts zieht, sieht man mit Verblüffung, wie das kümmerliche
kurze Gras, das den genügsamen Lamas kaum dürftige Nahrung bietet, sich
unversehens in kurzes Buschwerk wandelt. Schon geht man in niederem
Wald. Saftiges Grün, bunte Blätter, wucherndes Schlingwerk und darüber
wie Märchenvögel blaue, violette und rote Blüten.
Aber noch phantastischer ist der Wechsel, wenn man in San Felipe,
trotzdem man hier schon auf 2000 Meter und einiges hinabgestiegen ist,
die bequeme Karawanenstraße nach Coripata und Chulumani verläßt und
nochmals aufsteigt auf die steilen Hänge, die zu beiden Seiten Weg und
Fluß begleiten.
Nochmals hinauf auf 3600 Meter. Aber diesmal in steiler Steigung. Fast
muß sich das Maultier ständig um sich selber drehen, wie es jetzt
mühsam die engen Windungen der sich den Berg hinanwindenden Spirale
aufwärtskriecht.
Der Gipfel des Berges ragt in die Wolken. Bald ist man mitten drin
im Nebel, man sieht nichts mehr und erkennt nur an den niedriger und
kümmerlicher werdenden Bäumen, wie langsam wir steigen.
Eine Steigung, die nie enden will. Und immer schlechter der Weg, die
reinsten Treppen mit ausgetretenen, ungleich hohen Stufen. Dazu regnet
es jetzt. Schon dicke Tropfen. Der wasserdichte Gummimantel ist nicht
lange mehr wasserdicht. Bald dringt die Feuchtigkeit bis auf die Haut.
Die Höhe ist endlich erreicht. Fast unmittelbar fällt sie jenseits des
schmalen Grates wieder ab.
Man glaubt, falsch geritten zu sein; denn der Weg ist kaum mehr als
Geröll und Steinbruch, den der strömende Regen in die reinsten Grotten
mit Wasserfällen verwandelt. Aber die Indios, die tropfnaß mit ihren
Tieren an der andern Seite aufsteigen, nicken auf die Frage nach dem
Wege.
Also hinunter, das Tier am Zügel! Ein Springen von Stein zu Stein,
die Mula bald vorsichtig tastend, bald fast auf der Kruppe rutschend
hinterher. Dazu Wasser, Wasser in Strömen. Aber sobald man bis auf die
Haut naß ist, wird man vergnügt, denn nässer kann man nun nicht mehr
werden.
Und wie könnte man auch verdrießlich sein, wo sich das Blattwerk immer
phantastischer um einen rankt, Fächer, Teller, Schwerter, Grün in allen
Schattierungen. Hunderte von Bäumen, die man nicht kennt. Und alles
umrankt und verwoben durch schlingende, wuchernde Lianen.
Ab und zu erscheint der Berg gespalten, und den Einschnitt hinunter
stürzt aus hundert Meter Höhe ein sprühweiß gischtender Wasserfall.
Langsam vertropft der Regen. Aus dem Grün hört man seltsames Rascheln,
und fremde, bunte Vögel fliegen über den Weg, glitzernd farbige
Schmetterlinge folgen.
Aber das Wunderbarste ist doch, wie jetzt Regen und Wolken weichen, und
wie man nun, sobald die Bäume den Blick freigeben, das Land sieht, in
das man hinabsteigt.
Gewiß, es gibt Landschaften von gewaltigerer Schönheit und auch von
größerer Fremdartigkeit, aber es passiert einem kaum, daß man sie nicht
längst im Bilde sah, ehe man sie wirklich betritt. Allein, wer sah je
Bilder von den Yungas. Nicht einmal in La Paz gab es dergleichen.
So aber ist die Landschaft: Man denke sich den Schwarzwald oder den
Wiener Wald. Waldberge. Aber Waldberge, die vom Tal aus tausend,
zweitausend und mehr Meter ansteigen. Ungeheuere Kuppen, und von der
Sohle bis zur Spitze mit dem gleichen, fremdartig, tropisch anmutenden
Wald bedeckt.
Berge wie Lebewesen, unheimliche, fremdartige Lebewesen. Man sieht
keine Felswände, Schründe oder Klippen, nur Wald, Wald. Was jenseits
von ihm an Fels, Schnee und Eis der Kordillere sonst sichtbar sein mag,
decken die Wolken.
Das Unheimlichste aber ist der Fuß der Berge. Unten, ganz unten muß
ein Fluß fließen. Man sieht ihn nicht. So eng stoßen die Berge im
Tal zusammen. Man sieht nur die Krümmungslinien, in denen die steil
abfallenden und dennoch grünen Wände sich begegnen. Man möchte meinen,
daß unten hinein kein Sonnenstrahl dringe und dort düster feuchte,
dunstige Tümpel voll vorsintflutlichem Gewürm sein mögen.
