Calichera, Salpeterfeld! -- Heißer Stein, heiße Arbeit! Ein halbes bis

ein Meter tief liegt der Caliche, das kostbare Mineral, unter taubem,

wertlosem Gestein. Sprenglöcher werden gebohrt, mühsame, wochenlange

Arbeit mit Schlegel und Eisen, mit selbstbereitetem Schwarzpulver

gefüllt -- Salpeter gibt es ja genug, Schwefel liefern die nahen

Schwefelfabriken, Kohle die Bahn -- und gesprengt. Die hohen, schwarzen

Rauchwolken inmitten all der Sprengtrichter vollenden den Eindruck des

Schlachtfelds.

In den heißen Kesseln der Sprengtrichter, die sich bald

schützengrabenartig aneinanderreihen, geht die harte Arbeit des

Losbrechens und Zerkleinerns des Caliche weiter. Das Mineral ähnelt in

Form und Farbe dem es deckenden Stein. Der Laie vermag einen vom andern

nicht zu unterscheiden, und auch der Aufseher bedarf der brennenden

Lunte, um den Salpetergehalt des zu brechenden Minerals zu prüfen.

Ist es hoch salpeterhaltig, so brennt der Stein mit heller, sprühender

Flamme, während der geringwertige kaum trübglimmende Funken gibt.

Hart poltert der gebrochene Stein in die von Mulas gezogenen

Karreten. Im Galopp zur Rampe. Von da mit der Kleinbahn zur Oficina,

der Salpeterfabrik. Jede Oficina baut sich auf wie eine Burg. Auf

ihren Zinnen stürzt der Caliche aus den Kipploris in die Brecher und

Mühlen, die ihn zerkleinern und mahlen, bis ihn ein Förderwerk in

die „Cachuchas“ leitet. Cachuchas sind rechteckige, offene Kessel,

wie riesige Badewannen, die, von Heizschlangen durchzogen, in langen

Reihen aufmarschieren. Einige frisch gefüllt, kaum daß aus der

Steinschicht die ersten unheimlichen Dämpfe aufsteigen, andere in

vollem, brodelndem Kochen, schwadenumwallt. Bisweilen ist alles in

beizenden Qualm und Rauch gehüllt, durch den man halbnackte Gestalten

mit langen Eisenstangen in den Händen springen sieht. Manch einer fiel

unvorsichtig ausgleitend in die siedende Brühe. Längs der Bahn sind

genug Gräber.

In kochendem Sud löst sich der Salpeter aus dem Stein. Die wertvolle

Lösung wird in die „Chulladores“ geleitet, während der schlammige

Rückstand, der „Ripio“, durch geöffnete Bodenklappen in Loren fällt,

die ihn auf die Halde führen. Doch auch der Ripio ist nicht wertlos. Er

enthält noch Jod, und vor allem Wasser, das man ablaufen läßt und in

grünlich-schmutzigen Becken sammelt.

Wasser! Das ist ja die große Not in der Salpeterwüste. Der Prozeß

erfordert viel Flüssigkeit, und jeder Tropfen kommt meilenweit in

langen Rohrleitungen von der Kordillere her. Die Tonne Wasser kostet

anderthalb Peso, und ein mittelgroßes Werk verbraucht im Monat für

14000 Peso Wasser. So sucht man im ganzen Arbeitsprozeß Wasser zu

sparen, und auch im Campamento ist der Wasserbedarf kontingentiert.

Heiße Wüste und Wasserknappheit!

In den Chulladores setzen sich Fremdkörper aus der Flüssigkeit ab,

und die konzentrierte Lösung wird in die Bateas geleitet. Die Bateas

sehen aus wie die Klärbecken eines Wasserwerkes, offene, eiserne

Tanks, quadratisch aneinandergereiht. Hier kristallisiert in zwei bis

drei Tagen der Salpeter aus. Und jetzt erst bekommt er seine schöne

glänzend weiße Farbe. Die Tanks voll fertigem Salpeter glitzern gleich

Schatzkammern märchenhafter Schätze. Am Fuß der Bateas waten die

Arbeiter, die den Salpeter in Säcke füllen, wie in silbernem Schnee.

