War es die Erinnerung an die mit Blut geschriebene Eroberungsgeschichte

ihres Landes, welche die Chilenen diese Blume zur Lieblingsblume

wählen ließ? Oder ist sie dem Andenken des tapferen stolzen Volkes

geweiht, das den Spaniern den zähesten Widerstand in ganz Amerika

entgegenstellte, den sie erst nach unerhörtem Kampfe besiegen konnten,

eigentlich erst nachdem sie seine Kraft durch den Alkohol gebrochen,

und dessen Überreste jetzt einem tragischen Ende entgegengehen?

Auf dem Marktplatz von Temuco sieht man die ersten Araukaner. In der

sonst so biederen, sauber blanken Stadt wirken die kleinen schwarzen

Gestalten wie ein Faschingsscherz. Der Mann im bunten Poncho, die Frau

mit Stirnbinde, Bänder in den straffen schwarzen Zöpfen, und die ganze

Bluse mit reichem Silberschmuck behängt. Es sind keine schönen Frauen

und Mädchen, aber sie haben märchenhaft kleine, schmale Hände und Füße.

Auf dem Wege, der von Las Casas hereinführt, begegnet man ihnen in

langen Zügen, wie sie auf uralten Ochsenkarreten, mit Baumstammscheiben

als Rädern, ihr Gemüse und Korn nach der Stadt fahren. Oft der Mann

hoch zu Pferd, die Frau lastenbeladen, mit ihren kleinen Füßen im

Schlamm daneben trippelnd. In den Straßen von Santiago sieht man die

gleichen kleinen Hände, die gleichen Füße, die gleichen Züge, wie sie

der Mann auf dem Pferde hat. Fließt doch ein gut Teil araukanisches

Blut im heutigen chilenischen Volk, und es sind nicht die schlechtesten

Eigenschaften, die die Chilenen der araukanischen Blutmischung danken.

Sie haben es ihnen schlecht vergolten. Die Araukaner, die eigentlich

nie ganz unterworfen waren, wurden mit List und Gewalt um ihren

Besitz gebracht. Es gab eine Zeit, wo es ein einträglicher Sport war,

Araukaner betrunken zu machen, um ihnen dann in der Trunkenheit um ein

Spottgeld ihr Land abzunehmen. Leider blieben auch die eingewanderten

Deutschen daran nicht unbeteiligt, und mancher deutschchilenische

Millionär in Osorno und Valdivia dankt solch unsauberem Landgeschäft

seiner Vorfahren Besitz und Stellung.

Endlich besann sich die chilenische Regierung darauf, welch wertvolles

Volkselement sie in den Araukanern besaß. Es wurden Vormunde für

die Indianer eingesetzt und Geschäfte mit den Indianern ohne deren

Zustimmung für ungültig erklärt. Zu spät! Überdies kehrte man sich

vielfach nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, und um für alle Fälle

sicher zu sein, überfiel man die Indianer und schlug sie einfach tot.

Die Rasse stirbt.

Bayerische Kapuziner sind es, die sich ihrer Rettung gewidmet haben.

Draußen in Las Casas ist ihr Stammhaus. Schon sieht man ihre Spuren.

Die Straße, die bisher ausgefahren, voller Löcher, unergründlich war,

wird mit einem Male eben und glatt. Ein sauberer Zaun. Dahinter ein

Blumengarten, dann Kirche und Kloster.

Ein Pater in wallendem Bart führt uns. Alles ist selbstgebaut,

gezimmert, gemauert, gepflanzt. Die Kirche, der geschnitzte Altar,

selbst die Orgel und ebenso Gemüsegarten, Bienenhaus und Stall.

Die Indianermission der Kapuziner nimmt unentgeltlich so viele

Araukanerjungen auf, wie sie unterbringen kann. Sie lernen lesen,

schreiben und rechnen und sie lernen vor allem Spanisch. Der Unterricht

ist nicht einfach, denn keiner der Jungen kann etwas anderes als

Mapuche, die Sprache der Eingeborenen. Und es sind sonderbare Klassen;

denn neben Achtjährigen sitzen Achtzehnjährige auf der gleichen Bank.