All diese Wälder sind Urwald. Unbetretbarer, nie betretener
jungfräulicher Wald. Er ist beiderseits des Weges durch und durch
undurchdringlich. Man ist mitten drin und übersieht ihn doch von
Höhenwegen aus. Steht ihm gleichsam Aug in Aug gegenüber. Der Mensch
und der Wald. Seit Stunden, seit den Indianern auf der Höhe, kreuzt
niemand mehr meinen Weg.
Es gibt nur den einen unfehlbaren Weg durch den Wald, unfehlbar, denn
es gibt nicht eine Abzweigung. Und jeder muß die vorgeschriebene
Tagesreise machen. Denn vor Tagesende gibt es kein Haus, nicht die
geringste menschliche Spur. Ein endlos langer Tag durch Wald.
Ein vorspringender Rücken ist es, der das erste einsame Haus trägt.
Bella Vista. Hier ist der Wald gerodet, hellgrüne Pflanzungen, Mais,
Bananen, Zitronen, Orangen. Zu gleicher Zeit tragen die Orangenbäume
brautweiße Blüten und vollsaftige, goldene Früchte. Gelbe Zitronen und
Limas in dunkelgrünem Laub. An der Banane aber schält sich aus riesiger
violetter Blüte die vieltraubige Frucht.
Der Regen hat aufgehört, die Wolken haben sich verzogen. Man sieht
weithin talabwärts in das wellige, hügelige Grün. Nur an einzelnen
Stellen ist es sonderbar rot gefärbt. Tief orangerote, kreisrunde
Flecken unterbrechen das zarte Grün, gleichsam als durchbrächen
ungeheuere Giftpilze den Waldboden.
Es sind Ceibas, Wollbäume, Bäume ohne Blätter, nur dicht bedeckt mit
den orangefarbigen Blüten. Dicht vor den Häusern, auf die ich zureite,
steht solch ein Baum, und wie zum Willkommen wirft ein Windstoß seine
Blüten auf mich herab, während beiderseits des Weges Orangeblüten,
schneeige und rosige Pfirsichblüten schimmern und goldene und gelbe
Früchte glühen.
38. Was die Yungas erzeugen.
Coroico.
Auf steiniger, isolierter Kuppe liegt das Städtchen über 1700 Meter
hoch, und man übersieht von ihm weithin das Gewirr der am Fuß des
Berges mündenden Täler. Das dunkle Grün der Wälder hat sich unten an
den Ufern der Flüsse, deren Spiegel sich hier schon auf 1000 Meter
senkt, in lichte Farben gewandelt. Zuckerrohr, deren dichte Wedel wie
niederer Palmenwald wirken.
Unten im Städtchen ist Markt. Markt?, möchte man fragen. Wozu? Wenn
irgendwo, kann hier der Landmann erzeugen, was er braucht. Trägt ihm
sein Feld doch alle Nahrungs- und Genußmittel, gibt es doch Holz in
überreichen Mengen, Baumwolle und alle Faser- und Textilpflanzen, sogar
Farbpflanzen, während der Boden Ton und Schiefer enthält.
Gestern abend schon sind vom Alto die Hochlandsindianer mit ihren
Maultieren und Eseln in die Stadt gekommen, stumm und ernst hinter
ihren hochbeladenen Tieren. Und heute sieht man auf allen Wegen die
Yungeños dem Pueblo zuströmen, Menschen der gleichen Rasse, die
das mildere Klima doch so ganz anders formte. Neben dem ernsten,
schweigsamen Aimara vom Hochland mit seinen harten Zügen wirkt der
Yungeño frauenhaft weich, wozu allerdings viel das reiche, tief den
Rücken hinunterfallende Haar beitragen mag, das im Nacken ein Band
zusammenhält.
Aus den großen Bündeln, die die Indianer des Alto vor sich liegen
haben, schälen sich, in Heu verpackt, Korn, Gerste, Kartoffeln und
Fleisch, das in seiner trockenen, braunen Steifheit mehr wie Leder
erscheint als wie ein Nahrungsmittel. Und die Yungeños kaufen, kaufen,
daß am Mittag bereits fast der ganze Markt leer ist. Es ist eine
merkwürdige wirtschaftliche Erscheinung. Der Yungeño pflanzt wohl
seine Banane, die sein hauptsächlichstes Nahrungsmittel darstellt,
und vielleicht auch noch etwas Juca und Racacha, dicke, wurzelartige
Knollen. Aber was er darüber hinaus braucht an Fleisch, Brot und
Kartoffeln, kauft er vom Hochland, und für die Städter, denen die
Banane nicht als Nahrungs- sondern als Genußmittel dient, kommt fast
der ganze Lebensbedarf vom Alto herunter.
Was der Yungeño erzeugt, ist Luxus: Früchte, Kaffee, Alkohol (nicht
zum Brennen, sondern zum Trinken) und Coca. Letztere Pflanze, deren
getrocknete Blätter in ganz Bolivien, Peru und Nordargentinien als
Nervenstimulans gekaut werden und ohne die der bolivianische Indianer
nicht leben kann, sind das A und O aller Yungaskultur.
