»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher

Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das

Schnödeste was ich kenne -- aufrichtiger als ich, und doch mußte ich

diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf

nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war

-- daß ich _allein_ bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich

will Dir meine ganze Seele enthüllen --« fuhr Sylvius fort, »wenn anders

ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen

Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. -- Du weißt, daß

ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler

Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich

Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn

jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen

Augen aber zogen Wasser -- ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke

zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand

das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß

ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das

Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig

oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff

würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von

Abscheu -- der Ausdruck ist hart, aber wahr! -- von sich abgewendet, und

mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und

auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische

Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft -- das

Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all

mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte

sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines

Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß

und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den

eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der

Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin

ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund!

hätte ich vor dem längsten wahren mögen -- und Tony fand das kleine

Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. -- Eines Morgens

lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist,

den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist.

Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel,

gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht

draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist

blaß, der scheue Blick niedergeschlagen -- ich darf vermuthen, daß sie

mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum

Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe

einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt

sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich

bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem

erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich

an mit thränendem Blick -- dieser Blick rührte mich unbeschreiblich.

Im Leiden ist Wahrheit -- dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön

wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine

Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt

mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit

keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann --

war es doch grade, als wollte ich sagen: _Ehemann?_ -- wenn das nicht,

würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem

Zimmer aufzusuchen? -- Das Mädchen hielt mich also für verheirathet.

Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres

Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun

ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich

so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte

ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen

Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante

begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht,

ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe,

und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr

abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten

Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. -- So war Tony

in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er

zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte

sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war

in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie

kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle

zu bitten. -- Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen

Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne,

blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses

Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei,

sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine

Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu

längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer,

so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit

entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. -- Ach! versetzte Tony:

Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf

mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können --

ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich

gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es

drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein

anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines

Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich,

könnte ich ihn tauschen. -- Selbst eine _Scheinheirath_ würde ich als

eine _wahre_ Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir

Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich

wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle

umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. -- Ein

dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war

mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich

nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr

Retter zu werden, was dann? -- Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das

Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach

sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die

Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine

Unbill mehr gefallen lassen. -- Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber

den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! -- Wisse,

Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor

Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu

_scheinen_, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß,

wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. -- Fräulein!

sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten?

die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft.

Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe,

und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du

geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und

sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. -- Ich wußte nicht, wie mir

geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm.

Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem

ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht?

-- Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand

größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns

überwunden? -- Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige

Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle

Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen

bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive

schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß

entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese

höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen

und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann

ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich

mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will,

daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne

Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung

der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für

meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht,

und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen

wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede

auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung

zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er

stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben --

gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich

sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner

annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen

Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch

benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch

bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute

von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher

Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. -- Ich sollte sie unter dem

Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch--. bringen, wo eine

Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären

wir weit genug, meinte sie -- um unser Scheiden in eine Nebelferne

einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete

schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an.

Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich

ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen

Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz

seyn -- Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«

»Ha! ich ahne --« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört.

»Nein, es kommt über Erwarten --« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter!

Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber

trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die

Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab,

unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die

Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten -- unter der Obhut

eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die

unverschämtesten Schmeicheleien sagte. -- Tony hatte mir entdeckt,

daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital

gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es

war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies

Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu

bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. -- Auf Tonys Anstiften

gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen

wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die

Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. --

Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von

Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur,

innen verneinend, wie die Juden -- ich gab Tony einen falschen Namen,

denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht

wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. -- Ich

hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege

des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag

zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn.

Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte

Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine

Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche

phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen

zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief

sanft an meiner Seite. -- Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem

Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke

eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus

wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in

meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie

zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus,

und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt --

wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem

Nervenfieber gelegen. -- Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat

bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken

Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen

weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. -- Tony, sprach

ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für

mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das

eigene Wohl -- ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony:

das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt,

daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich

noch einmal _Sie_ nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer

phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von

Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich

Tony nun wirklich _verbunden_. Lust des Lebens und der Liebe wallte

wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie

setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang

mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes

zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« --

Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen

Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht

keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle.

Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte.

Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine

Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur

dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner

Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war

mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte

es lösen. -- Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche

vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele,

Freiheit und Kraft lagen hinter mir -- und ich meinte dieser Schwermuth

zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn

würde? _nirgend!_ sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte

noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein

Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis

einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd

meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht

übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. -- So verließen wir

das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen

war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst

gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah

man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und

ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend,

webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue

Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung,

in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs,

saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne

funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes

Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich

äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei!

so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! -- O! hätte ich Lethe

getrunken! -- -- -- Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte

hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein

Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem

Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich

fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten

des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung.

Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg -- und sähe

so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr

Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that

mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten

zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir

eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft

befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen;

in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich

einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz

des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich

geliebt. -- Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße

Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen,

wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne

der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. -- Tony

schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem

ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine

Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme

er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen -- fände mehr

Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener

lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und

vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen

wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder

zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist

von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende

hat Recht. -- Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch

naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht,

nein, _schwebt_ hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die

Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des

Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe -- ich hielt Tony umfaßt. O!

ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick

im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in

dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel --: es war meine Frau.«

»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die

Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du

irrtest Dich nicht?«

Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt

seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem

lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund

an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel

strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die

lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen,

die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen;

ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen

Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. -- Wer war die Dame? wo ist

sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander.

Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar

Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es

wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau

mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben,

und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht

halten. -- Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch

war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon

an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und

schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm

vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen,

sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also _krank_!

dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum

Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von

jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über

mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen

-- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust

gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor

wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der

mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen

Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen

sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten:

ich bedürfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu

verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter

sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende

Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff

herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! --

Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen,

und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese

herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke,

Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein

in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann

abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine

Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich

erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern,

findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer

Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte

den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein

Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus -- und sein

sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte

er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast

es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir

finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen

immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der

zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen.

Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth

hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich

dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem

Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony

brächte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will

Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter

Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück

vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fünf Tagen fort,

vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen

unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des

Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas.

Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise

Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren

sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr

aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen

überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie

mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger

ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der

die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden

jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Böslich_ habe sie mich nun

zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich könne

immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir

die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir,

wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem

Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte

mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!«

»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange

Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht

geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue

siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel

ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle

gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß

ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich

gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und

vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß

sie sich selbst für wahr hält. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer

aimablen Kunst?«

»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete

Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit

gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich

bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer

progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen

Paares ward getäuscht.«

»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig

zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende

Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte

Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener

reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe

ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte

ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern

hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin.

Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht

zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die

weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der

gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich

über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie

stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es

wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen

war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht

zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein

Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch.

O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender

Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege

meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt

es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut,

da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut

webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand

nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende

Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der

Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik

zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich

rührte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorüber; ich

forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner

Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine

Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in

Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den

Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen

wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen

Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen.

Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das

Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu

lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle.

Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der

Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen

Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an

heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. -- Ich sehnte

mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal

nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen.

Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie

auslöschen in Deinem Herzen?«

Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen

Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so

verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles!

von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur _vergeben_. Du

bist mein Freund und bleibst bei _mir_.«

Sie hielten sich schweigend umfaßt -- ihre Herzen schlugen hoch

aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.

* * * * *

Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit

dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in

ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte

Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu

gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben

Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant

Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit

entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung

geschützt hatte.

Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte.

Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem

Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon

getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die

Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte

sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und

frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der

Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen

Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das

Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn

selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen

hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn

ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines

Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel

dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr

ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu

passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als

den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. --

Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte

er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem

anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen.

Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die

Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde

-- Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen

Mutter ein.

Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander

setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht

fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann

im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Kälte des

Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu

können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese,

dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher

Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens --«

»sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach

der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem

Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß

dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen

Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier

Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat,

verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von

der Farbe.«

Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des

Neffen an.

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 11 / 13 段