zu, der sich einen entsprechenden Vermerk in seine Papiere eintragen
läßt. Es sollte niemand versäumen; denn es ist keinerlei Verpflichtung
eingeschlossen. Wer auf das Einwandererhotel verzichtet, wird doch
unter Umständen gern die freie Bahnfahrt und Gepäckbeförderung für sich
und seine Familie in Anspruch nehmen. Bei den teueren Bahntarifen und
den weiten Entfernungen handelt es sich mitunter um sehr erhebliche
Beträge.
Weiter aber sorgt der Staat für die Einwanderer nicht, und alle
Anpreisungen von Kolonisations- und Landgesellschaften über
kostenlose oder billige Zuweisung von Regierungsland usw. sind
nur mit größter Vorsicht aufzufassen. Das gilt auch von dem
sogenannten Heimstättengesetz, der ~Ley del Hogar~, auf das die
Auswanderungsgesellschaften mit Vorliebe hinweisen. Dieses Gesetz,
das die Ansiedelung auf Regierungsland vorsieht, ist zwar vom Kongreß
genehmigt und auch amtlich veröffentlicht worden, ist aber noch nicht
in Kraft getreten, da die dazugehörigen Ausführungsbestimmungen noch
nicht erlassen sind. Wann und ob sie überhaupt erlassen werden? --
~Quien sabe!~
Das Einwandererhotel und die Fürsorge für die Einwanderer kostet die
argentinische Regierung jährlich je nach der Stärke des Zustroms
eine halbe bis etwa zwei Millionen Peso (etwa 900000 bis 3600000
Goldmark). Es hat Zeiten gegeben, in denen Argentinien freie Überfahrt
gewährte und ein weitverzweigtes Agentennetz in Europa unterhielt,
um Einwanderer zu bekommen. Es hat das jetzt nicht mehr nötig; denn
Argentinien ist heute das bevorzugteste Einwanderungsland, und
lediglich die hohen Überfahrtspreise und die Valutaverhältnisse
begrenzen die Zahl.
Der Zug fährt durch die Nacht. Die hellen Straßenzeilen der Hauptstadt
und die dunkle Fläche des La Plata bleiben zurück. Der Zug eilt durch
weites, weites, ebenes Feld. Stoppelfelder auf Stoppelfelder, von den
hohen Mieten des abgeernteten Getreides wie von Zwingburgen beherrscht.
Dann Mais, eine im blassen Mondschein goldig schimmernde Fläche,
endlos, unübersehbar.
In der Morgenfrühe passieren wir Rosario und dann wieder endlos weites
Land: Mais, Stoppelfeld und unendliche Weide. Zwischen kilometerlangen
Drahtzäunen Weideflächen, Stunde auf Stunde. Um die Station ein paar
Häuser, und dann nichts als selten und spärlich ein Rancho zwischen
Bambusstauden, eine Chacra, eine baumumstandene Estancia.
Vor mir liegt eine Nummer des „Argentinischen Tageblattes“ --
nebenbei gesagt die rührigste und bestgeleitete deutsche Zeitung des
lateinischen Amerika -- mit einer Umfrage über die Möglichkeiten
deutscher Einwanderung und Kolonisation. Führende Persönlichkeiten der
deutschen Kolonie haben sich darin ausgesprochen. Während ich durch die
menschenleere fruchtbare Weite sause, lese ich: „Argentinien ist auf
eine große deutsche Einwanderung nicht vorbereitet, und alljährlich
können nur ein paar tausend Einwanderer in Betracht kommen.“ Ein
anderer, ein Bankdirektor, schreibt: „Selbst wenn jährlich nur 4000
bis 5000 unserer Landsleute einwandern, so ist das schon viel.“
Oder ein dritter, ein Großkaufmann: „Die wichtigste Aufgabe der
deutschen Kolonie, so glaube ich, sollte sein, die Auswanderung aus
der Heimat +nicht+ zu fördern.“ Nachdem er davon gesprochen, wie die
Auswanderungslust einzudämmen sei, schließt er: „Damit könnte auch
in wirksamer Weise das Deutschtum in Argentinien und in der Heimat
gefördert und geschützt werden.“
Draußen nichts als Mais, Weide und Vieh. Und das sind die
menschenreichsten Provinzen: Buenos Aires und Santa Fé, in denen die
Bevölkerungszahl noch nach Millionen und Hunderttausenden zählt.
