Wir reiten zum Fluß. Noch brennt die Mittagssonne. Langsam trotten die

Pferde hintereinander auf dem schmalen Pfad durch die Alfalfa. Noch

liegt ein leichter blauer Schimmer der absterbenden Blüte über dem

grünen Feld. Doch die meisten Pflanzen hängen schon schwer unter dem

überreichen Samen.

Ein breiter Streifen ungenützten Landes trennt das letzte Alfalfafeld

vom Fluß, Überschwemmungsland. Denn noch ist ja der wilde Gebirgsfluß

in keiner Weise reguliert, und Überschwemmungen drohen hier jede

menschliche Arbeit zu vernichten. Sand und Kiesbank, grünumstandene

Lagunen, Schilf, Gras und Buschwerk, durch das sich die Pferde

kaum einen Weg bahnen können und das fast über unseren Köpfen

zusammenschlägt, wechseln miteinander ab. Dann wieder das Kiesbett

eines trockenen Flußarmes und Weiden in kleinen Gruppen. Die Sonne

brennt auf unsere bloßen Arme. Über unsern Häuptern streicht ruhigen

Fluges ein mächtiger Adler. In seinen Fängen windet sich lang

herabhängend eine große Schlange.

Unsere Pferde saufen im Fluß. Man muß schon ein guter Schwimmer sein,

um über den breiten reißenden Strom das andere Ufer zu gewinnen.

Fast andächtig sehe ich auf die raschfließende Flut. Wie nutzlos

vergeudetes Lebensblut verströmt sie. Nur ein winziger Bruchteil dieses

lebenweckenden Elementes ist ja abgefangen. Statt Hunderte von Hektaren

ließen sich Tausende und Zehntausende bewässern. Wir stehen hier am

Anfang vielfältigen Werdens.

Vor den Hufen unserer Pferde schwirren immer wieder die Martinetes auf.

Diese schmackhaften, hier nur allzu zahlreichen Vögel sind der einzige

Feind der Kulturen, die weder Dürre noch Heuschrecken, noch Phylloxera

noch irgendeine andere Reben- oder Baumkrankheit kennen. Aber wie der

Weg höher hinaufführt, sandiger und steiniger wird, hören auch sie auf,

und nur ab und zu huscht eine feiste Feldmaus vorüber oder ein putziges

Gürteltier, das eiligst hinter einem Busch Deckung sucht.

Der Weg führt hoch oben am Rand der Felsmauern entlang, und man sieht

weithin über das Land. Nur spärlich sind die grünen Flächen bebauten

Landes oder die Baumgruppen, die menschliche Wohnung künden. Fast

zufällig sind sie entstanden, indem da oder dort ein unternehmender

Estanciero oder ein etwas weiterblickender Indio einen Kanal vom Fluß

abzweigte.

Rasch wechseln beim eiligen Reiten Gedanken und Phantasien. Wenn

hier planmäßig gearbeitet würde, wenn das Wasser der Flüsse nicht

nur zu rationeller, groß angelegter Bewässerung genützt, sondern der

regulierte Neuquen gleichzeitig als Transportstraße für den Absatz

der Produkte dieses Landstriches verwendet werden könnte und sein

Gefälle für den Antrieb elektrischer Maschinen, die ein weites Gebiet

mit Licht und Kraft versorgten -- da, das bäumende Pferd wirft mich

fast aus dem Sattel. Grellgelb und schwarz züngelt dicht vor ihm eine

Giftschlange auf. Die Pistole fliegt aus dem Futteral. Aber schon ist

das Biest in einem Erdloch verschwunden. Die Gedanken sind plötzlich

abgerissen. Noch ist hier ja Wüste, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit.

Wer hier als Ansiedler anfängt, läßt weit hinter sich alles, was Kultur

und Zivilisation heißt. In weiter Ferne liegt die Verwirklichung der

Möglichkeiten, die dieses Land birgt, es sei denn, daß zu den beiden,

die Wüste in Garten wandeln sollen, zu Wasser und menschlicher Arbeit,

ein drittes kommt -- das Kapital.

20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis.

Am Cayunco.

