Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen
schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den
Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin
entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen
Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich
gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren
nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert
Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in
die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss,
einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für
ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar
einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die
nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der
Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem
anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr
rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter
dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht
weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor
vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden
Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut'
von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des
Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor
sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet
wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de'
Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz
gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der
geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse
befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig
ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser
Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht
aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der
Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus
aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.
Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's,
vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber
die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die
Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach
einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des
zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über
die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.
* * * * *
Die 'Villa des Diomedes' -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so
nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes,
der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt
gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für
sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher
Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht
schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in
sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem
erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen
Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch
weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von
trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies
war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette
von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit
einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das
halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen
zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche,
namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden
hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten
wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm
kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine
beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen.
Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten
erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier
aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen
Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens
bewahrt.
Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das
Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die
Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen
Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier
sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster
Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte
dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und
unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe
in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte
zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen,
dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen
freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner
Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das
körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges
in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der
Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als
unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und
Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger
leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze,
und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig
einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft.
Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre
ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch
aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand
trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war
ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere
sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer
ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch
seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung
ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den
Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der
unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn
er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der
Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr
laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess
klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte
und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr
zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden
Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er
anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer
Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine
undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn
und in ihm verdunkle.
Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges
umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem
Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines
der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.
Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen
und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten
es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der
Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei
herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das
zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.
Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern
durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer
halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings
eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an,
die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen
auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang
nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«
Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden.
Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum
Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch
theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold
scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück,
sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch,
davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die
jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her
schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf
seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie
finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das
Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen
erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche
Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist
dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«
Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess
so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug.
Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit
der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste,
welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle.
Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines
anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas
verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig --
wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich
bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine --
meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«
Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie
entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold.
Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran
gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach
Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert
Meilen näher bestätigen können.«
»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb
stotternd -- »wo ist das?«
»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster
steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«
Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den
Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch
entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?«
»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder
warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor
der Zoologie Richard Bertgang.«
Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen
erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie
-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders
aus --«
Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu
schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede
passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag
nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich
früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen,
gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem
Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht
aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein,
jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie
keinen trockenen Faden.«
Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der
Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den
Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger
Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen
worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen
und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das
liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern
suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb
kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung
Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender
Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug,
war 'schütten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer
Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der
campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als
ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des
Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden
nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da.
Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur
Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu
verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht
benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung
ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause
fortfuhr:
»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb,
Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige
Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir
angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder
Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in
Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich
auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was
sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie
damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war,
machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre
schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch
nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte
sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der,
wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund
und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders
aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir
zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und
noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine
Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest.
Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an
dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul
wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein --
Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja
wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie
beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und
wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir
vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest,
kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein
unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner
Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
nicht vermuthet.«
Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton
etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche
Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem
Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der
Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll
gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen
Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem
crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten
die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte
viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei
Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder
lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn
der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von
Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher
Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung
Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor,
dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.
Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht
ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel
anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet
worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne
recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu
besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die
Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf
einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr
zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den
Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf
ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die
Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu
befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne
ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es,
Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst
sonderbar --«
»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die
Archäologie ist das wohl nothwendig.«
»Nein, ich meine dein Name --«
»Warum ist der sonderbar?«
Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen,
sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte:
»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten
Glänzende' bezeichnet.«
Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten
augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig
wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche
Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im
Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch
durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen
Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus
tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's
abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern
so, wie die sympathische junge Dame!«
Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht
gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«
»Die dich im Haus des Meleager anredete.«
»Kennst du die?«
»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich
gefallen hat.«
»So? Wo hast du sie denn gesehen?«
»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz
Sonderbares.«
»Was thaten sie denn?«
»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«
»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji
auf der Hochzeitsreise?«
Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen
Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden
da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel
auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich
geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit
einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie
schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug
mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen
fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge
Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist
Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du
kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder
aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji
wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del
Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten.
Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf
dem Mond noch einmal wieder. Addio.«
Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso
gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte,
den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten
beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des
draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein
wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der
auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur
zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der
steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das
augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines
Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer
Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte
damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz,
möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah
Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten
Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen
doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit
einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da
sitzt die Fliege wieder!«
So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich
nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die
Fliege -- wo?«
»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich
einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief
verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen
vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich
danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und
damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber
so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange
zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise
behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als
ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt
sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit
zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,«
vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker
als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der
vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.