Neben dem Schulunterricht geht der Handfertigkeitsunterricht. Einer

der Fratres ist Tischler. Er hat eine große Werkstatt eingerichtet mit

Drehbank, Hobelmaschine und Bandsäge. Bis auf die Eisenteile alles

selbstgebaut. Sein Stolz ist ein deutscher Sauggasmotor, der die

Werkzeugmaschinen und daneben die Dynamomaschine für die Lichtanlage

treibt.

Andere Knaben werden als Lehrer ausgebildet -- die Indianermission ist

weitverzweigt -- und in der untersten Klasse unterrichtet bereits ein

junger Araukaner.

Die Patres sind voll Stolz, und sie können es auch sein, auf die

Kulturarbeit, die sie geleistet. Allein ich werde ein Gefühl drückender

Trauer nicht los. Die Klänge der „Copihue“, der Hymne auf die Blume,

die die sterbende araukanische Rasse verkörpert, wehen mir durch den

Sinn.

In Santiago im Konzertsaal hörte ich sie. Der Komponist dieser echt

chilenischen Musik ist übrigens ein Deutscher, ein ehemaliger Hof-

und Kammersänger, der Commendatore Oberstetter von der Münchener und

Wiesbadener Oper. Der Krieg überraschte ihn in Brasilien. Er schlug

sich tapfer durch ganz Südamerika durch, überall deutsche Musik

hinbringend, und so hat er vielleicht besser deutsche Propaganda

gemacht, als manche vom Auswärtigen Amt betriebene war, die Unsummen

verschlang.

~Tu que sabes de sangre vertida,

Tu que viste la lucha potente.~

Die du weißt von vergossenem Blute,

Die du sahst den verzweifelten Kampf.

Der hinreißende Marschrhythmus zuckt mir im Blut, wie ich dem jungen

Araukanerlehrer zum Abschied die Hand drücke. Auch in seinen Adern

brennt noch die Flamme, die seine Vorfahren gegen die spanischen

Feuerschlünde anreiten ließ. Uralte Rhythmen! Sangen sie nicht auch

uns im Blute, als wir bei Gorlice stürmten, als wir über die Berge am

Isonzo in Italien einbrachen, als die letzte tragische Schlacht in

Frankreich anhob?

Künstliche Züchtung hat das ursprüngliche Blutrot der Copihue in

fleckenloses Weiß gewandelt -- die Reste der Araukaner haben ihren

Frieden mit den Eroberern gemacht. Die Überlebenden gehen langsam in

der Rasse des Siegers auf. Die Copihue der schweigenden Wälder weiß von

keinen furchtbaren Schlachten mehr zu erzählen.

28. Längs der Küste nach Nordchile.

Dampfer „Taltal“ im Pazifik.

Die täglich wachsende Teuerung der Lebenshaltung bezeichnet den Weg

vom Süden Chiles nach dem Norden des Landes. Im regnerischen Süden

Überfülle an Frucht, so groß, daß jedes Jahr gewaltige Mengen nutzlos

verfaulen. Im regenlosen Norden absoluter Mangel, so daß jeder Zentner

Mehl, jeder Sack Kartoffeln, jeder Korb Äpfel vom Süden nach dem Norden

geschafft werden muß.

Allein trotzdem liegt das wirtschaftliche Schwergewicht des

Landes im Norden. Hier dehnen sich in trostlos dürrer Pampa die

Salpeterlager, auf deren Ausbeute der Reichtum, ja überhaupt die ganze

Finanzwirtschaft des Landes beruht.

Meinen ursprünglichen Plan, auf dem Landweg nach Antofagasta zu

fahren, konnte ich nicht ausführen, denn seit einiger Zeit fährt die

Longitudinalbahn wegen Kohlenmangel nicht mehr. Der große Streik im

Kohlenrevier von Concepcion nötigte die Eisenbahnverwaltung, Zug um Zug

einzustellen, und man kann froh sein, noch gute Zugverbindung auf der

verkehrsreichen Strecke nach Valparaiso zu finden, wo der Dampfer nach

Antofagasta bestiegen werden soll.

