»Das meine ich auch --« sagte der Major, und seine Augen funkelten.

»Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen

Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den

Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber

nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte

leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen;

doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der

Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die

gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der

junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte

machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint

er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen.

Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame

Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie

sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr

Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn

durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen,

und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr

anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie,

Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie

der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden

zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie

mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu

vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu

pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause.

Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche

halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes.

Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und

kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach

dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas

zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das

Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die

ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und

schweigt -- und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als

sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die

Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging -- nehmen

Sie nur Ihr Glück besser in Acht -- lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph

ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein

Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. -- Und als nun die

Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis

im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit

nahe und anders noch beweisen könne -- da schüttelt er sich, und

dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten

vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme

Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er

versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie

nun dazu?«

»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken --« antwortete

der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken

und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand

durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn

man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die

Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über

eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig

und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht

Keine. --«

»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der

Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen

haften kann -- auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er

Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als

Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere

Junge für einige Monate meine Wohnung theile? --«

»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und

daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum

bei uns da -- wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen,

welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig

behalten.«

Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und

sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor -- der Moorhausen

scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich

beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun -- mit Dem hat

es keine Gefahr. Aber -- Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten

im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine

wahrhaftig hübsch genug.«

»_Die_ bewacht Fabia --« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.

»Was das betrifft --« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes

Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich

nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache.

Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist

ein stilles Wässerchen --«

»Und _tief_!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten

Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg

entzückten Geistes fließen sah.«

Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche

ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet

werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor

Freude geweint seyn. --« Jener schwieg.

Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella

gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene

winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige

Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und

die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß

der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam,

vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica

fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu

Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an

geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward

traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter

Gottschalk -- einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich

erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird -- und der

nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren

die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch

Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager

hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau

Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht

vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu

beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen.

Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch

dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht

zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den

weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch

nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin

begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf

seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter

Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser

Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas

näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft

abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat,

daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an

eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des

Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen

entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu

seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall

vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie

Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes

Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia

am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da

hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes

beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle

Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb

sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich

gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget.

Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun

nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft

ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem

Herzen, weil es hochauf klopfte -- und dem Munde des Majors entfuhr

gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn

Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim --, dies tauge nichts. --

Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste

mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte.

Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch

aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener

Freuden -- und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren

Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? --

Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft

ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die

Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch

das Knöspchen daran war mir lieb. -- Heute, gerade _heute_, hatte sie

ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah -- wie man die

Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der

Freude daraus!«

Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte

ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand

nur _Rosenkränze von schwarzen Perlen_ umschlungen hätten.

Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen,

den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und

Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen

runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete

sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah

das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens

waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem

Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein

sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr

Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er

forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit

heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den

reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und

er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen

soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll

einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen.

Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam -- voll Kern -- ein

Zuckerrohr --« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe

ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung.

Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft

getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die

Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein

träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als

wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«

Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel

vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche

schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche

Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da

thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt.

Wie viel sind Unserer? auf _Sieben_ wenigstens kannst Du nicht zählen.

Doch das ist auch eine böse Zahl, -- dieser Irrthum, diese Achte geht in

der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«

Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird

ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen

Stuhl zu viel setzte, geschah es.«

»Nun, so möge es denn Constanz seyn --« sagte sein Bruder, »denn es will

mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«

Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war

vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr

mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch

Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen

die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender

Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen

Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese

lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus

der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre

es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten

alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der

Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen

das Herz bricht? -- Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das

Zerbrechliche allzusehr lieben --, taugt nichts.«

Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der

Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.

»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich

wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein

wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so

vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei

bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine

fünften.«

Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so

affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor

entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser,

Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich

aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt

mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei ***

vorüber war --« »nun sind wir geschlagen --« murmelte der Major seinem

Nachbar zu, »er rückt ins Feld --« »wir hatten den ganzen Tag hindurch

gemetzelt --« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens

Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene

erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären --, »fühlte ich mich der

Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der

Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich

streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte

brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen

dauerte fort -- ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden

Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute

Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin

eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel

gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«

»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.

»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft,

»glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch

_lau_!«

»Jeder Achill hat seine Ferse --« fiel hier der Administrator ein, dem

diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch

hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das

Glück, Sie zu besitzen.«

Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu,

beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf

schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille

auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein

Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz

stärkt die Natur dort so riesenhaft -- ist's nicht so, Moorhausen? was

Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«

Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall

hervorbringende und ergänzende Kraft --« sagte er, unendlich glücklich.

»Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute

das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen -- auf Ehre!«

»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern --« sprach

der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht

enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen

wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln

können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.«

Alle lachten.

Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche

Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde.

Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der

Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand

ein gläsernes Krachen in der Luft -- als wenn die Giganten Zank bekommen

hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt --

die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser

crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer

schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie,

wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die

rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt

eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein

Weizen schöner blühete als je! -- Ich stand mit Resignation an

jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen

zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«

Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er

selbst in Sonne und Eis -- es herrschte eine große Stille, als wäre

ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es

nicht. -- Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen

mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und

sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von

Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt

-- und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -- ist dort

die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand;

weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele

Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball

en masque gewesen zu seyn.«

»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die

Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.

Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die

Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie

wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht

mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem

Gedanken -- oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf

die Frage stand: _was ist Wahrheit_?«

Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem

Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt

nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der

Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der

Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage --

wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein -- da hatten

wir einen andern Spaß -- am Tage Charitas, den achten October, zum

Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«

Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als

hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen,

auf der sie es getragen -- und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf

das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen

falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie

Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es

sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe -- die

Oefen im Schlosse -- es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem

Thon -- hat mir ein _Freimaurer_ gesetzt.«

Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine

Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume,

Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab

seinen Beitrag.

»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die

auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden

können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester

Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes -- sie ruhet längst

-- besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie

liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem

ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich

und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder

eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor:

sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen

an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte

Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert,

und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort -- die Flügel dieser

Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen

Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt,

und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres

Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig

im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von

diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen

seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie

dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete

es ihm.«

Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der

Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern

das Wort zu vergönnen.

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 8 / 13 段