haben Bahia Blanca und der Süden das erste fette Jahr. Der Feind des
Südens ist die Trockenheit. Im vergangenen Jahr hat es ungewöhnlich
viel geregnet, daher die erstaunlich große Ernte.
Die Zukunft Bahia Blancas als Getreideexporthafen liegt im Süden
der Provinz Buenos Aires und in der Pampa. Die nähere Umgebung der
Stadt wie alles Land südlich davon ist wenig wertvoll, und ein großes
mißglücktes Kolonisationsunternehmen in dieser Gegend ist ein warnendes
Exempel.
Der zweite Hauptexportartikel Bahia Blancas, die Wolle, liegt
augenblicklich darnieder. Der Wollpreis sinkt, und Händler und
Produzenten halten zurück. Nach den phantastischen Preisen, die im
Kriege für Wolle gezahlt wurden, ist die Reaktion nur natürlich.
Aber es krampft einem doch das Herz zusammen, wenn man die riesigen
Wollager sieht, die bessere Preise hier abwarten sollen, und an die
stilliegenden Textilfabriken in Deutschland denkt und an den Mangel an
Kleidung.
Dazu kommt natürlich Vieh. -- In letzter Zeit sind mehrere Frigorificos
gebaut worden, während ein großzügiger Obstexport aus dem Rio-Negro-Tal
mit Marmelade- und Konservenfabriken noch Zukunftsmusik ist.
Ist der eine Zukunftsfaktor Bahia Blancas die Entwicklung seines
Hinterlands, so ist der andere sein Hafen. Auch hier sind die Ansichten
nicht weniger geteilt. Bahia liegt an einer langsam versandenden und
verschlickenden Bucht. Wenn auch jetzt noch mittlere Ozeandampfer an
den Kais anlegen können, so ist die Frage, welche Kosten es auf die
Dauer machen wird, die Fahrstraße offen zu halten.
Der Hafen ist landschaftlich nicht weniger trostlos als die ganze
Umgebung der Stadt. Schlick und Morast lassen nicht erkennen, wo das
Land aufhört und das Wasser anfängt. Die Bucht wirkt wie ein brauner
Sumpf.
Ein Gewirr von Schienensträngen, alle übervoll von getreidebeladenen
Waggons, führt an die Molen. Hier liegt ein Schiff neben dem andern,
alle harren auf Ladung. Aber wie eine ungeheure, zinnengekrönte Festung
türmen sich die Getreidesilos, hoch die Kamine und Masten überragend.
Die Hafenanlagen sind sämtlich in privaten Händen, die einen in
Ingeniero White gehören der Südbahn, die andern in Puerto Galvan der
Pazifikbahn.
Die Bahnen englisch. Die Hafenanlagen und Silos englisch. Die Schiffe
an den Molen -- teilweise tragen sie noch deutsche Namen -- unter dem
Union Jack. Nirgends sonst drängt sich die ungeheuere wirtschaftliche
Gewalt Großbritanniens so unerbittlich auf und die tyrannische
Macht, mit der sie das gesamte Transport- und Verkehrswesen ganz
Argentiniens zu Wasser und zu Lande beherrscht. Die Engländer können
-- und sie haben es getan -- jedes Unternehmen, das ihnen nicht
paßt, dadurch zugrunde richten, daß sie ihm keine Transportmittel
stellen. Hier liegen die Grenzen deutschen Betätigungsdranges und
Unternehmungsgeistes in Argentinien.
14. Deutsche Seeleute in Südamerika.
Bahia Blanca, Puerto Militar.
Die Kapitänskajüte der „Seydlitz“ ist die alte geblieben in all ihrer
Traulichkeit und Behaglichkeit mit den vielen Familienbildern an
den Wänden und auf dem Schreibtisch, und doch ist etwas anders. Ein
unheimlich Fremdes strömt von Decke und Wänden, wittert durch Tür
und Bullauge herein -- das Schiff ist tot. Seit mehr als fünf Jahren
liegt es unbeweglich, interniert, an der Kaimauer des argentinischen
Kriegshafens, und wie im Herzen von Führer und Mannschaft im Laufe der
langen Jahre etwas zerriß, so wirken die unerklärlichen Sprünge in
allem Porzellan und Steingut auf dem Schiff, welche alle Toiletten,
alle Badewannen und alle Waschbecken in Stücke splitterten, wie ein
unheimliches äußeres Zeichen dieses Sterbeprozesses eines Schiffes, das
einst ein lebendiges Glied der deutschen Flotte war.