Schätze! Sie zahlen nicht nur den ganzen teueren Apparat in der Wüste,

wo der Unterhalt jedes Menschen drei, jedes Tieres sechs Peso pro Tag

kostet, sie zahlen nicht nur die Steuern des Landes, sie geben auch

reichen Überschuß.

Eine Oficina produziert im Monat 70000 Quintal (zu 46 Kilogramm),

die Provinz Antofagasta allein 3,5 Millionen. Wie Kraken wandern

die Oficinen über das Land, reißen den Boden auf und lassen wild

zerfleischtes Land zurück. So geht es Jahrzehnt um Jahrzehnt. Die noch

jungfräuliche Calichera aber ist noch unabsehbar, auf unbegrenzte

Zukunft deckt sie den Weltbedarf. Auf dem Salpeter beruht Chiles

Existenz; aber eine Gefahr steigt unheilvoll am Horizont auf: die

fortschreitende Vervollkommnung in der Gewinnung künstlichen Salpeters;

sie droht Chiles Weltmonopol zu zerstören und damit die Wirtschaft des

Landes schwer zu schädigen.

32. Pampinos.

Calama.

Wir standen unter der Tür des Administratorhauses und sahen auf das

Werk. Seine Lichterreihen bauten sich terrassenförmig auf, und darüber

hoben sich vom sternklaren Nachthimmel die rauchenden Essen ab.

„Wie ein Schiff“, meinte nachdenklich der Administrator.

„Ja, wie ein Schiff.“ Ich mußte an die lange frauenlose Männerrunde der

Beamten und Ingenieure denken, die immer die gleiche blieb, die nie

wechselte. Immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Arbeiten,

und kaum einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub nach Antofagasta.

„Der Unterschied ist nur der,“ fuhr der Leiter des Werkes fort

-- er war vor dem Kriege als Kapitän zur See gefahren, und das

Kriegsschicksal hatte ihn in die Pampa verschlagen --, „ein Schiff legt

an, ein Schiff wechselt Ladung und Passagiere; wir aber, wir liegen

ewig am gleichen Fleck im Ozean vor Anker.“ Das Werk lag jetzt wirklich

wie ein phantastisches Schiff in der Wüstennacht. Unendlichkeit von

Wüste und Himmel, gleich ewig, gleich drückend, gleich grausam.

„Noch ein paar Jahre als Pampino, dann --.“ Wir gingen zum Whisky

zurück ins Haus.

Pampino, Pampabewohner, es ist ein eigener Menschenschlag. Allein,

wenn sich Werkleiter und Beamte auch dazu rechnen, wenn man ihn

wirklich und echt kennenlernen will, den „Pampino“, muß man ins

Campamento, ins Arbeiterlager, gehen.

Ich habe als Student im Industrierevier gearbeitet, vor dem Hochofen,

im Stahlwerk, im Walzwerk, und dieses Land von Ruß und Feuer, von

Schlackenhalden und Essen schien mir seitdem das grauenvollste, die

Arbeit als Hüttenarbeiter die schwerste und freudloseste. -- Es war

ein Irrtum. Die Salpeterpampa ist schlimmer. Wohl gibt es auch in

europäischen Kohlen- und Eisenrevieren Arbeiterkasernen. Aber oft

sind es freundliche Häuser mit Gärtchen. Es gibt doch Bäume, andere

Häuser als Wellblechbaracken, andere Menschen als die täglichen

Arbeitskameraden. Man kann in die Stadt gehen oder schließlich an

Sonntagen auch ins Freie, ins Grüne.

Das Campamento -- zwei Reihen Wellblechbuden, eine wie die andere,

primitiv aus Blechtafeln zusammengesetzt. Vorne ein Wohnraum, dann

durch eine kaum mannshohe Zwischenwand abgetrennt ein Schlafraum,

dahinter ein Hof, gleichzeitig Küche, Vorratsraum, Rumpelkammer und

alles übrige. Freilich, man kann die Unterkunft primitiv halten in

diesem Landstrich. Es regnet ja nie. Aber das Wellblech gibt auch in

gleicher Weise der sengenden Glut des Tages wie der beißenden Kälte der

Nacht Zutritt.

