Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche

Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern

die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im

Text mehrmals auftreten.

Die Überschrift des 1. Kapitels (‚Deutsche Auswanderer im

Atlantik‘) fehlt im Original und wurde vom Bearbeiter anhand des

Inhaltsverzeichnisses eingefügt. Das Original wurde in einer

Frakturschrift gedruckt, in welcher die Großbuchstaben ‚I‘ und

‚J‘ nicht unterscheidbar sind; dementsprechend wurden im Register

Begriffe mit diesen Anfangsbuchstaben gemeinsam aufgeführt.

In der vorliegenden Ausgabe wurden, den heutigen Gewohnheiten

entsprechend, die Begriffe den Anfangsbuchstaben gemäß getrennt

angegeben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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[Illustration: La Paz, mit dem Illimani im Hintergrund.]

~COLIN ROSS~

Südamerika

die aufsteigende

Welt

~MIT 54 ABBILDUNGEN

UND 2 KARTEN~

[Illustration]

~LEIPZIG, F · A · BROCKHAUS~

1922

Copyright 1922 by F. A. Brockhaus, Leipzig.

Vorwort.

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

Goethe, Faust.

Der Wunsch, Pionierdienste zu leisten, Neuland zu finden, mitzuhelfen,

Brot und Lebensmöglichkeiten für die Tausende zu erschließen, denen

Krieg und Revolution sie genommen, war die Triebfeder zu dieser

Reise. Vielleicht auch ein wenig Müdigkeit und Enttäuschung, daß nach

furchtbarer seelischer und körperlicher Aufregung und Anstrengung

während vier Kriegsjahren auch die Revolution fast alle Blütenträume

welken ließ, die reiner Enthusiasmus nach ihrem Aufflammen von ihr

erhofft hatte.

Neue Ufer! Zweimaliger Besuch in den Vereinigten Staaten und in Mexiko

in der Vorkriegszeit hatte gelehrt, daß die Neue Welt längst im

gleichen Pulsschlag mit der Alten Welt lebte und daß die unbegrenzten

Möglichkeiten einer Begrenzung entgegengingen, die auch ohne Teilnahme

am Weltkrieg schwere soziale Erschütterungen im Gefolge haben mußte.

Aber Südamerika, Brasilien, Argentinien, Chile: mußte nicht hier

Neuland in unbegrenzter Ausdehnung sein? Lockte nicht an diesen Ufern

ein neuer Tag?

Der erste Eindruck überwältigte. Fülle, Reichtum, Gedeihen, unbegrenzte

Möglichkeiten und scheinbare Unberührtheit von all den Problemen, die

die Alte Welt zerfleischen. Es war ein Irrtum. Je länger man in diesem

Kontinent reist, desto mehr wird man durchdrungen von der Einheit der

Menschheit von heute. Gewiß, man kann sich auf eine weltferne Estancia

setzen, man kann sich in ein unbekanntes Kordillerennest flüchten, aber

das Bibelwort bleibt bestehn: „Und flöhe ich an die äußersten Meere....“

Gewiß, es gibt hier noch unbestellten wertvollen Ackerboden,

königreichgroß. Es gibt noch unabgeholzte Wälder von unermeßlichem

Wert. Es gibt Mineralschätze in unbegrenzter Menge. Es gibt

Möglichkeiten, industrieller, kaufmännischer, selbst künstlerischer und

literarischer Art, wie sie die Alte Welt nicht bietet. Sicher kann der

Gewandte, der Energische, der Skrupellose raschen Reichtum erwerben.

Aber neue Ufer, ein neuer Tag?

Fast scheinen sich die Verhältnisse zu verschieben, wie sich im Süden

die Sternbilder am Himmel umkehren, und die Alte Welt erscheint als die

neue, die Neue die alte. Wer an den politischen und wirtschaftlichen

und sozialen Formen hängt, die Krieg und Revolution gewandelt, wird in

der Neuen Welt noch alles finden, dem er nachtrauert. In Südamerika

gibt es noch herrschende, bevorzugte Klassen, dort gibt es noch den

Herrn-im-Hause-Standpunkt und gibt es rücksichtslose Ausbeutung

wirtschaftlich Schwacher.

Aber genau wie die politischen Ideen der großen Französischen

Revolution einst den Atlantik übersprangen und in Südamerika zum

Freiheitskampf und zur Abschüttelung der spanischen Herrschaft führten,

genau so dringen jetzt die sozialen Ideen des Abendlands bis in die

fernste Pampa und bis in das verborgenste Indianerdorf, trotz aller

Absperrungsversuche, trotz aller „~leyes de residencia~“, trotz aller

Bemühungen, „bolschewistische Elemente“ fernzuhalten.

Eine große Gefahr bedroht diesen Kontinent, der so überreich ist an

Schätzen, daß jeder einzelne seiner Bewohner ein sorgenloses Leben

führen könnte. Wie damals die Abschüttelung des spanischen Jochs

unter dem Einfluß der Ideen der Französischen Revolution jahre- und

jahrzehntelange Unruhen, Chaos und Anarchie in jenen Ländern zur Folge

hatte, die für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ noch in keiner

Weise reif waren, genau so liegt heute die Gefahr vor, daß sich die

soziale Entwicklung überschlägt. Es handelt sich zu einem großen Teil

um Volkselemente, die weder lesen noch schreiben können, um Indianer

und Halbindianer, um wirtschaftlich und sozial unterdrückte Klassen,

die bisher in einer Art patriarchalischer Abhängigkeit, ja in halber

Leibeigenschaft gehalten wurden. Rationale Momente und Rassengefühle

wirken mit.