In langer Reihe liegen die Schiffe hintereinander am Kai untätig.
Die Welt leidet unter dem Mangel an Schiffsraum. Die Überfülle des
Getreides staut sich in den Silos und Elevatoren von Puerto Galvan
und Ingeniero White. Aber trotzdem, und trotzdem längst schon
Frieden, können die Schiffe die Fahrt mit lebenswichtiger Fracht
nach Deutschland, mit Getreide, Fett und Fleisch, die ihnen England
bewilligte, noch immer nicht antreten.
Die Sonne flimmert auf dem glatten Wasserspiegel des Hafens, der hinter
den riesigen Kaimauern stilliegt wie ein Teich, während auf der andern
Seite die beginnende Flut das lehmgelbe Wasser der Bucht von Bahia
Blanca hochgischtet.
Der Kapitän erzählt, wie sie vor fünf Jahren einliefen. Die meisten
Schiffe gehörten zu dem Geschwader des Grafen Spee, der sich ein
deutsches Schiff nach dem andern aus dem Stillen Ozean heranholte und
in Hilfs-, Kohlen- und Transportschiffe verwandelte. Die „Seydlitz“ war
Hospitalschiff und machte als solches die Schlachten von Coronel und
Falkland mit.
Coronel, das ist es, von dem all die deutschen Seeleute in Südamerika
noch leben. Die Augen des Kapitäns leuchten, wenn er erzählt, wie
die Engländer sanken. In zwanzig Minuten war alles vorüber. Dann kam
Falkland. Alle waren dagegen, daß man das englische Geschwader angriff,
vom Grafen Spee angefangen. Aber der Chef des Stabes setzte seinen
Willen durch. Trotzdem wäre vielleicht alles gut gegangen. Allein man
hatte sich in der Magalhãesstraße mit einem englischen Segler, der
Kohlen geladen hatte, zu lange aufgehalten, und inzwischen waren die
beiden Dreadnoughtkreuzer, die die Engländer über den Ozean geschickt,
zu dem britischen Geschwader gestoßen. Einen Tag, bevor die Deutschen
angriffen, waren sie eingetroffen. Einen Tag zu spät!
Die Internierung war nicht hart, und sie sparte andrerseits den
deutschen Schiffahrtsgesellschaften die Zahlung der andernfalls
gewaltig hohen Liege- und Hafengelder. Trotzdem -- fünf Jahre auf
diesem trostlosen Fleck Erde!
Puerto Militar liegt am äußersten Ende der Bucht von Bahia Blanca, fast
am offenen Meer. Der argentinische Kriegshafen teilt mit Wilhelmshaven
Öde von Wasser und Land, mit Libau die Weitläufigkeit der Anlage, die
in größtem Maße auf Erweiterung und Neubauten zugeschnitten ist.
Ein armseliges Pueblo an der Station. Dann führt eine breite Allee zu
den verbotenen Zonen des Kriegshafens. Sein Hauptstück ist das mächtige
Hafenbassin, in dem die gesamte argentinische Kriegsflotte, auch wenn
sie sich verzehnfacht, noch Platz hätte. Auf der einen Seite liegen
ein paar kleine Kreuzer italienischen Ursprungs, auf der andern die
internierten deutschen Schiffe und nach der Ausfahrt zu die beiden
mächtigen Dreadnoughts „Moreno“ und „Rivadavia“, der Kern und der Stolz
der argentinischen Schlachtflotte.
Trotz der hohen Kampfkraft dieser beiden Schiffe, die auf
nordamerikanischen Werften gebaut und das typische Gepräge
amerikanischer Panzer mit ihren charakteristischen Gittermasten zeigen,
ist der Wert der ganzen argentinischen Kriegsflotte einigermaßen
problematisch. Das kritische Problem ist die Kohlenfrage. Wie man
mir sagte, hat die argentinische Flotte im Kriegsfall für ganze 14
Tage Feuerungsmaterial. Diese Schwierigkeit wäre jedoch leicht zu
überwinden, wenn die argentinischen Schiffe Ölfeuerung erhielten.
