Die Nacht brachte keine Kühlung. Die Luft stand im Zimmer wie ein

heißes Ölbad. Sobald man sich niederlegte, fiel die feuchtschwere Luft

als drückende Hitzelast auf die Brust. Wieder aufgestanden und zu

entrinnen versucht. Umsonst. Wie hineingegossen blieb der Körper in der

stickigen Schwüle.

Nervenaufreizend summten die Moskitos, die immer wieder ihren Weg

durch die Netze fanden. Nur wenn man den schweren starken Ventilator

dicht ans Bett rückte, konnte man sich für Augenblicke das Gefühl der

Kühlung vortäuschen.

Endlich brach das Unwetter los, das die Luft mit so überreicher

Feuchtigkeit gesättigt hatte. Strömend floß, rann, stürzte das Wasser

vom Himmel. Draußen rieselte und planschte es. Durch das Badezimmer

trat ich aus dem unerträglich heißen Raum ins Freie. Die Hoffnung auf

Kühlung trog. Auch hier war es nicht anders wie im Treibhaus. Schlaflos

verging die Nacht.

Am frühen Morgen fuhren wir im kleinen Dampfboot über den Strom, über

den Paraná. Wie eine Vision, phantastisch schwül, blieb die Stadt

zurück. Vorbei an ärmlichen Häusern und Hütten, den Vorstädten Santa

Fés, menschlichen Wohnstätten, die nur aus vier Pfählen und einem

Schilfdach bestanden. Überdies war der Strom jetzt über seine Ufer

getreten und hatte die armen, halbnackten Bewohner aus ihren armseligen

Behausungen gejagt. Wie seltsame Fahrzeuge schwammen die Schilfdächer

auf der gelben, trüben Flut.

Am jenseitigen Ufer baut sich die Stadt Paraná auf steilem Steinhang

mit Türmen und Kuppeln auf. Dahinter ziehen sich die welligen Hügel

der Provinz Entre Rios in unabsehbaren Reihen zum Horizont, nach der

grenzenlos ebenen Eintönigkeit der Pampa ein überraschendes Bild.

Die steigende Sonne bringt die Glut des vergangenen Tages wieder.

Wie eine Erlösung begrüßt man am Horizont, im Zollhaus auf den

Koffern sitzend, den wie ein stockhohes Haus mit schaumaufwirbelnden

Schaufelrädern rasch näherkommenden Mihanovichdampfer.

Kühle Kabinen, geräumige Salons und der fächelnde Lufthauch der raschen

Talfahrt. Die Hitze der vergangenen Tage versinkt wie böser Traum.

Aber über dem ganzen Schiff liegt es wie ein Hauch tropischer

Fremdheit. Es kommt den Paraná herunter von Asuncion, und Paraguayaner

stellen den größten Teil der Passagiere. Gelbe bis dunkelbraune

Gestalten mit tiefschwarzem Haar, und Frauen von seltsam fremdartiger

Schönheit. Den Farmer mit der Pergamenthaut im saloppen Leinenanzug mit

dem offenen Hemd ohne Kragen begleitet das junge Mädchen in schwarzer

Seide, augenscheinlich seine Compañera, die in Paraguay in der Regel an

Stelle der Gattin das Leben des Mannes teilt.

Alle, die auf diesem Schiff vom Norden herunterkommen, tragen irgendwie

das Merkmal der Hitze. Irgendwie hat sie die blendende, glühende

Sonne gezeichnet. Das gilt von dem zarten, träumerischen, berückend

schönen Mädchen -- fast ist es noch ein Kind -- mit der pfirsichweichen

mattbraunen Haut ebenso wie von jenen unförmig in die Breite gegangenen

Frauen mit dem merkwürdig stechenden, heimtückischen Blick, deren

ganzes Wesen Nichtstun, Lässigkeit, Schwelgen in erotischen Träumen

kennzeichnet, während der Körper Tag für Tag untätig in Hängematten

und auf Pfühlen liegt. Und sie zeichnete auch jene deutsche Frau, die

mißmutig, gequält, verärgert mit dem geschwollenen, entzündeten Fuß, in

den der Sandfloh seine Eier gelegt hatte, nach jahrelangem Aufenthalt

im Norden, enttäuscht und verbittert, verblüht zurückkehrt.

