Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien

beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H--.

Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen

so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise

anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen

war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die

benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und

alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten

Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.

Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand

die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen

_ältlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale

ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber

dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es

war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz,

der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich

war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine

Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein

von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie

unter einem ältlichen Herrn einen _ruhigen_ verständen, so könnten sie

ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe

von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract

abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte

Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm

so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner

Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des

Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie

des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die

Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten,

und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen

weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung

hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin

sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine

Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. --

Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels

schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen

wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften

Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses

doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe

blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die

Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines

Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für

Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange

schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den

die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger

Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende

bescheidene Gefälligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser,

welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht -- und öffnet

selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem

Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und

welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine

Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit

lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante

an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig

wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des

Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen

zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine

Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. -- Als jenes

würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen

war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen,

beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den

Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem

naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem süßen Befehl.

Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten

Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand.

»Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal

auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen

bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein

Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner

Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich

freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich

zählen müssen, in blankes Gold. Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem

Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich

lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu

ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«

Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst,

daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey.

Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht

die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. --

Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre

Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander

zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein

Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben

-- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct

Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller

schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar

ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von

jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt

gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß

Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen

nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse

des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die

seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem

Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er

trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu

machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns,

auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der

Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius

achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein

anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt.

Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen

gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst

sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des

Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre -- und Sylvius sagte,

indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das

Bild seiner Frau. »_Seine Frau?_« fragte Cölestin sich selbst, und hatte

kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu

bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas

Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich

und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. -- »Die

Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,«

sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »_Seinem Kinde?_« fragte

Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling

geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er

immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern

Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts,

die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin

seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut,

die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln

über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses

Gemüth endlich Farbe halten werde? --

Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das

Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für

den Reiz der Schlauheit.«

Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner

eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen

Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung

Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene

Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges

Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner

Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu

Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer

zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was

meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist,

verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als

ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß.

-- Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du

Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch

ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und

beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann

Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest

Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für

mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen

Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin

legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde

um den Hals.

Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft

in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es

war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte,

er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für

die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte

Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und

Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie

wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem

Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem

Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund

Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden.

-- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um

so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drängenden

Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen

Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen

Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken

entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm

reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte

nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die

Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang

eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel.

Seine Pulse stockten -- dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des

Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer

Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte

beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn --«

antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft --«

sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.

»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«

»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«

»Der ist ganz und gar gestorben --« war die fast höhnische Antwort.

»Und Frau von Schütz? --« »Die ist fortgezogen.«

»Und das Fräulein? --« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag

seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen

gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der

hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. --«

Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem

Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser

Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und

seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte.

Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte,

bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.

»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt:

»Er hatte ja eine Frau! --« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit

unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und

die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er

den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony

verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er

zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.

Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die

kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden

sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also

der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn

anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren

erster Anblick ihn überwältigt hatte. -- »Jetzt --« sagte Cölestin, und

sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als

suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den

Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt

geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist

mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht

vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet -- Tony von Schütz,

die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«

»Da hat man Dir ein Factum berichtet --« antwortete Jener, und lächelte

kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der

Beleidigung schlug durch sein Herz.

Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden -- um

jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch,

der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf

dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«

»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles

unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 10 / 13 段