Die Nebenflüsse des Neuquen vervielfachen die Möglichkeiten

dieses Flusses der Gobernacion gleichen Namens. Wenn auch für

Schiffahrtszwecke infolge des niedrigen Wasserstandes im Sommer nicht

geeignet, so sind die Verhältnisse für künstliche Bewässerung hier

stellenweise noch günstiger als am Hauptfluß.

Ich reite den Cayunco stromauf. Einige Leguas hinter der Mündung

schließt sich das Tal zu enger Felsschlucht zusammen. Tief unten

springt der Fluß über Felsblöcke. Aber noch hier oben am Wege ist der

Stein seltsam ausgehöhlt, rundgewaschen und glattpoliert, zum Zeichen,

daß manchen Winter übergroße Wassermassen die ganze Schlucht füllten.

Hinter der Enge öffnet sich ein weites Tal. Auf dem nördlichen Ufer

rücken die Berge bis an den fernen Horizont zurück, während sie sich

auf dem südlichen in sanftgewellte Hügel lösen.

Von Zeit zu Zeit künden grüne Flächen und Baumgruppen die Puestos von

Indianern, die mit Hilfe primitiver Kanäle einige Hektar unter Kultur

genommen haben.

Bei einer Ranchogruppe unter besonders hohen dichten Bäumen soll erste

Rast gehalten werden. Allein statt der Indios, die wir um Mate, um

Paraguaytee, angehen wollten, stoßen wir auf Männer, bei denen aller

Sonnenbrand die mitteleuropäische Abkunft nicht verwischen konnte.

Deutsche Laute nehmen den letzten Zweifel. Wir sind in einer deutschen

Siedelung mitten in der Wildnis, an der Grenze der Republik.

Es sind junge Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die der für

Deutschland ungünstige Ausgang des Krieges aus ihrer Bahn geworfen

hat: aktive Offiziere des Heeres und der Flotte, Marineingenieure,

Staatsbeamte, aber auch Handwerker und Landarbeiter. Da sie nicht über

viel Geld verfügten, blieb ihnen die Qual der Wahl, wo sie das Land

kaufen sollten, erspart. Sie mußten sich mit billigem Regierungsland

begnügen.

Ich habe einige Tage unter diesen Siedlern gelebt, und ich muß sagen,

einfacher kann man nicht gut leben, aber auch kaum glücklicher und

zukunftsfroher sein. Wohl waren einige Lehmranchos da. Aber da sie noch

von ihren früheren Bewohnern her voll Ungeziefer saßen, nutzte man sie

lediglich als Gepäck- und Geräteschuppen, und alles, einschließlich

der einen Frau, die ihren Gatten in die Wildnis begleitete, schlief im

Freien.

Es ist ein herrliches Schlafen unter dem freien strahlenden

Sternenhimmel, wenn auch das Aufstehen in der empfindlichen Kühle

nicht ganz leicht ist. Bereits vor fünf Uhr steht alles um das mächtig

flackernde Feuer, auf dem der Siedler vom Küchendienst bereits den

Morgenkaffee bereitete.

Um fünf Uhr beginnt die Arbeit. Der ehemalige Indianerpuesto, in

dem sich die Siedler zunächst niedergelassen, hatte einen alten

verwahrlosten Kanal. Den galt es zunächst in Ordnung bringen, um

möglichst rasch einige Hektar Gartenland und Weide bewässern zu können.

Dann mußte ein Potrero gebaut werden, der bereits fertig ist, und jetzt

ist man an der Errichtung eines Kolonistenheims, um vor Eintritt der

kalten Jahreszeit unter Dach und Fach zu sein und um vor allem auch für

die übrigen Frauen, die teilweise auf benachbarten Estancien, teilweise

noch in Deutschland sitzen, eine gute warme Unterkunft zu schaffen.

Steine für den Unterbau liefert eine hinter der Siedelung hochsteigende

Felswand. Lehmboden zum Ziegelbrennen ist zur Genüge da, Kalk hofft man

noch zu finden, und so brauchen nur Holz und Wellblech zugeführt zu

werden. Einer der Siedler ist Architekt, nach dessen Plänen und unter

dessen Leitung gebaut wird.