Nach Überschreitung der Küstenkordillere führt die Bahn plötzlich

ans Meer, und an den reichen Villen des Seebades Viña del Mar

vorbeigleitend baut sich unmittelbar das Panorama Valparaisos

überwältigend auf. Die Stadt scheint zwischen dem blauen Pazifik und

den steilen Felsen kaum Platz zu haben, und so klettert Haus um Haus

terrassenförmig die Felsen hoch. Einige Straßen sind asphaltiert,

andere muß man bergmäßig über Geröll und Gerinne ersteigen, und

an Regentagen mögen sie sich in wahre Sturzbäche wandeln, wie die

Sandsacksicherungen vor den Fenstern an der Rückseite der gegen den

Fels gelehnten Häuser zeigen.

Valparaiso ist nichts als Hafen, Stadt am Meer, im Meere fast.

Stadt der Reeder, Stadt der Großkaufleute. Mochte im Weltkrieg,

als der Verkehr durch die Magalhãesstraße aufgehört hatte und die

Nordamerikaner den Panamakanal gesperrt hielten, hier auch vieles tot

gelegen haben, heute ist es auf der offenen Reede, deren unbeweglicher

Bläue man an stillen Tagen nicht ansieht, wie gefährlich hier der

„Norder“ wüten kann, voll von kommenden und gehenden Schiffen. Fast

jede Woche geht einer der großen Passagierdampfer durch den Panamakanal

nach Europa oder den Vereinigten Staaten, und außerdem gibt es einige

chilenische Dampfergesellschaften für den Lokalverkehr.

Die Zeiten sind gut für die Dampfergesellschaften. Der „Taltal“, der

kleine schmucke Dampfer, von dessen Heck die chilenische Flagge weht

und dessen tadellose Sauberkeit überrascht, liegt mit vielstündiger

Verspätung noch immer im Hafen, als längst der volle Mond, einer

riesigen Bogenlampe gleich, über der Bucht hochgezogen war. Kisten auf

Kisten, Faß auf Faß, Alfalfabund auf Alfalfabund, und noch immer ist

die Hauptladung noch nicht eingenommen, liegt in großen Prahmen wartend

längsseits des Schiffes: einige hundert Kühe und Ochsen, die nach

Antofagasta sollen.

Bei so viel Ladung bleibt für die Menschen kein Platz. Freilich die

erste Kajüte mit bequemen Kabinen, Rauch- und Damensalon ist kaum

halb voll. Aber die Zwischendecker werden von Fracht und Vieh immer

enger zusammengepreßt. In dem Raume, der sonst bei jedem Schiff als

Zwischendeck dient, steht in langen Reihen Ochse an Ochse, und immer

mehr kommen vom Kran hochgezogen brüllend und strampelnd durch die

Ladeluke in den Raum hinunter. Auf- und übereinander drängen sich die

Tiere, die Ladeluke wird noch voll gestellt, und von den Peonen mit

ihren Frauen und Kindern, die sich unten ein warmes Plätzchen sichern

wollten, muß eins nach dem andern aufs offene Deck wandern, wo bereits

eine Schicht Männer, Frauen und Kinder so enggedrängt aneinanderliegt,

daß man kaum den Fuß dazwischen setzen kann. Auf dem breiten,

bequemen Promenadedeck der ersten Kajüte schlendern ein paar einsame

Nordamerikaner auf und ab.

Wie eine hohe Festungsmauer, die jedem Fremdling den Weg wehren will,

baut sich die Küstenkordillere längs des Meeres auf, steil, steinig

und unfruchtbar. Ein unfruchtbares, unzugängliches Land von Fels und

Stein täuscht sie vor, und die Überraschung der ersten Spanier muß groß

gewesen sein, hinter dieser Küstenmauer das frucht- und blütenreiche

Längstal zu entdecken.

Allerdings wird diese reiche Vegetation immer spärlicher, je weiter man

nach Norden kommt. In Coquimbo, wo der Dampfer am nächsten Tag gegen

Abend einläuft, scheint das reiche Mittelchile im Elquital noch einen

Ausläufer zu entsenden. Zwar die Felsen sind hier nicht weniger steinig

drohend und laufen längs des Kammes in so scharfe Zacken aus, daß

diese fast Baumwuchs vortäuschen. Allein die Dutzende von Booten mit

Früchten, die ein Wettrudern nach dem Schiff veranstalten, zeigen an,

wie gesegnet das Elquital ist.

