gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm
dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster
gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch
fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor
der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er
unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den
Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und
fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem
Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor
den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso
nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten
Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der
Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der
Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen
mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren
vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart,
sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu
der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat
zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm
wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten
habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie
lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken
gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei,
möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich
bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an
seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen
willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das
Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten
Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf
lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch,
auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als
leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die
Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen,
behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das
Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine
unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls
anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen,
entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein
Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst,
entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen
mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr
dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen
hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein
Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst
zu theilen.
Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen,
die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung
abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in
praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit
zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen
erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch
Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene
durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr
vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und
diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu
einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer
Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf,
dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt
haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine
Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen
Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie
stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen
Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass
sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt
haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn
Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab,
war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie
könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre
Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl
angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach,
einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit
einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam
Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen
antrafen.
Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging
er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und
stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes,
besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten
des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des
tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward
bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies,
von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier
befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins
Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei
weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu
lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude
umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen
Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des
Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's
gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit
blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher
durch die stille Verlassenheit.
Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch
nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei
Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah
als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht
gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich
dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen
unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen
umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der
unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der
junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal
auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber
bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von
zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges
Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.
Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert
augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus
nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein
Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie
vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit
grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten
bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser
Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er
unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff,
darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei
wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig
um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der
Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo
del Fauno hinaus.
* * * * *
Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits
Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu
befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das
'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab,
hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die
Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem
Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren
Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im
zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen
Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker,
als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute
nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung
fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit
angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward
es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod
Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine
befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen
Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher
Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen
herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in
ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas
Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe --
So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung,
dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu
Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus
hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«,
obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva
grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass.
Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag
noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen.
Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«
Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht
beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die
Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit
über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig,
hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen
Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen,
dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn
und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade
genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss,
dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal
gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern
vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere
Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«
Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu,
sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf
dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet,
dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel,
wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das
Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe
nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein
Freund von Rosen zu sein.«
Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum
Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete:
»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und
auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --«
Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich
erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern
Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir
ein wenig verbessert.«
Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr
jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in
der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass
du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --«
»Warum macht dich das glücklich?«
Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging
ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist
schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich
noch fragen --«
Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend,
hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«
Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte
den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach
wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus
diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden?
Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie
schon gesehen.«
Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?«
»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande.
Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem
Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt
sein soll.«
»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --«
»Ach so --«
Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine
Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen
Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte
sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin?
-- dich unglücklich gemacht?«
Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und
vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber
-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte
mir einen -- einen Schwindel im Kopf --«
»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht
heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche
Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am
besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem
misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass
ich meinen Vorrath mit dir theile --«
Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer
Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand
und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei
blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit
einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim
Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie
durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern
von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte
sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das
Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine
entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken
ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben
sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die
Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren
einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf
besinnen?«
Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so
unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes
durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich
gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji
umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in
Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als
ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe
des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die
makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten
eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der
Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in
wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner
Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf
überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr
als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch
so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie
wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch
wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen
einen Einwand --
Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor
zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er
nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen --
Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien --
die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in
sich --
Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der
gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah
er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf
und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.
Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon
früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte,
jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso
teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert
haben?«
Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und
wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«
Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht
durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei
dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame
Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander.
Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs
gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.
Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein
freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft
hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf
eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die
einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos
unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck
fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt,
Norbert Hanold.«
Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der
Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der
Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog.
Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene
Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des
sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame
rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch
auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«
* * * * *
Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der
Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es
musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen
Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um
nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar,
mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben
mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich
selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz
unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern
körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose
Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in
einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in
unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer
vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das
sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen,
seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein
sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise
zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum
Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch
wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in
unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber
trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen,
Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so
benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.
Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von
dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in
der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck
nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess
vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine
Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen
und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa,
der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit
vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen
und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen
Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare,
bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei
Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche
ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts;
das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst
nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring
auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die
Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie
zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an
einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine
Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin.
Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb
bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich
wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den
guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine
eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen
stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl
schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht --
ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem
Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten
Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch
nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da
muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider
augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di
Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar
nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So
viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man
eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst
-- bitte, nein, senza complimenti!«