Es sind etwa zwanzig Herren, die unter der Leitung zweier

argentinischer Landwirte, eines Kolonisationschefs und eines Capataz,

den Grundstock zu einer Siedelung legen.

Manche der Siedler stammen aus angesehenen, wohlhabenden Familien,

und sicher war der Sprung in so ganz andere Lebensverhältnisse und

die Gewöhnung an schwere körperliche Arbeit nicht leicht, und das

Zusammenleben so verschiedenartiger Elemente auf so engem Raume mußte

zu Reibungen führen. Aber wie sich alle in der Zwischenzeit ein paar

tüchtige, schwielige Hände zugelegt haben, so hatte ich auch den

Eindruck, daß sich die übergroße Mehrzahl nicht nur mit dem neuen Leben

abgefunden hat, sondern daß sie alle völlig in ihrer Arbeit und in

ihrem Unternehmen aufgehen.

Es ist ein eigen Ding um die Arbeit auf eigenem Grund und Boden.

Zehnmal so leicht ist sie wie für fremde Rechnung. Die Siedler haben

sich zunächst zu einem Jahr unentgeltlicher gemeinschaftlicher Arbeit

verpflichtet, und sobald wie möglich sollen dann die einzelnen

Familien auf eigenen Losen angesiedelt werden und jede eine gewisse

Anzahl Hektar Bewässerungsland bewirtschaften, während der übrige Kamp

genossenschaftlicher Viehwirtschaft dient.

Sobald es Abend wird, kommen die einzelnen Gruppen von der Arbeit, die

einen vom Steinetragen, die andern vom Roden, die dritten vom Kanalbau.

Unter den Pappeln und Weiden sitzt man auf den selbstgefertigten

Bänken, ein Stück knusprigen Bratens in der Hand.

Rasch sinkt die Nacht. Von dem verglimmenden Feuer steigt ein leichter

blauer Rauch. Aus dem Potrero tönt das Läuten der Glocke der Leitstute

der Tropilla, und in das Läuten der Glocke, in das Quaken der Frösche

vom Fluß her und das Zirpen der Grillen und in all die unbestimmbaren

Geräusche der Nacht in der Wildnis klingt immer wieder das Lachen der

jungen Frau.

Man sitzt und erzählt. Einer hat sich schon zurückgezogen, und aus der

Ferne klingt sein Geigenspiel. Schwermütige Weisen -- wie könnt’ es

anders sein.

Es war viel Hoffnungsfreude und Zukunftsglaube unter den Siedlern.

Im Geiste stand bereits das Haus, blühte das Feld. Aber als ich nach

Jahresfrist nach Argentinien zurückkehrte, da war die Siedelung

eingegangen, an Kapitalmangel, an Streitigkeiten der Siedler. Sie alle

waren auseinandergeflogen, und ein Teil vegetierte dahin in Elend und

Armut.

21. Auf dem Cayuncohochland.

Am Cayunco.

Zwischen den beiden Nebenflüssen des Neuquen, dem Cayunco und dem

Agrio, erstreckt sich als Wasserscheide ein mächtiges Hochplateau.

Vom Fluß aus scheinen dessen steil abfallende Wände das Tal wie mit

unübersteigbaren Mauern abzuschließen. Aber wie man mir sagt, führt ein

Reitweg auf die Hochfläche hinauf, und da Hufspuren und vertrockneter

Pferdemist untrügliche Spuren geben, reite ich allein eines Morgens los.

Endlos dehnt sich der Weg. Die scheinbar so nahen Felsmauern rücken

immer wieder ein Stück in die Ferne. Es zeigt sich, daß oberhalb der

leicht und einfach bewässerbaren Flußufer sich weithin eine zweite

Stufe dehnt, teilweise Ebene, teilweise leicht gewelltes Land, die

nicht minder Frucht und Alfalfa tragen könnten wie das Land am

Fluß, wenn, ja wenn es gelänge, hierhin Wasser zu bringen. Allein

mit den einfachen Mitteln des bisherigen Kanalsystems ist nicht

daran zu denken. Dazu gehörten schon Stauwerke, großzügige Anlagen,

Ingenieurarbeit.

