Landes bleibt, mag man mit dem Zug weiter nach Westen über Santiago
nach Valparaiso oder nach Süden nach Talca oder gen Norden nach Serena
fahren. Er bleibt auch, wenn das in allen Farben brennende Herbstlaub
von den Bäumen fällt und halbmeterhoch mit Blattgold die Wege deckt.
Überzieht sich auch den einen oder andern Tag der Himmel und strömt
wolkenbruchartig der Winterregen, die lehmigen Straßen in Gießbäche
verwandelnd, so heben sich am nächsten Tag von der intensiven Bläue
des Himmels traumhaft schön in blendender Weiße die bis tief hinab mit
Schnee bedeckten Hänge der Kordillere ab. An ihrem Fuß aber wandelt man
in strahlend warmer Sonne durch Gärten, in denen Rosen blühen, und aus
deren dunklem Grün der satte Goldton reifer Orangen leuchtet.
Diese Gärten um Santiago! Kein Baum, kein Strauch, keine Pflanze der
Welt scheint in ihnen zu fehlen. Von Kiefern, Pinien und Zedern, von
den Eichen und Buchen unserer deutschen Heimat bis zu Palmen und
Feigenbäumen voll reifer Früchte, bis zu Mandelbäumen und Paltas,
deren Frucht mit Pfeffer und Salz aufgetischt im Herbst bei keiner
chilenischen Mahlzeit fehlt.
Die Früchte aber, für die das milde Klima Mittelchiles zu warm ist, wie
Äpfel und Birnen, kommen aus dem kälteren Süden, während der Norden
subtropische und tropische Früchte liefert. Darum fehlt auf dem Markt
von Santiago vielleicht keine Frucht und kein Gemüse der Welt. Dazu
kommt über Valparaiso die ganze phantastische Tier- und Pflanzenwelt
des Meeres, außer Fischen jeder Art Krebse, Hummern und Langusten,
kreisrunde, tellergroße Taschenkrebse, eßbare Algen, stachelige
Seeigel, Austern und Pfahlmuscheln.
In noch weiterem Maße als Argentinien erstreckt sich Chile durch
alle Klimate und Zonen. Nicht nur, daß es sich nach dem Norden um
mehr als vier Breitengrade, etwa 500 Kilometer, weiter dehnt als die
Nachbarrepublik, die langgestreckte Enge des Landes bewirkt auch, daß
jeder Punkt zu Lande wie zu Wasser rasch erreicht werden kann. So kann
man in wenigen Tagen Bahnfahrt von dem völlig regenlosen Norden über
das Zentrum mit seinem Mittelmeerklima in den Süden kommen, wo es, wie
der Argentinier boshaft sagt, „13 Monate im Jahr“ regnet.
Mittelchile kennt nur Winterregen. Infolgedessen ist Landwirtschaft
im allgemeinen nur mit künstlicher Bewässerung möglich. Aber anders
als in der argentinischen Bewässerungszone, wo die Kanäle und Acequias
das flache Land in planmäßige, langweilige Quadrate teilen, ziehen
sich hier die wasserführenden Gräben an den Hängen der Berge entlang,
und von ihnen dehnen sich abwärts malerisch wuchernde Gärten und
Felder, mit Bäumen und Hecken umstanden, zwischen denen blühende
Schlinggewächse ranken.
Es ist wohl das Schicksal von Paradiesen, daß sie stets den Wenigen
vorbehalten bleiben. So ist auch Mittelchile, das Millionen sorgenlose
Nahrung geben könnte, Sitz und Besitz weniger Großgrundbesitzer,
die ihre „~fundos~“ mit teilweise noch halbleibeigenen Inquilinos
bewirtschaften.
