Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der
Gräber --, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den
Todten in naher Verbindung stehen. --« Aller Blicke richteten sich auf
Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die
Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war
noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern
war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes
Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch
lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre
mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen
war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den
eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie
es nun einmal ist, voll Angst und Mühe -- besser als meine Freundinn
gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet
gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir
sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man
über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle
Erde -- und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. -- Meine Minna hatte
sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit
Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht
ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen
Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als _einem_ Grunde ein
Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem
Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines
Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach,
so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre
Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die
ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. -- Ein Spötter sagte: Minnas
künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung
sey -- in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können -- wie
in einem hübschen Mährchen zu lesen. -- Wie nun das Testament des
Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche
Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath
der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre -- er
bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter
Mann -- vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles
wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die
Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau
zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne
bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger.
-- Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden
hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den
Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte
-- und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals
auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren --« hier
lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit,
»der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau
den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine
schmerzliche Zähre heraus. -- Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der
festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen
zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die
Acte war schon fertig -- und den Bräutigam heimlich zurückrufen -- Minna
und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am
Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem
Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was
geschah! -- Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen
Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht
mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die
Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen
ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in
Ordnung, verschloß alle Schübe -- da trat mein Vater ein, mit raschem
Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz
in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen
flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine
Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde.
-- All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. -- Ich suchte es
dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das
Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief,
der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam
Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt
hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres
Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er
verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich,
daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt _darnach_ ein
Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr
ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und
als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner
seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! -- Mich
selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna
ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren
Verlauf wir uns wenig gesehen hatten -- da -- ich weiß es wohl noch wie
heute -- räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter,
als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben
aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und
bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen.
Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du
siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein
Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet
haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn -- sagte sie: den
Donnerstag geht es fort -- lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich
muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln;
denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat
eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in
der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit -- sagte er, und hielt mir
die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte
im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein
Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch -- als ich einsteigen
wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -- er sank tief ein. Den Führer
sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. -- Mich
überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein
Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn
seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht
heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich.
Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne,
und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft
geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige
Nachricht gestärkt. -- Minna ist recht krank -- -- ich blickte in
sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! -- Er nickte
schmerzlich-still. -- Sie war in der verwichenen Nacht an einem
Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine
Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna
sich gelegt. -- Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen,
wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die
jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten,
aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der
unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut
der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben.
Mit welchem herzzerreißenden Schmerze -- davon will ich schweigen. --«
Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche
bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen
war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es -- wie wahrhaft Frau Fabia
sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten
Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das
Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.
Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach:
»ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache _natürlich_
erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir
können nur verstummen. _Was_, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar,
oder ahnungsvoll? -- Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund,
wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in
den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser
Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere
erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz
zu pochen.«
Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische
nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor
metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines
Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an
den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die
Gewohnheit _laut_ zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale
an die Reihe kommen.«
»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen:
»wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.«
Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle
sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte
beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie
gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die
Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein,
den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch
so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels
besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt -- und dabei gedacht, wie
manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die
sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir
etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine
Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.«
»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von
der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich
hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen,
wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«
»Das kenne ich ja nicht --« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind
so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden;
und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«
Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle
Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der
Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der
Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. --
Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber
einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost
fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die
Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die
Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der
Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth
gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib
einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. -- Da man die
Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so
ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn
werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die
betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt
und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter
der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich
um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer
bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute
jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts
die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge.
Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen
schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist -- an der aufgehobenen
Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt -- im andern Arme hat sie das
göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe
des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied --
so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen
gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die
Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne
Strahlen verbreitet über den grünen Klee. -- Niemand wagte mehr, der
Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren -- aber eines
Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein
Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der
Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die
Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu
suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und
fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie
ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind
wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt.
Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der,
welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen -- der Glaube
fehlt. -- Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder
sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt.
-- Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe
ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid
merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen!
-- Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es
mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst
zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das
weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber.
Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt
sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es
hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige
mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel -- -- darauf
ist die Mutter gestorben. -- Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica
diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt -- ach mein Heiland Du!
Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle
gesucht und -- gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein
Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«
»Es gehört ein starker Glaube dazu --« sagte Hauptmann Moorhausen,
er, der den stärksten in Anspruch nahm --, »und eine deutsame
Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn
sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden
Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir
ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.«
»Dem Zweifler ist nichts beschieden --« antwortete Therese spottend,
»wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, =mon Capitain=, wird Sanct
Maria es Ihnen nicht suchen helfen.«
»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch
sicher. »Das muß es auch --« versetzte die muthwillige Frau und
lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein
schalkhafter Liebesblick einleuchtete.
»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der
Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.«
»_Viel_?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser
aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig.
Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder -- morsche Bänke --
die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa
ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an
Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters -- ein
köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade
keine Wagschale der Gerechtigkeit war -- und dabei fiel der kleine
Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir
gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen
Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit
er ihn drehete -- -- ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der
Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog
den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und
sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die
Uhr mogte er dagegen als _sein_ Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich
in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. --«
Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in
einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das
umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den
Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. -- Aber friedlich sprach
die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen:
ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die
schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des
Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus
meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für
mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete
bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren
gerührt.
»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit,
wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute
Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für
mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl
verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du
neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das
Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. -- Ich fürchte mich
auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem
verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände
wispern, ich höre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas
Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlüge? -- Und wenn ich
sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell
geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen
und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner
eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren?
-- -- Ein Seufzer --« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem
Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann
Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach
cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe --« jetzt stieß der
Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden
auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte
er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden --, »was Muth
erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit
einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte
zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald
gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen
unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit
-- kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und
Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm
Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste
zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß
nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem
Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz
cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von
den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die
Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der
Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der
Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich
sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes,
ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren
Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode
ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«
Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten
unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend!
über den Zwanzigpfünder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen. --«
»Auch im moralischen Sinne --« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein
Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen
Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu
erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen.
-- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich.
So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte
ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine
Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig
wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt
stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt
ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen
Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette,
flüstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jäger unheimlich,
er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar
sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und
der Graf verschieden. --«
Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft
durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher
lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte
an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich
ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden
Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu
nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich
dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«
»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich
lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern;
fahren Sie fort!«
Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen
hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund
hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft
nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen
schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage
hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand
halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes
gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es
aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich
aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich
gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf
geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame
Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage
forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmüde in dem
Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath hätte
Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings
und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel
seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die
compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich
überwältigte der Schlaf das empörte Blut -- da klopft es dreimal
deutlich -- --«
Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann
verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in
gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es
ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat
leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in
dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen -- den
Tisch erhellte eine schöne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den
Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin -- nun stand
sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte
Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie
ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. --
»Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel
zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat,
von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine
schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei
mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine,
im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens
aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem
Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen
Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von
freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet
um diese Stunde --« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht
zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator
daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«
»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines
Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das
Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.
»_Seiner Freunde_ --« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent,
und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen,
hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment
des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der
Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur
unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden.
Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er
in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte -- und das Dunkel des
Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.
* * * * *
Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major
Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes
erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen --; wir aber
knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen
haben, an jenes Fragment.