die hatte er mitgenommen und spielte den Patres darauf vor. Und als
sie sein Spiel hörten, da meinten sie, das wäre eine treffliche
Gelegenheit, um ihren Schülern Musikunterricht zu geben, und auf
ihren Vorschlag blieb der ehemalige Rennreiter als Musiklehrer und
Laienbruder bei den Salesianern.
Auf unsere Bitten riefen sie den Musikanten zu uns und zum Wein, einen
hohen, schlanken Menschen in billigem Leinenanzug, aber mit Akzent und
Allüren eines Wiener Aristokraten.
Paris und London, Sidney und New York waren ihm in gleicher Weise
geläufig, und zwischen den Erzählungen von Rennen und Siegen schwirrten
nur so die phantastischsten Zahlen von Gehältern und Gewinnen. Aber
jetzt scheint das alles weit hinter dem noch jungen Mann zu liegen,
und er, ruhig und abgeklärt, als habe es nie etwas anderes gegeben,
als habe er nie etwas anderes erstrebt und gewünscht, als auf einem
weltvergessenen öden Fleckchen einer Insel im Rio Negro mit zwei ein
wenig fetten und schmutzigen, aber vergnügten und tüchtigen Patres zu
sitzen und braunen, wilden Söhnen von Italienern, Spaniern und Indios
Musikunterricht zu geben.
Wir merkten ihm den Wunsch an, uns vorspielen zu dürfen, und baten ihn
darum. Mit todernstem Gesicht lehnte er sich an den Tisch, und wie er
den Bogen ansetzte, schwand der kranke Ausdruck der Augen -- von dem
Sturz war das Hirn wohl noch immer ein wenig durcheinandergerüttelt --,
und wie er nun spielte, saßen alle lauschend, wir und die Patres und
der Indianerjunge, der den Wein einschenkte.
Immer leidloser und immer befreiender wurden die Lieder, und man
sah die Mücken nicht mehr, die massenhaft um den brandroten Wein
schwirrten. Und er spielte doch nur Wiener Walzer, Operetten,
„Dorfkinder“ und „Zigeunerprimas“, aber aus dem Spiel schluchzte
himmelhoch und sehnsüchtig der ganze Gegensatz heraus von hier und
dort, von einst und jetzt.
17. Das Land der Kanäle.
Allen, Territorium Rio Negro.
Ein beinahe unheimlicher Eindruck erfaßt einen, wenn man zum erstenmal
mitten in die Zone intensiver künstlicher Bewässerung kommt. Ein
Schauer streift einen, als sei hier in fast frevelhafter Weise das
Gesetz der Natur überwunden, indem der Mensch das Wetter meistert oder
vielmehr seinen Einfluß ausschaltet und sich in der Bestellung des
Bodens von Regen und Sonnenschein unabhängig macht. Der schlimmste
Feind der argentinischen Landwirtschaft, die Trockenheit, sie, die in
regelmäßigen Abständen Tausende von Existenzen zugrunde gehen ließ,
die Früchte jahrelanger Arbeit in kürzester Frist zerstörte, die das
Korn versengte und das Vieh in Massen mordete: hier ist sie überwunden.
Die Landwirtschaft ist industrialisiert, ist ein maschinenmäßiger
Betrieb geworden, dessen Gedeihen abhängt von dem richtigen Gang des
technischen Apparates, der aber unabhängig ist von den Launen der
Witterung. Ein später Frost kann wohl die Baumblüte zerstören und die
Obsternte gefährden, aber dies ist auch fast das einzige, was dem
Landmann das Wetter noch antun kann. Im übrigen ist der jährliche
Ertrag etwas, was man mit Hilfe der Bewässerung selbst regelt. Der
Landwirt braucht nicht ängstlich zum Himmel schauen, sei es, ob
endlich der ersehnte Regen fällt oder ob der Himmel seine Schleußen
schließt, um von der verregneten Ernte noch etwas zu retten. Es regnet
nur im Winter, wenn es gleichgültig ist, und der Farmer selbst gibt
seinen Pflanzen das an Wasser, was sie brauchen.