Öl wird ja im Lande selbst, in Comodore Rivadavia und neuerdings
in Neuquen, gebohrt. Aber vielleicht liegt Absicht darin, daß die
Nordamerikaner Argentinien keine Schiffe mit Ölfeuerung bauten.
An das Hafenbassin stoßen zwei Trockendocks, ein kleineres und
ein gewaltiges, das mir als das größte der Welt bezeichnet wurde.
Jedenfalls können die großen Dreadnoughts hier gedockt werden, und der
Norweger, der augenblicklich darin liegt, verschwindet mit Kamin und
Masten vollständig, als wäre er ein Miniaturschiffchen.
Neben dem großen Dock erhebt sich die Casa de Bombas, das
Maschinenhaus, das die Anlage zur Entleerung der Docks enthält.
In der Mitte des Gebäudes liegen die Pumpen, in einem viereckigen
Zementschacht von gewaltigen Dimensionen versenkt. Aus den Ecken langen
die mächtigen Rohre gleich Riesenarmen in den Raum hinein zu den mit
Mehrfachexpansionsmaschinen gekuppelten Pumpen. Der Gedanke wirkt fast
unheimlich, wie auf eine Drehung am Schaltrad hin diese Maschinen das
ganze Becken des Trockendocks leer zu saugen vermögen.
Noch ein paar Werkstätten und Kasernen; dann sind alle
Sehenswürdigkeiten von Puerto Militar erschöpft. Man kann sie bequem in
ein- bis zweistündigem Rundgang erledigen. Und fünf Jahre hier! Fünf
Jahre nutzlosen, untätigen Wartens!
Der Kapitän fängt meinen Blick auf: „Nein,“ sagt er kopfschüttelnd,
„wir haben es hier im Grunde recht gut gehabt. Wir können nicht klagen.
Vielleicht war es ein Fehler der Kompanie, daß sie die Mannschaft an
Bord behalten wollte. Durch das enge Zusammenleben und die Untätigkeit
ist es natürlich zeitweise zu Reibereien und Disziplinlosigkeit
gekommen. Damals hätten alle Leute leicht lohnende Arbeit beim Hafenbau
gefunden. So sind die meisten der Arbeit entwöhnt. Erst später wurde
Landurlaub gewährt und die Erlaubnis, Arbeit anzunehmen. Heute muß ich
meine Leute zusammenhalten, um genügend Besatzung für die Rückreise zu
haben.“
Nur an Stewards, Aufwäschern und dergleichen sei kein Mangel. Eine
Fülle von Rückwanderern meldet sich zu diesen Posten, darunter Leute,
die erst vor wenigen Monaten oder Wochen aus Deutschland hierher
gekommen sind, Enttäuschte, die in Argentinien das Land, wo Milch
und Honig fließt, zu finden hofften und die nun nach den ersten
Schwierigkeiten die Flinte ins Korn werfen. Manche von ihnen, die im
Frühling oder Sommer vergangenen Jahres herüberkamen, haben allerdings
kein schlechtes Geschäft gemacht, trotz der verlorenen Hin- und
Herreise. Ich denke dabei an jenen Paraguaysiedler, der im Frühling
vorigen Jahres herüberkam und jetzt zurückkehrt. Damals hatte er sein
ganzes Geld in Pesos umgewechselt, da er sich in Paraguay ansiedeln
wollte. Aber es war ihm zu heiß und die Arbeit zu schwer. Wenn er jetzt
zu Hause sein letztes Geld wieder in Mark einwechselt, hat er dank
des Valutasturzes, wenigstens in Papier, mehr als er bei der Ausreise
mitnahm. Ein gutes Geschäft! Und er hat nichts gearbeitet und keinen
Cent verdient.