Eine täglich wachsende, in Ländern natürlichen Überflusses

doppelt verbitternd wirkende Teuerung kann den Anstoß geben zu

einem plötzlichen Ausbruch sozialer Erschütterungen, die sonst

unwahrscheinlich erscheinen mögen. Überall dasselbe: Streik in

Argentinien, Streik in Chile, Streik in Bolivien. Auch dieses letztere

Land, in dem bisher eine kleine, weiße Herrenschicht fast unumschränkt

über die indianische Urbevölkerung herrschte, hat sich vor wenigen

Monaten genötigt gesehen, Paßzwang einzuführen, und wenige Tage nach

meiner Ankunft in seiner Hauptstadt La Paz brach der Streik der

staatlichen Telegraphenbeamten aus.

Wetterleuchten! Vielleicht ist das Unwetter, das Europa durchtobt,

hier noch fern, jahrzehntefern. Vielleicht helfen hier der natürliche

Reichtum, die geringe Bevölkerungsdichte soziale Probleme überwinden,

unter denen das Abendland konvulsivisch zuckt. Vielleicht auch bricht

hier der Sturm doppelt furchtbar los. Es gibt Beispiele in Südamerika.

Der Boden ist blutgetränkt.

Es ist schwer zu prophezeien, schwer zu raten. Schätze liegen brach.

Aber wer sie heben will, darf nicht vergessen, daß er in Länder des

Hochkapitalismus kommt. Eigenes Kapital ist das A und das O. Soziale

Gesetzgebung, soziale Fürsorge gibt es nicht, oder sie stecken in

den Kinderschuhen. Jeder steht allein da und ist nur auf sich selbst

angewiesen. Aber auf das Heute kann ein ganz anderes Morgen folgen.

Unweit von La Paz liegt in Tiahuanacu eine uralte Stätte menschlicher

Kultur, eine Weltstadt, die nach der Sage vor mehr als zehn

Jahrtausenden blühte. Kulturen blühen und vergehen. Aus alten

Kontinenten wandeln sich neue, und neue werden alt. Vielen mögen die

neuen Ufer die neue Heimat werden, den neuen Tag aber wird nur erleben,

wer ihn in seinem Herzen bereitet.

Berlin, März 1922.

=Colin Roß.=

Inhalt.

Seite

Vorwort 3

Über den Atlantik.

1. Deutsche Auswanderer im Atlantik 15

2. Längs der Küste Brasiliens 21

3. Das unbekannte gelobte Land 27

Argentinien.

4. Die Stadt am La Plata 35

5. Einwanderung nach Argentinien 40

6. Die Landfrage 47

7. Die großen Estancien 54

8. ~Sigue Vaca!~ 60

9. Deutsche Kolonien in Santa Fé 66

10. Heißes Land 72

11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der

Argentinischen Republik 75

12. Nach Patagonien 80

13. Die Metropole des Südens 84

14. Deutsche Seeleute in Südamerika 90

15. Die Insel im Rio Negro 95

16. Zwischenspiel 101

17. Das Land der Kanäle 105

18. Ritt durch Neuquen 111

19. Zukunftsland 116

20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis 121

21. Auf dem Cayuncohochland 125

Chile.

22. Über die Kordillere 133

23. Das Paradies am Pazifik 137

24. Chilenische Präsidentenwahl 140

25. Chiles deutscher Süden 145

26. Llanquihue und Magallanes 148

27. Copihue 153

28. Längs der Küste nach Nordchile 157

29. Die Salpeterstadt 162

30. La Pampa Salitrera 165

31. Oficina 169

32. Pampinos 172

33. Unter Vulkanen 176

Bolivien.

34. Das Land Bolivars 183

35. Markt in La Paz 186

36. Gebirgsreise in Bolivien 191

37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen 195

38. Was die Yungas erzeugen 199

39. Eine Yungasfinca 202

40. Der Gastfreund 207

41. Auf einer Zuckerrohrplantage 211

42. Weg im Fluß 215

43. Die Seele des Indio 219

44. Indianerwallfahrt 224

45. Indianeraufstand 227

46. Der amerikanische Himalaja 230

47. Mazamorra 235

Uruguay.

48. Karneval in Montevideo 243

49. Quer durch Uruguay 247

Brasilien.

50. Abend in Santa Anna 253

51. Deutschbrasilianer 258

52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande 266

53. Kolonisten im Urwald 271

54. Schirachs Erfolg 276

55. Brasilianische Landgesellschaften 281

56. Fahrt auf dem Iguassu 286

57. Auf brasilianischer Bundeskolonie 292

58. Kaffeefazendas 297

59. Die Großstadt der Tropen 302

60. Die Blumeninsel 308

Register 313

Abbildungen.

