Die Mittagssonne brennt auf das Land. Vor Hitze flimmert der Horizont,

und in eiligem Galopp auf müden Pferden streben Capataze und Peone, die

seit frühem Morgen unterwegs sind, der Estancia zu, der Schatteninsel

im Sonnenmeer. Der dichte Hain von Eukalyptus und Paraiso wirkt wie

ein Schutzdach vor der sengenden Sonne, die die Temperatur bis auf

40 Grad hinauftreibt. In ihm verstreut liegen das Haus des Mayordomo

und das Wirtschaftsgebäude. Hier ruhen auch, mit Stricken an den

Eukalyptusbäumen angebunden, die wertvollen Zuchtstiere, wahre

Musterexemplare potenzierter Männlichkeit, die nur nachts zu den Kühen,

die sie decken sollen, gelassen werden. Das Vieh draußen steht müde und

apathisch um die Wasserbehälter, in die die klappernden Windräder Tag

und Nacht frisches Wasser pumpen, oder es drängt sich, soweit Platz

ist, in dichten Haufen im Schatten der wenigen Bäume, die als Alleen

die zur Estancia führenden Wege einfassen, oder die an der Stelle einer

ehemaligen Kolonistensiedelung blieben, als einziges Zeichen, daß hier

einstmals ein Rancho stand.

Einst kannte dieses Land ja nicht einen einzigen Baum. Als die Spanier

hierherkamen, gab es nichts als eine einzige unermeßliche Ebene, ein

Meer von Steppe.

In all den Jahrhunderten, die seitdem verstrichen, sind keine Wälder

gepflanzt worden. Nur um die Wohnhäuser der Estancieros setzte

man einige Eukalyptus- und Paraisobäume, und es sind schon sehr

moderne, gutgeleitete Estancien, in den systematisch Baumreihen und

Buschgruppen als Sonnen- und Windschutz angelegt sind.

Statt Busch und Baum aber hat die fortschreitende Zivilisation der

ehemals freien Pampa den Drahtzaun gebracht. Jenes Gesetz -- ich

weiß nicht mehr, aus welchem Jahre --, das die Einzäunung jedes

Besitzes forderte, wurde die Grundlage der heutigen argentinischen

Viehwirtschaft. Es machte dem freien Umherschweifen der Herden und

ihrer wahllosen Vermischung ein Ende und ermöglichte damit erst eine

systematische Aufzucht von Rassevieh.

So segensreich dieses Gesetz auch war, ist es der Anlaß, daß das ganze

Land mit Draht durchzogen wurde, und man kann schon von einer Manie

des Einzäunens sprechen. So scheiden sich beispielsweise die Provinzen

durch Draht voneinander, die Bahngesellschaften sind verpflichtet,

ihre Linien durch Draht einzuhegen, und jeder einzelne Besitz ist,

wie gesagt, durch Draht geteilt. Millionenwerte stecken in diesen

Drahtzäunen; denn das Meter Drahtzaun stellt sich auf einen Peso, und

nach Angabe der Zollbehörde sind in dreißig Jahren etwa eineinhalb

Millionen Tonnen Stacheldraht eingeführt worden.

Aber die Abgrenzungen durch Draht in sogenannte „Potreros“ ermöglichen

erst eine rationelle Weide und Mästung des Viehs und auch eine genaue

Kenntnis des Standes der Herden. Eine Anzahl Potreros untersteht dem

Capataz, einem Vorarbeiter. Jeden Tag muß er die Umzäunung abreiten, um

zu sehen, ob die Drähte fest genug gespannt sind, und er kontrolliert,

ob die Windräder laufen und in den Behältern genug Wasser ist, ob die

Weiden ausreichen, oder ob man noch ein paar Stück Vieh mehr halten

kann, und ob sich kein Unkraut ausbreitet, das frisch gekaufte Herden

an ihren Hufen eingeschleppt haben können.

Die Normalweidepflanze ist die Alfalfa. An Stelle des ursprünglichen

harten Steppengrases waren mit der Zeit weichere Grasarten getreten.