Wir sehen über die Hafeneinfahrt hinaus, wo die auf und ab tanzenden
Bojen die Fahrrinne anzeigen. Immer kleiner werden sie und
verschwinden, aber in ihrer Verlängerung sieht man fern am Horizont,
scheinbar mitten aus dem Wasser ragend, einen Bau, der wie ein Haufen
zusammengewachsener Leuchttürme wirkt. Es sind die Silos einer
französischen Gesellschaft, die an der offenen See, noch weit über den
Kriegshafen hinaus, große Hafenanlagen und Getreidespeicher baut.
Zukunftsmusik. Allein wer vermag zu sagen, wie die Produktion eines
Landes wachsen mag, in dem Königreiche noch brachliegen.
15. Die Insel im Rio Negro.
Choele Choel.
In der Vorhalle ihres Bahnhofes in Bahia Blanca hat die Südbahn
Produkte des Rio-Negro-Tales ausgestellt, Pfirsiche von Faustgröße,
Äpfel und Birnen von noch erheblicheren Maßen, Trauben, Gemüse, Samen
und schließlich Kürbisse und Melonen von geradezu ungeheuerlichem
Umfang.
Man steigt in den Rio-Negro-Zug, der nur viermal in der Woche fährt,
mit dem Gefühl, in ein Dorado der Fruchtbarkeit und Fülle zu kommen.
Die Bahn geht erst den Rio Colorado entlang, um nach Überschreiten
dieses Flusses eine vollkommen wasserlose Wüste, die früher so
gefürchtete Travesia, zu durchkreuzen und dann das Rio-Negro-Tal bis
nach Neuquen hinauf zu führen. Die Bahn wurde zur Zeit der letzten
Grenzstreitigkeiten mit Chile aus strategischen Gründen gebaut. Ihr
Bau wurde den Deutschen zu äußerst günstigen Bedingungen angeboten;
denn die argentinische Regierung hätte gerne das englische Monopol im
Verkehrswesen gebrochen. Allein in Deutschland war damals nur geringes
Interesse für argentinische Unternehmungen, und es genügte, daß die
interessierten englischen Bahngesellschaften einige abschreckende
Artikel über das Projekt und die ganze Gegend in die Presse brachten,
um auch die wenigen deutschen Kapitalisten, die Interesse gezeigt
hatten, abzuschrecken. Die Bahn wurde dann natürlich von den Engländern
gebaut und sie ist heute dank der Entwicklung des Rio-Negro-Tals ein
glänzendes Geschäft.
Von dieser Entwicklung ist allerdings zunächst nichts zu sehen; auch
nachdem die Travesia durchkreuzt und der Rio Negro erreicht ist,
wechselt das Landschaftsbild nicht. Die Überraschung wächst, als
sich auch bei der Station Choele Choel, der ältesten Kolonie des
Rio-Negro-Tals, das Bild nicht ändert. Im Norden eine felsige Barranca,
im Süden eng gewelltes Hügelland geben zwar dem durch die ewige öde
Ebene ermüdeten Auge landschaftliche Abwechslung. Aber das Bild der
Dürre und Unfruchtbarkeit ist nicht anders als bisher.
Aber das Pueblo liegt noch eine gute halbe Stunde von der Station
entfernt, und in rüttelnder Fahrt mahlen die hohen Räder der leichten
Kutsche hügelauf, hügelab durch tiefen Sand. Es liegt am Ufer des Rio
Negro, der sich hier in zwei Arme spaltet, die in weitem Bogen die
gleichnamige große Insel, die eigentliche Kolonie, umschließen.
Die Insel ist alter historischer Boden. Zur Zeit der Indianerfeldzüge
war sie Hauptquartier, und aus dem Militärlager ging die erste
Kolonie hervor. Mancherlei Schwierigkeiten, vor allem die furchtbaren
Überschwemmungen, unterbrachen und hemmten die Entwicklung. Einen
neuen Abschnitt und Aufschwung bedeutete erst das Kolonistengesetz
von 1904, das die ganze Insel in einzelne Lose von 100 Hektar teilte.
Die Korrektionsarbeiten am oberen Rio Negro, vor allem die Stauanlage
der Cuenca Vidal, haben die Überschwemmungsgefahr auf ein Minimum
beschränkt.
[Illustration: Am Fuße des Vulkans Ollague.]
[Illustration: Bergarbeiterhütten in der Kordillere.]