Campamento und Werkleitung, das ist Todfeindschaft. Wie die Dinge

liegen, künden auf den ersten Blick die schweren, eisernen Gitter,

die doppelten Läden und die eisernen Querbalken, die in wenigen

Augenblicken Verwalterhaus und Beamtenwohnungen in starke Festungen

verwandeln können. Und dann ist gar nicht weit die Carabinerostation,

zu der eine direkte Telephonleitung führt.

Dem Salpeter dankt Chile seinen Reichtum, aber auch die Verschärfung

seiner sozialen Frage. Gewiß, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit

durchzieht die ganze Welt. Er muß auch in der Pampa zum Ausdruck

kommen, ob aber in dieser scharfen, erbitterten Form? Man hört von

gestürmten Oficinen, von erschlagenen Werkleitern, von Plünderungen,

aber andrerseits auch von Gewalttaten gegen streikende Arbeiter, von

ganzen Belegschaften, die von den Carabineros einfach in die Wüste

getrieben wurden. In die Wüste, in der kein Halm wächst, in der kein

Tröpfchen Wasser zu haben ist, wo die Sonne erbarmungslos sticht.

Man sagt mir, der Arbeiter verdient gut. Aber was sind 8, 10 oder

selbst 12 Peso im Tag für die Arbeit und das Leben, das er führen muß?

Dabei braucht ein Mann für das nackte Leben im Tag zweieinhalb bis

drei Peso. Und alles, was der Arbeiter und seine Familie benötigt an

Nahrung, Kleidung, Hausgerät, muß er in der Pulperia, der Werkkantine,

kaufen, und die Werkleitung setzt die Preise fest.

Jede Oficina gibt ihr eigenes Geld aus, aus Kautschuk geprägte Fichas.

Sie hinterlegt dafür eine gleichwertige Summe in Bankbilletten bei der

Nationalbank. Das Kautschukgeld ist handlich und praktisch, aber auch

sein sonstiger Zweck liegt auf der Hand. Es hat nur in der Salpeterzone

Kurswert. Und dann: „Wenn die Arbeiter die Kasse stürmen,“ meinte

der Zahlmeister zu mir, „so ist eben nicht viel verloren; die

betreffenden Fichas werden dann einfach für wertlos erklärt.“ Zu

ihrer Charakterisierung genügt schließlich, daß ihre Abschaffung ein

Programmpunkt der radikalen Partei ist, die jetzt mit dem neugewählten

Präsidenten Arturo Alessandri in Chile zum erstenmal zur Herrschaft

gelangt.

Von manchen Werken wird allerlei an Wohlfahrtseinrichtungen getan. Man

legt Plazas an, läßt Musikkapellen spielen, richtet Kinos ein. Aber

ich habe auch Werke gesehen, in denen der Eintritt ins Kino für den

Arbeiter einen Peso kostet, so daß die Werkleitung auch noch mit ihrer

Wohlfahrtseinrichtung ein fettes Geschäft macht. Aber auch selbst wenn

es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen sind, es bleibt ein Almosen. --

„Wenn die Regierung, die so viel an den Salpeterabgaben verdient,

wenigstens darauf dringen wollte, daß die Werke hygienische,

menschenwürdige Unterkunft schüfen!“ meinte der Unterbeamte, mit dem

ich durch das Campamento ging. „In einem solchen Raum schlafen, wohnen

und essen oft zehn Menschen zusammen.“

Bezeichnend für die bisherigen politischen Verhältnisse in Chile ist,

daß die Arbeiter wohl das Wahlrecht haben, daß aber die Ausübung des

Wahlrechts sehr erschwert ist, da sie dazu nach Antofagasta fahren

müssen, fünf bis acht Stunden Bahnfahrt. Und da nur täglich ein Zug

fährt, bedeutet das einen Lohnausfall von zwei bis drei Tagen, ganz

abgesehen von den teueren Reisekosten.

Die Sonne brennt durch die Scheiben des Zuges. Die Wüste flimmert. Der

Speisewagenkellner bringt Beefsteak mit Spiegelei, Preis 3,60 Peso.