Zwischen Zampabüschen, die noch bei größter Dürre und absolutem

Wassermangel gedeihen, führt die Hufspur. Der Boden ist reich

an Salpetersalzen. Stellenweise ist er weiß von ausgeschiedenen

Kristallen, und einzelne Pflanzen sind von unten her ganz damit

bedeckt. Die Kristalle kriechen an Wurzeln und Stengeln in die Höhe, so

daß es aussieht, als verwandelten sie sich langsam in steinerne Blumen

des Todes.

Eine Reihe trockener Flußbetten kreuzt den Weg. Dann schlängelt er

sich längs der Felsen hin, bis eine Schlucht sich auftut und steil und

steinig der Weg sich aufwärts windet.

Mühsam keucht das Pferd. Auf Meilen sind wir beide die einzigen

Lebewesen. Sind wir’s wirklich? Dort, von dem Felsvorsprung, hebt

sich eine seltsame Silhouette vom Himmel ab, ein seltsam geformter

Stein, ein bizarrer Strauch, oder ist es wirklich ein Guanaco? Beim

Näherkommen zeichnet sich deutlich das braune zottelige Fell ab, der

unwahrscheinlich lange Hals, der lächerlich kleine Kopf des Tieres,

das wie eine tolle Laune des Schöpfers wirkt. In seiner unbeweglichen

Haltung sieht das Tier nicht anders aus wie einer dieser grotesken

Auswüchse der Felsen, die bald Drachen, bald menschliche Köpfe oder

tierische Leiber scheinen. Fast könnte man noch zweifeln, ob es

wirklich ein lebendes Wesen ist. Da bekommt es Wind von dem nahen

Menschen und zieht in eiliger Flucht ab.

Wie Blut und Feuer brennt in der Sonne der rote Fels. Die Augen

schmerzen, bis der Rand der Hochfläche erreicht ist und das jetzt

wieder alles überwuchernde matte Grün der Büsche wohltuende Ruhe gibt.

Aber zwischen den Büschen verschwindet der letzte Rest der Hufspur. In

den leichten Senkungen des Hochplateaus versinkt der letzte Richtpunkt

am Horizont. Nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten eine

einzige, gleichförmig eintönige Fläche. Nur Sonne und Kompaß bleiben

als letzte untrügliche Wegweiser.

In mühsamem Galopp geht es durch das dornige Strauchwerk. In die

grenzenlose Verlassenheit zittert ein Sehnen nach etwas Großem,

Befreiendem, nach einem Ende dieser verzweiflungsvollen Öde. Aber

hinter jede eben überwundene sanfte Hügelkette schiebt sich eine neue.

Mit einem Male, als die Stimme, die zur Umkehr mahnt, schon laut und

vernehmlich geworden war, scheint es, als höben sich Vorhänge, und

von der letzten Kimme aus öffnet sich berauschend weit der Blick ins

Agriotal hinunter.

Einem Amphitheater gleich öffnet sich die weite Schlucht. Immer weiter

treten Felskulissen zurück, braun und grau und rot, bis über Hänge und

Stufen hinunter tief unten im Grund wie fließendes grünes Licht das

gewundene Band des Agrio aufleuchtet. Nach West und Nordwest aber baut

sich in horizontweiter Ferne unter der leuchtenden Last des ewigen

Schnees der Fels der Kordillere in intensiv blauen und weißen Farben

auf.

Unbestimmte Sehnsucht ist es, die durch brennend heißen Sand und

Dornbusch bis zu jenen unerreichbar fernen Bergen treibt. Zwischen

Busch und Stein formt sich wieder Hufspur, die durch Schluchten

hindurch langsam wieder abwärts führt zu jener Stufe oberhalb des

Cayuncotals.

Eben oder nur in sanfter Wellung zieht sich die Terrasse Leguas weit.

Herrenloses Land, unnützes Land, trocken und dürr. Wer hier Wasser

hinbrächte, wer hier Weide und Acker erschlösse, nahrungspendend für

Tausende!