Während im argentinischen Bewässerungsland Wasser ein kostbares
Element ist, bei dem mit jedem Tropfen gespart werden muß, strömt
in Chile überall überreich das Wasser von der Kordillere, so daß
hier die Anlage von Bewässerungskanälen im allgemeinen einfacher
und billiger ist. Trotzdem ist noch ein großer Teil des Wassers für
Landwirtschaftszwecke ungenützt, ebenso seine natürliche Kraft. Ein
einziger Fall des Aconcagua, der Salto del Soldado, würde genügen, die
ganze Andenbahn elektrisch zu betreiben. Bei der wachsenden Kohlennot
der Welt liegen hier noch große Möglichkeiten. Chile hat auch das vor
Argentinien voraus, daß es in seinen Kohlenfeldern bei Concepcion über
reiche Schätze verfügt, und lediglich die in letzter Zeit häufigeren
Streiks bewirkten den gefährlichen Kohlenmangel, der den größten Teil
des Bahnverkehrs lahmlegte und jetzt auch die Industrie mit Stillstand
bedroht.
24. Chilenische Präsidentenwahl.
Santiago de Chile.
Die Santiago einkesselnden Felsen, die sonst in matten Farben von dem
abgetönten Gelb und Braun des Morgens bis zu dem rosigen, dann satten
und schließlich flammenden Rot des Sonnenunterganges leuchten, glühen
und brennen, sind über Nacht weiß geworden. Fast bis ins Tal hinunter
ist der Schnee gekommen, der sonst nur auf den fernen Gipfeln blinkt.
Unten aber in den reichen Quintas rings um die Stadt flammen im Grün
die Goldorangen, und an strahlend klaren Tagen nimmt es diese Stadt an
Schönheit mit der gelobtesten Landschaft Italiens auf.
Aber bald ziehen sich die Wolkenschleier vor. Es regnet und regnet.
Oben in der Kordillere fällt dichter und immer dichter der Schnee. Die
Nervosität jener, die noch rasch, ehe der Winter voll einsetzt, über
die Anden wollen, steigt; ängstlich wird die Zeitung durchflogen, ob
vielleicht schon die peinliche Nachricht drin steht: „Die Kordillere
ist zu, aber man hofft, sie wieder freizubekommen“ -- eine Hoffnung,
die nur zu oft täuscht.
Meere verbinden, Berge scheiden! Nie wird einem das Wort klarer, als
wenn man von Europa über Atlantik, Pampa und Kordillere in die zwischen
Pazifik und Anden eingeklemmte Republik reist. Zwischen Amsterdam
und Buenos Aires ist die Ähnlichkeit vielleicht größer als zwischen
letzterem und Santiago. Und der Unterschied zwischen Chilenen und
Argentinier, die doch beide aus dem gleichen Blute stammen -- auch
der indianische Einschlag in Argentinien geht ja auf die chilenischen
Araukaner zurück --, fällt selbst dem ungeschulten Auge des Fremden auf.
Roosevelt nannte Chile das schönste Land der Welt. Man möchte es
auch das gesegnetste nennen, und es möchte mir wohl wahrscheinlicher
scheinen, daß das verlorengegangene Paradies unter dem milden, blauen
Himmel Mittelchiles lag als in den heute trockenen und dürren Feldern
Mesopotamiens. Wenn irgendwo in der ins Wanken geratenen Welt, so
könnte man in Chile ein befriedetes, glückliches Volk erwarten. Statt
dessen Volk und Land erschüttert von allen Fiebern politischer und
sozialer Erregung. In diesem Land, das so reich ist, daß in einzelnen
seiner Teile Massen von Korn, Kartoffeln und Früchten verderben, steigt
in andern Teilen die Not von Tag zu Tag. In Santiago übertrifft die
Teuerung des Lebens bereits die von Buenos Aires.
Und die gleichen Wetterzeichen, die der Fremde von Europa her gewöhnt
ist: auch hier Streik und immer wieder Streik. Monatelang setzt die
Arbeit in den Schächten von Concepcion aus, und immer rarer wird die
Kohle. Erinnerung an das Zentraleuropa des Krieges und der Revolution:
die Züge fahren immer unregelmäßiger, immer größer werden die
Verspätungen. Zug auf Zug wird eingestellt. Schon geht seit Monatsfrist
die nach dem Norden führende Bahn nicht mehr. Bis Serena wird von
Santiago aus der Verkehr nur mühsam aufrechterhalten. Doch auch hier
droht völlige Stockung. Aus der Provinz Atacama kommt die Nachricht,
die Nordprovinzen verhungern, weil wegen Kohlenmangel die Stichbahnen
stilliegen, die von den Küstenstädtchen Caldera, Carrizal und Huasco
ins Innere führen. Im Süden aber verfaulen Berge von Kartoffeln.