Aber der gewaltige Aufschwung der argentinischen Viehzucht rührt von

der Einführung der Alfalfa genannten Kleeart her. Während auf dem

rohen Kamp bestenfalls ein Stück Großvieh auf zwei Hektar gerechnet

werden kann, zählt man bei Alfalfaweide zwei bis vier Stück Vieh auf

einen Hektar. Der ungeheuere Vorteil der Alfalfa liegt darin, daß ihre

Wurzeln auf der Suche nach Wasser acht bis zehn Meter tief in den Boden

hinabkriechen und dabei wasserundurchlässige Tonschichten durchdringen,

so daß dieser Klee auf einem Boden gedeiht, auf dem sonst nichts

wächst. Nur wegen der Anpflanzung von Alfalfa verpachtet, wie schon

erwähnt, der Estanciero zeitweise Teile seines Kamps an Kolonisten,

die nach Ablauf ihres Pachtvertrages den Boden mit Alfalfa bestellt

zurückliefern müssen. Im allgemeinen kann man dann für ein Alfalfafeld

zehn bis zwanzig Jahre rechnen, bis der Boden neu umbrochen werden muß.

Die Großzügigkeit des Estancieros und nicht minder die Lethargie des

Kreolen sind es, die den bisherigen Charakter der argentinischen

Landwirtschaft bestimmen. Man hat intensive Arbeit nicht nötig, und

bei den geringen Anforderungen, die der Eingeborene sowohl wie der

eingewanderte italienische Landarbeiter an Komfort und Lebenshaltung

stellen, während der Estanciero den größten Teil des Jahres in der

Hauptstadt verbringt, ist das Land, das ein Garten sein könnte,

überwiegend noch Weide.

Kaum daß um die Estancia ein Pfirsichhain und ein paar Gemüsebeete

angelegt sind. Aber trotzdem drängt die ganze Entwicklung

argentinischer Landwirtschaft auf die Einführung intensiver

Bewirtschaftung und gibt damit dem europäischen Einwanderer ganz andere

Möglichkeiten in die Hand als heute. Waren ehemals die Felle das

einzige, was der Estanciero von seiner Herde verwertete -- das Fleisch

blieb liegen, ein Fraß für Geier und Jaguare --, so ist es heute das

Fleisch, und morgen werden es ganz allgemein Milch und Butter sein und

eine eingehende Nutzung landwirtschaftlicher Industrie jeder Art.

8. ~Sigue Vaca!~

Estancia „La Louisa“.

Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den

Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert

die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich

gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges

Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht.

Breit und massig steigt sie gen Himmel.

Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die

Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden

Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies

geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren,

Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle

des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und

Peone, der Viehhirten der Estancia.

Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte

auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches

Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso.

Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs

seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens

daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der

Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser

Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch

lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach.

Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem

Lasso gefangen und geworfen werden.

Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen

Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel

hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus

den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende

Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.

Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral,

ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die

erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich

trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch

ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh

Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung

und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die

auf den Gang münden, leiten.

Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem

Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an

einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter

sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige

rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit

lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.

Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen

Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das

dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die

Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen,

verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und

haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.

Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem

Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein

Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht,

brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten.

Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie

hineingeprescht.

„~Sigue vaca!~“ „~Vamos!~“ „~Sigue, sigue!~“ und dazwischen ein

indianerartiges Aufheulen in hohen Fisteltönen. Donnerwetter, trotz

der Ensenada ist es harte Arbeit. Die Kehle ist heiser vom Schreien,

Gesicht und Arme sind schwarz von Staub. Die braune Haut der Peone

sieht sich an wie altes, brüchiges Leder.

Endlich haben wir einen Schub im Trichter. Das Tor wird geschlossen.

Drinnen bleiben zwei berittene Peone und treiben die Rinder, die immer

wieder umzukehren versuchen, in den Schlauch.

Der nächste Schub und der übernächste! Je weniger Vieh im ersten Corral

bleibt, desto ungebärdiger wird es. Es sind ja jene Widerspenstigen,

die bisher immer wieder auszubrechen verstanden, die übrigblieben und

die nun hineingetrieben werden müssen.

„~Sigue, sigue vaca!~“ Die Kehle gibt nur mehr ein heiseres Brüllen

her. Mund und Lunge sitzen voll Staub. Es ist ein eigentümliches

Gefühl, in diese Masse Rinderhäupter hineinzureiten. Langsam schiebt

sie sich vor, bis eines ausbricht und die ganze Herde kehrtzumachen

droht. Da heißt es, sofort den Widerspenstigen zurückzutreiben.

