Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles

anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund

zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends.

Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter

beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig

mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern

Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten

aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er

seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberförster war

ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten

helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab

es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius

nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und

blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen.

Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem

männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit

seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es

kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die

Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht

auszugleichen vermöge. -- Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter

mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem

frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche

ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst.

Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein

besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden.

Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war,

mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths

zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese

brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da

Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte.

Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine

liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und

selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu

widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er

parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin

so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm

verloren. --

»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen --« sagte der

Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte

Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht

sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus.

Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig,

als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.

In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der

Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben

bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an

sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur

Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden

des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann

spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn.

Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu

behaupten. »_Einmal_ gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage.

Therese lächelte nur.

Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte,

dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so

tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu

fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an

die Geschichte vom Pantoffel --« sprach er neckend, »höre doch unserm

Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.«

Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend über jene

Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. --

Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des

jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen

eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen

zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen

wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den

Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde,

und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia

zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen

Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten

schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators

unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst

ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur

von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem

Menschen ein Wohlgefallen.«

Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der

Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant

Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort

müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat

gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth

geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke,

die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr

ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren -- und der Major sagte zu

sich selbst: »Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, daß das Spiel

aufhört.«

Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen

sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte

in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer

Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie

gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden

Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten

feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der

Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in

sanftem Vergnügen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung

der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle

Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten,

darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den

Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil

keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in

der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und

nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht

verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie

hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern

Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen

nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der

guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß

Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig.

Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde

haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du

siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen,

und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?«

Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »_mir_ hat Niemand etwas zu

Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas

Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.«

»Es bleibt darin begraben --« versicherte die Nonne feierlich leise und

mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.«

Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die

Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies

kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört

mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen

so gedrückt, so enge -- als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich

nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle

ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht,

was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem

ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der

Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge

hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! --«

»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein,

»gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist

der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! --

Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die

Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst.

Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und

so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein

Begräbniß denkst.«

Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn

nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu

können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«

Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend

stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht

besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach,

als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich?

-- Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter -- es war nur

ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich

Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich,

daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier

sind wir allein -- sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht

uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die

wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn

man uns hier zusammenfände. -- Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe

über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten _müssen_ Sie mich

hören! betheuerte er, und -- o Veronica! was läßt sich in ein paar

Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken.

Sie lieben sich -- sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau

eines andern Mannes! -- Wenn das der redliche Major wüßte! und -- und --

der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte,

dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel

geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte --

jedes Wort war ein Funken, der zündete.«

Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des

Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch

einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte

er --« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung

fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer

Nähe nicht, _ihm_, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz

genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am

besten. Dann sank er ihr zu Füßen -- dann küßte er sie -- o Gott!« »Er

küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie

der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst

gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie

sich dieser Sünde nicht! -- Und der junge Mann scheint sonst ein

liebenswürdiger Mensch.«

»Ach! ich bin dem Lieutnant böse --« sagte Josephine, »das ist nicht

edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft

bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich

jener alten Dame angenommen -- Sie kennen die Geschichte --! nun aber

verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich

so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde,

kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde

einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. -- O! das ist

nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«

»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott

behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen

läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst

entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben

haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam

nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist

für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese

Zusammenkunft?«

»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte,

und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine

Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um

das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich

zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte

mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch

war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«

»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine

reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind!

Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt

sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. --

Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz -- sie ist ein Strahl

der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen

Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten.

Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll

seine Frau vor ihm stehen?«

Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und

diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften,

entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge

Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret,

merke Dir es, mein Mädchen -- der wird selig! --«

Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste

Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht

zum erstenmale in ihrem Leben -- und aus der tiefsten Quelle des

weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in

ihre milden Augen.

* * * * *

Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher

steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit

goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah

man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung

entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das

große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April

sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das

sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit,

der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten

Hausfrau.

Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth,

die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im

Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen

die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen

Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den

Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille

Göttin der Todten zu sehen.

Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major

Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief:

»da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und _will_ gesund

sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet,

die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr

Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit

einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da

heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator

gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte

Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der

Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht

für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn:

dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich

und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.«

Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät

auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die

Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über

diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn

Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler

mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer

größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre

Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. --

Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach

Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen

ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie

eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete.

Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke,

als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte

außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen.

Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet.

Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe,

wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen

beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne

in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und

drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund.

Die Familie war versammelt, auch -- der Zufall hatte es gefügt -- Major

Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der

näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.

Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders

auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt,

seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und

den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren.

Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief

eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie

getrieben von einem innern Sturm.

»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung,

die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen -- Du hast

Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine

Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.«

»Ich mache Dir keine Vorwürfe --« antwortete Therese mit gepreßter

Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich _so_

fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus.

Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er

hielt seine Frau für krank.

Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und

sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu

seyn gegen die redlichste Liebe? -- Wenn ich Theresen in den Armen

ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit --« Josephine

schauderte in sich hinein.

»Das mußt Du zu vergessen suchen --« flüsterte die Nonne, »mir kommt

diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt

getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet!

und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl

lieber schließen für immer.«

Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe

ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit

seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot

sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um

nichts kümmern, und ihr Glück genießen. --

Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn

eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale

nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur

Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen

Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere

Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens

nicht _einen_ Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich

bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner

Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich

zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch

blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost

schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze

Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen

schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen.

Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte.

Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen.

Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die

bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese

sprach: »denke meiner nicht in Groll -- ich habe Dich oft gekränkt,

Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.

Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir

scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!«

Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und

die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine

inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon für Wen? -- Ihrem

Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer

Kürze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man müsse

den Schmerz solcher Scenen verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die

Weiber ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie mit Fug

und Recht vergießen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem

schmerzverachtenden Lächeln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens

Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die

Offiziere verbeugten sich unwillkürlich dienstmäßig, die Nonne schrieb

ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich -- und der

Postillon stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von den Wölbungen

des Klosters wiedertönte. Dieser Ton fand ein geheimnißvolles Echo in

der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich über

seine Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am

Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hörte. --

Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift

weit und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella verschwanden,

nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont

über der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da

gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde einst mit

Extrapost in den Himmel fahren.

Ende des ersten Theils.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser

Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in

=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,

einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise

"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",

"Obristin" -- "Obristinn",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 13:

"«" eingefügt

(sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«)

Seite 14:

"ihrers" geändert in "ihres"

(welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)

Seite 21:

"." eingefügt

(und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 12 / 13 段