So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der

kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen

Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt --

es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts

war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu

gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage

der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche

den ländlichen Vorplatz schmückte -- eine Pilgerruhe der Passagiere --

entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und

Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als

dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die

ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten.

Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das

Papier -- aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch

heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung

habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden

zu gehen. Er werde die Tour über B. -- nehmen, woselbst er seinen

Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer

dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen

ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort,

so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die

fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit

zwischen ihnen zur Sprache kommen. --

Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein

Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft

mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten

Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war

dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der

Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem

Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht

entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken,

denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath

betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die

Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits

geschehen war.

Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie

so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als

unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau,

indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns

nichts mehr, Du Liebste! -- Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht,

mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können.

Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate

meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen?

wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend

in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein

Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der

Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte

an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles,

und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne

verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister

nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen

Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts

Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.

»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch

dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt

für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch.« Er

blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches

sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für

tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr

unglücklich wäre. --

Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte

Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er

recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener

berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu

sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig,

daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen

Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast

ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den

Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause

zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so

charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie

nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.

Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu

beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem

reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er

schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf,

und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die

Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.

Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem

Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie

abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an

das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei

freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß

des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar

blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge

des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem

beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette

der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund

spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die

Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns

gefällt --« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu,

im Stift. -- Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt

ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ältesten Bruders,«

unterbrach er sich selbst --: »Der, Du weißt ja --« aber Constanz sah

den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder

Graurock gesprochen.

»Ich weiß von nichts --« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit

keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische

Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als -- wir

Menschen sind hier alle Brüder --« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste

Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes

Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen

vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge

jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem

Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem

schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen.

»Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube

zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe

von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen

funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schönheit hat

das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des

Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem

behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so

flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella

sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht

abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch

nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß

für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das

leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem

Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt,

schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei

Ströme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie

auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten

Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch

weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf

Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung

und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht

leichten Herzens an die nächste Stunde -- und hätte gern ein wenig älter

seyn mögen.

Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres

Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem

dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen

Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft

entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur

im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der

Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit

süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen

Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten

irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf

dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie

diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine

Erlöserinn geworden wäre. -- Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und

Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch

diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der

Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl

der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd,

hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu

können -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der

Thür, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterniß -- warf keinen

Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter

ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame

beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde

gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der

Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor

die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir

hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also

Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich

empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«

Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der

Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs

versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad,

der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der

zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spät versuchte

der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher

in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun

Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es

Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das

edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? --«

»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte --«

antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener

Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«

»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß?

dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger

Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit

seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«

»Nicht jeder Stimme muß man glauben --« erwiederte Fabia, indem sie sich

entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der

Lügengeist kann alle nachahmen. -- Und wäre denn solch ein Betrug etwa

unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn,

der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind --«

Fabia stockte, immer mehr verblassend -- »wie manches Kind, wollte ich

sagen -- ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine

lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden

die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten

sollte wohl bedacht seyn. --«

Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war,

als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!«

entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen

fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute

in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer

ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht

gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der

Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten,

einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den

Du mich hältst. -- Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem

Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale

entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den

Taufschein zeigen könne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine

Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird.

Jüngst las ich -- und es hat mich innigst gerührt -- in den ungeheuern

Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des

nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht

verschmachten dürfen im heißen Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig

gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters,

was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht

absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach

von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? -- Du sprichst

den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel

die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer

Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du

kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der

Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey

gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die

Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde -- doch

schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen

Dich zu vertheidigen.«

Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die

Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia

ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung

behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser

erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens

im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der

Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es

jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte,

es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, daß der Erfolg das

Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb

nach langer Zeit -- es mußten Briefe verloren gegangen seyn -- aus

weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte

die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein

Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal

geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet

hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart

angehörte, dachte je länger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur

in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück,

und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam

über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens,

die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das

letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur

noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein

Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen

wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der

Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung

ablernen mögten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte

jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders -- Sie

können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich,

solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber

doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt

noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen

Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen

hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier

hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --

Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder,

streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der

Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein

Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr?

dieser mein alter Freund sollte _Feuer_ heißen, denn er hat den Teufel

der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund

und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die

Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er

kam mit seiner Frau von D--. und hatte den Reitknecht von der letzten

Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald

auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig

heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen

Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von

der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein;

die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist

scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen

wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir

sähen aus wie Milch und Blut -- das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst

es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so

dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte -- taugt nichts,

solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier -- antwortete

ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch

geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen

drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir

machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl

nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein!

versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß

Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen.

Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und

sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer

dummen Liebschaft, die nichts taugt. -- Er hat sich um einer Dame

willen geschossen -- entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher

die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit

Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. -- Mögte Einem nicht gleich der

Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war

mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph

für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht -- sagte die Obristinn

begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den

Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält.

In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art.

Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig

einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für

reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben

schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr

Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr

aus --, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies

verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer

städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles

ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am

Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine

gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts -- sagte die Obristin.

Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird

abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau

von Milch hatte die Güte mir das =corpus delicti= zu beschreiben. Ein

Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von

gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in

der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte

lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die

Offiziere zerren den Schuh hin und her -- da schwankt die Alte, wird

bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein

Neffe -- ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan

herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone

bloßzustellen -- reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein

Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und

zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major

athmete tief.

»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier

der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines

Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen,

als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen

leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem

Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges

gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft

gloriös.«

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 7 / 13 段