Ein mächtiger Stier trottet vor mir zwischen den Kühen her. Zornig und

tückisch schielt er, als empfinde er das Unwürdige seiner Situation.

Plötzlich dreht er und will zurück. Eine Wendung mit dem Pferd, und

die Last des angaloppierenden Pferdes prallt dem Stier in die Flanken,

während gleichzeitig die schwere Peitsche ihm über den Rücken saust.

Die Brust des Pferdes ist Waffe und Werkzeug. Mit ihr reitet man das

Vieh an, wie das Pferd auch gewöhnt ist, mit der Brust die Tore

der Umzäunung zu öffnen. Bewundernswert ist die Ruhe der Tiere.

Für den Neuling ist es ein unheimliches Gefühl, so mitten zwischen

den Hörnerspitzen einer unruhig drängenden Rinderherde zu reiten,

aber willig sprengt das Pferd immer wieder von neuem gegen jedes

widerspenstige Rind. Es ist ein heißes, hartes, aber auch schönes,

ritterliches Arbeiten. In der Luft liegt etwas von der Aufregung, Lust

und Gefahr eines siegreichen stürmischen Schlachttages.

Ein anderes Bild: Eine Herde frisch eingetroffener Pferde jagt über den

Kamp. Im Galopp geht es zur nächsten Ensenada. Sie müssen gezeichnet

werden.

Es ist Sitte und Gesetz von jenen Zeiten her, als das Land noch keine

Drahtzäune kannte, daß jedes Stück Vieh die Marke seines Besitzers, die

gesetzlich eingetragen ist, führen muß. Diese Marke ist etwas Ähnliches

wie bei uns ein Wappen und wird auch auf dem Briefbogen geführt.

Wird ein Stück Vieh verkauft, so wird die Marke umgekehrt über die

erste Markierung eingebrannt, zum Zeichen, daß der Besitzer das Pferd

rechtmäßig verkaufte, und daneben wird das Zeichen des neuen Besitzers

aufgeprägt.

Die Pferde stehen jetzt hintereinander im Schlauch, das vorderste

zwischen zwei Gattern vorne und hinten eingepreßt. Von einer Plattform

aus kann man ihm bequem mittels der Schlaufe der Peitsche eine

bändigende Fessel über die Nüstern legen. Inzwischen glüht an dem

kleinen Knochenfeuer, das mit Fett zu hellerer Flamme angefacht wird,

das Brandeisen.

[Illustration: Das Tal des Rio Cayunco.]

[Illustration: Inkasee.]

Ruhig steht das gefesselte Pferd. Der Peon setzt ihm das Eisen auf

den Schenkel. Jetzt spürt das Tier die Hitze. Wild schlägt es mit

den Hufen gegen die Bretterwände und versucht, sich mit gewaltigem

Ruck zur Seite zu werfen. Umsonst, schon hat sich der glühende Stahl

unerbittlich in sein Fleisch gebissen. Das Gatter öffnet sich.

Verzweifelt sich schüttelnd, stürmt es ins Freie. Das nächste!

Für besonders ungebärdige Tiere, vor allem für Stiere, dient eine

Art Holzklammer, welche die Tiere so zusammenpreßt, daß sie ganz

widerstandslos werden. Eine ähnliche Vorrichtung benutzt man zum

Festklemmen des Kopfes, um die Hörnerspitzen kappen zu können.

Eine besondere Einrichtung erfordert das Baden, dem alle aus dem

Norden kommenden Tiere unterworfen werden müssen, da sie durchweg mit

Zecken behaftet sind. Die Anlage ähnelt der Ensenada. Nur endet der

Schlauch in einem engen Kanal, der mit desinfizierender Lösung gefüllt

ist. Langsam trotten die Rinder den engen Gang vor. „~Vamos! Sigue

vaca, sigue!~“ Mit den Peitschenstielen treiben die Peone die Unheil

witternden Rinder an. Jetzt steht das erste vor dem Kanal und stutzt.