Die Nacht im Liegestuhl auf dem kühl umhauchten Deck ist ein unerwartet

geschenkter Ruhepunkt zwischen dem qualvoll heißen Santa Fé und Buenos

Aires, das um diese Zeit auch nichts anderes ist als ein Glutofen, von

dem die Zeitungen Temperaturen bis zu 40 Grad und täglich Todesfälle

infolge Hitzschlag melden.

Ich muß an alle die Kolonisationsprojekte denken, die wir auf der

Estancia durchgesprochen, von der Besiedlung des Chaco, von Misiones,

Formosa und Paraguay. Kenner meinten, die Temperaturen seien dort auch

nicht schlimmer, in gewisser Hinsicht sogar erträglicher als in Santa

Fé oder Buenos Aires. Mag sein, wenn es auch wenig wahrscheinlich

klingt. In jedem Fall ist diese erste große Hitzewelle, die den frisch

aus Europa Kommenden nach so kurzem Aufenthalt überfällt, eine Warnung,

ein Menetekel, nicht unvorsichtig, nicht ohne sorgfältige Prüfung jene

Zonen aufzusuchen, in denen die Sonne als allmächtige, unumschränkte

Herrin mit glühender Peitsche herrscht.

11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen

Republik.

Buenos Aires.

Im Hafen lag noch die beflaggte „Argentina“, der erste deutsche

Passagierdampfer, der seit Kriegsausbruch in den La Plata eingelaufen

war; die Sirenen, die zu ihrem Willkommen über die Docks gegellt,

waren noch kaum verhallt. Es war ein starker Sympathiebeweis für

Deutschland gewesen, und auch jene Zeitungen, die während des Krieges

auf Deutschland nicht genug Schmähungen hatten häufen können, hatten

freundliche Worte gefunden.

Die Casa Rosada, der Regierungspalast, flimmerte in der Sonne. Die

rosaroten Wände glühten wie von innen erleuchtet. Hier war man immer

deutschfreundlich und entschlossen, den Krieg zu vermeiden. Auch in

jenen schweren Tagen, als das Ungeschick des deutschen Gesandten

es dem argentinischen Präsidenten fast unmöglich machte, seine

Neutralitätspolitik fortzusetzen. Damals stand Irigoyen fast allein

gegen Volk, Presse und Parlament. Er schaffte es; der ungeheure Wille

des einen Mannes siegte.

Verständlich, daß ich ihn sehen und sprechen wollte. Es war nicht

leicht; denn natürlich ist er überlaufen, und überdies ist er eine

zurückgezogene Natur. Die deutsche Gesandtschaft hatte es sogar für

vollkommen ausgeschlossen erklärt, diese Unterredung zustandezubringen,

aber das „Argentinische Tageblatt“ machte sie sofort möglich. Kaum

hatte es von meinem Wunsche gehört, so erhielt ich eine Einladung in

das Präsidentenpalais.

Es war wirklich nicht ganz leicht, bis in das Innerste der Gemächer

vorzudringen, und wir entgingen übermäßig langem Warten nur dadurch,

daß uns ein Vertrauter durch den Eingang des Präsidenten und mittels

des ihm vorbehaltenen Fahrstuhles unmittelbar in das Vorzimmer des

Präsidenten geleitete.

Als wir bei Irigoyen eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, den

mächtigen, fast ungefüge wirkenden Kopf über Schriftstücke gebeugt,

die ihm einer seiner Sekretäre reichte. Als er den Kopf hob, schaute

man in ein durchdringend blickendes Auge, wie ich es vorher nur bei

Thomas Alva Edison gesehen. Eine seltsame Mischung von Güte und

unbeugsamem Willen lag in Gesicht und Erscheinung des Mannes, der, auf

Gehalt, Wohnung im Palast sowie allen Luxus und Prunk verzichtend,

in den einfachsten Verhältnissen lebt, der nur einen Gedanken kennt:

sein Land, und der keinen Augenblick zögert, seinen Willen einer Welt

entgegenzusetzen.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er jetzt auf uns zuging und

uns in der natürlich höflichen und herzlichen Art des Südamerikaners

begrüßte, dem republikanisches Empfinden und demokratische Form seit

Generationen angeboren ist.