Die Frau, die es bestellt hat, trägt unter ihrem ärmlichen Kleid kein

Hemd. Ihr gegenüber sitzt eine Bolivianerin in bunten Tüchern mit einem

Säugling. Wie sie das Kleid abhebt, um den Säugling zu stillen, tropft

von der braunen Brust langsam ein schwerer weißer Tropfen zu Boden.

33. Unter Vulkanen.

Ollague (chilenisch-bolivianische Grenze).

Von den Felsmauern herab, die oben blank von Eis sind, kollert ein

brauner Stein, stürzend, sich türmend, ein Strom von Stein. Rasend

rasch kommt er näher, füllt das Tal, prallt an den Bahndamm, staut sich

zu beiden Seiten. Wir fahren mitten hindurch.

Lava! Bräunlich-schwarze, graue Lava. Hochgetürmt, daß der Zug fast

darin versinkt. So frisch sieht sie aus, als sei sie eben erst vom Berg

herabgeflossen, und ist doch hundert, tausend, vielleicht viele tausend

Jahre alt.

Zone der Vulkane. Die weißen Schleier, die um die Spitzen der Berge

hängen, sind nicht Wölkchen, die sich an ihren Zacken gefangen. Es ist

Rauch, Wasser- und Schwefeldampf, der aus den Kratern steigt. Wie der

Zug weiterfährt, sieht man durchs Glas deutlich, wie es aus runden und

ovalen Kratermäulern weiß und gelb in die Höhe schießt.

[Illustration: Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana.]

[Illustration: Ein frischer Trunk.]

[Illustration: Bepackter Hochlandesel.]

Wir sind in der Werkstatt der Erde. Tief unter dem Boden, über den

wir eilen, ruhen die Kräfte, die diesen Kontinent schufen, veränderten

und verändern werden. Sah es nicht unten im Archipel südlich von

Puerto Montt aus, als sei hier die See in das chilenische Längstal

hineingebrochen und habe es in einen langen Meeresarm verwandelt und

die ragenden Kuppen der Küstenkordillere in Tausende von Inseln?

Hier oben im Norden aber, wo der Salpeter quadratkilometerweit das Land

bedeckt, möchte man glauben, als habe das ganze Land sich aus dem Meer

gehoben, aus dessen verdunsteten Wassermengen das Seesalz zurückblieb,

das stellenweise in blinkender dicker Kruste den steinigen Fels

überzieht.

Aber schon die Salpetergegend war 1000 Meter, 1500 Meter hoch, Calama,

wo die großen Salzseen sind, 2000, und die letzte Station, an der der

Zug vorbeieilte, trug die Zahl 3223 Meter.

So wäre ganz Südamerika einst am Grunde des Meeres gelegen? Doch nein!

Lag nicht östlich des Kontinents Atlantis, der sagenhafte versunkene

Erdteil? Vielleicht war er nichts anderes als die Fortsetzung der

argentinischen Pampas, und als sich in unvordenklichen Zeiten die

chilenische und peruanische Küste aus den Fluten des Pazifik hob, da

versank im Osten die weite Ebene in den Wassern des Atlantik, so daß

sich der ganze Kontinent um seine Achse drehte wie der Balken einer

ungeheuren Wage.

Die Berge beiderseits der Bahn sind rot und blau, in bunten Streifen

gefärbt. Wie Hermelinbesatz zieht sich über scharfe Kämme und Grate der

ewige Schnee, und darüber die weißen und gelblichen Wolken wie eine

Warnung: Wir sind immer da, wenn wir auch zu schlafen scheinen, wir

ewigen Kräfte, die wir die Welt wandeln und zerstören.

4000 Meter, fast Montblanchöhe! Die Luft von einer unwahrscheinlichen

Klarheit und Durchsichtigkeit. Man meint Hunderte von Kilometern weit

zu sehen und glaubt noch an den fernsten Hängen die kleinste Einzelheit

erkennen zu können.

Wunderlich rot färbt sich der Boden. Ein ganz satter, warmer Ton. Erst

beim Näherkommen sieht man, daß es nicht Fels noch Stein, sondern eine

niedrige fleischige Pflanze ist, eine Art Fetthenne, die meilenweit

über den nackten Stein kriecht.

