Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe

nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte

sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung

nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß

erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat

hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle

essen -- sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von

solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. -- Mir war diese Nachbarschaft

unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln

von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren

dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche

die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es

zog mein Herz hinab -- ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der

dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der

Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene

Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre

mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan,

wie Deinem Vater. -- Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in

Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So

war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas

benebelt heim -- dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen

Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das

Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem

Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das

Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen

Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam

werden. -- Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte

der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara

-- so hieß ich in der Welt -- nicht einem Weinwirth geben? fragte sie

mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht

ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit.

-- Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute

Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er

erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca

heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen

Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals

gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. -- Meiner armen Mutter mogte

wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur

geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut

eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so

durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber

in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen

hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach,

meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch

am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette

Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin.

Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen

Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen.

Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer

Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger

Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie

meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen

Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und

der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe,

als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer

stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe

war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater

gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an

seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte.

Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die

Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder

ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein

schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler

sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen

ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir -- und der Wurf

meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«

Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit,

im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich

nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine

Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt:

»o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir

däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich

mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es

gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor

Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«

Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche

ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern,

schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen

jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. --

Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort

war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde

an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke

wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran

zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du

werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege

in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den

Keller betten? -- Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und

jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter

ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte.

-- Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie

blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die

gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich

wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was

mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns

war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand

angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war,

und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das

Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine

Lage eingewöhnen -- hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde

gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als

ob ich _seine_ Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft:

so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen

würde -- wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer

innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort

war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der

Sprache -- ich hoffte ohne Hoffnung --« die Nonne lächelte trübe: »die

Liebe hilft auch einem Stummen aus.«

Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine,

die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt

sich oft am wenigsten sagen -- der junge Herr kann auch aus Liebe

geschwiegen haben.«

»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer

Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«

»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für

diese.

Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie

wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.

»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling

ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam,

beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas

lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum.

Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in

dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem

Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem

Bildniß einer =Mater dolorosa= in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet.

Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche

vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner

verstorbenen Mutter wäre. -- So war länger als ein Jahr vergangen, und

jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen

werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch

etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der

Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein

Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel,

woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn

Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem

Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes,

eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein

Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach

B--. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete

Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit

nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater

war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen,

meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam

dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle.

Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von

einer Frau! -- Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird

eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen?

Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich

lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum

erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen.

Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die

Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen.

Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck,

flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten,

die Gestalt des hochwürdigen Bischofs --: alles, was ich sah und hörte,

machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te

und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich

wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich

sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: =De

profundis!=«

»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte,

als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese

Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte --« sie

redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene

Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth

der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein,

nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von

Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier -- die blonden Haare -- der

Bischof schnitt mir in das Herz -- und das Fräulein aller Eitelkeit

baar, der Welt absterben. -- Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde

eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige

Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne,

ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff

der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem

Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich

am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare

auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie

die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze

Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde.

Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich

die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten.

Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen -- es war eine

silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine

innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre,

und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. -- Bei dieser

Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als

ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur

Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit

und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey -- mein Heiland bewahre

mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der

Welt zu entziehen -- oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht

in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der

menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen

weniger abschrecken als sie sollten. -- Bei meiner Nachhausekunft fand

meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte

mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend

gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir

solchergestalt versuchten -- schwebte über dieser kleinen Wasserfläche.

Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte.

Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen --

sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und

da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig

war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie

lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen,

worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes

Weinfaß fischen. -- Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal.

Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden.

Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches,

seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden

war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu

einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der

die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den

seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die

wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten.

Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten

erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich

stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem

Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug,

daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels

trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene

Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der,

ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und

Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten

müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige

wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres

Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese

Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel,

verhungern müssen. -- Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter

gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch

nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein

Brautstand =in optima forma= erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt

noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war

damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die

Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen

Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit

weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit

mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären,

und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir

nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit

einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst

Du? -- Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. --

Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie

nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr _interressant_ -- wie man

heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können,

vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der

unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und

wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen

Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der

Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei

diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein

Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen

Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen

vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete

das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich

schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen -- meine

Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie

verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir

that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch

lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun

willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht.

In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von

Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht!

das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest

jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat -- womit sie

darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für

ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden

sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen

hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen

nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem

vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines

Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war

schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich

legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner

Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr

Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem

Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen

Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen

kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an

meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich

bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die

Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von

Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die

meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der

er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, _seine_ Clara, und an

dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so

allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an

diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden

würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine

Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand

mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen,

denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe

offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche

Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen,

welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde,

und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den

meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese

Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu

hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn

in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und

allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe,

sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -- Reiche mir Deine Hand

aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger

stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel,

jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. -- Ach! der Mensch sollte nie

weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der

da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich

wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele

war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die

schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge

zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«

»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer

hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! --«

»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia

mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise

zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am

unglücklichsten daran.«

»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme

fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da

fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war

erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen -- wie _mir_ zu Muthe

gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die

Eltern schliefen noch -- da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof,

um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten,

strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über

einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der

nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam.

Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein

Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im

Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der

verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll

Sonnenglanz. -- Dieser traute Anblick überwältigte mich -- ich sank an

seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen;

kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in

der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen

seines Schlafrocks niederfloß. -- Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich

lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca

nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir

fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden

mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines

Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so

wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf

starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft

wäre.« --

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 4 / 13 段