So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom

deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit

menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca

domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich

bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für

ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte

ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste

Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der

einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug

vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen

das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn

hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland

anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf

ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr,

verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen.

Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich

vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine

süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger

Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten

Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus

einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese

nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen,

bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und

Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder

Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen

man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die

gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte,

verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen,

seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede

schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu,

lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das 'Ding an sich',

in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden.

Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten

Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des

Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den

Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag

gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis

zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert

empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern,

nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner

Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her

erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet

habe.

Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und

wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld

des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der

hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr

seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im

Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot

seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt.

Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine

andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um

ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung

auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die

Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige

Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt.

Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten

und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch

winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er

missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne,

was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren

in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu

angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht

in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm

nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und

sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer

Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin,

die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin,

that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's

vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in

welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.

Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät

am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten

Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand

Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine

Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne

Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien

sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im

Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt

stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und

Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die

über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und

Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte

Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich

das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau

enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus,

Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige

Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein

unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der

Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare

und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu

bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an

Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle

Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim

Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er

gekommen, zum Diomed zurück.

* * * * *

Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine

Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum

Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang

wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen

der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji

hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den

Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen

Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen

Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast

ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder

die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten

drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem

Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und

Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig

gewählte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der

Lästigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen

Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass

er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein

Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob

er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf

eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber

brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig

vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am

Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte.

Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den

blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise

nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal

geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im

Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte

ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand

er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr

von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse

bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die

esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes,

als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich

nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu

einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten

sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold

gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der

Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen.

So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur

Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere

kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls

ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie

ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der

Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht

hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen,

zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein

Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den

Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie

hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die

Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich

sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten

Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die

Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen

Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren

Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer

und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu

thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit

den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder

Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den

nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte

Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in

einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten

Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel

vermehrt und die männlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher

auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen

Uebergang zum Gähnen angetreten.

Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was

ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm.

Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu

todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl

an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für

Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als

komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur

der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei

Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun

mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein

tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus

voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute

nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten

Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht

lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so

leis, mit heissem Athem an.

Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie

verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht

konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz.

Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der

semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt

hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria,

peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein

Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken

hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen

das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu

umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie

ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen

dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur

die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis

auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben

der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt

verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch

der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit

Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und

Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt,

hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos

ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert.

Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der

heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben

verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr

aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.

Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich

eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein

unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark

und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten

Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten

hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten

schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer

oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so

veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen.

Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte

garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose

Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der

Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der

Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und

völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in

den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in

ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu,

vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand

versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr

in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die

lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch

seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer

Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur

Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem

Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren

Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten

sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten

Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine

Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung.

Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere,

gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube

gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde

der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona

Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare,

mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden

war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den

Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis

entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in

halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen

Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch

jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine

Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.

Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das

Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen

konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der

Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich

Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm

vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er

überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu

wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die

Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein

verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie

wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten

Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete,

langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf

der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen

brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei,

klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von

ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem

Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose

archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte,

philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,

dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach

Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der

heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit

stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den

leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu

regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die

Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die

Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.

Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's

waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls

vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor

sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter.

Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos

zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von

einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass

sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden

Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.

Da plötzlich --

Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als

thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von

rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die

Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di

Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.

Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie

mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und

genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der

Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch

überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige

Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln

reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung

der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang,

auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur

stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit

dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff

verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins

Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem

Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich

mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.

Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss

aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n,

in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf

die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung

zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er

sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb

nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji

weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden

könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart

musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden

Abdruck der Zehen hinterlassen haben.

Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch

auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es

verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden

Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus

Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen

Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt

plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden

Lavaplatten der Strasse davon.

Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und

ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort,

ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch

einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen,

durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken

von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten

Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden

kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum

Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem

näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin.

Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier

die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück.

So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig

verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht

sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig

herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die

goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht

mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager

verschwindend, geblieben sei.

Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den

Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr

kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal

tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.

Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit

niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm

gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?

Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich

vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit

einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch

fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der

Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so

lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das

sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.

Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch

noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels

kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen

Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse

gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun,

wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt,

ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des

kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen

Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der

Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte

hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit

etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er

erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung,

die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich

mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid

in einer der Metamorphosen geschildert:

Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,

Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.

Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück · 第 2 / 7 段