Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine
Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer
Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr,
Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht
lange. --« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte
den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair
sagen: »wenn Sie nur nicht immer so =en carrière= wären, Constanz! ich
mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie
an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten
Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren. --«
Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach:
nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. --
Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren,
entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen
seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das
Genaueste zusammen.
Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem
Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es
war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann
geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht
den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen
Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war.
Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in
Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen
sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter
dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen,
wenn die Ausführung jenes Geschäfts -- vielleicht meinte er auch
_dieses_ -- den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem
Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn.
-- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in
dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand
aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung,
wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die
Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu
schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu
nützen, bevor er ihn poussire.
Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er
eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in
seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf.
Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. -- Doch
indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines
Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung
Erde und Himmel für ihn abgrenzte.
Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein
düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und
verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte
ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und
jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine
tiefe Saite seines Herzens an.
Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen
Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl
vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn
überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der
kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte,
war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es
war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser
polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen
noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des
einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein
alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt
giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie
gewöhnlich tragen -- stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf
das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben
lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als
das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den
offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der
junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin
des Ortes. »Meine Dame schläft --« sagte der vermuthliche Diener,
indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des
Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es«
-- meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen
allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren,
und kann sich auf nichts mehr besinnen.«
»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen --« erwiederte Constanz lächelnd
auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.
»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner
Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel
beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf,
was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit
seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als
Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete,
deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte
Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich
einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten
Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet,
darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die
meisten vom Ueberfluß, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und
eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe --
nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In
einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen
ließ, er stände nur derweilen da -- lag eine ältliche Frau mit
geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich
schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese
des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange.
Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die
schlummernde Dame genoß. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln
-- das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem
Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide
des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes
Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten
auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses
abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen
zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle
Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem
Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt
es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die
gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die
sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der
Zeit aufheben -- trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens
däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten;
doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die
Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die
Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da
wären? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der
Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie
Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft -- --?« Es war, als
wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.
Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen
Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid
von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten
Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das
Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen -- so daß er mit Mühe nur
seinen Auftrag auszurichten vermogte.
Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des
Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle
hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert -- daß
jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das
Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. --
Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße
hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis
zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede
Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Fräulein bewies sich nur in so
fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses
angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere
Anwesenheit verleugnete.
»Bonaventura --« so hieß der alte Kämmerer -- »wird schon Rath
schaffen,« sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir
wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen --« flüsterte Therese ihm
traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das.
Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu
spielen? Sie mögen Rußland seyn -- ich bin Polen.«
Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß
ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose
Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. -- Nach wenigen Zügen
war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.
Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche
ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser
Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen
Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein
treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!«
raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit
entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich
leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß
dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu
einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt,
bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es
geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der
schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage
einmal, habe ich Verwandte?«
»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und
bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein
kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte
zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,«
antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen
Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz
getauft --« Constanz lächelte gelinde.
Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem
Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen,
bin ich catholisch?«
»Etwas --« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. --«
Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht --« sagte sie
und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte
nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn
ich es Ihnen ehrlich gestehen soll --« fuhr Therese fort: »die Religion
ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites
wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich
freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir
außerordentlich gehässig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als
mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes
denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt -- als Symbol der
ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst
langweilige Gesellschaft vor.«
Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen
Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein
aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses
arglose zuzueignen.
Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr
folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von
ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich
sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie
aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und
so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit
in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der
Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne
vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser
der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom
Ueberfluß schien. -- Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene
Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum
erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt
das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser
aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. --
»Aber es war nur um so schlimmer --« sagte der alte Bonaventura, als
er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein
Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit
traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft
des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem
Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon
verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit
eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche
Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein
lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber
Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für
das Lamm einer geschorenen Heerde.«
Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört,
und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine
eifersüchtige Regung in ihm erweckte. --
»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles!
wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts
als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft,
erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde
ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.«
Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese
treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den
Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen,
warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? --
Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher
Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher
Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der
Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wußte am Ende nicht,
wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht
verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem
fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehört nicht in unsern
Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher
Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. --
Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum
Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte
ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.
Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald
geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören.
Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar.
Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den
Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine
Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame
von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die
Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit
einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch
einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir
-- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen
seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem
Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da --« (sie wies auf
Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht
allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich
in Hoffnung.
»_Alles!_« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der
Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der
gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln
des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der
Täuschung in die leere Luft zu hauchen. --
Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den
öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste
Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er
würde einmal im Fluge die Braut heimführen. --
Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite
Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte
selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein
Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er
glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und
in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was
er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit
Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne
Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies
unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er
fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine
Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm,
er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im
Sterben und konnte nicht enden.
Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet.
Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung
gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und
vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein
werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße
gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation
traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich
verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern,
daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden
Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit
Fug und Recht gemacht werden könnte. -- Unter dieser Bedingung will ich
mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --
Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu
diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie
für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des
Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- würde die Mutter des
Fräuleins ausgelitten haben.
Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie.
Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete
unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter
wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in
Thränen --, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! --
Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz
sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange
und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß
seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen.
Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine
Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf
dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so.
Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll
ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich
bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute
Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd
aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.
Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und
unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager
der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen
Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre
schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr
-- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern
Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß
es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom
Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura
giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke
nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig
vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also
über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein
zerrissenes Herz -- dazu war der natürliche Verband mit ihrer
Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein völlig aufgelös'tes
Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen,
wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein
günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den
Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.
Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der
gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel,
was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der
Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern
sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es
gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu
diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer
geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem
väterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so däuchte es ihm -- das Siegel
der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an
seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage,
und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung
entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um
ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten
erfordere, welche den Mann nicht fördern.