Seite

La Paz, mit dem Illimani im Hintergrund Titelbild

Siedlung in Patagonien 16

Lehmrancho 16

Patagonische Landschaft 17

Ansiedlerfrau 17

Wappen von Argentinien 33

Das Tal des Rio Cayunco 64

Inkasee 65

Plaza de la Independencia in Santiago 80

Bergarbeiterheim 81

Salpeteroficina 81

Am Fuße des Vulkans Ollague 96

Bergarbeiterhütten in der Kordillere 97

Arbeit in der Mine 97

Freundliche Marktweiber 112

Lamaherde 112

Ein Säugling zu Pferd 113

In einer bolivianischen Posada 113

Hörige Indianerinnen im Cocal 128

Weg im Fluß 128

Prähistorische Mumien vom Andenhochland 129

Bolivianischer Friedhof 129

Wappen von Chile 131

Allerseelen auf dem Friedhof 144

Indianische Wasserträgerin 144

Musikanten in Copacabana 145

Indianertanz 145

Copacabana am Titicacasee 160

Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu 161

Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana 176

Ein frischer Trunk 177

Bepackter Hochlandsesel 177

Wappen von Bolivien 181

Indianerprozession in Copacabana. Nach einer von Jakob

v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines Indianers 192

Eingeborene vom Rio Beni 193

Indianerin am Webstuhl 193

Millunisee mit Huaina Potosi 208

Gipfelgrat des Huaina Potosi 209

Am Fuße der Eiswand des Huaina Potosi 209

Westwand des Illampu 224

Indianerdorf in der Puna 225

Nordostflanke des Illimani 225

Bergwerk in der bolivianischen Kordillere 232

Mazamorra 232

Der Morro bei Arica 233

Südbrasilianische Kolonisten 233

Wappen von Uruguay 241

Wappen von Brasilien 251

Deutsche Siedlung in Brasilien 288

Maispflanzung 289

Die ersten Anfänge einer Siedlung 289

Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus 304

Auf dem Marsch durch den Urwald 305

Blumeninsel bei Rio de Janeiro 305

Übersichtskarte von Südamerika 12

Sonderkarte 319

Umschlag und Einbanddecke sind von Maler Kurt Eduard Beck in Leipzig

nach Motiven gezeichnet, die aus dem von Professor ~Dr.~ Posnansky

geleiteten Museum in La Paz stammen. Die Figur in der Mitte des

Umschlags ist Pachaimama, die Mondmutter. Die Figur auf dem Einband ist

dem uralten monolithischen Sonnentor von Tiahuanacu entnommen.

*

[Illustration: ~Übersichtskarte zu Colin Ross, Südamerika~]

Über den Atlantik.

1. Deutsche Auswanderer im Atlantik

An Bord S. S. Frisia in Höhe von St. Pauls Rock.

Ohne die Flügel zu rühren, einem Kampfeindecker gleich, zog der erste

landkündende Albatros seine Kreise über dem Schiff. Dann stachen

schwarze Zacken aus dem horizontweiten Blau: St. Pauls Rock. Seit

Tagen, seit wir die Kapverdischen Inseln passiert, das erste Land.

Land? Ein Fels, eine Felsnadel! Mitten im Ozean steigt sie senkrecht

aus kilometertiefer See.

Schnurgerade hält der Dampfer auf die Nadel zu, als wolle er sie

rammen. Im letzten Augenblick biegt er fast im rechten Winkel ab.

Eine Rakete steigt zischend hoch, gleichzeitig heult die Dampfsirene.

Schwärme von Wasservögeln schwirren auf.

An der Reling drängen sich die Fahrgäste. Einer erzählt: „Dutzende von

Schiffen stranden jedes Jahr an dem Fels.“ Ein anderer: „Bei den Möwen

haust ein alter Mann mit seiner Tochter.“

Wer bereits mehr als vierzehn Tage auf menschenüberladenem Schiff

fahren mußte, dem erscheint solch Los fast beneidenswert. Drangvolle

Enge in allen Klassen, das letzte Plätzchen besetzt. Gute Konjunktur

für den Holländischen Lloyd. Unten im Zwischendeck aber stauen

sich Männer, Frauen und Kinder, fast Leib an Leib. Wie in einen

Ameisenhaufen sieht man vom Kajütsdeck hinunter. Blonde Köpfe, deutsche

Gesichter, deutsche Laute. Das rückwärtige Zwischendeck ist fast ganz

von Deutschen besetzt. Mancher ist darunter, der vor dem Krieg erster

Klasse fuhr. Heute fahren in der ersten Klasse neben den Ausländern

fast nur solche Deutsche, die ein Auslandsguthaben von dem Jammer der

deutschen Valuta unabhängig macht. Ja, wir sind arm geworden.

„Ich kann den Blick nicht von euch wenden -- -- --.“

Immer wieder kommen mir die alten Verse in den Sinn. Das Rad der

Weltgeschichte ist zurückgedreht. Wir exportieren wieder Menschen.

Man könnte meinen, in die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen

Jahrhunderts zurückversetzt zu sein, in denen der breite Strom

deutscher Auswanderer über den Ozean zog, um mit seinem Blut und

Schweiß fremde Kulturen zu düngen.

Die Möwen bleiben zurück. Langsam verdämmert der einsame Fels.

Entschlossene, sehnsüchtige, zukunftsbange Blicke hängen daran. Manch

einer wird in der Woge fremden Volkstums, dessen Art und Sprache er

nicht kennt, einsam sein, wie der imaginäre Alte auf dem Riff. All

die ehemaligen Offiziere und Seeleute, all die wurzellos gewordene

Intelligenz, sie sollen jetzt mit ihren körperliche Arbeit ungewohnten

Händen die Konkurrenz mit den auf primitiver Kulturstufe stehenden

italienischen und spanischen Auswanderern und Saisonarbeitern

aufnehmen.

[Illustration: Siedlung in Patagonien.]

[Illustration: Lehmrancho.]

[Illustration: Patagonische Landschaft.]

[Illustration: Ansiedlerfrau.]

Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre

überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält,

mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt,

geht zugrunde.“

Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben,

lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum

mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“

Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s

über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in

unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem

Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine

eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.

Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden.

Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die

weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in

gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.

Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel

brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne

ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze.

Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen

Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.

Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant

hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik.

Und unermüdlich fiedelt die ~ad hoc~ zusammengestellte Kapelle.

Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende

verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die

brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve

den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm

geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen

Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut

verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz

zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten

gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“

Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen

ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die

Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen:

„Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine

Saite reißt und gibt wehen Klang.

Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten

des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt

plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die

zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere

kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite

des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die

Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich

Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber

lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines

portugiesischen Priesters.

Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt

es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne

Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und

florbestrumpften Beine.

Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her.

Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren,

plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint

die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ -- „Nun, Äquatorüberschreitung und

Jahrestag des Waffenstillstandes.“ -- „Den feiern wir nicht.“ Ein

Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk

wende ich mich ab.

Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein

Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen?

Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die

englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen,

von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von

Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber

nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten

beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen

sollen.

Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse

des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie

ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare

drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die

Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein

brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut

und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.

Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene

Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „~Dis donc,

quand~... Zweihundert Prozent... ~terenos~... ~I bet you~...“ Nur das

Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck

gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet

Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben-

und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie

alles ertragen. Was wird sich erfüllen?

Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich

über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt,

ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht

allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur

allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.

Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im

Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt

steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen

wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!

2. Längs der Küste Brasiliens.

An Bord S. S. Frisia, Bahia.

Ehe noch der Dampfer den ersten amerikanischen Hafen anlief, wurde die

Tote, die die Grippe im Zwischendeck gefordert, ins Meer versenkt.

Es gab kein großes Aufheben, kaum daß der Dampfer einen Augenblick

stoppte. Ein Geistlicher und ein Schiffsoffizier. Nur die alte

verkümmerte Frau im blauen Umschlagtuch, die immer neben dem Mädchen in

dem billigen Liegestuhl lag, stand noch dabei und starrte aufs Meer. Es

war zwei Uhr nachts, als die Leiche auf dem Wasser aufschlug.

„Armes, ausgehungertes Volk!“ meinte am nächsten Morgen der

argentinische Reisende auf der Reede von Pernambuco, „auf jeder Reise

sterben ein paar.“ Mitleidig zuckte er die Achseln und ging nach

dem Heck, wo gerade der dicke Holländer die Haiangel richtete. Ein

Haufen Fahrgäste sah neugierig zu, wie er ein mächtiges Stück Fleisch

an dem starken Eisenhaken befestigte. Kaum konnte der Steward sich

durchwinden, der den Eimer mit den morgendlichen Brot- und Speiseresten

über Bord schüttete. Man hat sich mit der Zeit ja daran gewöhnt, allein

es gibt einem doch immer wieder einen Stich. Wie viele Menschen könnten

in Deutschland davon leben!

Eine Regenböe fegte über Deck und färbte das Wasser schwarz. Weiß

gischtete an der Mole die Brandung hoch. Mühsam kämpfte sich das Boot

mit Arzt und Hafenkommandant hindurch. Drei Reisende stiegen ein,

einer aus; Ladung wurde weder genommen noch gelöscht. Lohnte das

Anlegen überhaupt? Der junge Deutsche, der auf seine Baumwollpflanzung

in Parahyba fuhr, nannte es einen Wechsel auf die Zukunft. Stadt und

Hafen stünde eine rasche Entwicklung bevor.

Wir fuhren weiter, ohne die Haie, die uns der Holländer versprochen.

Dafür sahen wir am Nachmittag Wale. Wir mußten in eine ganze Herde

hineingeraten sein; denn stundenlang sah man rings um das Schiff

die breiten schwarzen Rücken auftauchen und das Wasser in Fontänen

hochsprudeln. Wie mit Pastellfarben war dahinter die ferne Küste an den

Horizont hingehaucht.

Am nächsten Abend liefen wir Bahia an. Eine flimmernde lichterfunkelnde

Wand, baute sich über der tiefschwarzen Bucht die Stadt auf, in deren

Gärten die köstlichsten Früchte des früchtereichen Landes wachsen, in

deren Straßen aber Fieber und Seuchen nie erlöschen. Einer zähflüssigen

Masse von Öl und Teer gleich, schien sich das träge flutende Wasser um

den Schiffskörper zu legen. Langsam und immer langsamer fuhren wir, bis

die Maschine stoppte und die Ankerketten rasselten.

Wie wir jetzt hielten, streckte die Stadt, die wie im Fieber zu uns

herüberglühte, ihre feuchtwarme Hand über die Bai und sandte uns einen

Atemzug schwüler, heißer Luft. Wir Nordländer lagen nach Kühlung

lechzend an Deck; im Speisesaal aber, dessen dumpfe Luft wie glühender

Brodem durch die Deckfenster hochstieg, saßen unangefochten von der

Hitze die Brasilianer beisammen. Lachen, Singen, Gläserklingen,

dazwischen Reden und immer wieder Reden. Die Brasilianer feierten

den ~Quinze de Novembro~, den Gedenktag der Ausrufung ihrer Republik.

Durch die Fenster trinken sie uns zu. Gleich den Portugiesen haben sie

uns vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie gegen

Deutschland und gegen die Deutschen keinerlei Haß fühlten, sondern mit

ihnen in der Abneigung gegen Engländer und Yankees durchaus einig waren.

„Aber euere Teilnahme am Krieg?“

„Nun, das war eine Sache, mit der die Völker nichts zu tun hatten, ein

Geschäft, das einige unserer Politiker mit England und den Vereinigten

Staaten machten.“

Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche Nation,

und man wird auf Stimmungen und Meinungen einiger Mitreisender kein

allzu großes Gewicht legen dürfen; aber auch die Deutschbrasilianer auf

dem Schiff hatten nur günstige Nachrichten.