Man braucht nicht sehr lange mit Irigoyen zu plaudern, um dem

faszinierenden Zauber zu unterliegen, den diese starke Persönlichkeit

ausstrahlt, und man versteht ebensosehr die fanatisierende Wirkung, die

er auf die Massen ausstrahlt, wie die innerliche Überredungskunst, die

schon oft genug aus erbitterten Gegnern ergebene Freunde machte.

Was an dem Präsidenten der Argentinischen Republik am stärksten wirkt,

ist die gerade Offenheit, mit der er seine Gedanken äußert und seine

Ideen vertritt. Es zeigte sich dies ganz besonders, als wir auf die

argentinische Völkerbundpolitik zu sprechen kamen. Man hatte gerade in

deutsch-argentinischen Kreisen die Meinung geäußert, daß Deutschland

mit seinen Sympathiekundgebungen gegenüber Argentiniens Haltung auf

dem Völkerbundkongreß in Genf zurückhalten solle, da ein allzu großes

Maß von Zustimmung und Sympathie Argentiniens Stellung gegenüber den

Alliierten erschweren müsse.

Ich äußerte diese Bedenken, aber Irigoyen schüttelte nur den

Kopf: „Unsere Haltung in Genf“, sagte er, „wie auch unsere

Neutralitätspolitik während des Krieges war lediglich bestimmt durch

unsere Interessen als souveräner Staat, durch unsere Auffassung von

einer wirklich gerechten, völkerversöhnenden Politik, sowie durch

unsere Sympathien gegenüber Deutschland. Was Dritte dazu meinen

sollten, ist uns völlig gleichgültig und kann in keiner Weise unsere

Entschlüsse oder unsere Politik beeinflussen.“

Im weitern Verlauf des Gespräches entwickelte Irigoyen seine Ideen über

einen wirklichen Völkerbund. Und der sonst so ruhige abgeklärte Mann

ereiferte sich dabei.

„~Que esperanza!~“ -- rief er aus, „welche Idee, ein Völkerbund, dem

nicht alle Staaten angehören! Wie soll ein solcher Staat den Frieden

garantieren können?“

Und er sprach im Anschluß daran von seinen Sympathien für Deutschland,

für das deutsche Volk, und welche Erwartungen er in die deutsche

Zukunft setze.

Von seiten jener ultrareaktionären extrem monarchistischen

Auslandsdeutschen wird immer wieder betont, wie sehr Deutschland durch

die „Schmach“ seiner Niederlage und der Revolution in der Achtung des

Auslandes gesunken. Und da auch Irigoyen von diesen Kreisen gerne als

Kronzeuge angeführt wird, ergab es sich von selbst, daß das Gespräch

auch diesen Punkt berührte.

„Unsere Sympathie“, meinte der Präsident, „gilt in erster Linie

dem tüchtigen und arbeitsamen deutschen Volk. Ohne Rücksicht auf

seine Regierungsform. Aber selbstverständlich ist es, daß wir als

Republikaner für eine deutsche Republik doppelte Sympathien empfinden.