Die steil abfallenden Steinwände des patagonischen Hochlandes, deren
Fels rot zu glühen scheint von der darauf brennenden Sonne, begrenzen
das weite Tal, das eine Kuppel von intensivster unabänderlicher Bläue
überspannt. Wo das Wasser noch nicht hinkam, trostlose Dürre, kaum
daß der Boden ein paar dornige Büsche trägt, und unmittelbar daneben,
soweit die Feuchtigkeit reicht, blühendes Grün.
Pappeln säumen alle Wege, Pappeln, immer nur Pappeln. Ist in
andern Gegenden der Republik Meilen auf Meilen und Stunden auf
Stunden ermüdender Bahnfahrt Drahtzaun, Windrad und Wassertank das
ewig wiederkehrende Motiv, so ist es hier der hohe schlanke Baum.
Regelmäßig und quadratisch wie alles hier im Lande, ist das ganze
Bewässerungsgebiet in Lose von gleicher Größe geteilt. Kann auch ein
Besitzer mehrere Lose in einer Hand vereinen, so muß doch ein jedes
Los von der Größe von 100 Hektar von öffentlichen Wegen umschlossen
sein. Jeder dieser Wege, von denen der größte, die Hauptverkehrsader
durch die Kolonie, eine Breite von 50 Meter hat, ist mit enggepflanzten
Pappeln eingefaßt. Und jeder Weg auf den Chacras, ja jedes Feld ist
wieder mit diesen Bäumen umstanden. Sie säumen jeden Corral und
jeden Wassergraben. Ihr Zweck ist ein vielfacher. Sie sollen die
Gewalt der vom Hochland herunterbrausenden Staubstürme brechen und
die jungen Pflanzungen schützen, und sie sollen die Böschungen der
Kanäle festigen. Aber daneben reizt auch das rein Praktische zu
ihrer Anpflanzung. Sie geben Holz, ein wertvoller Artikel in diesem
holzarmen Lande. Und als letzten, wenn auch vielleicht nicht einmal
beabsichtigten Vorteil spenden sie Schatten. Stundenlang im Schatten
reiten zu können ist ein Genuß, den man sonst in Argentinien nicht
leicht findet.
Am stärksten ist der Kontrast zwischen dem leichten frischen Grün
des Bewässerungslandes und der gelben heißen Dürre des übrigen
Bodens unmittelbar an der Mündung des großen, im Bau befindlichen
Regierungskanales bei Almirante Cordero. Einige Kilometer flußaufwärts
von der Vereinigung des Neuquen und des Limay, die zusammen den Rio
Negro bilden, ist mittels eines gewaltigen Staudammes das gesamte
Flußbett abgesperrt. Von hier zweigt der große Regierungskanal ab, der
bis Zorilla oder Chinchinales führen und das gesamte Rio-Negro-Tal auf
eine Länge von 120 bis 150 Kilometer bewässern soll. Dieser Staudamm
soll zugleich das Tal vor den gefährlichen Überschwemmungen schützen,
die es bisher von Zeit zu Zeit verheerten und deren letzte im Jahre
1899 das Städtchen General Roca zerstörte. Vollständig wird der Schutz
vor den Überschwemmungen allerdings erst dann sein, wenn auch der Limay
reguliert ist. Die größte Gefahr ist jedoch wohl heute schon gebannt.
Ein besonders günstiger Umstand ist das Vorhandensein eines ungeheuren
leeren Felsenkessels unweit des Staudammes, die Cuenca Vidal. Ihre
Steilwände haben ein Fassungsvermögen von über 5 Milliarden Kubikmeter,
so daß selbst die größten Wassermengen zu Zeiten ungewöhnlich großer
Schneeschmelze unschädlich dorthin abgeleitet werden können.
Almirante Cordero ist heute nichts als eine Barackenstadt für die
am Bau beschäftigten Ingenieure und Arbeiter. Der Anblick ist aber
wesentlich anders als der sonst übliche. Man hat gleich zu Beginn
der Arbeiten Bewässerungskanäle gezogen und Bäume gepflanzt, und
heute liegen die Wellblechbaracken im Schatten eines dichten Haines
hochstämmiger Pappeln.