Die Zahl der Deutschen, die Rio oder Santos zum Ziel haben, ist

nicht klein. Einstweilen sind es nur Rückwanderer, die Besitz oder

Stellung drüben haben. Aber neue Einwanderer werden folgen. Und der

Kaffeepflanzer aus Santos, mit dem ich über die Aussichten sprach,

meinte, der fruchtbare Süden biete auch den Kapitallosen gute

Möglichkeiten zu raschem Aufstieg.

Ja, fruchtbar muß dieses Land sein. Als am nächsten Morgen die gelbe

Quarantäneflagge am Fockmast niederging, wimmelte es rings um das

Schiff von Booten, überladen mit Früchten: Bananen, rot und gelb, in

dichten Trauben, und dreimal so groß wie jene kümmerlichen Früchte,

die jetzt in Deutschland verkauft werden. Orangen, noch grün oder nur

mit leichtem gelben Anflug -- es ist hier ja erst Frühling --, aber

faustgroß und größer Kokosnüsse und Ananas.

Zwischendeck und Kajüte kaufen und kaufen. Korb um Korb wird

hochgezogen. Bald sieht es zwischen den Ladebäumen aus wie ein

Fruchtladen. Die Hauptmannsfrau sitzt mit ihren drei Kindern inmitten

von Bananen und Ananas. Der Wiener Komiker kommt die Arme voll Orangen

von der Reling. Ein anderer schleppt Ananas in Büscheln. Hier trinkt

einer eine Kokosnuß aus, und dort schiebt in stummem Staunen ein

dreijähriger Blondkopf mit heiligem Ernst eine Banane in den Mund.

Allein die reiche, bunte Fülle will nicht recht zu den ärmlichen,

blassen und schmalen Gesichtern passen. Wie anders sehen die

strotzenden Bronzeleiber der Neger in den Booten aus, deren glänzende

Haut über straff gespannten Muskeln Früchten gleich durch die

zerrissenen weißen Hemden leuchtet.

Sie haben auch keinen Anteil an der Fülle dieser reichen Welt, mögen

die deutschen Zwischendecker in der ersten Freude noch so sehr über

ihre Verhältnisse kaufen. Sind die süßen Schätze auch spottbillig,

für uns macht die Valuta sie teuer. Solange diese sich nicht ändert,

bleiben wir Parias, ausgeschlossen von den Schätzen der Erde.

Die Valuta ist das große Problem, nicht nur der Sorge, sondern auch

der Spekulation. Kaum sind die ersten Zeitungen an Bord, so sitzen

sämtliche Herren über dem Studium der Kurse. Eine erregte Debatte

entspinnt sich und eine komplizierte Rechnerei. Wie stand der Milreis

im Frieden? Wie jetzt? Wo und wann kauft man am besten? Wie steht der

Dollar, das Pfund Sterling, der Frank und die Lira? Sie haben alle im

Verhältnis zur Vorkriegszeit keinen besonderen Stand gegenüber dem

Milreis Brasiliens. Die Valuta dieser südamerikanischen Staaten, die

man bei uns vor dem Kriege gern nicht für voll nahm, ist gewaltig in

die Höhe geschnellt. Wird das bleiben? Stehen wir hier am Anfang einer

Entwicklung, wie sie die Vereinigten Staaten durchliefen?

Lustig flattert über unsern Köpfen die Flagge Brasiliens mit der gelben

Weltkugel im grünen Feld. Ein wenig phantastisch scheint sie und ein

wenig anmaßend, aber vielleicht ist sie nur prophetisch. Wochenlang

fahren wir an der Küste dieses Landes entlang, von dem kaum erst der

zehnte Teil der Kultur erschlossen ist.

In unser Gespräch tönt das Rasseln des Dampfkranes. Die farbigen

Gentlemen der hiesigen Lloydagentur lassen krachend die Kisten in die

Leichter hinunterpoltern.

„Donnerwetter, das sind doch meine Kisten“ -- der ehemalige Flieger

springt plötzlich auf. Er nimmt sein Geld in Form von Bijouteriewaren

mit hinüber und ist in Sorge, ob er auch alles richtig hinüberbekommt.

Oder er sitzt und rechnet und rechnet, was ihn jedes einzelne Stück

kostet und wieviel er dafür verlangen kann.

„Unter zweihundert Prozent Verdienst mache ich überhaupt kein

Geschäft,“ meinte der argentinische Kaufmann zu ihm, der nun schon zum

zweiten Male zum Einkauf nach Deutschland fuhr. Es liegt ein Hauch von

Spekulation über dem ganzen Schiff, wie man ihn früher nicht kannte;

denn jeder führt irgendeine Ware bei sich, mit der er phantastische

Geschäfte zu machen hofft: Bijouterien oder Stahlwaren, Rasierapparate

oder Ferngläser.

Der Bankbeamte, der aus dem Krieg nach Buenos Aires zurückkehrt, zieht

eine goldene Uhr an kostbarer Kette. -- „Die hätte ich mir sonst auch

nicht gekauft.“ -- Aber wer weiß, wie die Verhältnisse drüben liegen,

was gebraucht wird und woran Überfluß herrscht. Die wenigen, die

Bescheid wissen, schweigen oder renommieren.