Das ist der Boden, auf dem politische Erregung zur Siedehitze erglüht.
Das große Pendel der Wahlbewegung hat zu schwingen begonnen, und
alles, was an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wünschen
und Hoffnungen im Lande lebt, wird mit hineingerissen in diese eine
Bewegung, von deren Ausgang jede Partei alles hofft und alles fürchtet.
Um die Pole, Barros Borgoño und Arturo Alessandri, hat das ganze Leben
der chilenischen Republik zu kreisen begonnen. Als ich in den Märztagen
des Jahres 1920 nach Chile kam, da sprach man in den Kreisen, die sehr
viel Geld und sehr viel Einfluß haben, von Arturo Alessandri nur als
von dem „Bolschewisten“ und „Maximalisten“. Man hielt seine Aussicht,
von der Konvention der Allianza als Präsidentschaftskandidat nominiert
zu werden, für recht gering. Als er doch überraschenderweise mit großer
Stimmenmehrheit aufgestellt wurde, da meinte man in denselben Kreisen,
das sei der dümmste Streich, den die Allianza Liberal hätte tun
können; denn jetzt sei die Wahl des Kandidaten der Union Nacional mit
Unterstützung der Konservativen sicher. Heute haben viele der gleichen
Leute sich bereits mit Arturo Alessandri abgefunden, und die ganze
Beurteilung dieses Mannes erinnert etwas an die Tonart der Pariser
Blätter nach der Wiederkehr Napoleons von Elba. Als sein Schiff in den
Hafen von Marseille einlief, schrieb die Pariser Presse: „Der Werwolf
und Tyrann, Napoleon Bonaparte, ist in Frankreich gelandet.“ Langsam
milderte sich dann der Ton, bis es kurz darauf hieß: „Unser geliebter,
gefeierter Kaiser ist an der Spitze seiner Truppen in seine treue
Hauptstadt eingezogen.“
Wird Arturo Alessandri ein ähnliches Schicksal haben? Der Fremde, der
in die Politik des Landes nicht eingeweiht ist, vermag nur zu vermuten.
Man sagt ihm, Überraschungen bei der Wahl seien das Gewöhnliche. Erst
in den letzten Tagen, bevor die Wähler zur Urne schreiten, beginne das
Geld und der Stimmenkauf seine Rolle zu spielen.
Aber andrerseits sieht, wer die politischen und sozialen
Erschütterungen Europas leidend und handelnd miterlebte, in manchem
auch klarer. Fast erschütternd war in Santiago die Ähnlichkeit mit
Berlin, als kurz nach meiner Ankunft der vierundzwanzigstündige
Generalstreik als Demonstration gegen die Verhaftung des radikalen
sozialistischen Studentenführers Gandolfo einsetzte.
Ich war noch völlig fremd, hatte noch keine Zeitung gelesen, wußte
nicht, um was es sich handelte. Aber das hastige Schließen von
eisernen Rolläden der Geschäfte um die Mittagszeit, diese so plötzlich
überfüllten Straßenbahnen und die nervöse, unruhige Eile, die mit
einem Male das ganze Getriebe der Stadt ergriffen hatte, erinnerte
erschreckend an so manche Tage in Berlin, wenn plötzlich das Gerücht
des Generalstreiks auftauchte und man hastete, noch vor dem letzten
Stadtbahnzug die weit im Vorort gelegene Wohnung zu erreichen.