Aber schon hat es den Fuß auf die schräge Zementbahn gesetzt. Und

damit ist sein Schicksal besiegelt. Es saust die steile Bahn hinunter

und schlägt auf dem hochspritzenden Wasser auf. Ängstliches Brüllen,

verzweifelt starrende Augen, aber ein mit langer eiserner Gabel

bewaffneter Peon faßt die Hörner und taucht unerbittlich den Kopf in

die dunkle Flut.

Rind auf Rind passiert. Will eines absolut nicht vor, so genügt ein

rascher Griff, der ihm den Schwanz bricht, um es vorzutreiben.

Dazwischen traben die Kälber. Sie sind die Widerspenstigsten. Oft

gelingt es ihnen, sich umzudrehen. Dann müssen sie rückwärts schreitend

ins Bad getrieben werden. Oder zwei purzeln übereinander, geraten

gleichzeitig mit einem ausgewachsenen Rind ins Bad und kommen unter

dessen Füße; dann gibt es aufreibende Arbeit, sie vor dem Ertrinken zu

bewahren.

Am Ende des Bades führt eine Rampe in zwei zementierte Einzäunungen,

aus denen die kostbare Flüssigkeit wieder ins Bad zurückfließen kann.

Hier steht zitternd und tropfend das verängstigte Vieh, während von der

andern Seite das aufreizende „~Sigue vaca!~“ klingt und die Peone einen

neuen Schub Rinder in den Trichter treiben.

Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft

füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.

„~Buenas noches, caballeros!~“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen

die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein

Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl

nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern

auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben

im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig

manneswürdige erscheinen läßt.

9. Deutsche Kolonien in Santa Fé.

San Geronimo.

Der leichte Fordwagen jagt hüpfend und stoßend über die löchrige

Straße, die sich neben den Drahtzäunen hinzieht. Zwischen den kleinen

Weiden, auf denen das Vieh enger beisammen steht, Felder mit Korn

und Mais. Der Charakter der Landschaft wird fast norddeutsch. Darüber

ein blauer Himmel mit getürmten Haufenwolken, wie man ihn oft im

bayerischen Hochland sieht. Dabei aber sitzt es auf den Wegen gelb und

grünlich und orangerot von Schmetterlingen, wie Blütenfall.

Die erste Kolonie, die wir passieren, ist San Carlos. Es bedürfte

nicht der Worte des Begleiters, um zu wissen, daß hier Italiener

wohnen. Im nächsten Ort, der Anklänge an die Normandie zeigt, wohnen

Franzosen, bis wir in San Geronimo ankommen, das Schweizern und

Deutschen gehört. Friedliche, saubere Häuser mit großen Blumengärten,

mit Sträuchern und Obstbäumen. Beides kennt der Eingeborene nicht.

Es ist ihm zu mühsam. „Obst kommt nicht“, antwortet er, wenn man ihn

frägt, oder: „Die Heuschrecken fressen es ja doch.“ Aber die Deutschen

und Schweizer pflanzen es, und es gedeiht, trotzdem gerade hier die

Heuschreckenplage besonders groß ist, wie die rings um das Dorf gleich

Wällen aufgestellten Bleche künden, die vor der anmarschierenden Brut

schützen sollen.

An der weiten grünen Plaza die Kirche. Daneben blütenumrankt das

Pfarrhaus. Der Pater, der seit dem Kriege keinen Deutschen von drüben

sprach und dessen Fragen, wie alles kam, kein Ende nehmen wollten,

blätterte in der Chronik: Vor etwa 60 Jahren, im März 1857, kamen die

ersten Deutschen herüber, 80 Familien aus der Gegend von Mainz, die

das benachbarte Esperanza gründeten, heute eine blühende Stadt. Ein

Jahr später kamen Schweizer aus dem Wallis und legten den Grund zu San

Geronimo.

Später sitze ich bei alten Kolonisten, die jene Zeit noch als Kinder

erlebten, und lasse mir erzählen, wie hart der Anfang war. Wohl hatte

die Regierung das Land umsonst gegeben. Aber der erste Weizen mußte

mit Hacken und Rechen in den Boden gelegt und mit der Sichel geerntet

werden. An Nahrung gab es nur Fleisch von den benachbarten Estancieros.