Im Handumdrehen wimmelt das ganze Deck. Früchte werden ausgebreitet,

unter den Zwischendeckern werden ganze Speiseanstalten aufgetan, aus

großen Kesseln wird Hühnersuppe verteilt, einen Peso der Teller,

gierig gekauft von den Zwischendeckern, deren Verpflegung nur dünne

Bohnensuppe bildet. Dazu Früchte, Früchte in großen Mengen, Früchte,

die man nicht kennt, die wie Mischung von Zitrone und Melone schmecken,

oder mehr wie Gurke oder Kürbis.

Früchte und Überfluß an Lebensmitteln zum letztenmal. Am nächsten Tag

in Taltal kommt kein Boot. Die kurzen, staubigen Straßen des kleinen

Städtchens enden nur zu bald in Stein und Wüste. Dankt doch dieses

selbst seine ganze Existenz nur dem Salpeter, der im Hinterland

gefunden wird.

[Illustration: Copacabana am Titicacasee.]

[Illustration: Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu.

(Aus den Steinen der uralten Tempelbauten errichtet.)]

Wüste von Stein, Sand, Geröll. Gut paßt dazu der ölige Schimmer von

vergossenem Petroleum, der vor dem Städtchen auf dem Wasser schwimmt.

Die meisten Dampfer entnehmen hier den großen Tanks nordamerikanischer

Petroleumfirmen den flüssigen Brennstoff für ihre Kessel. Zwischen

Felsspalten führt die Röhrenleitung zum Strand, läuft auf schmutzigem

Eisensteg ins Meer hinaus, um in dicke Schläuche zu münden, die auf

Flößen schwimmend in Windungen wie eine riesige schmutzige Seeschlange

sich längsseits des Schiffes schlängeln.

Wie eine Zwingburg haben die Yankees die riesigen Tanks vor Taltal

aufgepflanzt, dessen Salpeterwerke bisher in deutschem Besitz waren.

Eine von den drei großen Gesellschaften ist drauf und dran, in

Yankeehände überzugehen. Oben im Rauchsalon auf dem Promenadedeck

sitzen die Nordamerikaner beieinander, die in der ersten Kajüte

dominieren. Abgerissene Worte wehen durch den Raum: „Wir kriegen das

ganze Salpetergeschäft noch in die Hand.“

Vorn auf dem Deck liegen eng gedrängt und schlechter untergebracht

als das Vieh die ursprünglichen Herren des Landes, die eingeborenen

Chilenen, gute, willige Arbeiter von Haus aus.

In dem engen Gang, der an der Maschine vorbei zur Kajüte führt, hockt

eine Reihe Peone beisammen und saugt gierig den Duft der Speisen, die

an ihnen vorbei in die erste Kajüte getragen werden. Da tritt zu den

teilnahmslos Kauernden einer im schmutzigen Poncho, lang und hager,

struppiger Stoppelbart. Unruhige Augen stechen unter einer blauen

Schirmmütze hervor. Er redet heftig, eindringlich, mit eindrucksvollen

Gesten. Bald hat sich ein dichter Kranz um ihn gebildet; in die bisher

teilnahmslos blickenden Augen kommt Leben. Und es ist, als laufe ein

Funke durch all die Reihen abgearbeiteter, abgerissener Männer, ein

gefährlicher, aber auch leuchtender, strahlender Funke. -- In der

aufkommenden See stampft und schlingert schwer das kleine Schiff.

Oben im Rauchsalon trennt man sich von flaschenbedecktem Tisch. Ein

behagliches „Good Night“ verweht in der Luft.

29. Die Salpeterstadt.

Antofagasta.

Der erste Eindruck: Stadt und Hafen haben an dieser Stelle keine

Existenzberechtigung! Eine offene Reede, gegen den Strand zu schwarze

Klippen, über die schäumend weiße Brecher toben. Man wird ausgebootet

wie fast in allen chilenischen Häfen, fährt an Prahmen und Leichtern

vorbei, die voll besetzt sind mit Pelikanen und Möwen, passiert

die Klippen und sieht sich plötzlich umgeben von Rudeln spielender

Seehunde, die so dicht das Boot streifen, daß es fast kentert.