Unter südamerikanischer Sonne glühen die politischen Leidenschaften
heißer. Aber es fehlt andrerseits der günstige Boden für
gewaltsame Erschütterungen, den Krieg und Hunger in den Seelen der
mitteleuropäischen Völker bereitete. So muß man hoffen, daß jene recht
behalten, die Unruhe und Umsturz für ausgeschlossen halten. Aber man
darf doch nicht vergessen, daß die chilenische Präsidentenwahl des
Jahres 1920 die erste politische Wahl ist, die einen sozialen Charakter
hat.
[Illustration: Allerseelen auf dem Friedhof.]
[Illustration: Indianische Wasserträgerin.]
[Illustration: Musikanten in Copacabana.]
[Illustration: Indianertanz.]
Und noch eines, das man bei all der berechtigten Furcht vor
maximalistischer Agitation nicht vergessen sollte: Maximalismus in
russischem Sinn gedeiht nur, wo Not und Hunger herrschen. Geschieht in
dieser Hinsicht alles, dieses Gespenst zu bannen? Dieser Tage kam ich
mit einem reichen Getreidespekulanten ins Gespräch, und wir sprachen
auch über Maximalismus. Er meinte: „Die eigentlichen Maximalisten
sind wir. Mit 20 und 30 Peso die Tonne Weizen ist uns nicht gedient.
Wir wollen 40, 50, 60. +Wir+ sind Maximalisten. Wir wollen immer das
Maximum.“ Er hielt es für einen Witz und lachte und war sich der
bitteren Wahrheit, die er sprach, nicht bewußt.
25. Chiles deutscher Süden.
Temuco.
Sollte es möglich sein, Menschen wochenlang in tiefen Schlaf zu
versenken und sie in diesem Zustand über den Ozean zu bringen, sie
würden, in einer der Städte Südchiles erweckt, darauf schwören,
Deutschland nie verlassen zu haben. Die viereckige grüne Plaza ist wohl
etwas fremdartig, aber die Häuser ringsherum sind rein deutsch; alles
ist peinlich sauber, frisch gestrichen, mit blühenden Blumen, in Läden
wie in Gasthäusern deutsche Laute, deutsche Kirche, und über der Schule
sogar die Inschrift: „Vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist.“
Die heute blühendsten Provinzen des Landes, Valdivia, Llanquihue
und der Süden von Cautin, sind das Werk deutscher Kolonisation. Vor
zwei Menschenaltern begann südlich des Biobioflusses die Frontera,
die Grenze, jenseits der das Gebiet der nur nominell unterworfenen
Araukaner lag. Im Jahre 1850 kamen hierher, wo heute die blühende,
reiche, fast rein deutsche Stadt Valdivia liegt, die ersten dreihundert
Deutschen; weitere folgten, die an den Llanquihuesee und nach Puerto
Montt zogen.
Die Nachkommen jener ersten Siedler sind heute zum großen Teil
Millionäre -- in Peso, nicht in Mark --, aber das Leben ihrer
Großväter und teilweise noch ihrer Väter muß nach allen Erzählungen,
die man hört, unsäglich hart und entbehrungsreich gewesen sein, wie
es überhaupt das Schicksal aller Kolonisten zu sein scheint, daß die
Früchte erst Kinder und Enkel erben.
Noch heute ist ein großer Teil der Provinzen Valdivia und Llanquihue
Urwald, und eine neue deutsche Kolonie in diesem abgelegenen Gebiet
würde mit ähnlichen, wenn auch nicht so großen Schwierigkeiten zu
rechnen haben, wie jene ersten deutschen Kolonisten vor siebzig Jahren.
Das Land, das in Kultur genommen werden soll, ist undurchdringlicher
Urwald. Darum ist die erste Arbeit des Siedlers nach der Vermessung die
Herstellung eines Pfades, auf dem er in mühseligem, meist stundenweitem
Marsch im Winter auf unergründlichen, schlammigen Wegen -- denn dann
regnet es wolkenbruchartig Tag für Tag -- sich seine Arbeitsgeräte und
die Nahrung für sich und seine Familie heranschaffen muß.
