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Gradiva
Ein pompejanisches Phantasiestück
von
Wilhelm Jensen
Dresden und Leipzig
Verlag von Carl Reissner
1903.
Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert
Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er
sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen
vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon
seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist
von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen
Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne
besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss
eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch
jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der
Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach
erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin,
ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht
niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen 'Heutiges' zur
körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen
mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse
im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe.
Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein
faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich
schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus.
Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in
den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit
auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge
sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich
zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch
plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken
Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut,
die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah
dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz
leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr
ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln
niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den
Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der
rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen
den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben.
Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der
Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das
verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend,
die eigenartige Anmut.
Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent
der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief
nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss
alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er
wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt
habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des
ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem
Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich 'Gradiva' benannt,
'die Vorschreitende'; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich
dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes
Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des
jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer
Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem
Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco
ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die
Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der
sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer
Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin.
Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in
den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen,
ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige
Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere
Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu
einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen
vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ...
sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.«
Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe
festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung
ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen
hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in
Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild
Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen
eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen
trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht
und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie,
wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen
hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und
bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und
weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie
erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der
lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach
Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe
traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden,
Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt,
Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den
Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke
sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem
halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale
weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und
tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf
lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben
Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung
zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue
empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der
heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner
heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den
zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs
bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit
einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen
Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt
die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde
Lacerte von ihnen fort.
So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen
Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue
Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn
mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von
griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische
Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte
die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her,
und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen
entsprangen daraus. Dann hatte die junge 'domina' vielleicht in ihrem
Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung
genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem
Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner
Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.
Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches
archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und
Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine
Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit
zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische
Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der
Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er
nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von
Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu.
Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses
als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die
nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen
Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des
flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels
gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens,
weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die
Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage
vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides
ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt
hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte
er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu
sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen
unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung.
Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte
Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur
Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen.
Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das
weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder
Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen
desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein
Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit
dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen
Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der
Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss
nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier
machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit
Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks
für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er
beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser
Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg
verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse.
Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen
gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug
der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder
Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr
einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das
Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum
Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner
Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von
Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten
vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen
schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle
nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu
zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine
einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der
Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das
Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen
ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des
anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie
oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht
entsprach.
Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss
eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden
Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24.
Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit
sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in
einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch
eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von
blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln
oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen
kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten
die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar
geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen
Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er
plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte
ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf
einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie
in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit
ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis
in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre
schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als 'lente
festinans'. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des
Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen
Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt
niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken
nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang,
wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre
lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese
aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam
ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem
allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem
Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm
entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot,
doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter
achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort.
Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu
weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels
hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine
Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die
Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen
Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu
der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie,
von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum
Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den
Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein
ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen
Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den
Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender
Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind
jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer
Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres
Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches
Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke
begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur
zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue
Aschenfall empor.
Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der
nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende
Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur
Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein
Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der
Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem
Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm
aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit,
eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte,
dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem
Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden
ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch
Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die
Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden
sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit
befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit
einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte
Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war
gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so
früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte.
Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der
Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der
verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt
habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge
der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.
Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu
haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den
Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum
Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen
Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft
kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die
sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon
kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre
Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem
offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied.
Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang
trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne
hinaus.
Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei,
denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst
jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet
habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das
Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht
gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an
dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der
Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte
sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten
Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte
er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein
weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht
elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis
zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und
seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden
Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen
Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so,
ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben
nicht zu.
Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch
recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer
niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe
hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen
hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von
mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich
diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte
nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend
Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den
Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts
gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir
drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib
die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend
vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht
wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen
hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach
Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher
bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht
schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie
er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn
betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und,
von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück.
Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung
vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei
dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet
habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von
drüben herschauend zu sehen gemeint.
* * * * *
Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch
beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und
Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von
einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als
seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst
günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem
Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern
konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem
einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen
und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen
Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch
Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf
hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als
einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers
berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen
Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese
Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe
seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen
Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich
festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes
philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien
gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren
Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen.
Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte
nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen,
seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner
Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich
mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen.
Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch
eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst
schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze
nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den
Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass
er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs
bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst
ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare
Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte
Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt,
dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine
Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung
des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde,
empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch
gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in
ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der
er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer
Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.
Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein
mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine
absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war,
vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm
selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten
pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm
als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher
Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste,
eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen,
sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf
für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet
machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit
zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft
geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig
gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle,
und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle
hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in
sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals,
und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle
gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein
Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte
Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen,
der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich
herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter
Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine
Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er
habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins
Freie behindert wurden.
Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch
Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser
Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der
Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben
Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch
noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von
den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die
unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und
fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der
Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung
entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als
selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck
dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in
Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu
vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in
anderthalbtägiger Fahrt dorthin.
* * * * *
Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön
ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen
nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften
Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich.
Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den
einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts
ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative
kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und
schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen,
was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen
hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche
Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold
ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden
Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im
Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit
Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache
sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu
ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich
entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher
mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linné'schen Classifizirung
möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche
Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom
Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande,
zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb
unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten,
noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen
gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht
einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine
äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und
gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie
daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke
durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich
bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich
dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen
Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben
verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das
sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter
allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste
und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen
Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die
Krone auf.
Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft
zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem
Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen
Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und
wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich
wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm
andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren
gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz,
die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien
zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller
bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn
jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck
sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie
er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein
Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde
Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei
grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in
ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte
er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und
zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können,
weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie
Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen
vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der
'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der
Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels
der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables
angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm
bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach
einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.
Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern
kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von
der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem
Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing
auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im
Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war
durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan
befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen
davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand
durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die
unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten,
mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre
Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss
auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu
danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich
vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:
»Mein einziger August --«
»Meine süsse Grete --«
»Nun haben wir uns wieder.«
»Ja, endlich sind wir wieder allein.«
»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«
»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch
nothwendig ist.«
»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von
Belvedere.«
»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel
schöner, als die capitolinische Venus.«
»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«
»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der
Eisenbahn fahren.«
»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen,
was würdest du da thun?«
»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten
sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«
»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«
»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu
vergiessen.«
»Mein einziger August --«
»Meine süsse Grete --«
Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein
unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er
verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie
eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden
Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den
Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und
in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein
Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu
sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische
Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm
als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch
mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung
gelangend, nach einem Weilchen sagen:
»Meine süsse Grete --«
»Mein einziger August --«
Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig.
Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des
Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den
Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls
allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen
Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold
wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.
Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er
sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar
beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei,
der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von
der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit
schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus
einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein
wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer
dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen
Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich
eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und
fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den
Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in
diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung
von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken
Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz,
entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen
und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen
Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der
Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.
* * * * *
Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen,
camera benannten Raum im 'Hotel Diomède' neben dem von Eucalyptusbäumen
bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte
beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und
Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war
ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen
Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider
neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem
jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern
vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels
am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder
ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm
bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn
auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war
Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit
modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:
»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir
uns doch auch anschaffen.«
»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber
gemacht sein.«
»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken
wird?«
Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem
wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles
nur zur Delicatesse werden.«
»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon
Nähnadeln gehabt?«
»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können,
mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.«
»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«
»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten
Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«
»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich
auch noch nach Pompeji selbst?«
»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von
Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die
Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das
könnte ich mir nie verzeih'n.«
»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«
»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber
eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich
machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri
fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein,
und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst
ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie
gezogen habe.«
»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du
mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich
habe dich ja bei mir.«
August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert.
Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig
angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge
herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er
lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein
Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte
dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an,
statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen
Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und
Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht
im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine
Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang
für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten.
Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus
dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu
finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das
war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein
Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die
Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine
befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen
enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch
in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton
'leidenschaftlich' beilegen können -- und schon um eine Stunde später
sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von
Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend
für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts
breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren
in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von 'pasta da Napoli'
aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren
maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort
durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der
Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag-
oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks
verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel
nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus
flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die
kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm
fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über
das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell'
Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf
seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des 'Hôtel Suisse' und
'Hôtel Diomède' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer
Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der
Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster
Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor
seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in
den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht
wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf
ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der
Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen
seien.