Dann aber wird mit einem Schlag alles schneeweiß, glitzernd,

kristallklar zu beiden Seiten der Bahn bis an den Fuß der Vulkane.

Mitten hindurch fährt der Zug wie über einen gefrorenen See. Ein

unheimliches Gefühl; denn an einzelnen Stellen sieht man noch dunkle

Flut zwischen dem glitzernden Weiß.

Und das alles wie unter einer Kuppel von intensivstem Blau. Es ist, als

hätten sich die vulkanischen Kräfte hier auf dem Dache der Welt einen

Tempel gebaut, daß die Menschheit dahin wallfahre und sich in Demut

beuge vor den ewigen Gewalten.

Aber nein, das Weiße ist Borax. Millionenwerte liegen hier. Man braucht

sie nur aufzulesen, und weiterhin sieht man inmitten des glitzernden

Weiß Schlote und Wellblechbaracken: die Boraxwerke von Cebollar, in

denen das wertvolle Material für den Versand eingesotten wird. Seit

Jahren wird hier gearbeitet und in die Welt hinausverschickt. Aber das

Tischtuch, das hier die Natur über die Erde gebreitet, ist kaum kleiner

geworden.

Und weiterhin ist der Boden gelb; es ist Schwefel. Und gleichfalls

braucht es nicht mehr als die Mühe des Losbrechens. Grünlich gelbe

Dämpfe wallen um die viereckigen Blöcke der Schwefelöfen, aus denen das

goldgelbe Mineral fließt, Tränen in die Augen treibend und die Kehle

würgend. Aber dem, der es fand und von der Erde hob, lauteres Gold in

die Taschen.

Geld machen, Geld, Geld! Wie wird sich erst in absehbarer Zeit die

göttliche Felseinsamkeit bevölkern mit Essen und Öfen, wenn erst

weitere Schienenstränge die Kordillere durchziehen; denn die Bahn ist

hier alles. Ohne sie blieben die weiten, großen Schätze der einsamen

Erde tot. Über dem Vulkan aber steht Tag und Nacht, als stumme Warnung,

die Rauchwolke.

Als Chile noch unter den Meeresfluten lag, soll das heute kalte und

rauhe Andenhochplateau jenseits der Kordillerenkette ein paradiesisch

schönes, tropisches Land gewesen sein, die Wiege der amerikanischen

Völker. Uralte Ruinen künden, daß hier einst Weltstädte standen. Was

mag aus diesem Gebiet hier werden, wenn sich die unheimlichen Kräfte

wiederum regen, wenn neuerdings Kontinente versinken, Kontinente

erstehen?

Auf der einsamen, im Weltmeer verlorenen Osterinsel steht eine

ungeheuere Steinstatue mit traurig ergebenem Gesicht, nach Norden

blickend. Als einst die Achse des Kontinents sich drehte und Atlantis

versank, da errichteten seine entsetzten Bewohner, die das Meer über

sich hereinbrechen sahen, auf der höchsten Höhe diese Statue, wie um

den Zorn der Götter zu besänftigen, und als einziges Denkmal einer

versunkenen Welt blieb sie von der Flut verschont.

Mag es so sein oder nicht. Die Mythe ist schön, und als in Ollague

der erste Aimara an den Zug herantrat, um Llareta zu verkaufen,

die als Brennmaterial dienenden torfigen harzreichen Polster einer

Schirmblütlerpflanze, die er in unsäglich harter Arbeit in eisiger

Felseinsamkeit gesammelt, da glaubte ich in den Zügen dieses Sprossen

eines vielgeprüften Volkes die gleichen Züge trauriger und stummer

Resignation zu lesen.

Bolivien

[Illustration]

34. Das Land Bolivars.

La Paz.

Sie wollen nach Bolivien? Und gar, um dort Einwanderungs- und

Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren? Nein, das lohnt wirklich nicht

die Mühe. Minen, ja; wenn Sie Minengeschäfte machen wollen. Aber sonst,

nichts als unfruchtbare Hochfläche oder fieberschwangere Tropen. Nein,

es lohnt wirklich nicht die Mühe!

