Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung
von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des
Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf
daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an
die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du
Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das
Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die
Wahrheit entdecken können. -- Wenn Gottes Absichten vollführt werden
sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt
hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit
im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -- seine
Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser
Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der
würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich
nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich
selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu
behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein
tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann
fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele
meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne
ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein
Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen
lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die
Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst
überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen
Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß
sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte
sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht
im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger
Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen
wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel -- zur
Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den
Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit
meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er
sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine
bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. -- Dies
Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein
Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die
unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint
auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter
der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm
spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer
Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande,
und mein Vater -- _er selbst_! muß sie mit einem Rasirmesser
losschneiden.«
Die Zuhörerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hände vor ihr
unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir
müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall
trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein
Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der
gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht,
der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen
keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen.
Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo
ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer
Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich
höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches
Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge,
und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner
bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich
vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten.
Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus
dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich
nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung
angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes
Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als
ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch
eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine
Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in
den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes.
Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen,
wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser
Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner
eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer
das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger
zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«
»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her,
»diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im
Hause auf die Finger gesehen haben.«
»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider
fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter
Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der
Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn
für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund
zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir
zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und -- da die Zeit
drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern
dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst
wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die
Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen,
war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen
gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach
einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige
Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto
ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die
Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine
Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein
Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was
hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mädchen,
_die_ Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge
Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit
fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber --
erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fühlte ihre sieben kleinen
Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, daß Ludovico bei dem
Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara
italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der
kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob
ein Königreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich weiß nicht, in welche
Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr
über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von
Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich
mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner
Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus
guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich
reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein
verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie
dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche
gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal
in ein fremdes Land werde ziehen müssen. -- Daß mein Vater mit den
Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß
ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich
nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande
lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der
Faden war schon gelös't. -- Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich
stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich
weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten.
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist
dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, daß
er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr
treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue
es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine
Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't,
und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch
eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was
nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt
aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine
Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde.
-- Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine
Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb
in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern,
da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns
gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines
Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich
schätze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fühlte einen
heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen
Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara
Tamdio -- ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie
künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so
gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen;
es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war
es nicht, was seine Züge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies möglich?
mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als
sonst -- dieser Augenblick war mein glücklichster.«
Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer
Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat
antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern
Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die
Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit
Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen.
-- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir
gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß
die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe
einmüthig lebten. Mir aber war wohl -- das mögen Sie mir aufrichtig
glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche
Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen
seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich
den Ludovico heirathen müssen -- und dem würde ich nicht haben entgehen
können -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglücklichste von
allen -- dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und
außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich
wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch
mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur,
welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die
_Nothwendigkeit_ meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es
doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es
hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können.
Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir
war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach
Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da
draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf
an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. -- Gebet und Arbeit füllten
meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes
Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek
meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den
Generalbaß und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt:
ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll --« ein klares Lächeln,
worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich
über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter
jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit
verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben,
und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames
Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich
selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher
Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter
unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der
Generalbaß -- der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das
Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik,
wenn man ihn kennt. -- So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als
ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu
einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein
fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen.
Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in
Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und
die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war
im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch
die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich
Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein
Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und
dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte.
Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn
tieftrauernd sah; ich _fühlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen
ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments
nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem
Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe
_Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich
mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also
setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drückte
ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe
zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein
seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer
Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wußte nicht,
wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! -- Seine Frau
war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens,
mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn
Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit
zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. --
Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_
Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau
getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum
Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine
Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und
erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen,
darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage
gedenkt. -- Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt
war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer
Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht für ewig. Ich besaß
ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner
Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn
erlaubte, daß ich den Ring trüge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich
eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die
mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere
Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren
alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester
Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich
jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald --
dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen
darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen
Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von
Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen
schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die
blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie
lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem,
obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.
Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben
spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die
geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring
als ein Glied anzusehen wäre -- und daß selbst so winzige Steine reden
müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit
zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen
Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen
Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des
Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre?
und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas
tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die
jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten;
ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und
Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest
gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf,
die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte.
Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde
aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen
Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig
würde, die es umfaßt.
Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major
Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem
Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem
Zimmer.
Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von
dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der
Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß -- hatte der
Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward
fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie
der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun
der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu
seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam
im Dorfbarbier --, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so
müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser
Unterhaltung einzuführen, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle
verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen,
ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst
verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir
dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -- Die Stiefmutter des
Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein
in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser
einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so
fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen
Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter
dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun
häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten
Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene
Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und
unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf,
und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine
Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer,
die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen
Mitschülern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele
sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter
an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter
befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor
das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des
***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte
zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer
ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche
hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des
Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür
belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht
weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven
gewähren ließ -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in
allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die
Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder,
die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang.
Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften
zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt.
Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten
auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen,
die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen
den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister
bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst
Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein
feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der
Mühe verlohnte, für _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte
ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden
sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah,
und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des
kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten
Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz
blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese
Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut,
er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt
setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings.
Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten
Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher
Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese
Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er
eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation
seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem
Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung
des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der
Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben
tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling
nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem
dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich,
weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im
Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das
Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte
auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über
die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_,
verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen,
wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz
gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.