Es ist die Zeit des niedersten Wasserstandes, und doch ist es eine
gewaltige Wasserflut, die durch die Schleusen in den unmittelbar vor
dem Staudamm abbiegenden Hauptkanal strömt, genug, um Zehntausende von
Hektaren zu bewässern. Wenige hundert Meter flußaufwärts zweigt ein
breites steiniges Bett ab, das einen natürlichen Ablauf zur Cuenca
Vidal bildet. Man ist augenblicklich noch dabei, das Bett zu vertiefen.
Zwischen dieser Linie und dem Kanal ist ein Streifen Kulturland von
Pappelreihen eingefaßt, und es breiten sich frischer grüner Rasen und
blühende Gärten. Inmitten der sonstigen Steinwüste wirkt dies alles
fast phantastisch, um so mehr als der Übergang zwischen Fruchtbarkeit
und Dürre nicht allmählich erfolgt, sondern plötzlich, wie mit der
Meßschnur gezogen.
Der Rio Negro fließt dicht am Südrande des Tals entlang, teilweise
fast am Fuße der Steilwände des patagonischen Hochlandes. Im Gegensatz
dazu wird der Kanal am Nordrand des Tales entlang geführt. Mittels
eines Systems von Nebenkanälen, die das Tal durchqueren, soll das
ganze Gebiet mit Wasser versorgt werden. Bisher sind aber nur die
ersten Zonen mit den Kolonien Picasso und Luzinda unter Kultur
genommen. Trotzdem an dem Kanal seit vielen Jahren gebaut wird und
mehr als 12 Millionen Peso dafür ausgegeben sind, schiebt sich die
endliche Fertigstellung von Jahr zu Jahr hinaus, so daß die Bewässerung
der größten Kolonie, General Roca, noch immer durch den alten
Genossenschaftskanal erfolgt, während die weiter flußabwärts liegenden
Gebiete einstweilen vergeblich auf Wasser warten.
Die Bewässerung erfolgt in der Weise, daß von Nebenkanälen, den
„Secundarios“, durch immer weitere Verzweigungen das Wasser bis zu
jeder einzelnen Chacra geleitet wird. Hier hat der Besitzer durch
ein System von Gräben, den „Acequias“, selbst für die Verteilung des
Wassers zu sorgen. Vorbedingung für die Bewässerung ist die vollkommene
Planierung des Geländes. Darauf wird jeder einzelne von Acequias
umrahmte Abschnitt oder Potrero durch niedrige Dämme in Streifen von
20 Meter Breite eingeteilt. Diese Streifen können nacheinander je nach
Bedarf unter Wasser gesetzt werden, indem man die Acequias staut und
den Damm an der gewünschten Stelle durchsticht.
Die Schwierigkeit liegt darin, dem Boden die richtige Wassermenge
zuzuführen. Vielfach hat sich durch ein Zuviel der Grundwasserspiegel
in bedenklicher Weise gehoben. Aus solcher Überwässerung mag auch
der allzu große Wassergehalt herrühren und der dadurch bewirkte fade
Geschmack, den man da und dort dem Obst vom Rio Negro vorwirft. An
einzelnen Stellen sind die Folgen noch schwerer, und eine unachtsame,
allzu reichliche Bewässerung hat zu einer vollkommenen Verschlammung
des Bodens geführt, die stellenweise so weit geht, daß man beim
Passieren zu versinken droht.
Vor einem solchen versumpften Feld mögen einen Bedenken
beschleichen, daß sich die Natur doch nicht ungestraft ins Handwerk
pfuschen läßt. Allein es sind Fehler, die in der Anlage liegen.
Jedes Bewässerungssystem erfordert die gleichzeitige Anlage von
Entwässerungskanälen; bei dem neuen Regierungskanal hat man dies
vorgesehen und auch ein Entwässerungssystem gebaut.