Dann geht es an die Arbeit des Holzfällens, die der Ungeübte, Fremde,
ohne Hilfe einheimischer Peone, meist Chiloten von der Insel Chiloé,
kaum bewerkstelligen kann. Aus den Erinnerungen der ersten Ansiedler
ist einiges erhalten. Eine jener alten Ansiedlerfrauen, die als Kind
in den Urwald kam, berichtet, wie sie im Sommer ankamen und wie Vater,
Mutter und ältere Geschwister vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung
sich mit dem Fällen der Baumriesen mühten. Und als dann der Frühling
seinen Abschied nahm, da war das Stücken Lichtung, an dem so unendliche
Arbeit hing, noch jämmerlich klein.
Ist diese erste Lichtung geschaffen, so wird das übermannshohe Gewirr
von Stämmen, Ästen und Blättern angezündet, sobald die Sonne des
Sommers das Laub gedörrt hat. Allein so eisenhart und fest sind die
Stämme, daß nur Blätter und Zweige verbrennen und selbst die dürren
Äste kaum ankohlen. So müssen Stämme und Äste mit der Axt durchhauen,
aufgeschichtet und neuerdings angezündet werden. Die größten Stämme
bleiben liegen, oder man läßt sie überhaupt stehen. Noch heute sieht
man im Süden überall, selbst an der Bahnstrecke, Felder, zwischen denen
hohe, abgestorbene oder angekohlte Baumstämme in die Luft ragen.
Teilweise sind es ganze lichte Wälder solcher kahler Stämme, zwischen
denen das Korn wächst, und im ersten Augenblick wähnt man, man führe
durch jene Gegenden Frankreichs, in denen der Regen des beiderseitigen
Trommelfeuers die Wälder getötet.
Zwischen den Stöcken und Stämmen wird der erste Weizen in den mit der
Hacke aufgeritzten Urwaldboden gestreut. So wird Jahr für Jahr ein
immer größeres Stück unter Kultur genommen, bis langsam nicht nur der
eigene Bedarf für den Lebensunterhalt, sondern auch ein verkaufsfähiger
Überschuß erzeugt wird.
Einfacher ist die Haltung des Viehs; dieses wird in den Wald
getrieben, wo es sich die Nahrung selbst sucht. Auch die Wohn- und
Arbeitsverhältnisse sind denkbar einfach. Als Wohnung dient ein
Bretterhaus, als Fortbewegungsmittel die Carreta, ein primitiver
zweirädriger Karren, dessen Räder häufig einfach zwei Scheiben
Baumstamm sind. Das Zugtier ist überall der Ochse, der die Carreta
mittels eines Joches primitivster Art zieht, von dem Treiber mit dem
gestachelten Stab des klassischen Altertums gelenkt.
26. Llanquihue und Magallanes.
Valparaiso.
Das Herz Chiles ist sein Längstal, das sich zwischen Hochkordillere und
Küstenkordillere von Nord nach Süd erstreckt. Hier ist seine Korn- und
Fruchtkammer, hier führt der Hauptverbindungsweg, hier liegen seine
reichsten Städte.
Bei Puerto Montt hört dieses Tal auf. Hier ist das Meer hereingebrochen
und hat das Tal unter Wasser gesetzt. Die Küstenkordillere hat es in
eine Reihe von Inseln zerlegt, während die Hänge der Hochkordillere
statt auf das fruchtbare Tal zu münden, jetzt von den vielen Golfen und
Kanälen genetzt werden, die sich zwischen Inseln und Festland hinziehen.
Hier bei Puerto Montt endigt für den Durchschnittschilenen sein Land.
Früher war dies an der Frontera der Fall, bis die deutschen Einwanderer
die Grenze des Kultur- und Machtbezirkes Chiles um einige hundert
Kilometer nach Süden verschoben.