[Illustration: Arbeit in der Mine.]
Auf einer Regierungsfähre setzt der Wagen über den Fluß. Dichte
Baumreihen fassen die breit und rasch dahinströmende Flut ein. Aber
sobald die fruchtbare grüne Zone unmittelbar am Fluß durchschritten
ist, erstreckt sich zwischen den am Weg hinlaufenden Drahtzäunen bald
wieder roher Kamp, zum Teil nur mit Gestrüpp und Strauchwerk umstanden,
auf dem man kaum einige Kühe und Schafe sieht.
Nach vielstündiger Fahrt quer durch die Insel ist der Eindruck nach den
großen Erwartungen, die man hegte, entmutigend. Erst am folgenden Tag,
als ich unter sachkundiger Führung einzelne Chacras mit fruchtschweren
Obstgärten und reichen Alfalfafeldern aufsuchte, änderte sich das Bild.
Es ist hier, wie überall in Argentinien. Der erste Eindruck täuscht
leicht und übertreibt nach der guten oder der schlechten Seite.
Schuld für dieses Stagnieren der Insel sind die Schieber und
Spekulanten, die es bei der Aufteilung des Landes verstanden haben,
sich einen großen Teil der Lose zu sichern. Nicht gewillt, Arbeit
oder Kapital in den Boden zu stecken, zogen sie, lediglich um der
gesetzlichen Bestimmung zu genügen, einen Drahtzaun um ihr Land und
setzten einen Rancho oder eine Wellblechbaracke darauf, da das Gesetz
die Errichtung eines Hauses fordert. Im übrigen warten sie darauf,
daß die Arbeit der Anlieger den Wert ihres Bodens um ein Vielfaches
steigert, um ihn dann mit hohem Gewinn loszuschlagen.
Da die wirklichen Ansiedler in der Minderheit und die Spekulanten in
der Mehrheit waren, so verfiel das ohnehin ungenügende Kanalsystem, und
die Insel zeigt heute nur dort fruchtbare reiche Landstrecken, wo die
enger aneinanderwohnenden Kolonisten die Kanäle in Ordnung halten, oder
an den Flußrändern, oder wo mittels motorischer Kraft, in der Regel mit
Hilfe von Windrädern, berieselt wird.
Nach vierstündiger Fahrt ist die Insel durchquert, und noch einmal geht
es über den Fluß. Wo die Fähre anlegt, sind die Bäume besonders hoch
und dicht, und unter ihrem hohen Dach stehen freundliche, saubere,
weiße Häuser. Es ist die Estancia eines Deutschen.
Die Geschichte dieses Deutschen, der einer der ältesten Pioniere
des Südens und ein eifriger Anhänger des Rio Negro ist, ist typisch
argentinisch. Als junger Kaufmann kam er herüber, fand eine bescheidene
Anstellung, und erwarb sich in den Freistunden durch Briefmarkenhandel
ein kleines Kapital. Mit diesem führte er die ersten Ansichtskarten
nach Argentinien ein. Hiermit machte er ein Vermögen, das er in einem
großen Briefmarkengeschäft anlegte, das glänzend ging und es ihm
ermöglichte, weite Ländereien aufzukaufen. Er wurde nun Landwirt,
erlitt jedoch mancherlei Rückschläge, bis ihm eine große Überschwemmung
des Rio Colorado, an dem seine Hauptbesitzung lag, Haus und Vieh,
Einrichtung und Gerät wegriß. Er siedelte nach dem Rio Negro über und
schuf dort in wenigen Jahren auf billig erstandenem rohem Kamp eine
blühende, reichen Ertrag abwerfende Estancia.
Der Besitzer zeigte mir Bilder aus den Anfangsjahren, und es erscheint
fast unglaubhaft, daß diese dürftigen Stämmchen und bescheidenen
Pflanzungen in der kurzen Zeit derart herangewachsen sind. Was den
Besuch so interessant macht, ist die Tatsache, daß hier alle Stadien
der Bewirtschaftung eng nebeneinanderliegen. Ein großer Teil ist noch
roher Kamp. Die erste Arbeit ist das Roden. Mit Axt und Schaufel wird
der Busch beseitigt und dann angezündet. Zum erstenmal geht dann der
Pflug über die schwarzgebrannte Erde. Der gelockerte Boden wird mittels
der automatischen Schaufel verteilt, um ihn zu planieren. An anderer
Stelle sieht man diese von Pferden gezogenen, einfachen, aber hier
unentbehrlichen Maschinen an der Arbeit. Es ist eine Kippschaufel, die
die gelockerte Erde von den Erhöhungen abnimmt, um damit die Senkungen
auszufüllen.