Der Eindruck, den das Bewässerungsgebiet macht, ist trotz der
technischen Unzulänglichkeit größer als der jedes andern technischen
Werkes. Denn hier greift der Mensch wirksam und erfolgreich in den
Lauf der Natur ein. Er gibt dem Lande nicht nur Wasser, wann er will,
sondern mit der Bewässerung des Tales ändert sich auch das Klima,
und mit diesem und infolge der vom übrigen Argentinien von Grund aus
abweichenden Lebensbedingungen ändert sich wohl auch der Charakter
der hier aufwachsenden Menschen. Die schwüle Hitze, die andere Teile
Argentiniens so unerträglich macht, fehlt hier völlig. Die Nächte sind
auch im Sommer frisch, die Winter kalt. Statt der extensiven Wirtschaft
im übrigen Argentinien herrscht hier intensiver Betrieb. Das Leben hat
hier etwas von der Enge, aber auch von der Behaglichkeit des alten
Deutschland. Ein bitterer Wermutstropfen nur: trotz der Bemühungen
einzelner Deutschargentinier, wie Theodor Alemanns, war es vor dem
Kriege nicht möglich, Interesse für diesen Landstrich zu gewinnen,
der wie kein anderer für deutsche Einwanderung geeignet gewesen
wäre. Heute ist das Land fast durchweg in festen Händen und teuer,
so daß deutsche Einwanderer nur gestützt auf eine kapitalkräftige
Kolonisationsgesellschaft hier die Ansiedelung wagen könnten.
18. Ritt durch Neuquen.
Am Neuquenfluß.
Der Zug fährt durch eine Wand von Staub. Mehr als die schwarzen
Schleier, die die unendliche Nacht vor die Kupeefenster zieht, sind es
die Staubmassen, die jeden Ausblick hemmen. Wie inmitten einer Sandhose
fährt der Zug.
Resigniert gibt man den Versuch auf, durch die blinden Scheiben den
Charakter der Landschaft zu erspähen, und läßt auch noch die hölzernen
Rolläden herab, um dem Staub den Eintritt in den Wagen zu wehren.
Umsonst. Durch die feinsten Ritzen dringt er ein. Fingerdick setzt er
sich auf Polster und Lehne, auf Koffer und Kleider. Von Zeit zu Zeit
macht ein Bediensteter der Bahn den Versuch, mit einem Wedel den Staub
aufzuwischen. Es ist hoffnungslos. Der Zug ertrinkt im Staub.
Wie sagte der Herr in Bahia Blanca, als er von meiner Reise durch
Neuquen hörte?
„Was, in diese Wüste wollen Sie?“
„Waren Sie denn schon einmal dort?“ war meine Gegenfrage.
„Nein, aber das weiß man doch!“
Das weiß man doch! Ich frage etwas unter meinen Bekannten in Bahia
Blanca herum, wer Neuquen oder auch nur Rio Negro kenne. Das Resultat
war nicht anders als in Buenos Aires. -- Kaum einer. Seltsam, da
handeln die Geschäftsherren mit den ~Frutos del pais~, mit Getreide und
Alfalfa, mit Wolle und Häuten, aber sie haben kein Interesse daran,
das Land kennenzulernen, aus dem sie das beziehen, womit sie sich ein
Vermögen machen.
Und so bilden sich Urteile nicht aus eigener Anschauung, sondern
gleichsam auf überkommenen Konventionen ruhend, die man nachspricht,
ohne sie nachzuprüfen. „Patagonien -- nur für Schafzucht geeignet“,
„Regierungsland -- wertlos“, „Neuquen -- eine Wüste“.
Stimmt das Urteil? Auf den Stationen sieht man im schwachen Licht der
Sterne kaum eine Bretterbude, einen Windmotor und Wassertank, dahinter
nichts als zampabestandene Wüste. -- Ich gehe ins Schlafkupee. Auch
hier der Staub. Noch in den Traum folgt er und liegt beim Aufwachen
trocken im Gaumen und knirscht zwischen den Zähnen.
Die Stationen sind spärlich geworden. Stundenlang fährt der Zug von
einer zur andern. Und nicht einmal für die wenigen fanden sich Namen,
einfach Kilometer soundso.
Sand, Zampa, Tosca, dorniges Buschwerk, bestenfalls am Horizont ein
paar Hügel und leicht sich wellende Berge.
Um neun Uhr sind wir in Ramon M. Castro, der letzten Station vor
Zapala, von wo die Reise zu Pferd weitergehen soll.
[Illustration: Freundliche Marktweiber.]