Vor dem Reiter flüchtende Schaf- und Ziegenherden künden die ersten

Spuren menschlicher Siedelung. Es sind Indianerpuestos unten am Fluß

zwischen Pappeln und Weiden.

Der Weg führt plötzlich steil und rasch abwärts. Der Fluß rückt dicht

heran. Jetzt trennt nur mehr ein steil abfallender Hang den Pfad von

seinem blauen Spiegel.

[Illustration: Hörige Indianerinnen im Cocal.]

[Illustration: Weg im Fluß.]

[Illustration: Prähistorische Mumien vom Andenhochland.]

[Illustration: Bolivianischer Friedhof.]

Der Weg scheint zu Ende. Die Hänge, die voll von Papageienlöchern sind,

lösen Felsen ab, die dicht an den Fluß heranrücken. Zwischen Wasser und

Stein bleibt kaum so viel Platz, daß das Pferd vorsichtig tastend seine

Hufe setzen kann.

Auf einer Sandbank am Fluß endet der Weg. Kristallklar strömt

die Flut. Durstig trinken Mensch und Tier. Hinter dem über den

Wasserspiegel Gebeugten knirscht der Kies. Ein Mensch ist aus den

Felsen herausgetreten, sonngebräunt, verwildert, mit langem Bart und

Haar. Einen mächtigen Kasten und ein Stativ hält er in den Händen. Weiß

Gott, ein Nivellierapparat! -- Es ist ein Vermessungsingenieur. Seit

Wochen haust er hier in menschenfernster Einsamkeit, häuft meterhohe

Steinpyramiden zu trigonometrischen Punkten und mißt das Land, das

selbst auf den neuesten Regierungskarten nur eine weiße Fläche ist.

Er führt mich zu dem Indianerpuesto, wo er ißt und schläft. Hier

kredenzt die braunhäutige Señorita den Mate, den in Argentinien

üblichen Paraguaytee. Neben dem alten Indianer, der nicht lesen noch

schreiben kann, der nichts kennt als seine Pferde und Schafe, sitzt als

Gast und Hausgenosse der akademisch gebildete deutsche Ingenieur und

ehemals königlich preußische Staatsbeamte, benutzt zum Trinken dieselbe

Bombilla, das Röhrchen mit einem Sieb am untern Ende, und spricht mit

dem Indio als Caballero zum Caballero. Der in Europa so ganz andere

Verhältnisse gewöhnte Fremde muß immer wieder über die natürliche,

kavaliermäßige Sicherheit staunen, mit der sich auch der einfachste

Ureinwohner dieses Landes bewegt, und über das über alle sozialen

Unterschiede hinwegleitende chevalereske Verhältnis gegenseitiger

Höflichkeit und Achtung zwischen Patron und Peon.

Wie ich die beiden nebeneinander sitzen sehe, steigt mir eine

Zukunftsvision dieses Staates auf, in dem sich aus den größten

Gegensätzen des Klimas, des Bodens und der Menschen langsam und fast

unmerklich ein neues Land und eine neue Rasse formen.

Chile

[Illustration]

22. Über die Kordillere.

Los Andes.

Von Neuquen führen zwei Wege über die Kordillere der Anden nach Chile,

der eine über San Carlos Barriloche und den Nahuel-Huapi-See, der

andere über San Martin de los Andes, der erstere im Auto, letzterer nur

zu Pferd oder Maultier benutzbar. So groß auch die Lockung war, über

die Schneeberge zu reiten, die ich täglich vor mir sah, so entschloß

ich mich doch, nach Buenos Aires zurückzufahren, um den ersten und

Hauptverkehrsweg zwischen Argentinien und Chile zu benützen und über

den Uspallatapaß mit der transandinen Bahn zuerst nach der Hauptstadt

der chilenischen Republik zu fahren.

Vierundzwanzigstündige Schnellzugsfahrt bringt nochmals durch die

seit Monaten wohlbekannte argentinische Landschaft. Pampa, flache,

endlos weite unbegrenzte Ebene. Aber je mehr sich mit Tagesgrauen der

Zug der Wein- und Obstzone von Mendoza nähert, desto mehr ändert sich

der Charakter der Landschaft. Die Eindrücke vom Rio Negro und Neuquen

wiederholen sich. Erst spärlich aufmarschierende Pappelreihen, die

ersten Anzeichen künstlicher Bewässerung, dann dichter und dichter

werdend Wein, Obstgärten und Alfalfafelder.

