die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm
aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir
dies danken.«
Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich
orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich
wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein
Vorgänger hatte lange darnieder gelegen -- auf den versäumten Gütern lag
mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der
Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war
in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den
Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister
in Bühle, am besten sagen können -- meinte er. Mein Vetter? fragte ich
befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener,
weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. -- Dies gab mir
ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens
kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai.
Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es
würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder
Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir
auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne
schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches
am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit
todten Augen in den flammenden Köcher -- ich weilte einen Moment an
dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch
welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff:
es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß
verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! -- Das große gothische
Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön
aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung
der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf
die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch
und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem
Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der
Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein
feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen
Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major,
in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens,
worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. -- Ich fragte höflich,
ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte -- es war
Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.
»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich
einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie
müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete
vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches
Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend.
Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene
Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen
kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt
auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien,
mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines
Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich.
Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname
vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! -- Der
Rentmeister lächelte -- o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete:
verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur _Brüder_. -- Mein Blick
sah ihn mit -- Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser
Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte
der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze
Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende
Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum
mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet
hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren
tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so
todesfremd! -- Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung
unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem
stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse
ich mich nimmer! -- Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister.
Er nahm es nicht auf, und nannte mich _Sie_. Ihr Vater, Herr Prälat,
sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im
Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf.
-- Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen
Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie
verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht
den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich
nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde,
es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur.
Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne
meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie
werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen;
doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang
in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war
dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen
im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine
Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine
Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen
Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch
kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere
Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen
Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber
sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«
Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch
heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde
die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«
»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in
streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen
Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die
Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das
letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns
im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen
verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um _Gerechtigkeit_
willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde
verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden
worden. Der _Glaube_ an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und
mein Elend geworden -- ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag
eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia
entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer,
ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet
mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über
den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen
Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten
möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von
ihren Lippen: _ob er nur selig werden wird_? Die Lilien nickten. Ich
sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht
arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur
Frühlingsfreude der verjüngten Erde. --
Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte:
seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den
Vater -- _seinen_ Vater -- darum zweifelt nun der Sohn an Gott! -- So
schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben
werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es
schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die
Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem
wichtigen Geheimniß in meine Hände -- dann drückte ich ihm die Augen zu.
Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen
Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich
an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß,
Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese -- --«
hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr
elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun
fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit _einem_
Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine
Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm
kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den
Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! -- Wie hat er
uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. -- Wir
lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel -- das war honett. Aber --
Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz,
den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen
Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese
zugewehet haben mag? -- allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«
Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde
zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem
Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen,
sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb
ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen
erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel.
Mein Neffe -- doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit
zu den vielen Reden hernehmen?«
»Wir sprechen uns bald wieder --« vertröstete Herr Prälat, und griff
nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen.
Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden
bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann
klar und leichter.
Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst
hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind
geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch
heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in
heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so
herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und
träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und
da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten
die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten -- der
klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.
Schwerlich dürfte der glänzendste =Thé dansant= im schönsten Salon der
Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung
erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in
Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die
Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und
bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der
seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung
zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der
priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder _Küchel_,
wie Veronica sie nannte -- legten einen unbewußten und geheimnißvollen
Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.
Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann,
die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte
es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf
standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier
wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen -- daß ein
verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing
ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen
Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen,
hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer
einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu
nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit
dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die
Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der
Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war
das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem
Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein
kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. --
Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung
empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie
heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig
und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines
Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme
Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die
dunkle Madonna auf -- in diesem Wechselblicke lag eine Welt der
Ahnung -- und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier
schlafen! --«
Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses
Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser
frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser
Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten
sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch
erhalten könne.
»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die
Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein
Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die
da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam,
wie über einen zerronnenen Traum.
»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört.
Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung
einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die
Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß
der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse.
-- Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen
als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine
schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze
unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth
_Ernst_, zehn Loth _Geduld_, zwanzig Loth _Sanftmuth_, und hundert fünf
Loth _Demuth_, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser
des _Glaubens_, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund
_Hoffnung_ dazu, schütte es in die Pfanne der _Gerechtigkeit_, und lasse
es bei dem Feuer der _christlichen Liebe_ gar kochen. Alsdann bewahre es
wohl, damit der Schimmel der _Eitelkeit_ nicht ansetze. Mit dieser Salbe
streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die
Hölle.«
Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen
Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen
Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«
»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie
wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte
kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte.
Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin
sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist
besser, denn alles Wissen --« und nach einem kleinen Besinnen antwortete
sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz
mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt
haben; doch -- wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und
auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet,
so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich
mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände
meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung
erfüllt werde. -- Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume
eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen
Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den
Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange
sie Feuerschmerz aushalten könnten. -- Warum sollte ich es ihnen nicht
erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten
ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica
mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über
Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue
sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben
enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die
schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an
ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.
»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt
am Jesuiter-Collegio in B--. Sein einnehmendes Betragen, äußerst
verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann -- seine
stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen
Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So
dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn.
Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich
dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu
verstehen, was sie so betrübe -- späterhin ist mir die Quelle ihrer
Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was
nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt
gefallen --: _dies war die erste Salbung zur Klosterfrau_. -- Meine
Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend
hübsch gewesen seyn.«
Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener
Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung,
daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters
ihrer Tochter erhelle.
»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus
heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der
Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten --
wie er sie nannte -- die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie
blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine
Empfindung in meine Seele legte, _als wäre die Liebe eines Mannes kein
Glück, mindestens kein dauerndes Glück_. Das Einkommen meines Vaters
setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die
elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit
kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den
angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten
mich kostbar, _und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen
den Besitz_. -- Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr
Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern
kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar
zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern
Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da
gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden
Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und
dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich
lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes
trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und
mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem
kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne
Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte.
Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der
Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele
Begraben. -- Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei,
hinsichtlich auf seinen Beruf.«
Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt,
es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn,
an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester
Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein
Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«
Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen,
_Menschen_ zu ertragen.«
Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin
gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder
verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung
gebracht habe.
»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder
auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in
ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist
es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. --
Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte!
er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der
leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und
Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause
der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern,
worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem
sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener,
in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein
Vater ging jeden Abend -- kaum machte der _heilige_ Abend eine Ausnahme
von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit -- in diese Tabagie, ein
Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch
nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh
und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um
uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe
der Vater heimkehrte. --