[Illustration: Lamaherde.]
[Illustration: Ein Säugling zu Pferd.]
[Illustration: In einer bolivianischen Posada.]
Wie ging uns als Knabe das Herz auf, wenn wir von Wild West lasen.
Heute kann man die Vereinigten Staaten von Ost nach West, von Nord
nach Süd durchfahren, man wird von Wild-West-Romantik nichts
mehr sehen. In Argentinien gibt es sie noch, keine 40 Bahnstunden
von der Hauptstadt entfernt: Städte, die heute aus ein paar
Wellblechbaracken bestehen und deren Entwicklung niemand ahnen kann.
Unbegrenzte Möglichkeiten für den Zähen, Zielbewußten, und königliche,
schrankenlose Freiheit in unbegrenzter Weite.
Die Häuser, aus denen Ramon M. Castro besteht, lassen sich leicht an
zwei Händen zählen: Außer der Station drei Almacene, ein Franzose,
ein Spanier, ein Pole, eine Fonda, die ein Italiener bewirtschaftet,
die Bretterbude der Polizeistation und einige Lehmranchos. Halt, da
ist noch ein stattliches, zweistöckiges Gebäude, ein Ziegelbau mit
Wellblechdach -- die Schule. Man frägt erstaunt, für wen. Alle Achtung
vor einem Land, das in seinen abgelegensten, menschenärmsten Teilen
noch solche Schulen baut.
Diese armselige Kampstadt inmitten trostlos heißer Sandwüste ist für
eine weite Umgebung Kultur- und Wirtschaftszentrum. Hierher verkaufen
die wenigen an dem Flusse sitzenden Estancieros wie die auf dem
Regierungsland nomadisierenden Indios ihr Vieh und ihre Felle. Hier
können sie in den Läden alles einkaufen, was sie brauchen, und in der
Kneipe können sie spielen und sich betrinken. Kehrt man nach tagelangen
Ritten in einsamer Wüste und Steppe nach Ramon zurück, so ist es nicht
anders als die Rückkehr aus der Provinz nach Buenos Aires.
Einstweilen aber kann man es nicht fassen, wie Menschen es in diesem
heißen, sandigen Kessel aushalten. Kein Grün, weder Busch noch Baum.
Nur an der Bahn das Gärtchen des Stationsvorstands, das, von dem Tank
der Südbahn aus mit Wasser versorgt, mit frischem Grün prangt: Tomaten,
Kohl, Pfirsiche, Äpfel, Birnen.
Sonst kommt alles, was diese Kampstadt zum Leben braucht, mit der Bahn.
Die Preise sind höher als in Buenos Aires. Früchte, die man nur wenige
Bahnstunden weit in Roca zu anderthalb Peso das Hundert kaufen kann,
verkauft der Italiener mit 10 Cent das Stück. Gebrauchsgegenstände,
Stoffe, Kleider, Küchengerät, Messer usw. verkaufen die Almaceneros
mit hundert, zweihundert, ja sogar dreihundert Prozent Aufschlag. Oft
spielt sich das Geschäft in der Weise ab, daß die Indios den Erlös für
Vieh, Felle oder Wolle in einem Tag vertrinken, die Ware auf Kredit
nehmen und wieder ohne einen Cent bares Geld auf ihre einsamen Ranchos
zurückkehren.
Wir warten die größte Mittagshitze ab, ehe wir abreiten. Mäntel und
Decken -- denn die Nächte sind kalt -- und ein wenig Wäsche ist alles,
was mitkommt.
Ein breites flaches Tal zwischen sanften Hängen zieht sich nach Norden.
Wir reiten Stunden und Stunden. In großen Abständen kündet eine
weidende Tropilla Pferde oder eine Schaf- und Ziegenherde einen Puesto,
eine kleine Ansiedlung von Indianern.