Der Gewinn, den die Coca abwirft, ist so hoch, daß da, wo der Boden
einigermaßen geeignet ist, ihr Anbau jede andere Kultur verdrängt.
Es gibt indianische Kleinbauern, die auf ihrem Grund und Boden nicht
einmal die für den Lebensunterhalt wichtigsten Pflanzen, nicht
einmal ein paar Bananen bauen, sondern die alles, bis auf das letzte
Fleckchen, mit Coca bestellen und den gesamten Lebensunterhalt in der
Stadt kaufen. Und die Einnahme aus dem Cocaverkauf ist so hoch --
mitunter selbst für den Kleinbauern, der nicht mehr als ein paar Hektar
bestellt, bis zu 9000 Peso --, daß er unbedenklich die durch die Fracht
enorm hohen Preise für alle Lebensmittel, die höher sind als in La Paz,
zahlen kann.
Freilich nötig wäre es nicht, selbst bei intensivster Coca-, Kaffee-
und Rohrzuckerkultur nicht, daß das Alto die Yungas ernährt; denn
von den weiten Yungas ist erst ein winziger Teil kultiviert, und
oberhalb der Cocafelder und Bananenpflanzungen sind die Berge noch alle
bedeckt mit undurchdringlichen Wäldern, an deren Stelle sich Weizen-
und Gerstenfelder dehnen könnten, mehr als ausreichend, die ganze
Yungasbevölkerung zu ernähren, und endlose Weiden für Viehherden, die
die Hauptstadt des Landes mit Butter zu versorgen vermöchten, statt,
wie es heute geschieht, sie mit hohen Kosten aus Peru oder Chile kommen
zu lassen.
Wenn man nach dem Grund frägt, immer die gleiche Antwort: „~falta de
brazos~“, „Mangel an Arbeitskräften“, und so sind die Yungasprovinzen,
die sich wie eine köstliche Blume an die Hänge des Hochlandes
schmiegen, heute fast nichts als Parasiten. Was sie erzeugen, ist
Luxus, schlimmer noch -- Gift. Über die Coca kann man ja zweierlei
Meinung sein; sicher ist, daß der seit unzähligen Generationen daran
gewöhnte Indianer nicht ohne sie leben kann. Aber auch aus dem
Zuckerrohr wird nicht Zucker gewonnen -- und Zucker braucht das Land;
denn heute wird er noch zu hohen Preisen aus Peru und Argentinien
eingeführt --, sondern lediglich Alkohol, vierziggradiger Alkohol, der
bei den Indianern unverdünnt das Hauptgetränk für Mann und Frau bei
ihren Festlichkeiten ist.
39. Eine Yungasfinca.
Coripata.
Die beiden Goldsucher aus Pongo waren vor mir hergeritten. Sie wollten
den Rio Peri nach dem gelben Metall absuchen. Als ich an den Fluß
herunterkam, fand ich noch die Spuren ihres Lagers; sie selbst waren
schon fort. Sie hatten wohl nichts gefunden, oder die Moskitos hatten
sie vertrieben, wie mir ein vorbeireitender Administrator einer Finca
erzählte.
Auf den Höhen merkt man übrigens nichts von Moskitos, und trotzdem
ich Moskitonetz und Schleier mitführte, hatte ich noch für keines von
beiden Verwendung.
Dagegen war es doch schon recht heiß. Ich war ziemlich spät von Coroico
abgereist, und das ganze Yungasgebiet kennt keinen ebenen Weg. Ständig
geht es auf und ab bei stärkster Steigung, und selbst wo eine Straße am
halben Hang entlang führt, geht sie in Kurven auf und nieder.
Coroico, Coripata, Chulumani, das ist das Herz der Yungas. Hier sind
alle Hänge entwaldet. Es gibt keinen Baum mehr, alles Banane, Kaffee,
Coca, alles gleich schattenlos.
So kam mir die Finca halbwegs nach Coripata gerade recht, um während
der größten Mittagsglut kurze Rast zu machen. Aber als ich mit dem
Administrator ins Gespräch kam, stellte sich heraus, daß er drei Jahre
in Weimar auf einer landwirtschaftlichen Schule gelernt hat. Seit den
sechs Jahren, die er wieder zurück und in den Yungas ist, war ich der
erste Deutsche, den er gesprochen. So lud er mich zum Bleiben, und ich
nahm gerne an.
Die bolivianische Finca hat mit der argentinischen Estancia die
Ausdehnung gemein. Zehntausende von Hektaren sind die Regel. Allerdings
sind hiervon stets kaum ein paar hundert, oft kaum ein paar Dutzend
Hektar bewirtschaftet. Alles übrige liegt brach, unerforscht, und die
Grenzen kennt der Besitzer in der Regel selbst nicht.