Das Gespräch schläft ein. Die Hitze lähmt jede Tätigkeit. Unter dem

Sonnensegel ballt sich die Glut fast körperlich. Die weißen Häuser

Bahias mit ihren stolzen Säulenhallen und Terrassen blenden über dem

trägen, unbewegten Wasser.

Endlich heult die Sirene. Aber noch immer kommen Boote. Der Koch

nimmt noch Proviant ein. Mächtige Körbe mit Eiern werden hochgehißt,

gewaltige Stücke Fleisch und Kisten mit Fischen. Mitten über Deck

platzt eine, und eine silberne Flut stürzt herunter. Es sind Exemplare

von Haigröße dabei. Ihre lebenden Brüder tummeln sich um das Schiff.

An der Reling steht die alte, abgehärmte Frau im blauen Umschlagtuch

und starrt aufs Meer.

Wieder heult die Sirene. Immer noch nehmen wir Früchte ein. Überall

Stapel von Ananas. Auf allen Tischen und Bänken steht angeschnitten

die süße Frucht. Einen Augenblick ekelt es mich fast vor dem schweren

Fruchtduft, der gleich einem fremdartigen, betäubenden Parfum das ganze

Schiff durchzieht.

3. Das unbekannte gelobte Land.

Buenos Aires.

Die Fahrt dahin führte an allen Herrlichkeiten der Erde vorbei. Nach

der grotesken Schönheit der spanischen Häfen, nach Lissabon und den

Kapverdischen Inseln, nach tropischen Nächten unter dem Äquator, in

denen Mond und Wolken Bilder von verzehrender Schönheit auf See und

Himmel malten, nach sonnendurchglühten Tagen, an denen der Ozean in

fast schmerzlicher Bläue leuchtete, nach Nächten, in denen das Meer

phosphoreszierend flammte, als fahre das Schiff durch einen See voll

brennender Eisberge, und in denen das Kielwasser sich in einen Strom

intensivsten grünen Lichtes wandelte, breitete viele Tage lang die

brasilianische Küste ihre schwüle, lockende Pracht aus. Nach Bahias

Früchteparadies baute Rio mit seinen Felsen, Bergen und Buchten eine

Wunderlandschaft auf.

Aber als wir Santos’ liebliche Bucht verlassen hatten und die Brandung

von São Vicente verrauscht war, die gegen brennend bunte Gärten spült,

verblaßten des Himmels und des Meeres Bläue. Eisengrau rollten in

schwerer Dünung die Wellen. Nach lastender Hitze wurde es frisch und

abends bald empfindlich kühl, als runde sich die Reise zum Kreislauf

und kehrten wir in die rauhe, kalte Nordsee zurück.

Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt

satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem

Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr

und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige

Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange

dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die

sorgenden, ernsten Gesichter.

In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere,

wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz

haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. -- Wer

kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land

der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die

Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.

Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten.

Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als

unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200

Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt?

Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen?

Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun

sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf

reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und

fällt die Mark.

Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche

Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden

geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht?

In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten

tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln

versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.

Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte?

Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase

ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau

im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer

senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein

Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame,

die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah,

immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer

Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck

auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade

wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der

ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne

Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf

das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte.

Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien

zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar,

das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war

und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die

der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!

Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont

zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu

Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.

Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in

Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen

wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende

Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den

Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot

und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt

am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen

eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.

Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her

und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos

übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend

auf und ab.

„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“

„Und der Zoll?“

„Oh, die sind so gut versteckt, da müßte der Beamte schon sehr genau

suchen -- --.“

Die Offizierswitwe mit den beiden Söhnen hat bereits ein erstaunlich

billiges Angebot für Haus und Land in Paraguay. Die Stimmung geht hoch.

Am nächsten Morgen sind wir mitten im La Plata. La Plata, Silberstrom!

Der Name klingt wie Hohn; denn in schmutzigem Lehmgelb wälzen sich

seine trägen Wogen. Gelbe, einförmige Wüste, soweit das Auge reicht.

Fast wirkt der Anblick bereits wieder schön in seiner grandiosen

Eintönigkeit. Am Horizont stehen Schiffe, flach auf die Wüstenplatte

gestellt. Merkwürdig unwirklich sehen sie aus.

Das Land, das jetzt zur Linken auftaucht, paßt zum Fluß, es ist flach,

öde, reizlos. Aber noch öder, noch reizloser könnte es erscheinen,

es würde doch mit den gleichen sehnsüchtig erwartungsvollen Blicken

verschlungen. Es ist ja das Land der Verheißung, die Erlösung aus all

dem Leid, aus all dem Jammer in der Heimat.

Buenos Aires sticht mit Kaminen, Türmen und Kuppeln über den Horizont.

Am Bug ballt sich die Masse der Auswanderer. Rasch wächst die Stadt.

Eine flüchtige Ähnlichkeit mit New York, ein schüchterner Versuch zu

Wolkenkratzern. Der Jachthafen mit Dutzenden der elegantesten Jachten.

Dann im Hafen Schiff an Schiff, endlose Kais lang.

Ärztliche Untersuchung und Paßrevision. Dann darf man von Bord. Jetzt

noch die zollamtliche Untersuchung. Der Flieger verhandelt aufgeregt

mit einem Gepäckträger. Koffer auf Koffer rollt an. Immer wieder

greifen die geübten Hände der Zollbeamten tief in Kisten und Koffer.

Der ehemalige Fliegeroffizier hat einen Teil seiner Sachen schon

durch, aber nun zieht der Beamte ein Bündel Uhrketten aus einem Paar

Damenhandschuhe.