Weiterhin, in der Pampa, in Patagonien und im Chaco, da zählt man
nach Zehntausenden und Tausenden. Nach Klima und Fruchtbarkeit kann
Argentinien 300 Millionen Menschen ernähren, und nun soll es nur knapp
für ein paar Tausend Einwanderer Existenzmöglichkeiten bieten!
Ich lese weiter: Ablehnung auf Ablehnung. Aber da schreibt auch einer,
der nur als „Selfmademan“ zeichnet: „Alles, was bei dem gegenwärtigen
Stand des Weltverkehrs von Deutschland hierher auswandern kann, vermag
Argentinien aufzunehmen und mit seinen Erwerbsgelegenheiten dauernd
festzuhalten. Keine Auswandererzahl ist zu groß, als daß sie nicht in
den Rahmen unserer Volkswirtschaft eingepaßt werden könnte.“
Wer hat nun recht? Im allgemeinen ist die deutsche Kolonie für
möglichste Einschränkung der Einwanderung, und es wird mir von
allen Seiten nahegelegt, durch möglichst wahrheitsgetreue, d. h.
pessimistische, Schilderungen mitzuhelfen, Einwanderer abzuhalten. Nun
ist sicher richtig: Je weniger Illusionen der Einwanderer mitbringt,
desto besser, und die Arbeit ist im allgemeinen wohl härter und die
Anfangsschwierigkeiten sind größer, als man sich in Deutschland
vorstellt. Aber mit dem bloßen Abraten ist nichts getan. Man kann
ja nicht von Auswanderungslust sprechen, sondern nur von einer
Auswanderungsnot. Und es wäre auch nicht wahrheitsgetreu, wollte man
nur warnen und abraten. Es gibt hier Möglichkeiten, und zwar sehr
erhebliche, zu Wohlstand und Reichtum zu kommen, nur ist der Weg hart,
und nur ein zäher Wille kommt durch. Aber seinen Lebensunterhalt,
und der ist im Verhältnis zu Deutschland reichlich, kann sich jeder
erwerben, der guten Willens ist, wenn er ein heißes Klima und
mancherlei Unzuträglichkeiten mit in Kauf nehmen will.
Es handelt sich nicht darum zu warnen, sondern zu helfen. Hier ist der
Deutsche Volksbund in Argentinien mit gutem Beispiel vorangegangen, der
eine Beratungsstelle und Stellenvermittlung für deutsche Einwanderer
geschaffen hat. (Im deutschen Vereinshaus, Buenos Aires, Calle San
Martin 439.) Schon Hunderten deutschsprechender Einwanderer ist hier
kostenlos Arbeit und Stellung nachgewiesen worden. Da der Bund in
allen größeren Plätzen Ortsgruppen unterhält, ist es ihm ein leichtes,
sich nicht nur über den Arbeitsmarkt zu orientieren, sondern auch über
die Zuverlässigkeit der Arbeitgeber. Nur so kann vermieden werden,
daß Einwanderer, wie es bereits geschehen ist, in völlig unhaltbare
Verhältnisse nach Misiones oder Chubut geschickt werden, von wo
sie nach einigen Monaten elend, abgerissen und verbittert wieder
zurückkamen. Über jeden Einwanderer wird genau Buch geführt, so daß mit
der Zeit wertvolles Material über die Einwandererbewegung gesammelt
wird. In der gleichen Richtung arbeitet auch der Verein zum Schutz
germanischer Einwanderung und der deutsch-argentinische Zentralverband.