Im Kriege muß schließlich immer einer verlieren, und die Niederlage

kann die Bewunderung für das, was Deutschland geleistet, nicht

verringern. Statt an Sympathien zu verlieren, hat das deutsche Volk

durch die Revolution nur gewonnen, und zwar durch die Tatsache, daß

es aus einem derartigen weltgeschichtlichen Zusammenbruch sich aus

Anarchie in die Bahnen einer neuen ruhigen Entwicklung hinaufarbeitete.“

„Selbstverständlich ist es,“ fügte Irigoyen hinzu, „daß die Spuren

eines derartigen Umwandlungsprozesses noch nicht verwischt sind und

daß man noch mit einem Dezennium wird rechnen müssen, ehe die deutsche

Republik sich völlig konsolidiert hat. Aber ich habe keinen Zweifel

daran, daß Deutschland sich zu einem großen demokratischen Gemeinwesen

entwickeln wird, in ähnlicher Weise wie die Vereinigten Staaten.“

Wir sprachen noch lange über den Krieg, die Revolution, die Blockade

und den Hunger und das Elend, die in ihrem Gefolge einherzogen. Auch

über Versailles und die Wirkungen, die eine Politik heraufbeschwören

muß, die ein Volk durch unerfüllbare Forderungen zur Verzweiflung

treibt. Das Gesicht Irigoyens war sehr ernst, sehr nachdenklich, als

ich von den Konsequenzen sprach, die die Geschehnisse in Europa auch

für die südamerikanischen Republiken haben müßten.

Es war spät geworden. Durch die weit offenstehenden Fenster sah man,

wie die lehmgelben Wasser des La Plata sich rot zu färben begannen. Es

sah aus, als spüle der Ozean von Osten her Blut an den Strand.

Ich stand auf; es war Zeit zu gehen. Mehr als Phrase war es, als ich

Irigoyen zum Abschied sagte, daß die Unterredung mit ihm mein stärkster

Eindruck in Südamerika gewesen. „Sie kennen ja jetzt den Weg zu mir,“

sagte er zum Abschied, „sobald Sie wieder nach Buenos Aires kommen,

vergessen Sie nicht mich wieder aufzusuchen.“

Man ist außerordentlich höflich in Südamerika. So höflich, daß man

keineswegs jedes Wort, das im Verlauf eines Gespräches fällt, als bare

Münze nehmen darf. Aber von dem, was Irigoyen über seine Politik und

über Deutschland sagte, blieb nachhaltig das starke Gefühl, daß hier

ein Mann gesprochen, der unbedingt und unbeugsam zu seinen Worten und

Entschlüssen steht.

12. Nach Patagonien.

Bahia Blanca.

Von der Station Constitucion, dem Bahnhof der Südbahn in Buenos Aires,

aus dessen bretterbudenartiger Halle sonst die Ausflüglerzüge nach

Quilmes und die eleganten Badezüge nach Mar del Plata laufen, fährt

zweimal in der Woche der Neuquenzug, der bis nach Zapala an den Fuß

der Kordillere führt. Die Rio-Negro-Neuquen-Bahn ist die nördlichste

der vier Stichbahnen, die vom Atlantischen Ozean aus nach Patagonien

hineinführen, gleichsam als ein schwacher Versuch, dieses ungeheure

Gebiet zu erschließen.

[Illustration: Plaza de la Independencia in Santiago.

Rechts der Hügel Santa Lucia, im Hintergrund die schneebedeckte

Kordillere.]

[Illustration: Bergarbeiterheim.]

[Illustration: Salpeteroficina.]

Patagonien ist für den Europäer im allgemeinen ein Begriff, unter dem

er sich nicht viel vorstellen kann. Bestenfalls hat er ein unklares

Bild von Wüste und Steppe, von winddurchwehter, eisiger Hochfläche, auf

der Indianer und Schafe ein kümmerliches Dasein fristen. Aber auch der

Argentinier der zentralen Provinzen und des Nordens besitzt, soweit er

nicht geschäftliche Verbindungen nach dort unten hat, kaum eine bessere

Kenntnis dieses Teiles seiner Heimat, der sich über nicht weniger

als 18 Breitengrade erstreckt. Die meisten, zu denen ich von meiner

Absicht sprach, Patagonien zu bereisen, meinten erstaunt: „Was wollen

Sie da? Das ist die reine Wüste, höchstens für Schafzucht geeignet.

Im übrigen kommen Sie da bereits bald in den Winter.“ Allerdings wird

in dieses Urteil das Rio-Negro-Gebiet nicht eingeschlossen, das zwar

nominell zu Patagonien gehört, aber einen Begriff für sich bildet,

da die klimatischen und infolge der künstlichen Bewässerung auch die

wirtschaftlichen Verhältnisse völlig andere sind als im mittleren und

südlichen Patagonien.