Mendoza ist das Zentrum des ältesten Wein- und Fruchtgebietes des

Landes, eine friedliche Stadt; gepflasterte Straßen, Baumreihen und

Häuschen, umrankt von Trauben. Hier wechselt die Spurweite, und die

schmalspurige Andenbahn beginnt.

Von der Landschaft des Rio Negro kommt man in die des Neuquen. Die

Kulturen verlieren sich zwischen Sand und Stein, die Berge, die als

großartiges Panorama den Horizont säumten, rücken heran. Die Schienen

gleiten in Flußtal und Schlucht hinein. Unten rauscht der Mendoza. Hie

und da ist noch ein Kanal für die eine oder andere kleine Estancia mit

wenigen Alfalfafeldern abgezweigt. Dann hört auch das auf. Die letzten

Büsche verschwinden; kein Halm, kein Strauch, keine noch so dürre,

bedürfnislose Distel. Nichts als Stein, nackter Fels; nur wo dem kahlen

Stein die heißen Quellen entspringen, bei Cacheuta, inmitten ödester

Felseinsamkeit mondänstes Leben.

Bald saust der Zug um scharfe Kurven. Täler verengen und weiten sich.

Graues, schieferartig übereinandergeschobenes Gestein wird heller und

rötet sich zu Sandsteinfarbe. Das letzte Grün verhaucht zwischen den

Schluchten. Neue Felsen, neue öde, grandios einsame Steinhalden. Die

Sonne brennt in den Steinkessel, die Bläue des Himmels vertieft sich.

Im Zug wird es stiller und stiller. Tiefleuchtende Augen sehen voll

stummer Andacht in diese Welt, so unbelebt, so unberührt. Hier ist

Gottes ureigenstes Gebiet.

Nur das heisere Schnaufen des Zuges und der gellende Sirenenschrei der

Lokomotive durchbrechen die Stille. Weiter und weiter. Als ginge es in

steinernen Urwald hinein, in ein vormenschliches Zeitalter, mit einem

Häuflein Menschen in hochmodernen Wagen.

Noch stummer, noch unbeweglicher, noch mahnender stehen die Felsen. Ein

Grauen packt uns vor dieser Einsamkeit. Wer ist stärker, sie oder wir?

Stumm stehen die Felsen. Kein Laut löst die Enge. Drei, vier Felsen,

wie in Verzweiflung gerungene Hände, dicht aneinander und übereinander

wachsend, dann wieder ein einziger großer Stein, ein mächtiger Koloß,

ruhend, stark wie ein Gott, der die paar Menschen an sich herankommen

läßt. Als der Zug, bei steilerem Anstieg wieder einmal in die

Zahnradkette eingeschnappt, langsam keuchte, war einer ausgestiegen,

der dann, als die Lokomotive plötzlich wieder anzog, nicht rasch genug

wieder aufspringen konnte. Es gab ein verzweifeltes Rennen, bis der

Zugführer verständigt war und stoppte. Auf den Zügen des italienischen

Auswanderers malte sich das Grauen, als er uns wieder erreichte.

Scharf geht die Bahnlinie den Fels an. Steil wird die Trasse und

gefährlich. Bald, in wenigen Wochen, in Tagen vielleicht werden

zwischen jenen Felsblöcken die ersten Schneelawinen hinunterrollen. Der

Mensch hat Schutzdächer gebaut, um seine Bahn zu schützen. Wie in einen

Schlund tauchen wir unter das erste. Oder haben sie den Zweck, die

Augen vor der immer großartiger werdenden Schönheit zu schützen? Wenn

ein Schutzdach aufhört, sieht man verwirrt in die flimmernden Lichter.

Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Regenbogenlichter spielen auf

dem Fels. Dahinter die weißen Kuppen der Schneeberge und der bläuliche

Schimmer von Gletschern. Wo sie herunterkommen, verändern sie den Fels.