In den so bereiteten Boden wird im ersten Jahr Mais gesät, im zweiten
Gerste oder Hafer, im dritten bereits Alfalfa, entweder allein oder mit
Getreide, und damit ist die Goldquelle erschlossen. Das Alfalfafeld
bleibt entweder ertragreiche Weide oder wird ohne Neusaat Jahr für Jahr
auf Samen und Futter geerntet.
Die Wirtschaft beruht auf Vieh und Alfalfa. Aber daneben bieten Obst,
Wein und Gemüse große Aussichten. Unmittelbar am Fluß wachsen selbst
empfindliche Pflanzen ohne künstliche Bewässerung, und hier sind
gewaltige Obst- und Gemüsegärten angelegt, die jedes Jahr vergrößert
werden, Pfirsiche, Äpfel, Birnen, Pflaumen. Trotz der weiten Entfernung
von der Bahn ist der Obstbau lohnend; denn es kommt ja nicht nur der
Versand nach Bahia Blanca und Buenos Aires in Frage, sondern ebenso
die Versorgung Patagoniens mit Obst und Wein. Die Estancia liegt
unmittelbar an der Poststraße nach Valcheta, und ein spekulativer
Unternehmer läßt hier jede Woche ein Fruchtauto laufen.
Am nächsten Tag traf ich den Mann auf einer benachbarten Obstplantage,
als er gerade seinen Wagen voll Pfirsiche lud. Wie er mir erzählte,
verkauft er die Fruchtlast, die ihn 80 Peso kostete, für 400 Peso.
Einzelne Gewinne, von denen man hört, sind phantastisch. So wurde eine
Chacra von 200 Hektar zwei Monate vor der Ernte von ihrem Besitzer,
einem in Europa lebenden Spanier, um 75000 Peso verkauft. Aus dem
Alfalfasamen allein schlägt der Käufer im ersten Jahre bereits zum
mindesten die Hälfte des Kaufpreises heraus. Allerdings ist dieses Jahr
die Alfalfaernte besonders gut und sind die Preise besonders hoch. So
plötzlich der Erfolg, so plötzlich kann der Rückschlag kommen.
Wenn wir abends unter den schattigen Bäumen vor dem reichgedeckten
Tisch sitzen, auf dem alles, Fleisch und Brot, Butter und Obst eigenes
Erzeugnis ist, da mag das Los des Siedlers und Pioniers beneidenswert
erscheinen. Der eilige Besucher wird ja nichts gewahr von der
unendlichen Mühe und Arbeit, um all das zu schaffen, was hier blüht und
gedeiht, und eine einwandfreie Beurteilung der Aussichten wäre nur dann
möglich, wenn man genau die Zahl jener wüßte, die alles einsetzten und
elend zugrunde gingen.
16. Zwischenspiel.
Choele Choel.
Stundenlange Autofahrt kreuz und quer über die Insel vom frühen Morgen
bis zum späten Nachmittag, bald in Staubwolken gehüllt, bald in Schlamm
steckenbleibend, eine reiche Fülle von Eindrücken, wüste Dürre,
verschlammte Kanäle, überschwemmtes Land, roher buschbestandener Kamp
und wieder samenschwere Alfalfafelder und Obstbäume, zusammenbrechend
unter der Last der Früchte.
Kleine Pueblos über die Insel verstreut als Kultur- und
Wirtschaftszentren, Zukunftsanlagen, Almacen und Fonda und einige
Schuppen. Aber auch hier betont eine ein Denkmal darstellende Pyramide
aus ungebrannten Ziegeln den Stadtcharakter.