Wer nach Argentinien auswandern will, muß sich klar machen, daß
er in Verhältnisse kommt, die von Grund aus neu sind, und daß er
unabhängig von Beruf und Vorbildung zu jeder Arbeit und Unternehmung
bereit sein muß. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Aussichten
für Kaufleute und geistige Arbeiter jeder Art schlecht, die für
Handwerker und Industriearbeiter gut sind. Aber das eine wie das andere
ist nebensächlich gegenüber dem Zentralproblem: die Kolonisation
und Ansiedlung im größten Maßstabe. Argentinien ist ein Agrarland
mit extensiver Wirtschaft. Geht man dazu über, den Betrieb intensiv
zu gestalten, so lassen sich unbegrenzte Mengen von Ackerbauern und
Farmern unterbringen, und ein wachsender Bedarf für industrielle,
kaufmännische und geistige Arbeit wird geschaffen.
Was jetzt von Deutschland herüberkommt, läßt sich noch eine
Weile in der bisherigen Weise unterbringen. Wächst jedoch der
Einwandererstrom, ohne daß die Kolonisationsfrage gelöst ist, so muß es
zur Proletarisierung der deutschen Einwanderer kommen. Den deutschen
Einwanderern bieten sich unbegrenzte Möglichkeiten, aber erst dann,
wenn die sehr schwierige hauptsächlichste Vorbedingung erfüllt ist: die
Beschaffung von Land, Land und nochmals Land!
6. Die Landfrage.
Mariano Saavedra.
Wir reiten über den Kamp. Endlose Weite. Wie weiße, braune und schwarze
Tupfen steht das Rindvieh im Grün des Alfalfafeldes. Weiterhin Pferde
in Rudeln, dann Schafe gleich Lämmerwölkchen über den grünen Horizont
ziehend. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur die Drahtzäune, die
den Kamp in einzelne Potreros teilen, laufen unermüdlich neben uns her,
und ab und zu passieren wir ein klapperndes Windrad, das Wasser in die
Viehtränken pumpt.
Man könnte in menschenleerer Öde sich verlassen glauben, kündete nicht
der dunkle Schatten am Horizont die Estancia mit ihren Hainen und
Gärten, Landhäusern und Wirtschaftsbauten. Dort die Estancia mit ihrem
Schloß, in dem der Besitzer in der Regel kaum ein paar Wochen im Jahr
weilt, und hier am Weg ein paar zerfallene Lehmmauern, die Reste eines
Pächterhauses: das ist das Landproblem Argentiniens.
Argentinien ist das Land des Großgrundbesitzes. Seit den Zeiten des
Diktators Rosas (geb. 1793, gest. 1877) haben die Regierungen ihren
Günstlingen, verdienten Parteigängern, Generälen und Staatsmännern
gewaltige Landkomplexe überlassen, Ländereien von der Größe eines
Fürstentums wurden verschenkt oder zu lächerlich niederen Preisen
verkauft. Heute ist die ganze Republik mit Ausnahme der augenblicklich
wertlosen oder geringwertigen Regierungsländereien im äußersten Norden
und Süden und des wenig zahlreichen mittel- und kleinbäuerlichen
Besitzes in den Händen einer geringen Zahl von Großestancieros und
Landgesellschaften. Komplexe von 100 und 200 Hektar, also etwa von
der Größe eines deutschen Ritterguts, sind hier ein winzig kleiner
Besitz. Man zählt nach Quadratleguas, einem Flächenmaß gleich 25
Quadratkilometern, und Estancien von 50, 75 und 100 Quadratleguas sind
keine Seltenheit.
