Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt

war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu,

dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen

habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um

den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der

campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch

durch seinen Kopf.

An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen,

stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch

erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des

Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten

Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige

glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich

das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener

Marmortisch einnahm.

Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd

anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei.

Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung

von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium

schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des

Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von

weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in

Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der

unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die

verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich

in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön

gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen

Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.

Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier

regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem

kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva

sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in

nichts zergangen.

An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der

einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb

bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt

schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes

Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums,

sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen

früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und

verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder

übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der

Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner

die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein

Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl

sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu

ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg.

Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es

den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und

her.

Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den

ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam

durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des

Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus

den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt,

sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des

Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine

Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter

und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine

traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess

blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen

Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den

Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und

eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.

Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von

ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten

gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien

der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche

Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob.

Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie

offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen,

das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen

Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon

gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und

Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es

angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach

Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen

Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum

sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren

Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu

unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und

eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.

In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem

glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn

zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an.

Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die

Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten

sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch

beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr

weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen

Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen

Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem

gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter

schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor,

kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem

zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand

zusammengeschlossen.

Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung,

unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn

abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du

Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des

Dichters Meleager?«

Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem

ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten

sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein

überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer

Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der

lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger

Pompejis von latinischem Ursprung?«

Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen

Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung

zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein

stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die

Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.

Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen,

ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen

eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf

Deutsch thun.«

Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden

verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer

Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit

unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen,

dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer

Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell,

wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine

angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über

das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich

zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so

gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich

wusste es, so klänge deine Stimme.«

In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für

etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie

nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«

Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach

und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da

sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn,

und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir

zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein

Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg'

es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --«

Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von

den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der

Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert,

umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem

braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre

Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen

Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick

entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen

ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den

Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar,

dann schien sie in den Boden versunken zu sein.

Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem

Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die

Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines

Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte

Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen.

Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch

etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer

den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des

kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich

selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.

Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du

morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht

um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel

des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem

treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam

nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt,

lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die

Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame

Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.

* * * * *

Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war

Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der

Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr

verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem

ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich

von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und

der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der

Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo

auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen

Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine

geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte

zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn

verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der

'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit

Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte

ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber

ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen

einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten

Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war

allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit

sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste

er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten

des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinüber, setzte sich auch dort in eine

Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen

Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen

Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur

ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen

lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden

waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als

Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine

gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten

kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden

sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch

einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich

war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn

gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die

Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass

sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im

Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner

Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas

geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach

der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed

zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde

Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise,

sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die

Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen,

sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen

aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die

dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf

dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken

Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die

unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch

ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus

denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten

Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der

Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden

Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände

schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise

um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr

nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen.

Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen

Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine

Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das

Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der

junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte

seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht

das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein

weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin,

die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom

Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der

Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von

ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als

das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor

seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra

um ihn her.

Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte,

konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an

wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch

zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste

webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit

angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos

eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse

genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei

hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am

Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen,

überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung

von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den

Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er

befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine

Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend

seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in

weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di

Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und

er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren,

dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren

vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf

irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn

einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten

Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen

verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath

ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger

Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes,

ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's

ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher,

ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft

heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume

der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für

sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken

Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr

brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich

ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola

auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen

schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche

Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu.

Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien

die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die

eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf

der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades

hinunterzugeleiten.

Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die

Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte,

rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos

wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium,

zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus

herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er

gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem

Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die

archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste

er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem

Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste

und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich

mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich

alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit

die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und

lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war.

Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein

einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's

jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei

vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet

worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit

lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und

vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem

apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die

Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den

gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er

liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen,

sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor

Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber

konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen

wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen

kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch

wärest und lebtest!«

Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen

zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine

andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du

siehst ermüdet aus.«

Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein

Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen.

Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr

dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.

Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als

die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«

Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn

nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr

gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen

waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als

mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn

angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes

gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer

veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender

Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie

sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in

der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht

angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam

ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen.

Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm

sie nochmals wieder das Wort und sagte:

»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum

Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da

ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht

daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«

Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich

fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen

des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«

Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück · 第 3 / 7 段