In der Fonda Chacreros und Händler und lange, schmutzige,
weinbefleckte Tische. An der Wand klebt ein Plakat, daß am Abend ein
Varietésängerpaar große Festvorstellung geben wird. Gegenüber der
Tür die Schenke, an der andern freien Wand ein großer Spiegel mit
Frisiertoilette, Rasiermesser, Kämme, Bürsten; denn die Wirtschaft ist
gleichzeitig Frisiersalon.
Der Wein, den der Wirt verschenkt, ist Inselprodukt. Die
Salesianerpatres haben neben ihrer Arbeit im Weinberg des Herrn auch
einen irdischen Weinberg aufgetan. Kirche und Schule liegt in ihrer
Hand, und nebenbei haben sie die beste Bodega, wie man hier einen
Winzerbetrieb nennt.
Dem Salesianerkloster ist auch äußerlich nichts anzumerken. Ein
einstöckiger, schmutziger Ziegelrohbau. Aber durch Zimmer und winklige
Korridore kommt man mit einem Male in einen hochgewölbten Kreuzgang,
ein erstaunlicher Anblick in einem Lande, das nur Wellblech- oder
Lehmbauten kennt. Die Erklärung ist einfach. Einer der beiden
Patres war früher Architekt. Welch seltsames Schicksal mag ihn zum
Salesianermönch gemacht haben! Nun mauert er Jahr für Jahr Gewölbe an
Gewölbe, Kreuzgang, Schlafsaal, Kelterei und Weinkeller. Daneben wird
Jahr für Jahr ein weiteres Stück roher Kamp gerodet und als Weinberg
bestellt. Daneben der Schulunterricht und die geistliche Tätigkeit.
Wir müssen alles ansehen, Weinberg und Kelter, die zementenen
Gärbottiche und das hohe Steingewölbe mit den großen Lagerfässern, in
ihrer Art einzig im Rio-Negro-Tal. Und schließlich geht’s die enge
Treppe hinunter in den Keller unter dem Kreuzgang.
Während wir eine Sorte nach der andern probieren müssen, erzählt der
andere Pater ununterbrochen. Über der speckigen, mehr grünlichen als
schwarzen Sutane sitzt ein kugelrunder Kopf, in seiner blühenden Farbe
wie aus Rosenquarz gedrechselt, und alles darunter ist rundlich.
Ein ferner Klang wie von Geigenspiel streicht durch das Kellergewölbe.
Wir stehen lauschend. „Unser Rennreiter“, meint Pater Rosenquarz.
Und er erzählt: „Eines Tages kam ein junger Mann und bat um Herberge.
In diesem gastfreien Land ist es allgemein Sitte, jedem, der da
kommt, Herberge und Essen zu gewähren. Es sind Arbeitsuchende oder
Abenteurer oder auch nur Wanderlustige, die in monatelangen oder
jahrelangen Märschen halb Südamerika durchwandern. Ich habe manchen
von ihnen kennengelernt. Einer war dabei, der ganz Brasilien und halb
Argentinien durchwandert hatte. Da er dem Mayordomo, bei dem er um
Herberge gebeten, gefiel, fragte ihn dieser, ob er nicht bleiben und
Arbeit nehmen wolle. Aber ein entrüsteter Ausruf war die Antwort:
‚Was, arbeiten! Ich bin zwei Jahre durch Brasilien gewandert, ohne zu
arbeiten, und ich denke es hier in Argentinien auch nicht anders zu
tun!‘ Trotz dieses vielfachen Mißbrauches der Gastfreundschaft wird
doch der Estanciero jedem, der morgens kommt, Frühstück und Mittagbrot
und jedem, der nachmittags eintrifft, Abendessen und Nachtlager geben.“
Solch einer war es auch, der zu den Salesianern gekommen war.
Monatelang war er durch die Republik gewandert und am nächsten Tage
wollte er weiter. Aber im Gespräch stellte es sich heraus, daß er
Rennreiter und als berühmter Jockei durch die ganze Welt gekommen war.
Bei seinem letzten Rennen in Buenos Aires hatte er sich den Kopf so bös
zerschlagen, daß es nichts mehr war mit der Reiterei. Eine gute Stelle
auf einer Estancia, die man ihm verschafft, gab er mir nichts dir
nichts auf und begann ein Wanderleben.