Der Zug füllt sich. Estancieros und Chacreros, die nach kurzem Besuch

in der Hauptstadt auf ihre Besitzungen zurückfahren, vor allem aber

Kaufleute, Geschäftsreisende, Aufkäufer und Arbeiter, die zur Alfalfa-

und Obsternte an den Rio Negro fahren. Vom Kupeefenster aus sieht man

den Strom am Zug entlang streichen, und unter all den dunkelfarbigen,

schwarzhaarigen tauchen mit einem Male ein paar blauäugige helle

Blondköpfe auf. Junge Burschen in Lodenanzügen, die ihre Säcke

schleppen. Auf den ersten Blick unverkennbar deutsche Offiziere, die

mit Fahrkarten der Einwanderungsbehörde nach dem Süden fahren, um sich

dort am Rio Negro oder in der Kordillere eine neue Existenz zu gründen.

Immer wieder stößt man auf das eine schwere Problem: da Frachtraum

und mehr noch Valutanot es nicht ermöglicht, den gewaltigen Überschuß

dieses Landes an Nahrungsmitteln dem hungernden Deutschland zuzuführen,

sollte es da nicht gehen, all denen, die in Deutschland weder Brot noch

Arbeit finden, hier eine neue Heimat zu schaffen?

Die Reise im Zwischendeck kostet beim heutigen Kurs 5000 Mark, der

Aufenthalt in Buenos Aires selbst bei bescheidensten Ansprüchen 2-3000

Mark für den einzelnen. Es gehört also ein kleines Vermögen dazu, um

nur herüberzukommen und hier mit nichts anfangen zu können. Und doch!

-- Wenn sich hier nur Menschen fänden, die statt zu debattieren und zu

verhandeln rasch und tatkräftig helfen wollten!

Drei Richtungen stehen sich in der Siedlungs- und Kolonisationsfrage

gegenüber. Jene, die den Einwandererstrom nach dem subtropischen

Norden, in den Chaco, nach Formosa und Misiones, lenken wollen, die

andern, die nur auf die zentralen Provinzen schwören, auf Buenos Aires,

Santa Fé, Cordoba, Entre Rios und allenfalls die Pampa, und schließlich

jene, die nur den Süden gelten lassen.

Auf eine kurze scharfe, aber leider im allgemeinen zutreffende Formel

gebracht, kann man sagen: Die Herren in Buenos Aires halten stets die

Gegend für die geeignetste zur Kolonisation, in der sie Kampe liegen

haben, die sie entweder anbringen wollen, oder für die sie durch

intensivere Wirtschaft fleißiger Kolonisten Wertsteigerung erhoffen.

Die zentralen Provinzen haben das eine für sich, daß der Einwanderer

auf gutes Land und in Verhältnisse kommt, die den europäischen

verhältnismäßig am ähnlichsten sind. Da hier jedoch der Hektar 300,

400, 500 und mehr Peso kostet, ist es mir unklar, woher die Mittel

hierfür aufgebracht werden sollen.

Im Norden gibt es viel billiges und auch gutes Land. Aber ob deutsche

Familien dort auf die Dauer die sehr hohen Temperaturen ertragen?

So bleibt zunächst nur der Süden.

Der Früchteaufkäufer, der mir gegenüber sitzt, schwärmt davon. Er kauft

für eine Engrosfirma in Buenos Aires ein. Seine Pflücker sind schon

unten; denn die Chacreros verkaufen die Ernte meist auf den Bäumen.

Er zahlt für den Cajon, für die Kiste Pfirsiche, die etwa 180 bis 200

Stück faßt, zweieinhalb Peso. Mit Pflücklohn, Fracht und sonstigen

Unkosten stellt sich der Cajon auf 6 Peso. Verkauft wird er im

Großhandel für 12 bis 14 Peso. Und bis die Früchte an den Konsumenten

kommen, kosten sie ein bis eineinhalb Peso das Dutzend. „~Muy lindo

negocio~“ -- ein feines Geschäft --, meint schmunzelnd der Händler.