Auf dem engen Raum zwischen Meer und Berg führen breite, schnurgerade

Straßen senkrecht gegen den Fels. Von der See sieht es aus, als liefen

Sturmkolonnen die steinernen Wälle an. Mit einem Blick übersieht man

Stadt und Straßen. Es ist ein sonderbarer Anblick, wie saubere, breit

asphaltierte Wege plötzlich enden, und dann kommt nichts als glatte,

steile, sonnendurchglühte Steinwand.

Wo heute eine moderne europäisch-amerikanische Stadt mit 65000

Einwohnern steht, lebten vor fünfzig Jahren nur ein paar indianische

Fischer. Man bedarf keines Reiseführers, um zu wissen, in welch hohem

Maße das alles künstliche Schöpfung ist, einzig und allein auf dem

kostbaren Gut beruhend, das die trostlose Wüste des Hinterlandes

liefert: dem Salpeter.

„~Te Ratanpuro~“, „~Te Dulcinea~“, in haushohen Lettern sind Reklamen

auf die steilen Felswände gekalkt wie ein Wahrzeichen für diese Stadt,

die nichts kennt als Geschäft, Geschäft und wieder Geschäft. Wenn man

aus dem Süden des Landes kommt, möchte man zweifeln, daß diese so ganz

andersartige Stadt auch zu Chile gehört. Sie wirkt vielmehr wie eine

der Städte im Süden der Union, denen die Mischung von angelsächsischer

und hispano-amerikanischer Kultur ihr charakteristisches Gepräge gibt.

Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Straßen durchwandert.

Angelsächsische Sauberkeit und Akkuratesse, aber auch angelsächsische

Langeweile und Eintönigkeit. Straßen und Läden, wie sie ebensogut

in jeder Londoner Vorstadt stehen könnten. Die blumen- und

palmenumstandene Plaza, die in keiner mittel- oder südamerikanischen

Stadt fehlen darf, wirkt hier fast fremdartig, als gehöre sie nicht

zwischen diese sauberen, langweiligen Straßen, in denen sich ein

englisches Geschäftsschild an das andere reiht.

Die Deutschen, die in Süd- und auch in Mittelchile im Wirtschaftsleben

des Landes eine so maßgebende Rolle spielen, treten hier gegenüber

den Angelsachsen völlig zurück. Dagegen nehmen die Slawen eine

hervorragende Rolle ein, und zwar vor allem Südslawen ehemals

österreichischer Nationalität. Kroaten, Dalmatiner, daneben Serben

und Montenegriner. Eine Reihe großer Firmen und Salpeteroficinen sind

in ihren Händen. Darüber hinaus aber sind sie durch die ganze Pampa

Salitrera bis an die bolivianische Grenze vor allem als Wirte und

Hoteliers verstreut.

Gerade diese Slawen an der Westküste Südamerikas haben im Weltkrieg

sehr bald, größtenteils von seinem Beginn an, eine feindliche Haltung

gegen den Staat angenommen, dem sie offiziell angehörten. Sie richteten

ein eigenes jugoslawisches Paßbüro ein, und noch heute stößt man als

Deutscher im Verkehr mit ihnen auf einige Schwierigkeiten, wenn sich

auch ihr ganzer Haß noch immer gegen das entschwundene Österreich und

gegen -- Italien richtet.

Antofagasta ist bolivianischer Freihafen. Hier ist eine bolivianische

Zollbehörde, und der Import und Export Boliviens geht zollfrei über

diesen chilenischen Hafen. Dies ist das einzige, was Bolivien von der

einst ihm gehörenden Stadt und der ganzen reichen Provinz Antofagasta

geblieben ist.