„Was ist das?“ -- und nun kommt Stück für Stück ans Tageslicht. Er

bekommt einen puterroten Kopf. Tapfer hält sich die junge Frau.

Auf Schmuggel steht Beschlagnahme der Ware und hohe Geldstrafe, bei

großen Beträgen Gefängnis. Weiß Gott, da wird der Herr vom Tisch

~vis-à-vis~ abgeführt. Er hatte Brillanten in der Weste eingenäht.

Eine Dame soll ihn angezeigt haben.

Sicher erhoffte Telegramme sind ausgeblieben. Über Paraguay hört man

bereits im Zollamt nur Ungünstiges. Luftschlösser stürzen ein. Und die

Traumstadt der Verheißung ist, wenn man sie betritt, auch nicht anders

wie jede Weltstadt: eine gewaltige Mühle, die die Masse der Menschen

zerreibt, um den wenigen Zähen, Auserwählten den Aufstieg zu unerhörter

Macht freizugeben.

Argentinien

[Illustration]

4. Die Stadt am La Plata.

Buenos Aires.

Draußen im Land blühen jetzt die Kakteen. Wenn man mit einer der

zahllosen Elektrischen hinausfährt und wenn nach den eleganten Straßen

auch die Zone der Vorstädte mit ihren niedriger und ärmer werdenden

Häusern zurückbleibt, bis nur mehr der durch Steppe, Sumpf und Busch

führende Damm der Bahn der einzige Bindestrang mit der zurückgelassenen

Zivilisation ist, dann ranken Kakteen zu beiden Seiten des Weges,

seltsame, fleischig-wulstige Pflanzen. Wie Tiere ihre Jungen auf dem

Rücken tragen, so haben sie ihre Triebe angesetzt, und dazwischen

treibt der staubgraue Leib eine Blüte von seltsam flammender Schönheit,

die auf dem häßlichen Pflanzenkörper so fremd anmutet, als hätte sich

ein leuchtender Schmetterling auf ihn gesetzt.

Ist dies das Bild der Stadt, in der ich jetzt lebe? Sicher ist es

ein krasser, willkürlicher Vergleich, und doch drängte er sich mir

auf, als ich zum ersten Male von dem Turm der Pasaje Guemes über die

Stadt blickte. Wie trostlos öde ist der Boden, aus dem diese Stadt

erwuchs! Jede, aber auch jede angeborene Schönheit hat ihr die Natur

versagt. Der Fluß, dessen unerhörte Breite ein Meer vortäuscht, ist,

von hier oben gesehen, nichts als ein braunes ödes Feld. So träge steht

die Masse der lehmschweren Flut, daß der Unwissende von hier nicht

unterscheiden könnte, ist es Morast oder Wüste oder Wasser. Und nicht

anders ist das Land, in das sich die Stadt mählich verliert. Keine

blauen Berge am Horizont, keine fernen Wälder, nichts, auf dem das Auge

friedlich ruhen, kein Punkt, nach dem die Sehnsucht schweifen könnte.

Unten am Fuß des Gebäudes aber ziehen elegante Straßen, dehnen sich

Plätze voll Palmen und blühenden Blumen. Die Plaza und Avenida de

Mayo, Plaza San Martin, der Palermo-Park mit seinen Teichen, Rasen und

Hainen: alles ist künstlich geschaffen, ist einer Wüste abgerungen. Und

alle diese Plätze, Gärten, öffentlichen Gebäude und reichen privaten

Villen und Residenzen sind gebaut aus dem Erlös der Produkte dieses so

trostlos öde scheinenden Landes. Dieses Land hat die Palmen gepflanzt

und die Autos der Männer wie den Schmuck der Frauen bezahlt. Es allein

ermöglicht die Einfuhr aller dieser wahnsinnig teueren Luxusartikel

aus allen Ländern der Erde, die die Lager und Läden der Stadt füllen.

Wie reich und vollsaftig muß dieses Land sein, das eine solche Blüte

treiben konnte, aus dem in phantastischer Üppigkeit eine Hauptstadt

erwachsen konnte, in der ein Viertel der Bewohner des ganzen Landes

lebt, deren überreicher Luxus Zweck und Ziel aller Arbeit auf den

fernen Estancias und Chacras, auf den Ranchos und Quintas zu sein

scheint!

Eine Kakteenblüte voll fremdartiger Schönheit? -- Nein, der Vergleich

stimmt doch in keiner Weise! Dazu ist diese Stadt zu nüchtern, zu

europäisch, zu amerikanisch. Ja, amerikanisch, das ist der Grundton,

und es bedürfte nicht der Ansätze zu Wolkenkratzern, um an New York

zu erinnern. Aber da unten die Plaza de Mayo könnte ebensogut in

irgendeiner mexikanischen oder brasilianischen Stadt liegen, und die

Avenida erinnert durchaus an einen Pariser Boulevard, ihre Läden an

Oxford Street in London und die umliegenden Straßen an die Berliner

Friedrichsstadt. Selbst in der Vorstadt ähnelt an einer Stelle die

Wellblecharchitektur dem Rande von Chicago, während an anderer Stelle

die auf Pfählen im Sumpf errichteten Bretterbuden einer polnischen oder

wolhynischen Landstadt gleichen. Jede Nation mag hier Anklänge an ihr

Heimatland finden.

Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen

an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht

es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und

schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht

und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich

mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und

dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits

der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke

eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und

Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.

Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten

um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem

Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt,

wird den Unterschied finden.

Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union

durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den

Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut

der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die

Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.

Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an

der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an

der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann

in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen

Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An

der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die

sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich

engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen

nebeneinander gehen können.

Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine

geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier

im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York

oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt

leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so

daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit

bleibt.

Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so

amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist:

durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen

Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer

Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem

Innenhof steht.

Buenos Aires ist eine Stadt, die ins Maßlose, Unbegrenzte strebt. Im

Zentrum, das für zwanzig- oder zweihunderttausend Menschen gedacht und

gebaut wurde, muß sich heute der Verkehr einer Menschenmasse von zwei

Millionen abspielen. Darum hat man alle neuen Straßen in zehnfacher

Breite angelegt. Kilometerweit hinaus führen breite Avenidas, die heute

nur ärmliche, ebenerdige Häuser oder Buden und Hütten säumen, die aber

vielleicht schon in zehn Jahren elegantes Leben füllt.

Diese Stadt will wachsen. Auch die City will heraus aus ihrer Enge. Und

darum hat man im Zentrum ganze Reihen von Häuserblöcken niedergerissen

und daraus die Plaza und Avenida de Mayo geschaffen. Darum sollen auch

weitere Straßenreihen fallen. Die Ansätze dazu sind schon da. Bis die

ganze innere Stadt mit einem Netz breiter Diagonalen durchzogen ist,

die Luft, Licht und Raum schenken.

Städte sind Lebewesen, die wachsen, blühen und sterben. Drüben jenseits

des lehmigen Wassers des La Plata und des blauen des Atlantik liegen

Städte, in deren verwahrlosten Straßen der Menschenstrom kreist wie

schweres schwarzes Blut in kranken Adern, deren Häuserfassaden die

Spuren durchlebter Fieberschauer tragen oder die Anzeichen kommender.

Nirgends empfindet man so stark wie in dieser jungen, so namenlos

jungen Stadt, wie krank Europa ist, wie krank und unheilschwanger!

5. Einwanderung nach Argentinien.

Mariano Saavedra.

Die große Halle von Retiro, dem Bahnhof des Central Argentino, liegt im

milchigen Licht der Bogenlampen. Gepäckträger umringen das vorfahrende

Auto. Der Chauffeur fährt nach Taxe. Im Handumdrehen ist das Gepäck

aufgegeben. Die Erlangung der Schlafwagenkarten kostet einen Gang ins

Reisebureau, keine Bestechung, kein Schmieren, kein Aufgeld.

Ein leerer Bahnsteig, keine Menschenmenge, die sich vor der Sperre

staut. Wagen, in denen jeder bequem Platz hat, sauber, geräumig; auch

die zweite Klasse, die unserer dritten und vierten entspricht. In dem

sonst so unsozialen Argentinien kennt man nur zwei Wagenklassen.

Mächtige Autobusse fahren vor dem Bahnhof vor. Eine bunte

Menschenmenge, Männer, Frauen und Kinder, drängt heraus.

Lastwagen, hochbeladen mit Gepäck, folgen. Es sind die Wagen der

Einwanderungsbehörde. Die freie Beförderung zu den Bahnhöfen und weiter

bis zur gewählten Arbeitsstelle, mag sie auch am äußersten Zipfel der

Republik liegen, gehört zu den Vergünstigungen, die die Regierung

Einwanderern gewährt.

Diese Vergünstigungen sind nicht unerheblich. Schon der Empfang

ist besser als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, trotz

aller Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen, die die argentinische

Regierung zur Fernhaltung bolschewistischer Elemente immer mehr

verschärft. Argentinien kennt kein Ellis Island, keine von aller

Welt abgeschlossene Einwandererinsel, wo die Einwanderer jeder

Willkür brutaler Beamten wehrlos ausgesetzt sind. Ist die ärztliche

Untersuchung vorüber, der im übrigen die Passagiere der ersten

Klasse ebenso unterworfen sind wie die Zwischendecker, und sind die

Papiere geprüft, so kann jeder Einwanderer gehen, wohin er will,

falls er es nicht vorzieht, ins Einwandererhotel zu ziehen. Es liegt

unmittelbar am Kai. Ein hoher, heller Bau, luftig und reinlich wie

ein Lazarett mit seinen fliesenbedeckten Böden und kachelbekleideten

Wänden. Irgendwelchen Luxus gibt es natürlich nicht, und alles ist auf

Massenbetrieb eingestellt. Allein gegenüber dem Schmutz, der Enge und

Stickluft des Zwischendecks ist es ein Dorado. Was der Einwanderer

braucht, ist da: Bäder, Hospital, ein Arbeitsvermittlungsamt, Post,

Telegraph und vor allem eine Geldwechselstelle der Nationalbank, in der

kostenlos fremde Währung eingewechselt wird; bei dem großen Aufschlag,

den die Wechsler in der Stadt nehmen, ein gewaltiger Vorteil. Und

vor dem Haus ein herrlicher Garten, mit Palmen und blühenden Blumen,

der dem Einwanderer eindringlich vor Augen führt, in welch reiches,

fruchtbares Land er gekommen.

Nach dem Gesetz steht den Einwanderern und ihren Familien fünftägige

freie Unterkunft und Verpflegung zu. Das Gesetz wird sehr großzügig

gehandhabt, und die Fälle sind häufig, daß Einwandererfamilien nicht

nur Tage, sondern Wochen über die gesetzliche Frist hinaus kostenlosen

Aufenthalt gewährt bekommen. In den Provinzen, in die sich der

Einwanderer begibt, wird er gleichfalls zunächst frei untergebracht und

verpflegt.

Südamerika, die aufsteigende Welt · 第 1 / 19 段