Ein ganz ärmlicher Rancho, ein Brunnen, um den Kürbisse wuchern, und
allenfalls noch ein Corral, mit mühsam zusammengesuchtem Gestrüpp
kunstlos eingehegt, das ist alles. Auf engstem Raum hausen unter dem
niedrigen Lehmdach oft mehrere Männer und Frauen und ein Dutzend
Kinder. Wir steigen ab und bitten um Wasser. Mit argentinischer
Höflichkeit wird es gereicht, aber als wir photographieren wollen, gibt
es fast eine böse Szene. Die Señora fürchtet sich vor dem Apparat;
vielleicht glaubt sie sich auch nicht schön genug angezogen. Wir müssen
ohne Aufnahme weiter.
Von den Hufen unserer galoppierenden Pferde weht der Staub in langen
Fahnen. So geht es Stunde um Stunde, kaum mit kurzen Schritteinlagen.
Es sind billige eingeborene Tiere, klein und unansehnlich; aber
fabelhaft ist, was sie leisten. Sicher wird durch Mischung mit
europäischem Blut der einheimische Schlag größer und ansehnlicher.
Allein geht das nicht auf Kosten von Zähigkeit und Anspruchslosigkeit?
Kein europäisches Pferd könnte bei diesem Futter auch nur entfernt
ähnliches leisten.
Schon will es dämmern, als sich das Tal verengt. Felskulissen schieben
sich vor. Über den Paßeinschnitt wechselt flüchtendes Wild -- Strauße.
Scharf zeichnen sich für Augenblicke ihre Silhouetten am Horizont ab.
Die Pferde keuchen den steinigen Pfad empor. Auf der Höhe weitet sich
der Blick. Den Horizont grenzen blaue Berge.
In wildem Farbentaumel stirbt der Tag. Soweit das Auge reicht, nicht
Mensch noch Tier noch Anzeichen menschlicher Behausung. Ringsum
grenzenlose Einsamkeit.
Der Galopp der Tiere, der müd und kurz geworden war, wird in der
kühlen Nachtluft wieder raumgreifend. Schweigend galoppieren wir durch
buschbestandene Steppe. Mensch wie Tier hasten dem Ziele zu.
Aus dem Grunde vor den horizontfernen Bergen, die sich jetzt wie eine
schwarze Wand drohend vor uns aufbauen, kommt ein mattes Blinken wie
von Silber, auf das schwaches Licht fällt -- der Fluß.
Ohne es zu wissen löst sich aus staubtrockener Kehle ein Schrei: Der
Fluß, Wasser, Leben! Die Pferde rasen ohne Antrieb vorwärts.
Wie im Traum faßt das Auge die wechselnde Landschaft. Zwischen den
blinkenden Kurven dunkle Flächen von Grün, Gras und Alfalfa, mehr
geahnt als erkannt, Pappeln in Reihen aufmarschiert, die Schatten hoher
Baumgruppen.
Inmitten der Wüste grünendes Leben, treibende Frucht.
Wir reiten zwischen Pappelreihen. Dahinter Weingärten, Obst, Früchte.
Unter hohen Bäumen ein großes, weißes Haus, Schuppen, Ställe und
ringsherum Gärten. Eine Oase in der Wüste nimmt uns auf.
Es ist kein anderer Boden, kein anderes Land als jenes, das wir
durchritten haben, nur daß es der Zauberstab berührt hat, auf den
das ganze Land wartet, um sich in ein Paradies zu wandeln -- die
segenspendenden, lebenschenkenden Fluten künstlicher Bewässerung.
19. Zukunftsland.
Wo der Rio Cayunco in den Neuquen fließt, treten die Berge im weiten
Umkreis zurück und bilden mit ihren steil abfallenden Wänden einen
mächtigen Felskessel. Eingeschlossen von dem toten heißen Gestein
aber, an den Ufern der Flüsse, fruchtbares Land, das nur des Wassers
bedarf, um jede Frucht zu treiben.
Es ist ein eigen Ding um die Sonne, die hier von einem Himmel von
unendlicher Bläue herunterbrennt und deren Hitze die steinernen Mauern
vielfach widerstrahlen. In wenigen Tagen färbt sie Gesicht und Hände,
den offenen Hals und die bloßen Arme über ein Indianerrot zu einem
tiefen satten Braun.