Diese gewaltigen Ländereien dienen lediglich der Viehzucht, und zwar
einer Viehzucht extensivster Art. Weder der einheimische Landbesitzer,
der Estanciero, noch der eingeborene Landarbeiter, der Gaucho, hat
irgend Sinn und Neigung für Ackerbau. Da sich der reiche Argentinier
nur ungern von seinem Land trennt und er andrerseits die gewaltige
Wertsteigerung nicht missen will, die in dem Umreißen des rohen Kamps
und seiner zeitweisen Bestellung liegen, verfiel man in diesem Land
auf das eigenartige Pachtsystem des Medianero. Der Besitzer stellt
Land, Vieh, Gerät und Samen einem Medianero, einem Pächter, zur
Verfügung, der dafür so viel Land bestellt, wie er mit seiner Familie
bewirtschaften kann. In den Ertrag teilen sich Pächter und Besitzer zu
gleichen Teilen. Derartige Pachtverträge werden jedoch nur auf kurze
Zeit, auf drei bis fünf Jahre, oft auch nur für ein Jahr abgeschlossen.
Ist die Zeit abgelaufen, so muß der Pächter im wahren Sinne des Wortes
sein Dach abreißen und dahin ziehen, wo er wieder Pacht findet. Dem
Estanciero liegt ja nichts daran, dauernd Korn zu bauen. Er will
lediglich den Boden seines Kampf verbessern und bessere Weide für
sein Vieh bekommen. Darum legt er in der Regel dem Pächter die
Verpflichtung auf, im letzten Jahr des Pachtvertrages Alfalfa zu bauen,
eine Luzernekleeart, die das vornehmste Futter für Großvieh hierzulande
ist.
Der Pächter hat also seinerseits gar kein Interesse daran, es sich
irgendwie gemütlich zu machen. Inmitten der Öde des Kamps steht sein
Rancho, eine Lehmhütte mit Wellblechdach, das der Kolonist mit sich
führt. Er pflanzt keinen Baum, kaum Gemüse, und ist zu einem elenden
Nomadenleben verdammt, falls es ihm nicht gelingt, sich so viel zu
ersparen, daß er zum Arendatario, zum Pächter mit eigenem Vieh und
Gerät, und schließlich zum Besitzer auf eigener Scholle aufzusteigen
vermag.
Es ist ein brutales System, das seinen Zweck, den Wert des Landes zu
steigern, zwar erfüllt -- ein mit Alfalfa bestandener Kamp kostet 100
Prozent mehr als ein roher --, das aber in keiner Weise für deutsche
Einwanderer in Frage kommt. Was der ins Land kommende Deutsche erhofft,
ist Seßhaftigkeit auf eigener Scholle, die er mit der Zeit durch seiner
Hände Arbeit erwerben kann.
Nichts ist aber schwerer als das. Die Schwierigkeiten liegen in den
hohen Landpreisen, in der Wertlosigkeit der deutschen Valuta und in der
Unsicherheit des Besitztitels.
Drei Wege führen zum Besitz von Grund und Boden: Kauf von privater
Seite, Erwerb von Regierungsland oder von Ländereien einer
Kolonisationsgesellschaft. Der erste Weg scheidet für die Besitzer von
Markguthaben aus. Selbst für kleine Kampe sind bei dem derzeitigen
Stand der deutschen Valuta Guthaben erforderlich, über die selbst der
wohlhabende deutsche Einwanderer nicht verfügt.
Nun zum Regierungsland. Das ist die vielumstrittene Frage. Einmal, gibt
es überhaupt noch Regierungsland, das für Kolonisation in Frage kommt,
zum andern, wie steht es mit der Übertragung der Besitztitel?
Regierungsland gibt es sowohl in den nördlichen Territorien, in
Misiones und im Chaco, als auch im Süden, in Rio Negro, Neuquen, Chubut
und Santa Cruz. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß beide Gebiete
für Kolonisation nicht in Frage kommen. Der Norden sei zu heiß, der
Süden nur für Schafzucht geeignet. Nach den Temperaturen, die ich
bisher in den Provinzen Buenos Aires und Santa Fé erlebte und die
bis an 40 Grad reichen, möchte ich der ersten Ansicht beipflichten.
Allein ich habe hier stets gefunden, daß man selbst sehen muß, und die
Kenntnis der Porteños, der Bewohner von Buenos Aires, von den äußeren
Gebieten des Landes geht in der Regel nicht sehr weit.