„18 Monate hatten wir kein Brot,“ erzählte der alte Kolonist aus

dem Hessischen, „und unmittelbar vor dem Hause konnte man die Rehe

schießen.“

Die damals hart und schwer um des Lebens Notdurft ringen mußten, sind

heute müde und alt. Aber sie sind alle reich geworden. Nach deutschen

Begriffen zum Teil Millionäre.

Noch ist San Geronimo deutsch, aber es gilt einen harten Kampf, es

deutsch zu erhalten. Gibt es auch Familien, in denen noch die Enkel

deutsch sprechen, so doch auch andere, in denen bereits die zweite

Generation nur Spanisch kann. Als Kaufleute sind Argentinier ins

Dorf gekommen, die Peone sind Eingeborene, der Schulunterricht ist

spanisch. Halten die Eltern nicht streng darauf, daß im Hause deutsch

gesprochen wird, so lernen die Kinder nur das ihnen viel leichter

fallende Spanisch. Der Pater klagte mir sein Leid. Er kämpft tapfer

für das Deutschtum und unterhält eine Privatschule, in der in Deutsch

unterrichtet wird. Sie wird immerhin von 140 Knaben besucht, während

die Mädchen deutschen Unterricht von -- man höre und staune! --

französischen Schwestern erhalten. So gibt es also doch noch Inseln,

denen der Haß fernblieb.

Die Grundlage des Wohlstandes in San Geronimo wie in allen andern

Kolonien ist der Weizenbau. Heute wird jedoch nach und nach die

Ackerwirtschaft durch reine Viehwirtschaft ersetzt. Eine ganze

Reihe von Gründen sprechen mit: einmal die Erschöpfung des Bodens,

die Unsicherheit des Getreidebaues, bei dem einige schlechte Jahre

mit Trockenheit und Heuschrecken um jeden Gewinn bringen können,

während Viehzucht einen ständigen und sicheren Ertrag gewährt.

Je weniger Getreide gebaut wird, desto weniger lohnt es sich für

Dreschmaschinenunternehmer zu kommen. Mit ihrem Fernbleiben geht der

Körnerbau weiter zurück, und heute baut San Geronimo nicht einmal mehr

so viel Getreide, um den eigenen Bedarf zu decken.

So sind heute die Bauern zu dem Betrieb der Estancien, zur Viehhaltung,

zurückgekehrt, allerdings einer wesentlich intensiveren, deren

Grundlage die Milchwirtschaft ist. Nötig ist dies ja bereits durch die

viel geringere Bodenfläche, über die die Chacra, das Bauerngut, verfügt.

Ursprünglich erhielten die Kolonisten von der Regierung nur eine

Konzession, kinderreiche Familien zwei. Diese alten Konzessionen messen

33 Hektar, die neuen 25. Fast alle Kolonisten aber konnten ihren Besitz

durch Kauf erweitern. Es gibt heute Kolonisten mit 20 Konzessionen.

Die Regel aber sind vier bis sieben. Eine Familie kann etwa vier noch

ohne Hilfe bewirtschaften. Die Kinder gehen sämtlich wieder in die

Landwirtschaft. Der Besitz wird unter sie geteilt. Durch Zukauf sucht

man eine allzu weitgehende Verkleinerung der Chacras zu verhindern.

Auf einer alten Konzession lassen sich zirka 60 Stück Rindvieh halten,

so daß selbst ein kleiner Kolonist über größere Herden verfügt als ein

deutscher Gutsbesitzer. Die Milch wird an Molkereien verkauft, für 6

bis 7 Centavos das Liter. Es gibt eine genossenschaftliche Molkerei am

Ort, andere liefern nach Rosario oder Santa Fé oder direkt nach Buenos

Aires. Die Magermilch dient der Schweinemast. Mit einer Kaseinfabrik

ist der Anfang landwirtschaftlicher Industrie gemacht. Dazu kommen

Hühnerzucht und Obstbau.

Infolge dieses intensiven Betriebes sind die Landpreise außerordentlich

hoch. Eine alte Konzession von 33 Hektar kostet 12-14000 Peso. So kommt

diese Gegend für Einwanderer nicht in Frage, höchstens um zu lernen,

oder allenfalls als Pächter.