Chile dagegen ist billig genug zu dieser Stadt gekommen, die ihr heute

allein an Zöllen täglich 180 Peso Gold einbringt. Als Bolivien einen

Ausfuhrzoll auf den von Chilenen auf seinem Territorium ausgebeuteten

Salpeter legte, landete Chile im Jahre 1879 kurzerhand 200 Soldaten,

die die bolivianischen Behörden vertrieben und die Stadt in Besitz

nahmen. Damit wäre der Kampf um die Provinz Antofagasta eigentlich

erledigt gewesen, wenn nicht Peru eingegriffen hätte und auf die Seite

Boliviens getreten wäre. Dieses Eingreifen kostete die Peruaner,

nachdem sie bei Iquique und Tacna geschlagen und die Chilenen in

ihre Hauptstadt Lima einmarschiert waren, die Provinzen Tarapaca

und Tacna-Arica. Erstere ist wertvolles Salpeterland, letztere eine

wichtige strategische Position. Seitdem ist das Verhältnis zwischen

Peru und Chile ähnlich wie das Frankreichs zu Deutschland, und

Tacna-Arica wird vielleicht in Südamerika eine ähnliche Rolle spielen

wie Elsaß-Lothringen in Europa.

Antofagasta ist eine Männerstadt und eine Stadt, in die man nur geht,

um Geld zu machen. Einige Kinos und Kneipen bestreiten die kulturelle

und Vergnügungsseite des Lebens. Kein Bad am Strand, kein Segelsport.

Meer wie Fels scheinen gleicherweise unwirtlich. Kein Spaziergang, kein

Garten, und fast wirkt es wie ein grotesker Witz, wenn man auf dem

Felsen über dem kümmerlichen, fast nur angedeuteten Garten der Quinta

Corrizo, eine Wegestunde von der Stadt entfernt, liest: „Schönster

Ausflugsort Antofagastas.“ Nach einigen Tagen Aufenthalt verläßt man

gern diese Stadt und vergißt dabei ganz, daß sie Zehntausenden, die

in der trostlosen Pampa ein einsames Leben führen, Verkörperung alles

Luxus, alles Vergnügens, aller Kultur ist.

30. La Pampa Salitrera.

Peineta.

Gesellschaft zur Erforschung der Wüste (~Compañía Exploradora del

Desierto~) nannte sich die erste Salpeterkompanie, die im Jahre 1866

von der bolivianischen Regierung eine Konzession auf fünf Quadratleguas

erhielt. -- Desierto! Wüste! der Name paßt besser als das

euphemistische „Pampa“. Wer die argentinische Pampa kennt, denkt bei

diesem Namen doch auch im ungünstigsten Falle mindestens an Steppe, die

genügsamen Schafen Nahrung bietet. Die chilenische Pampa aber ist Wüste

im reinsten Sinne des Wortes, ein Grauen von Öde und Unfruchtbarkeit.

Man ist mitten in ihr, sobald man den Bannkreis der Stadt Antofagasta

und ihren hochgelegenen Friedhof verlassen, dessen Boden aus Zement

besteht, zwischen dem einige kümmerliche Bäume hochgepflegt werden.

Eine steile Rampe den Berg hinauf -- zwei Lokomotiven mühen sich

schnaufend --, und noch ein letzter Blick auf das blaue Meer, und dann

ist man in einer Rinne von Schutt und Geröll.

Eine Landschaft von trostloser Öde, der selbst die Grandiosität der Öde

fehlt. Nicht der winzigste Halm, nicht das leiseste Grün. Nicht das

mindeste Insekt, nicht der armseligste Wurm könnte hier leben. Es ist

nicht einmal starrer, festgewachsener Fels, der die Landschaft bildet.

Alles scheint Geröll, Schutt, Staub, Schmutz!

Es ist jetzt Winter. Aber man sieht Tropenanzüge und weiße Kleider, und

die stechende Sonne erinnert an qualvoll heiße Tage im sommerlichen

Buenos Aires. Wie muß es hier im Sommer sein! Und keinen Schutz vor der

Sonne als das brennend glühende Wellblechdach. Zu beiden Seiten des

Bahndammes schwärzlicher Staub, als hätte die Lokomotive hundert und

mehr Meter breit das Land verrußt, dann Sand in hellerer Färbung bis zu

den brüchigen Bergen, die, mehr und mehr zurücktretend, eine weite, öde

Hochebene öffnen.