Draußen zieht erst unter klarem Sternenhimmel und dann bei grauendem

Tag das Land vorbei. Noch öder, noch trostloser, noch flacher, wenn

möglich. Stundenlang nur roher Kamp und der ewige Draht. Die Estancien

müssen weit drinnen im Lande liegen. Kaum daß man ab und zu einen

dunklen Schatten am Horizont sieht.

Erst hinter Pringles ändert sich das Bild. Sanft ansteigende Hügel,

dann steile Felsen, tief eingeschnittene Flußtäler. Und gleichzeitig

zwischen den Bergen grüne Gärten, Bäume -- man staunt, richtige

Bäume --, die Sierra de la Ventana, die einer Oase gleich die ewig

gleichförmige Landschaft unterbricht.

Aber nach wenigen Stationen werden die Hügel flacher und verlaufen sich

schließlich wieder in der unendlichen Ebene, graubraun, öde und tot.

Mit einem Male steht mitten in der Ebene ein Schiff. Schornsteine,

zwei Masten und unterhalb des schwarzen Rumpfes ein leuchtender roter

Streifen. Unvergleichlich phantastisch sieht es aus, bis das Auge

langsam erkennt, daß die Ebene am Horizont ohne erkennbare Grenzlinie

in Schlick, Sumpf und schließlich offenes Wasser übergeht.

Schiff auf Schiff. Dann die unheimlichen Türme der Getreidesilos: Bahia

Blanca, die Metropole des Südens!

13. Die Metropole des Südens.

Bahia Blanca.

Die Geschichte mancher Städte des Landes ist nicht anders als in

der Union. Vor achtzig, neunzig Jahren noch ein Indianerfort, vor

einem Menschenalter ein Dorf, heute eine blühende moderne Stadt. Als

typisches Beispiel mag man Bahia Blanca nehmen, aber auch dafür,

wie sehr die Kurve des Erfolges in diesem Lande nicht nur für den

einzelnen, sondern auch für ganze Gemeinwesen auf und ab geht, und wie

auf übersteigerte Hoffnungen und Erwartungen empfindliche Rückschläge

folgen.

Wenn man die Lage Bahia Blancas auf der Karte ansieht, drängt sich der

Gedanke auf, daß diese Stadt, an einem natürlichen Hafen gelegen, der

gegebene Mittelpunkt des Südens der Republik werden müsse. Orientiert

man sich aber näher, so muß man wie überall die verschiedensten Urteile

hören, die wie in allen Fragen von den größten Erwartungen bis zu dem

pessimistischsten Urteil variieren, daß Bahia Blanca keine Zukunft habe

und der Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten sei.

Es ist nicht leicht, sich in dem Widerstreit der Meinungen ein eigenes

Urteil zu bilden. Sicher ist, daß das Übergewicht von Buenos Aires wie

auf der Entwicklung jeder argentinischen Stadt auch auf der von Bahia

Blanca lastet. Eine Möglichkeit, dieses Übergewicht wenigstens in etwas

zu paralysieren, schien gegeben, als die Regierung der Provinz Buenos

Aires aus der gleichnamigen Landeshauptstadt hinausverlegt werden

sollte, um die bisherige Reibung zwischen den Verwaltungen der Provinz

und des Landes zu verringern. Damals wäre Bahia Blanca die gegebene

Hauptstadt der Provinz Buenos Aires gewesen. Allein den Politikern

schien die Stadt wohl zu langweilig und abgelegen, und so entschloß man

sich, in „La Plata“ in nächster Nähe der Metropole Buenos Aires aus dem

Nichts eine Provinzhauptstadt zu schaffen, die trotz der großen Gelder,

die man an sie wandte, doch nie etwas anderes werden kann als eine

Vorstadt der Landeshauptstadt, und die südliche Metropole mit ihren

völlig anderen Verhältnissen und Bedürfnissen wird nach wie vor vom

Norden aus regiert.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß sich in Bahia Blanca