Was die Besitztitel betrifft, so wird immer wieder über die
Schwierigkeit geklagt, solche zu erlangen. Die Regierung gibt wohl
Land zu billigen Preisen ab, allein ohne Besitztitel. Mitunter sitzen
Leute zehn, fünfzehn und mehr Jahre auf ihrem Kamp, dessen Wert sich
inzwischen durch ihre Arbeit verfünffacht und verzehnfacht hat, und
können keine ordentlichen Besitztitel erhalten.
Auf der Fahrt hierher erzählte mir ein Deutscher, der in eine
Zuckerfabrik des Nordens auf Arbeit fuhr, seine Geschichte. Ihm war in
Paraguay Regierungsland zu günstigen Bedingungen übertragen. Nachdem er
sein ganzes Kapital hineingesteckt und ein paar Jahre darauf fleißig
gearbeitet hatte, meldete sich eine argentinische Landgesellschaft als
Besitzerin und wies rechtskräftige Titel vor. Alle Reklamationen der
deutschen diplomatischen Vertretung blieben fruchtlos. Der Mann mußte
sein Vieh verkaufen und Grund und Boden verlassen. Ich habe denselben
Vorgang nicht einmal, sondern wohl ein dutzendmal gehört, nicht nur aus
Paraguay, sondern auch aus Argentinien. Ich kann ihre Wahrheit nicht
nachprüfen, allein die Häufigkeit, mit der man sie hört, macht stutzig.
Der einzelne, ohne genügend Kapital, ohne Rückhalt und vor allem ohne
Verbindungen und „~amigos~“ kann sich jedenfalls nicht genug vorsehen,
ehe er sein Geld in Land anlegt.
Bleibt die Vermittlung der Kolonisationsgesellschaften. Die
Mehrzahl arbeitet auf kapitalistischer Grundlage, andere auf
genossenschaftlicher oder wie die des Baron Hirsch auf gemeinnütziger
Basis. Nicht alle bestehenden Kolonisationsgesellschaften haben
sich immer einwandfrei betätigt. Es sind Fälle vorgekommen, daß sie
an Kolonisten Land gaben, das so mit Hypotheken überlastet war,
daß die Käufer es nicht halten konnten. Von den Gesellschaften,
die sich neu in Deutschland gebildet haben, sind ein Teil reine
Schwindelunternehmungen, denen es lediglich auf Gimpelfang ankommt.
Andere verfügen wohl über guten Willen, aber nicht über die
erforderlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Verbindungen. Daß in ihrem
Vorstand Männer sitzen, die früher einmal in Argentinien waren, genügt
nicht. Vor allem darf man nicht vergessen, daß zwischen Buenos Aires
und dem Land ein himmelweiter Unterschied ist. Man kann jahrelang
in der Hauptstadt sitzen, ohne vom Kamp etwas zu verstehen. Dabei
mag von solch grotesken Fällen ganz abgesehen werden, daß sich hier
bei amtlichen Stellen als Vertreter deutscher „Siedelungs- und
Kolonisationsunternehmungen“ Herren meldeten, mit der Absicht, Land zu
kaufen, die weder von Argentinien, noch von Landwirtschaft, noch von
der spanischen Sprache eine Ahnung hatten.
Es ist bedauerlich, daß durch solche Schwindelunternehmungen der
Gedanke der Kolonisationsgesellschaft diskreditiert wird und unter
Umständen auch gutfundierte und gutgeleitete Gesellschaften zu leiden
haben; denn dieser Gedanke stellt den einzigen Weg dar, eine große
deutsche Einwanderung gut unterzubringen. Vorbedingung ist jedoch, daß
deutsches und argentinisches Kapital zusammenarbeitet, unter enger
Fühlungnahme mit den beiden Regierungen und unter Ausschaltung von
Spekulationsgewinnen.