Die Berge, bald ferner, bald näher, das ist der einzige Wechsel

in der Melodie von Monotonie, die die längs des Zuges stehenden

Telegraphenstangen und Wellblechbaracken der Streckenarbeiter singen.

Eine niederdrückende Landschaft. Jeder Vergleich für sie fehlt. Am

ehesten gewinnt man eine Vorstellung von ihr, wenn man sich die Schutt-

und Schlackenhalden der Industriereviere ohne Abwechslung unabsehbar

aneinandergereiht denkt.

Wer von Salpeterfeldern liest, denkt leicht an weißschimmernde,

glänzende Fläche -- ich selbst erinnere mich, solche Beschreibung

gelesen zu haben --, aber nur in den seltensten Fällen ist der Caliche,

das Mineral, aus dem der Salpeter gewonnen wird, so hochprozentig, 50

bis 70 Prozent, daß es im weißen Glanz schimmert, und so bleibt der

Charakter der Landschaft schmutzig-eintönig, auch als der Zug jetzt

mitten durch die Salpeterregion fährt.

Jede Wüste hat ihre Oasen, auch die Salpeterwüste kennt sie. Allein

es sind künstliche, von Menschenhand geschaffene. Statt Palmen

Essen, statt blauer Lagunen und Teiche die dampfenden offenen

Kessel, in denen der Caliche kocht, statt weißer, kühler Häuser die

öden Wellblechcampamentos der Arbeiter. Kaum ein wenig Grün im Hofe

des Administratorhauses. Das sind die Oasen der Salpeterwüste, die

„Oficinas“, wie sie genannt werden.

Am Horizont, bald näher, bald ferner, tauchen sie jetzt immer

zahlreicher auf. Es sind die Forts, die der Mensch in die Wüste gebaut

hat. Dazwischen ein Schlachtfeld aufgerissenen, durch Pulver und

Dynamit zerstörten Bodens, dem das kostbare Mineral entnommen wird.

Geleise, Rampen, Feldbahnen, rauchende Lokomotiven und stöhnende Mulas

vor schwerbeladenen Karren. Aber alles weit verstreut in der Wüste, in

einer braungelben Öde, über die sengend und blendend die Sonne brennt.

Ab und zu hält der Zug, wo eine Zweigbahn zu einer Oficina führt. Da

steht eine Wellblechbaracke als Station. Aber es gibt auch größere

Stationen, wo eine ganze Zeile Häuser steht. Das sind die Städte der

Pampa. Hier gibt es „Hotels“, „Restaurants“, Kinos, Läden und vor

allem Kneipen, in denen der Arbeiter seinen Wochenlohn verspielen

und vertrinken kann. Es sind buntgestrichene Häuser -- aus Wellblech

natürlich -- mit pompösen Namen, die in der öden, durchglühten Wüste

wie grell geschminkte, alternde Dirnen erscheinen. Und man weiß nicht,

was erschütternder wirkt: ihr Anblick oder der der Gräber, die man

nicht allzu selten längs der Bahn sieht, Gräber, wie im Felde: ein

flacher Hügel mit einfachem Holzkreuz und davor ein Strohkranz oder ein

Radreifen, wenn es nur etwas Rundes ist.

An beiden vorbei aber rollen Tag für Tag die Züge, die endlos

langen Züge mit den schweren Säcken -- so schwer, daß ein Mann sie

keuchend gerade tragen kann -- voll des weißglänzenden Minerals, dem

die Chilenen bisher Steuerfreiheit und glückliche Aktienbesitzer

in Valparaiso, New York, Paris oder London ein verschwenderisches,

sorgenloses Leben verdankten.

31. Oficina.

Peineta.

Seltsam, daß im Süden wie im Norden Chiles die Landschaft an die

Schlachtfelder in Frankreich erinnert. Gleicht der Süden mit seinen

verkohlten Baumstümpfen zwischen den Feldern Gegenden, in denen nach

mörderischer Schlacht neues Leben erblühte, so ähnelt die Salpeterwüste

des Nordens jenen unglücklichen Landstrichen von Ypern und an der

Somme, in denen der Eisenhagel die Eingeweide der Erde um und um wühlte.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 9 / 19 段