»diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe,
daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein
wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe
unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre,
mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es
keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den
einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits
unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit
ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der
meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn
loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn:
denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer
weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung
ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann
geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er
wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.«
Der Administrator hielt inne und seufzte tief.
»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn
nicht nehmen sollen, die arme Kleine.«
»Mein Vater war wohlhabend -- und meine Mutter eine abhängige Waise,«
versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel -- meine
Geburt gab ihr den Tod.«
»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf
Erden nicht gekannt.«
Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit
einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein
Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was
mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen,
der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem
harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines
Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle
mich noch _einmal_ sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch _niemals_
gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher
Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die
verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr
wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich
wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber -- die
Reise war mir wie ein wüster Traum. -- Die Scene meines Empfangs schwebt
auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete
sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und
dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine
schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer
verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und
stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle
er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste
Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche
Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl,
Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu
Jericho -- noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses
Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.«
Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.
»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines
Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht,
nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten
heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein =Ecce homo= darin. Seine Augen
waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine
Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter
Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein
Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt
hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich
aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war
ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes
Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam
ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige
Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim
besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten
Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit
Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer
Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer
Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für
mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen
Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen,
Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh,
die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer
Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie
eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man
den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an
lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der
Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie
ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten -- so sagte die Tante:
das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! -- Dann ward
mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den
dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte
ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem
Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der
magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste
Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von
jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl
_schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt_, wurde zu einer Grundidee
in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.«
»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen
Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er
eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«
»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für
meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen
dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war
die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt -- und Narben werden
Härten.«
»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter.
»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein
liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der
Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die
künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit
sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und
ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent
zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der
christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen
außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die
Jünger für Hülfsärzte pro Secundo -- und jede That des Heils für eine
Wirkung dieser mysteriösen Kraft. -- Wohin verirrt sich oftmals ein
reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte
schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster
lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die
Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der
Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich
seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an
Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner
Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach
seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten
Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der
Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk
geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau,
die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu
meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen
Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie
ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden.
So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur
Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische
des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer
eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart
bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe
Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten.
Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer
Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr
Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder
keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich
aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und
gar, es muß ja nicht seyn.«
»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit
Indignation: ȟber die Pfaffen! die lutherischen auch -- es ist all
Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn,
wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will!
-- Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer
Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen!
ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen
Hochmuth!«
Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit
seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der
umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine
gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt
ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner
Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von
Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die
Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf,
und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet
auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu
Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig.
Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine
scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen
Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. -- Meine Meinung entschied
sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren
Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element
religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder
vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird -- von der
Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene
Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme
Weihe, wenn ich so sagen dürfte -- mein christliches Gedächtniß bewahrte
mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie
findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. -- Ein
blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der
Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. -- Mein Oheim starb --
und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.«
»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der
Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in
den Pfarrhäusern taugt nichts.«
Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines
alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen
Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam
nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem
Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M--.
wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm
vertrocknet -- er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf
dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines
kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete,
hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten
ersparte -- seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten
Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den
geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe;
sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der
Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines
juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche
Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit
war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm,
die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in
seinen weltlichen Arm -- er war der Donnergott der Abtei. -- Ein
Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -- führte
ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das
ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine
kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden,
und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein
stummes Wörtchen davon wußte. -- Beatrix, trotz ihrer subalternen
Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel,
daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen
nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen,
als daß sie beständig welche rupfte oder schließ -- als gälte es das
ewige Brautbett des alten Junggesellen. --
Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben
dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange,
lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige
Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei
uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur
kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich
ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten.
Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der
Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme
gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu
wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger
beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom
Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus
seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der
Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. -- Ich bebte; welch ein Wütherich
mußte mein Vormund seyn! -- Wir aßen ein kleines vortreffliches
Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um
mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah
ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit
fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort
sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie
ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang
wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen
sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie
mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen
Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich
alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen
protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht
gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang =ex officio=. Ich warf
einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters,
und glaubte ihm. -- Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche
Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen
Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward
ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies
sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien
der theologischen Herrn Brüder zu denken.«
»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste
Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod
Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen -- und Gewalt
geht vor Recht.«
»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der
Vetter denn nicht geheirathet hätte? -- Das sey Gott zu danken -- meinte
Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum
seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich
behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack -- _Abscheu_ wollte sie
vermuthlich sagen -- vor dem Ehestand angekommen sey.«
»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer
Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in
der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! -- die
Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«
Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen,
fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble
Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich
zuweilen mit nach Sanct Capella -- die Aebtissinn vergünstigte es.
Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze
versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch
einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und
sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben
seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube
es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese
goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in
die weite Welt herausstürzen! -- Ich habe dieser Worte später
gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die
verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen
die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters
in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters -- er war Catholik --
war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an
die er in terriblen Augenblicken appellirte und: _gerechter_ Gott! sein
höchster Ausruf.
Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines
Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir
privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er
haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich
selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen
mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte
und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen
wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und
unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der
Regel Richter, was sie nicht sollten; -- _wir_ dagegen vertreten nach
Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des
Nächsten. _Sie_ lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten -- _wir_
gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der
Entschuldigung abzusehen.«
»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem
Drang des Herzens.
Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen,
und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit
verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia -- ging auf Reisen -- welch
eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines
Lebens! -- Ich hatte einen Freund -- --« ein tiefer, schwerer Odemzug,
wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände.
Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der
Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie _haben_
einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich
nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich
wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen
Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist
nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige
Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der
Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden
nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs
gemacht?«
Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender
Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er
antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich
schwerlich damit an das Ziel gelange. -- Meine hiesige Umstellung
knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines
Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute
Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem
Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern
hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem
verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der
Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher
Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste
Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und
des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu
auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. -- Meine Lage
als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat
der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth
seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines
engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all
meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war
sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct
Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien,
den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war
nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt
die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an,
und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht,
muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts
in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister
in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der
Lebendigen hielte. -- Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie
profan geworden! -- ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz
jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam
an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es
den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke,
das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause,
herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu
einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine
chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer
Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier
gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung,
und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die
Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt
in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. -- Es wurde provisorisch
zugestanden.«