Das war das Urteil über Bolivien in Buenos Aires, und in Santiago

lautete es nicht anders. Wenn so geurteilt wird, geschieht es nicht

einmal so sehr aus Böswilligkeit als aus Unkenntnis. Was weiß man im

allgemeinen von Bolivien? Ein Land im Herzen Südamerikas, ohne Küste,

mit der Hauptstadt La Paz. Das ist so ziemlich alles. Vielleicht gibt

es wenig Länder, die gleich unbekannt und die kennenzulernen doch

derart der Mühe wert, wie dieses Land, das nach seinem Befreier Bolivar

den Namen wählte.

Freilich, es war immer Stiefkind. Schon zur Kolonialzeit. Damals

gehörte es als Alto Peru zum Vizekönigreich Peru. Allein obgleich

die Metropole Lima nicht gar so fern war, blieb es doch Hinterland,

Provinz, hinterste Provinz.

Und später, nach seiner Befreiung, hatte es auf allen Seiten neidische

Nachbarn. Kein Staat an seinen Grenzen, mit dem es nicht einmal Krieg

geführt, der ihm nicht einmal eine Provinz abgenommen hätte. Und als

ihm gar Chile im Salpeterkrieg seine Küste entriß, wurde es völlig von

der Welt abgeschlossen. Seine Waren gingen nicht mehr als bolivianische

in die Welt, sondern je nach dem Verschiffungshafen als peruanische

oder chilenische oder brasilianische. Und alle seine Nachbarn bauten

gleicherweise eine unsichtbare chinesische Mauer um das abgeschiedene

Hochland; alle machten es gleicherweise schlecht, wie es noch heute

geschieht. Denn jeder hatte ein Interesse daran, daß nicht etwa fremdes

Kapital oder Einwanderer weiter zögen in das Land der Andenhochfläche.

Und so blieb es bis zu einem gewissen Grade, hätten nicht seine

Minenschätze die Fremden ins Land gelockt -- ein Tibet im Herzen

Südamerikas.

Der Zug fährt über das Altiplano, das vielgeschmähte Andenhochplateau.

Eine steinige breite Fläche wie eine ungeheure Tischplatte. Am Horizont

verschwimmende braune Schatten, die Ketten der Kordillere. Wessen Herz

gesund, der merkt an nichts, daß wir hier 4000 Meter über dem Meere

sind.

Auf den ersten Blick sieht es freilich unwirtlich genug aus. Aber bald

entdeckt man da und dort weite gelbe Flächen: Gerste, Kartoffeln, und

selbst wo scheinbar nur Wüste und Steppe, ist der Boden doch überall

bedeckt mit einem spärlichen Grün. Spärlich, aber doch immerhin genug,

daß große Rinder-, Schaf-, Esel- und Lamaherden auf ihnen ihre Nahrung

finden.

Und Bolivien ist schließlich nicht nur Hochland und Gummizone. Zwischen

den Schneeketten der Kordillere und der fieberheißen Gummigegend an

den Rios Beni und Mamoré erstrecken sich je nach der Höhenlage alle

Klimate. Keine Pflanze, die hier nicht wächst, von den harten Gräsern

arktischer Region bis zu der wuchernden Pracht der Tropen. Kein

Mineral, das fehlt, von Eisen, Kupfer, Zinn und Gold in den Bergen bis

zu Petroleum in den Niederungen.

Aber der größte Teil seiner Schätze liegt ungehoben. Keine

Verkehrsmittel. Dazu die politischen Verhältnisse.

Bis vor etwa 20 Jahren das übliche Bild jener hispano-amerikanischen

Republiken um den Äquator herum. Revolutionen und Revolten in stetem

Wechsel. In den achtzig Jahren staatlicher Unabhängigkeit mehr als

dreißig provisorische Regierungen, d. h. alle zweieinhalb Jahr

bemächtigte sich ein anderer Parteiführer der Macht im Staate.

Seit der letzten liberalen Revolution im Jahre 1899 Ruhe und

Aufschwung, bis auch die Liberale Partei den gleichen Fehlern erlag,

die sie ehemals bekämpfte: Korruption, Machtmißbrauch, Wahlmache und

Günstlingswirtschaft, so daß am 12. Juli 1920 die Republikanische

Partei der liberalen Epoche in unblutigem Staatsstreich ein

unrühmliches Ende bereiten konnte.

