hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben
müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war
zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht
besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich
däucht, du siehst jünger aus.«
Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes,
äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene
Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein,
wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war
vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt,
gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte --
aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --«
In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber
Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie
wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder?
In dem Traum? Woran?«
»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«
»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«
Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja --
weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst,
wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte
dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner
Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem
Reliefbild in Rom überein.«
»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher --
»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht
und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort
hast du's also gesehen?«
Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er
hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen,
der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich,
ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge
Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine
einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt
wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu
reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden
könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse
gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor
ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das
Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse
wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager
verschwunden.
Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das
Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«
Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins
Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und
kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus
zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es
nicht.«
»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl
vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen,
was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte
doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit
meintest.«
Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es
nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der
Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und
pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem
Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei
meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.«
Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner
Gangart, von der du vorhin sprachst?«
Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf
zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --«
Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung,
dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er
sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des
Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem
Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in
Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer
Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es
war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt.
Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.«
Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich
glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein
Bildniss --«
Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine
Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so
festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht
emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie
unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle
Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend
wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer
Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie:
»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen
Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und
Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist
denn Besonderes daran?«
Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht
ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun,
dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen
Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in
seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen
Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne
Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme
vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen,
gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her
nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen
gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas
denen der Gradiva geähnelt hätten.
»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von
grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen
wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen
gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«
»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.«
Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund
zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung
erwiderte: »Ich heisse Zoë.«
Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an,
aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.«
»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich
habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für
heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie
mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«
Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die
Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den
Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser
daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der
Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir
verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn
auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können
wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle
steht: Have, und ich spreche es dir: Have!«
Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als
ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles
wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller,
gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über
die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den
verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das
Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien
gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die
Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit
Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern
Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa
di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über
die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des
Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass
die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie
dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren
das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer
Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu,
die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer
Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von
fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem
Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten
Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles
Erinnerungsstück war.
Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang
und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen
Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher
Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del
Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber
durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva
versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig,
und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf
diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein,
und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis
zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss
gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada
di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem
glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa
des Diomedes zu zergehen.
* * * * *
Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem
Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad
aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer
sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter
und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht
gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen
Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des
Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_
liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren
Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen
war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch
sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht,
der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon
suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien,
indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und
weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich,
allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand
müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in
Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er
fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges,
ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen
verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen
konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein
Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose,
wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich
dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen
Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres
Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine
Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das
Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie
über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu
halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie
berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur
auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein
eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der
Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder
der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich
bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck
durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz
verursachen.
Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines
Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er
bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von
Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte
Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon
graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand
Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem
heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte
den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen
Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für
die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es
durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei
Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen
muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich
habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie
sich ganz ruhig --«
Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor
vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus
einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale
Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse
hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert
Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf
den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des
Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden
Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede
desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch
merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen
konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem
Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine
Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit
zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete
ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt
zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr,
als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch
das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft
an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen
Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe
des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei,
wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer
geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt
geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte
Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür
ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang
erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer
stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten
Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem
Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus
und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu
bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in
der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen
zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern
alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl
begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er
erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend
war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch
zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar
aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges
fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte
Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend
eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er
wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner
Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart
neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber
als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch
die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich,
ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis
entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess.
In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem
offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen
Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen
Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der
Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines
neuen Besitzthums zu Theil werde.
Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina
innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem
zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges
Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden
sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf
hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt;
in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand
zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.
Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl,
sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse
geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte,
vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben
gewollt.
Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte
seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger,
sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine
Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.
Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn
nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es
sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr
angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des
jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit
eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den
'Diomed' erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden
Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er
verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz
seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne
Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene
Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als
Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende
und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss
zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer
gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied
das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem
lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren
Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke
Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was
es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden,
von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei
einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in
besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und
bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein
halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme
an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte
erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur
von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch
er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken
Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die
unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die
Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen
tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem
räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten.
Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst
überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine
Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle
Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die
Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck
annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So
begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern,
nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster
und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und
träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die
Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin
zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin
hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg
angewendet --«
Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That
vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr
loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren
Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die
Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.
* * * * *