Sicherlich steigt hier die Quecksilbersäule auf die gleiche Höhe wie in
Buenos Aires, ja selbst auf die Höhe, die ich im Dezember und Januar im
Norden der Provinz Santa Fé stöhnend erlebte. Aber es ist eine andere
Hitze. Es scheint eine andere Sonne. Die Luft ist in diesem Lande, das
keinen Regen kennt, von einer Trockenheit, Reinheit und Klarheit, daß
die Hitze nur wie ein köstlicher, warmer Hauch empfunden wird. Dazu
sind die Nächte wundervoll frisch, fast kalt.
Wer hat von diesem Klima Neuquens gehört? Ich habe nur von
unerträglichen Staubstürmen gelesen, und es bedarf wohl geraumer Zeit,
bis man sich klar wird, daß dieses Wohlgefühl des Körpers von einem
Klima herrührt, das dem Ägyptens ähnelt.
In der trockenen Glut dieses Felskessels reift eine Frucht von
unendlicher Süße. Ich gehe durch die pappelumstandenen Weingärten der
Estancia, die mir Gastfreundschaft gewährt. Schwer hängen grün und blau
und rot die Trauben von den jungen Stöcken. Noch sind erst schüchterne
Versuche gemacht worden, aus ihnen Wein zu keltern. Aber Lage und Boden
müssen ein Produkt geben, das es mit jedem Wein des Rio-Negro-Tales
aufnehmen kann. Anschließend strömen die Obstgärten unter kühlem
Schatten einen betäubenden Duft aus. Die zehnjährigen Pfirsichbäume
hängen übervoll. Hier und da sind besonders schwerbehangene Äste
gestützt oder unter der Last der Früchte heruntergebrochen. Weiterhin
Äpfel und Birnen, Pflaumen, aber auch Feigen. Auch mit Tabak sind die
ersten Anbauversuche erfolgreich gemacht. Der Boden scheint alles zu
tragen, was man in ihn pflanzt.
Schwierig ist die Verwertung. Zur Station sind zehn Leguas. Trotzdem
werden Früchte nach Bahia Blanca verschickt. Das übrige dient für den
großen Bedarf des Besitzers, seiner Familie und des Gesindes. Für den
Winter wird in großem Maße Trockenobst bereitet, das man in einfacher
Weise in der Sonne dörrt.
Die Obst- und Weingärten säumen Alfalfafelder, die fast bis an
den Fluß reichen. Unter den Akazienbäumen des Hofes steht die
Reinigungsmaschine, die den Samen von den letzten Unreinigkeiten
befreit. Wie pures Gold rinnen die gelben Körner über die Siebe in die
Benzinkannen, die als Meßgefäße dienen.
Keuchend bringen die Peone die schweren Säcke angeschleppt. Klappernd
dreht sich die Maschine, und ein kleiner Indianerjunge streicht
vorsichtig den Samen in den Latas, den Kannen, bis zum Rande glatt,
damit das Maß genau stimme, und der Besitzer füllt über ausgebreitetem
Segeltuch den goldenen Samen so sorgfältig in die zum Versand
bestimmten doppelten Säcke, als handle es sich um wirkliches Gold. Für
ihn ist es das auch. Trägt ihm doch jeder Hektar 500 Kilo Samen und
rechnet er aus seinen wenigen hundert Hektaren auf einen Gewinn von
30000 bis 40000 Peso.
Mit Ausnahme der in der Nähe des Flusses liegenden Alfalfafelder
empfängt das ganze Land Wasser mittels eines Kanals, der zwei Leguas
oberhalb der Estancia vom Fluß abzweigt und durch ein System von
Acequias Alfalfa, Obst und Wein bewässert.
Die ganze Anlage ist nicht älter als dreizehn Jahre. Um diese Zeit
kam der Besitzer hierher, ein Spanier, der bisher einen Laden in Las
Lajas hatte, kaufte um wenige Peso das wertlose Land und schuf in
unermüdlicher, harter Arbeit das heutige Paradies.
Das Land ringsum, zum Teil Regierungsland, zum Teil Privatland, ernst
um einen Pappenstiel gekauft, aber unverwertet gelassen, da seine
unfruchtbare Dürre kaum Schafe und Ziegen ernähren würde, unterliegt
denselben Bedingungen. Nur zwei Dinge braucht es, Arbeit und Wasser.