Chiloé, die nördlichste und größte der dem Festland vorgelagerten
Inseln, ist noch bekannt. Hier führt eine Bahn von Ancud bis Castro,
und vor einer Reihe von Jahren versuchte die Regierung auf Grund eines
großangelegten Kolonisationsplanes die Insel zu kolonisieren. Trotz
der guten Erfahrungen, die mit der deutschen Einwanderung gemacht
waren, fürchtete man doch das allzu starke Überwiegen einer fremden
Nationalität in geschlossener Siedelung und siedelte deshalb auf
Chiloé Deutsche, Engländer, Franzosen und Holländer durcheinander an,
möglichst fremdartige Nationen einander benachbart. Der Erfolg war, daß
die meisten der Kolonisten, die sich gegenseitig weder verstanden noch
helfen konnten, wieder abwanderten. Nur ein paar Deutsche und Holländer
blieben.
Berühmt ist Chiloé wegen seiner Kartoffeln. Aber man klagt über die
geringe Verwertungsmöglichkeit infolge der hohen Frachten.
Auf dem gegenüberliegenden Festland aber hört tatsächlich die Welt auf.
Man sagt sich verstandesmäßig, daß die Täler dieses Gebietes wenigstens
in ihrem nördlichen Teile von den blühenden Kolonien am Llanquihue
nicht so sehr verschieden sein können und die gleichen Siedlungen,
die gleichen Kolonisations- und ackerbaulichen Möglichkeiten bieten
müssen, und daß auch in dem weiter südlich gelegenen Gebiet des
Territoriums Magallanes, das klimatisch und landschaftlich norwegischen
Fjords gleicht, infolge seines Holz- und Fischreichtums sich große
Möglichkeiten eröffnen müssen.
Bei meinem ersten Besuch auf dem Kolonisations- und Einwanderungsamt
in Santiago erkundigte ich mich sofort nach Plänen und Angaben über
dieses Gebiet. Pläne gab es nicht, und im übrigen bekam ich die
verblüffende Antwort: „~sirve para nada~“ (das hat überhaupt keinen
Wert).
Die fraglichen Gebiete sind durchweg mit altem Hochwald bestanden, zum
Teil mit dem wertvollen Holz der Alerce, eines in Chile einheimischen
Nadelbaums. Die Golfe, Kanäle und Flüsse sind ebenso reich an Fischen
wie an Choros, den Seemuscheln, die überall in Chile gern gegessen und
hochbezahlt werden. Auch die Möglichkeiten für Ackerbau und Viehzucht
können nicht ganz von der Hand gewiesen werden.
Aber in gewissem Sinne hatte der Beamte doch recht. Das Land ist
wertlos, wenn auch nur gegenwärtig, und zwar um der verwickelten
Besitzverhältnisse willen, die dort unten herrschen. Ich erlebte in der
Folge bald selbst ein schlagendes Beispiel dafür.
Auf Grund eines Interviews, das in der größten chilenischen Zeitung,
dem „Mercurio“, stand, in dem auch die Rede war von meiner Aufgabe,
die Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren, erhielt ich eine ganze
Reihe von Antworten und Zuschriften. Einer derselben, die ganz
besonders verlockend erschien, ging ich nach. Es handelte sich um
eine ganze Halbinsel gegenüber Chiloé in der Größe von 50000 Hektar.
Der Kaufpreis schwankte zwischen 5 und 30 Peso der Hektar. Der
Besitztitel, ein ganzes Buch mit einem Vermögen von Stempeln darauf,
war ordnungsmäßig ausgefertigt. Als ich jedoch die Unterlagen mit
einem Regierungsingenieur, der die Gegend genau kannte, überprüfte,
stellte sich heraus, daß dieses Land zwei Besitzer hatte, die beide
ordnungsgemäße Titel in Händen hatten. Ein neuer Käufer müßte sich also
zum mindesten mit den beiden bisherigen Besitzern auseinandersetzen,
wobei keineswegs ausgeschlossen wäre, daß mit der Zeit nicht noch
weitere Besitzer auftauchten.