Der gegebene Mittler wäre das deutsch-argentinische Kapital, das bei
gutem Willen ohne Schwierigkeiten über die erforderlichen Mittel
verfügen würde, um selbst sehr großzügige Siedelungsunternehmungen
zu finanzieren. Seit Ende 1919 ist auch die Frage einer
Siedelungsaktiengesellschaft erörtert worden. Kommissionen haben
getagt. Es ist jedoch nichts dabei herausgekommen. Nach den Äußerungen
des Direktors der Überseeischen Bank hätten alle Berechnungen ergeben,
daß nicht einmal eine bescheidene Verzinsung der aufgewendeten
Kapitalien zu erwarten sei. Ich kann diese Behauptung noch nicht
nachprüfen. Wenn aber das betreffende Komitee weiter einstimmig zu der
Ansicht kam, daß mit einem derartigen Unternehmen den Einwanderern
selbst kaum ein Dienst erwiesen würde, so wird man stutzig.
Bei dem großen Mehrwert, den eine großzügige Kolonisation für alle
Beteiligten bedeuten würde, kann man sich des Gedankens nicht erwehren,
daß einigen, und gerade den kapitalkräftigsten, Mitgliedern der
deutschen Kolonie die Einwanderung aus der Heimat unsympathisch ist.
Man hört mitunter die Meinung, daß sie die sozialistische Gesinnung
deutscher Kolonisten fürchten. Vielfach sollen sie auch schlechte
Erfahrungen mit deutschen Arbeitern gemacht haben.
Deutsches Kapital, das wohl verfügbar wäre -- denn nach menschlichem
Ermessen gibt es für mitteleuropäische Gelder kaum eine sicherere
Anlage als in argentinischem Grund und Boden --, kann sich nur in
Form von Maschinen, Werkzeug und Waren beteiligen. Schon aus diesem
Grunde bedarf es der Mitwirkung argentinischer Firmen. Sperrt sich das
deutsch-argentinische Kapital noch länger, so wird rein argentinisches
Kapital die Sache machen, ja, es wird sogar behauptet, daß
Ententekapital darauf lauere, sich der deutschen Einwanderung als eines
guten Spekulationsobjekts zu bemächtigen, was nicht so unwahrscheinlich
ist.
Ein derartiges Siedelungsunternehmen müßte als Kolonisations-
und Handelsunternehmung gegründet werden, um die aus Deutschland
gelieferten Waren in eigener Regie veräußern zu können und andrerseits
die auf der Kolonie erzeugten Produkte direkt nach Deutschland zu
liefern. Es müßte weiterhin versuchen, Einfluß auf die Verschiffung
der Einwanderer zu nehmen, wenn es nicht eigene Schiffe erwirbt.
Im Anschluß daran ließe sich die Frage der Verpflanzung deutscher
Industrien nach Argentinien lösen.
Es muß etwas geschehen, womöglich ehe eine deutsche Masseneinwanderung
hier eintrifft. Darum ist es Zeit zu einem lauten, weithin
vernehmlichen Caveant Consules! Was die deutschen Einwanderer brauchen,
ist nicht Warnung und Rat und bestenfalls Arbeitsvermittlung, sondern
die rasche Beschaffung von billigem Land.
Auch der argentinische Staat sollte daran interessiert sein.
Eine planmäßig geförderte und systematisch geleitete deutsche
Einwanderung würde nicht nur dem Lande eine Fülle wertvollster
Kräfte zuführen, sondern eine gerechte und großzügige Lösung der
Landfrage würde der argentinischen Republik das schaffen, was ihr
noch fehlt: einen gesunden und kräftigen Bauern- und Mittelstand,
und damit die beste Sicherung gegen die sozialen Gefahren, die die
gegenwärtige Besitzverteilung des Landes und die Latifundienwirtschaft
unheilschwanger in sich bergen.
7. Die großen Estancien.
Estancia „La Louisa“.
Kein anderes Land läßt sich auf solch kurze, einfache Formel bringen
wie die Republik zwischen dem La Plata und den Kordilleren: Argentinien
ist sein Vieh und sein Korn.