In mancher Hinsicht ist dieses Land noch so weit zurück, daß ihm

gegenüber Argentinien und Chile als hochentwickelte moderne Staaten

erscheinen. Das gilt vor allem von seinen sozialen Verhältnissen.

Wenigstens in der Landwirtschaft ist das Arbeitsverhältnis noch rein

mittelalterlich-feudal. Der Landarbeiter ist Höriger, Kolone, der Hand-

und Spanndienste zu leisten hat.

Aber vielleicht ist es kaum anders möglich in einem Lande, wo eine

winzige weiße Oberschicht über zwei Millionen Indianer herrscht, die

weder lesen noch schreiben können, und -- den einen Vorteil hat diese

Zurückgebliebenheit: daß es in Bolivien keine soziale Frage gibt und

daß dieses Land bisher in der Hauptsache verschont geblieben ist von

Arbeiterschwierigkeiten, Streiks usw., unter denen seine entwickelteren

Nachbarländer ständig zu leiden haben.

Eines allerdings wird notwendig sein: diese teilweise noch halbwilden

indianischen Massen langsam zu erziehen und heranzubilden und

gleichzeitig dem bisher ihnen gegenüber beliebten Ausbeutungssystem ein

Ende zu machen. Sonst droht Bolivien zwar nicht die soziale Revolution

-- die in Argentinien und Chile immerhin schon zur Diskussion steht

--, sondern etwas viel Schlimmeres: der blutige, erbarmungslose

Indianeraufstand!

35. Markt in La Paz.

La Paz.

Markt. -- Willst du eine fremde Stadt, ein fremdes Land kennenlernen,

geh dorthin. Am gesammeltesten findest du dort noch alte Sitten,

Trachten und Gebräuche.

Markt in La Paz. Man muß weit in den Orient fahren, um die gleiche

Fremdartigkeit, die gleiche Farbenfreudigkeit zu finden. Aimaras vom

Hochland in bunten Ponchos mit unbewegten, harten Gesichtern wie aus

Coopers „Lederstrumpf“. Leute aus den Yungas, den Tälern des Innern,

in kurzen Leinenpumphosen und Filzhüten mit riesenbreitem Rand, aber

einem Puppenhutköpfchen. Cholas, Indianermischlinge, mit schwefelgelben

Strohhüten und bunten Seidentüchern. Das erstemal ist man ganz

benommen von der Buntheit der Farben, in die sich Männer wie Frauen,

Indios wie Mischlinge kleiden. Dunkelviolette Überwürfe zu orangenen

Röcken, oder indigoblaue zu purpurroten, grellgrüne zu leuchtend

gelben. Ponchos in allen Farben gestreift. Dazu jede zweite Frau mit

einem Säugling in buntgewürfelten Tüchern auf den Rücken gebunden, oder

ihm ungestört und offen die Brust reichend, während sie verkauft. Und

zwischen dem Menschenschwarm Esel- und Lamakarawanen, die vom Alto, dem

Andenhochplateau, oder aus den Yungastälern die Lebensmittel in die

Hauptstadt bringen.

Denkbar einfach spielt sich das Marktgeschäft ab. Es gibt zwar

eine Markthalle, ähnlich dem Basar des Orients, allein sie faßt

nicht den zehnten Teil der Verkäufer, und so sitzt die Mehrzahl in

den umliegenden Straßen einfach auf dem Boden, vor sich die Ware

ausbreitend.

Bunt wechseln hier alle Erzeugnisse der kalten, gemäßigten und heißen

Zone miteinander ab. Fällt doch das Andenhochplateau mit seinen fast

4000 Meter Höhe dicht bei La Paz steil zu subtropischen und tropischen

Gebieten ab. So liegen Gerste und Kartoffeln vom Hochland dicht

neben Apfelsinen, Mandarinen und Ananas aus den Yungas, Äpfel neben

Zuckerrohr und Kaffee, in gleicher Weise Produkte aus der Umgebung von

La Paz.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 10 / 19 段