Rillen werden gewaschen, Blöcke verschoben. Man ahnt, daß auch hier

Kämpfe spielen, der ewig währende, uralte Kampf zwischen Wasser und

Stein.

Puente del Inca ist der letzte Punkt, bis zu dem die Zivilisation

hochgedrungen. Dann stört nichts mehr die grandiose Monotonie der

Berge. Nur der Schienenstrang, den der Mensch als Fessel über den

Berg gelegt, verbindet menschliches Leben diesseits und jenseits der

Kordillere. Wir sind jetzt in über dreitausend Meter Höhe. Das Blut

pocht in den Schläfen. Der Kopf wird schwer von Wirrnis.

Aber als der Zug aus dem langen Tunnel heraustritt, der unter

der Paßhöhe der Cumbre durchgestoßen, verwehen alle Spuren der

Bergkrankheit. Nichts als restloses Aufgehen in dieser hinreißenden

Schönheit des Landes. Der Fels fängt an zu opalisieren. Phantastisch

bunte, lichte Farben legen sich über die Hänge: blau, wie Kobalt,

rosenrot, violett, vom zartesten Grün bis zum intensivsten Giftton,

Indigo, Purpur. Wie Pastellmalerei, zart und fein, spinnt sich das Bild

der Farben über den Stein.

Von der Plattform des letzten Wagens ist es ein einsames Schauen,

als schwebe man in unendlicher Einsamkeit den Fels hinan. Tiefste

Frömmigkeit, wie nur die unmittelbare Todesnot der Schlacht sie

brachte, füllt das Herz. Wenn man hier auf diese Höhe Menschen brächte,

ihnen Nahrung erschließen könnte aus dem toten Stein, welch Geschlecht

müßte hier erwachsen! Ein Geschlecht, das, in unmittelbarer Nähe des

Schöpfers aufgewachsen, in seinem Herzen die starke, reine Flamme

läutern müßte, die Flamme, die, hinuntergetragen in das dunstige,

schlammige Tal, den Frieden bringen müßte den Menschen und Völkern, die

heute einander töten, vernichten, vergiften, die wie Reptilien in eklem

Pfuhl ineinander verschlungen und verbissen liegen.

Vorbei -- ein neues Schutzdach blendet die Augen. Aber durch die

viereckigen Löcher in seiner Decke fällt in dicken Streifen die Sonne

herein. Wie Lichtpfeiler geleiten sie den Zug, und es ist, als arbeite

sich die Maschine an ihrer Lichtspur aufwärts.

23. Das Paradies am Pazifik.

Santiago de Chile.

Ist es infolge der monatelangen Gewöhnung an die grenzenlose

Eintönigkeit der Pampa, oder steht das Herz noch unter dem bangen

Eindruck der steinernen Göttlichkeit der Kordillere, daß einen beim

Hineingleiten in die chilenische Landschaft dies grünende, blühende,

früchtetragende Land umfängt wie ein betörend schöner Traum?

Kaum daß der Zug den Tunnel unter der Höhe der Cumbre passiert hat und

in rasend raschen Windungen auf 2000 Meter Höhe hinuntergeeilt ist,

vorbei an dem indigoblauen Inkasee, dessen Tiefe noch niemand gelotet

hat, kriecht bereits das erste Grün die Steinhänge hinan und weiden

längs des sich aus Schmelzwasser bildenden Flusses Pferde und Rinder.

Auf das Grün folgt Kaktus in unheimlich fleischigen, dicken,

übermannshohen Stämmen, pfeilgerade ohne Knollen, Früchte und

Blätter zwischen dem Fels emportreibend, dann Felder, Gärten, Bäume,

richtige schattenspendende Bäume, wie Argentinien sie kaum kennt,

die Stationshäuschen von Veranden umgeben, blumenumrankt, und vor

ihnen aufmarschiert in endloser Reihe ein Tisch neben dem andern,

reichbeladen mit Früchten, Trauben, weiß, blau und rot, Äpfel, Birnen,

eine Fülle fremder, absonderlicher Früchte, die der Reisende aus Europa

noch nie gesehen.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 7 / 19 段