Allerdings galt diese Formel nicht immer, wie sie auch für die
Zukunft kaum Geltung behalten wird. Man denke, vor ein bis zwei
Menschenaltern gab es in dem Viehland Argentinien nichts, was der
heutigen Viehzucht gleichkam, und noch vor vierzig Jahren führte der
heute größte Getreideexporteur der Welt für den eigenen Bedarf Weizen
ein, und so wird auch der fortschreitende Übergang der argentinischen
Landwirtschaft zum intensiven Landbau das zukünftige Bild ändern,
ganz abgesehen von den industriellen Möglichkeiten, die die Ölquellen
von Comodore Rivadavia, die Wasserfälle des Iguassu und die noch
unerforschten Mineralschätze der Anden bergen mögen.
Vieh und Korn! Seit etwa anderthalb Jahrzehnten fing das Getreide an,
in den Ausfuhrziffern in die Vorhand zu kommen. Allein trotzdem ist
Argentinien noch auf lange Zeit in erster Linie ein viehzüchtendes
und kein ackerbautreibendes Land, da die gesamte Struktur der
landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse durchaus auf der Viehzucht
beruht und den Ackerbau, wenigstens was die großen Estancien
anbetrifft, gleichsam nur als einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb
erscheinen läßt.
Die großen Estancien umfassen den weitaus besten und bedeutendsten
Teil des anbaufähigen Landes. Von dem Willen ihrer Besitzer, der
Estancieros, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen Land zu
Kolonisationszwecken verfügbar wird und in welcher Weise sich die
argentinische Landwirtschaft entwickelt.
Ihre Grundlage sind eine unbegrenzte und schier unendliche Weidefläche,
eine Fläche Land, die Deutschland, England, Frankreich und Italien an
Ausdehnung übertrifft, und -- die acht Kühe und der eine Stier, die die
Spanier im Jahre 1553 hierher brachten. Heute ziehen nicht mehr riesige
Herden, von halbwilden Hirten, den Gauchos, getrieben, in wochen- und
monatelanger Wanderung auf der Suche nach frischer Weide über die
Pampa, die Steppe, das Vieh wird in kleinen Herden in Potreros gehalten
und über jedes einzelne Stück genau Buch geführt. Aber dem eingeborenen
Volkselement, das von der Viehwirtschaft lebt, Herr und Knecht, haftet
noch immer die ritterliche Großzügigkeit des Nomaden an, der ohne
schwere körperliche Arbeit von dem natürlichen Überfluß seiner Herde
lebt.
Ohne Dung und Pflege erneuert das jungfräuliche Land seine Säfte. Auf
ihm wächst und vermischt sich das Vieh, ungehütet Sommer und Winter
im Freien. Selbst die Mühe des Melkens und der Butterbereitung ist
den meisten der Besitzer zu groß. Sie erübrigt sich auch, da der
Gewinn ohnehin überreichlich ist und der Besitzer sich damit begnügen
kann, das schlachtreife Vieh, einerlei ob Ochsen oder Kühe, an die
Frigorificos, die Schlacht- und Kühlhäuser, zu verkaufen.
Dies ist das Bild der argentinischen Viehwirtschaft von heute. Es
wird nicht das von morgen sein; denn schon sind die Anzeichen einer
weitgehenden Intensivierung überall zu sehen. Von zwei Seiten geht sie
aus: einmal von den Cabañas, jenen Estancien, in denen hochwertige
Rassen zu Zuchtzwecken gezogen werden und in denen man das Vieh in
modernen Stallanlagen hält, und dann von jenen Estancien, in denen
weitsichtigere, energischere oder auch nur ökonomischer denkende
Unternehmer (meistens Ausländer) zu Milchwirtschaft, Butter- und
Käsebereitung und zu sonstiger landwirtschaftlicher Industrie
übergegangen sind.
Aber einstweilen beruht noch die große Mehrzahl der Estancien auf der
reinen Zucht von Schlachtvieh. Und auf großen Estancien kann es einem
geschehen, daß man weder Butter noch Milch bekommt. --