zeitweilig Autonomiebestrebungen geltend machten und der Wunsch, die

Hauptstadt einer eigenen Provinz zu werden, die aus dem Süden der

Provinz Buenos Aires sowie Teilen der Gobernacionen Pampa Central

und Rio Negro bestehen sollte. In der Zeit vor dem Krieg waren

diese Autonomiebestrebungen mehr wirtschaftlicher Art, und man

versuchte durch direkte Schiffahrtslinien vor allem einen Teil des

Auswandererstromes direkt nach Bahia Blanca zu leiten. Der Krieg

jedoch und sein Ende mit seiner zeitweisen Ausschaltung der deutschen

Schiffahrtslinien hat diese Bestrebungen und Hoffnungen auf lange

Zeit zerstört. Der Auswandererstrom geht nach wie vor ausschließlich

nach Buenos Aires, und es ist Zufall, wenn einzelne nach Bahia Blanca

verschlagen werden.

Bahia Blanca ist nicht weniger langweilig und reizlos als die meisten

argentinischen Städte, und auf den ersten Blick sieht man der Stadt,

die weit vom Meer und den eigentlichen Hafenanlagen abliegt, ihre große

wirtschaftliche Bedeutung nicht an. Die mächtige Plaza im Zentrum, die

ehemals als Corral diente, in den nachts das Vieh vor räuberischen

Überfällen der Indianer in Sicherheit gebracht wurde und auf der noch

bis zum Jahre 1902 die Kühe einer benachbarten Molkerei weideten, ist

heute allerdings durch Palmenalleen und Blumenbeete in einen Garten

verwandelt. Auch sonst gibt sich die Stadtverwaltung die größte Mühe,

Bahia Blanca einen möglichst großstädtischen Anstrich zu verleihen;

dabei streift sie allerdings mitunter die Grenze des Lächerlichen.

In Buenos Aires ist in der Hauptgeschäftsstraße, der „Florida“, von

6 bis 8 Uhr jeder Wagenverkehr verboten, da die enge Straße kaum die

Masse der Fußgänger zu fassen vermag. Entsprechend ist auch hier die

Hauptgeschäftsstraße in der gleichen Zeit ausschließlich für Fußgänger

vorbehalten, obwohl sich die Zahl der Passanten wie der Fuhrwerke

um ein Vielfaches vermehren müßte, ehe von irgendwelchem Gedränge

überhaupt etwas bemerkbar wäre.

Aber kommt man in der Hauptgeschäftszeit in ein Kontor der großen

Getreide- oder Wollfirmen, so gibt einem das Kommen und Gehen sowie

das unaufhörliche Telephonieren doch zu denken. Es ist der Höhepunkt

der Getreidebörse. Die Preise schwanken von Tag zu Tag, ja von

Stunde zu Stunde, so daß das Geschäft, wie fast alles hier, in hohem

Maße Spekulation ist. Die Getreidehändler stehen daher in ständiger

telephonischer Verbindung mit ihren Aufkäufern in den Zentren der

Getreideproduktion, teilweise haben sie sogar eigene Leitungen.

Dem Bild, das Zahlen übermitteln, fehlt immer die Anschaulichkeit.

Man muß die Bahnstrecke nach Pringles und Tornquist hinausfahren, um

einen Begriff von den ungeheueren Mengen des produzierten Getreides zu

bekommen. Schnitt und Drusch sind zu Ende, und zu der Station bringen

die zehn-, zwölf- und mehrspännigen Wagen die Säcke angefahren. Hier

werden sie gestapelt und häufen sich zu gewaltigen Bergen. Auf der

ersten Station sieht man staunend die erste Kette von Getreidebergen,

auf der zweiten, auf der dritten und so fort das gleiche Bild. Die

Menge des in den Hafenanlagen angefahrenen Getreides ist so groß, daß

alle Geleise verstopft sind, und die Bahnverwaltungen die Zufuhr bis

auf weiteres gesperrt haben.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 4 / 19 段