So kam ich dazu, mich mit der Frage der Besitztitel in Südchile näher
zu befassen. Hier liegen die Verhältnisse besonders verwickelt. Wer,
sei es von der Regierung, sei es von Privaten, Land kauft, dessen Titel
nicht ganz einwandfrei und siebenmalsiebenmal geprüft sind, riskiert
einen Rattenkönig von Prozessen mit einem Dutzend plötzlich neu
aufgetauchter Besitzer, die alle Rechte auf sein Land geltend machen.
Die Eigentumsrechte an diesen Ländereien gehen zum großen Teil noch
auf Konzessionen zurück, die zur Zeit der spanischen Herrschaft an
verdiente Feldherren und Soldaten verliehen wurden. Von den Nachkommen
wurden Teile dieser Gerechtsame weitergegeben, verschenkt, verkauft
und so fort, so daß heute mancher Komplex Dutzende und Hunderte
von Besitzern hat. Um solches Land kaufen zu können, muß es erst
„bereinigt“ werden. Zu diesem Zweck muß ein „Stammbaum“ angelegt
werden, der von der ersten Konzession ausgehend alle weiteren Erben,
Käufer und Besitzer feststellt. Mit allen diesen muß man sich mittels
Abfindung auseinandersetzen, wenn man einen einwandfreien Besitztitel
haben will, und selbst dann ist die Möglichkeit weiterer Komplikation
nicht ganz ausgeschlossen, wenn nicht genaue Kenner der einschlägigen
Verhältnisse die Bereinigung und den Kauf ausführen.
Vor dem noch unerschlossenen Land im Süden Argentiniens hat das Land
südlich von Puerto Montt den Vorteil, daß es durch Abholzung seiner
wertvollen Wälder sofort Gewinne ermöglicht, die unter günstigen
Verhältnissen bereits in kurzer Zeit den Kaufpreis oder auch ein
Mehrfaches davon wieder hereinbringen. Erforderlich wäre freilich
eine Gesellschaft mit großem Kapital, die Einwanderer herüberbringt,
Wälder abholzt und Werften anlegt, um dort eigene Schiffe zu bauen,
mit denen sie den Abtransport des Holzes und weiterhin Fischfang,
sowie den Transport der Ackerbau- und Viehprodukte aus den inzwischen
angesiedelten Kolonien in eigene Regie nimmt. In den Wäldern ist noch
verwildertes Vieh. Es sind Kohlenlager nachgewiesen. Die Anlage von
Fisch- und andern Seetierkonservenfabriken sind weitere Möglichkeiten.
Natürlich lassen sich derartige Unternehmungen nur nach genauen und
eingehenden Untersuchungen, zu denen Expeditionen ausgesandt werden
müssen, ins Leben rufen. Aber die Möglichkeit wäre für die reichen
Deutschen Chiles hier wie in den Provinzen Llanquihue und Valdivia
unzweifelhaft gegeben, mittels einiger hunderttausend Peso ihren zur
Auswanderung gezwungenen Landsleuten zukunftsreiche Siedelungsgebiete
zu erschließen. Jetzt leben hier wie vor hundert Jahren nur wenige
armselige Indianer. Vielleicht allerdings auch nicht mehr lange; denn
auch hier sind bereits amerikanische Konzerne dabei, sich diese wie
Königreiche großen Ländereien zu sichern.
27. Copihue.
~Oh Copihue, oh Copihue,
En la paz de la selva dormida
Simbolizas la raza hecha flor.~
(Aus „~La Flor Nacional de Copihue~“.)
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.
Es sind andere Bäume und sie tragen andere Namen -- ~roble~, ~quila~,
~alerce~ --, die die dichten Wälder Südchiles bilden, aber oft könnte
man doch meinen, es sei deutsches Land, schwermütiger, träumerischer
deutscher Wald.
In diesem Wald hängt fremdartig wie ein Märchen die Blume, die Chiles
Volk sich als Nationalblume erkor: die Copihue. In dichten Dolden
schlingt sie sich um die Äste und tropft in schweren roten Blüten
herab mit langen, schmalen, purpurnen Kelchen gleich Tropfen heißroten
Blutes, die langsam und schwer aus tödlich getroffenem Herzen sickern.