Einer der Kolonisten zeigt mir eine seiner Chacras, eine halbe

Autostunde vom Ort. Die fünf Konzessionen, die sie mißt, sind an einen

Italiener, einen ehemaligen Österreicher, verpachtet. Er ist als

Medianero auf halben Gewinnanteil gesetzt. Aus der Milch allein zieht

er als seinen Anteil im Jahr 3000 Peso. Daneben hat er aber auch von

einer halben Konzession 326 Zentner Mais geerntet.

Ein großer Obst- und Blumengarten umprangt das Haus. Kaum eine

Fruchtart fehlt da: Pfirsiche, Aprikosen, Äpfel und Birnen, von denen

man im allgemeinen behauptet, daß sie hier nicht kämen, Quitten,

Orangen, Mandarinen, Pflaumen, Feigen und selbst Dattelpalmen. Die

meisten Bäume, die dicht voll Früchte hängen, sind 30 bis 40 Jahre

alt, aber in einem Teil des Gartens steht auch eine Hecke dünner,

doch immerhin übermannshoher Stämmchen. Sie ist aus Pfirsichkernen

entsprossen, die im vorigen Jahr in den Boden gelegt, und an

einem und dem andern der ein Jahr alten schmucken Bäumchen hängt

bereits seidenweich und rund ein großer Pfirsich. Wäre nicht die

Heuschreckenplage, das Land wäre das Paradies!

Auf der andern Seite ist der Corral, in den die Kühe zum Melken

getrieben werden. Er ist besser eingerichtet und sauberer als die

Tambos der Estancien. Die eine Seite nimmt eine offene Halle ein, in

der die Kühe bei schlechtem Wetter gemolken werden. Weiterhin ist eine

Einzäunung für Schweine, und gackernd laufen über den Hof Hunderte von

Hühnern, bei dem billigen Futter und den hohen Eierpreisen -- hier

draußen 50 Centavos das Dutzend -- sicher kein schlechtes Geschäft.

Es ist ein sonderbares Gefühl, das mich hier beschleicht. Hier ist

Heimat und doch Fremde. Wie eine Figur aus dem „Lederstrumpf“ steht der

alte Pionier mir dem wallenden weißen Bart auf seinem Grund. Er hat ein

Leben hinter sich, wie wir es nur aus Geschichten kennen, aber er hat

reiche Ernte eingebracht.

Ist dies heute noch möglich? Gibt es noch Teile in der Republik,

in denen es der Fremde zu gleichem Glück und Wohlstand bringen

kann wie jene Deutschen vor zwei Menschenaltern in Santa Fé? Der

Gedanke beschäftigt mich, während wir im Auto zurücksausen durch die

Abendlandschaft, die ganz von Goldstaub flimmert. Die Heuschrecken,

die vom Wege aufschwirren, prallen gegen den Wagen. Eine ägyptische

Plage, und trotzdem das blühende Land! Galt ihretwegen vielleicht einst

Santa Fé für ebenso aussichtslos für Kolonisation, wie man es heute

wegen Klima, Trockenheit und Wassermangel von den noch unerschlossenen

Teilen der Republik wähnt? Jede Mühe und Fährlichkeit scheint es wert,

mitzuhelfen, Raum und Brot für hungernde Menschheit zu schaffen.

10. Heißes Land.

Auf dem Paraná.

In den Straßen von Santa Fé stand die Glut, körperlich, sichtbar. Man

schritt durch sie hindurch, wie durch greifbare Masse, und am Fuß der

Häuser fehlte auch die kleinste Spur von Schatten.

Die Hitze stand über allem in der Stadt. Über allem, was man tat

und sprach; es war, als sei alles gelähmt, belastet, betäubt von

diesem schwülen, feuchten Hauch, der bis auf den letzten Tropfen alle

Feuchtigkeit aus dem Körper zu pressen suchte. Und diese Schwüle sprach

wohl auch aus den Worten des deutschen Lehrers, der davon renommierte,

wie anders sie, die Auslandsdeutschen, den Krieg beendet hätten, wenn

sie nur drüben gewesen wären, und wieviel mehr sie im Ausland gelitten

als jene in der Heimat, denen es im Grunde an nichts gefehlt habe.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 3 / 19 段