Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von z

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Die Schwägerinnen.

Roman

von

Henriette Hanke

geborne Arndt.

Erster Theil.

Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth

hält, nicht für uns, für Andere zu seyn.

... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns

fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.

_Herder._

Hannover, 1835.

Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.

Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein

weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct

Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal

in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische

Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam

vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich;

doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor.

An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen

tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf

vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet

erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des

römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und

über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt

Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze.

Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein

Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der

Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit

einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen

Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft,

theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee,

welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich

gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die

feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe

der Schönheit -- nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter

Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt

der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf

dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der

Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische

Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung

von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen

um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond

aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im

Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse

an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt

gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß

ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der

wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt

der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften

Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei,

welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete.

Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der

Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen

Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab

schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des

beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie

über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth

sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem

achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche

Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur

nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die

mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf

seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich

oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schloß sich dicht an ein

Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit

der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner

Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen,

die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und

Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich

und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn

des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an

ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »_Wirst Du dafür die Schmerzen eines

Betrübten haben_ --«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die

klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt

inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch

die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne

Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen

Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.

Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick

in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung

im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche

verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des

israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser

Blick in eine verklärte Welt.

Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein

schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein

leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am

Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und

an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen

beweglichen Zügen aus.

Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte

es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth

überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des

Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte

mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken

des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und

Pathos: »hebet Eure Häupter auf -- thut Euer böses Wesen von Euch --

o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche

Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein

Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der

Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann

Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.«

Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich

mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein

schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.

Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du

zur Vernunft kommen würdest --« und indem ihr Auge die weiblich-optische

Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen --

setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so

bloß. --« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch

nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen

lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. --

Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche

sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer

gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach

sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich

Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz

einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche,

daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur,

weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.«

Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund

von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann

sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um

ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein

Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der

Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast

Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch

Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«

Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie:

»verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in

Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden,

ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr

Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«

Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das

innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal

jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey,

für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«

»O! die schlimmste ist es nicht --« entgegnete Therese: »es ist nur

eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem

Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor

den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie

verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus:

»der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du

aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein

Capitel aus der Bibel lesen.«

Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn,

wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher

sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich

werde keine Wittwe werden --« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle

legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort:

»_Wittwe_« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde

Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.

Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den

Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die

Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des

unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last

dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals,

ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir

leid: denn Du kannst nicht anders.«

Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia

so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste.

Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fuß, und prallte

an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien

eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war

Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir

in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte

es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland

geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit

reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden.

Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht

ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer

Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas

blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb

enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in

=bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt -- war voll

Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die

Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.

Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens

schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's?

Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht

fürchten, daß ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen

dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer

Schwägerinn zur andern.

Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung

nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es

war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht

war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen

Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags

Jener überließ.

»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich

will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«

Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia:

»ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor

Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch

darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das

Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.«

Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des

Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus,

der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie

die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke

und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze

sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich,

führten Sprichwörter, Charaden auf --« »Erlaube!« fiel hier Fabia

ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die

Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte

nicht aus für dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum

haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte,

schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich

zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an

dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«

»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach

einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle

Art gemißbraucht.«

»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja

überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere

Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in

Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so

fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen

glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm

-- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann

costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine

zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück -- zur Taufkruke herbei, und an

Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns

aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich,

geschah nun hierbei ein Leides?«

»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste

Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen

können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es

kommt noch besser.«

»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch

_schlimmer_. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen

mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem

Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten.

Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in

der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns

zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne

Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte

anspruchslose Rolle übernähme.«

Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der

ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen.

Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn

und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu

verschonen -- die spielst Du selbst.«

Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie

wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun,

worüber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.«

»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die

Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.

»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und

trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend

einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.

»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat

mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen

Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz

kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber

ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der

Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb,

sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«

»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn

bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«

»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn --« versetzte

der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses

Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer

kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse

der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das

Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der

wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten

unseres Gemüths.«

»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie

Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den

Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette!

würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit

nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie

mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit

für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und

dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter

nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese

mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich

nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges

Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -- So will ich denn gehen.

Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit

Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«

»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin

kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia!

hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? -- ich achte jede

Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete

die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es

gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich

kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«

Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu

schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die

Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band

der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie

neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,«

antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder,

ich bin ungefügig dazu.«

»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere

Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia

allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme

Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand,

in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an

Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich

verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das

Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war

ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen --«

»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein

Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«

Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die

Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre.

Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne

gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht

schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört?

vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein

gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten

reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«

»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm

Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer

der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die

Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume,

die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man

nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«

»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen --« entgegnete Fabia

tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig --«

»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend --« sprach der

Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er

in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese

ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und

ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest.

Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche

ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine

Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht.

Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne

Zusammenhang dieses Verhältnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet

landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den

öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen

lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen

ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der

in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«

Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und übt

ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«

Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der

Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie

unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und

sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine

Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es

einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die

weiche Blüthe der Religiosität? -- Denkst Du nicht, daß es mich betrübe,

wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben

dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde

an Vernunft -- sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe

ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen,

und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich -- und

wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren

ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich

daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir

alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte -- willst Du, da ich

kaum -- kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch

Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«

Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem

Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah

ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich

nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft

auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese

von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament.

Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns

der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert

nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie

fängt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten

an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne,

gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr

lächerliche Pedanterie -- jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei,

die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den

Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in

Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte,

während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer

geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie

überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen.

Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des

Sisyphus. --

»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß

ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so

mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht

ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles

Zeichen.«

»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen

eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten

verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle

denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen

Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten

seyn: so wird Deine _Strenge_« -- Herr Prälat betonte, was er sagte, und

es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation --: »dieser möglichen

Gefahr schon zu begegnen wissen.«

Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen

des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache

für mich.«

Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er

zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins

Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde,

oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?«

Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen --« sagte sie versichernd. Da

zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß

darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.

»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich

selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des

erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf

beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften

Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff

alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste

körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf,

während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt,

wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu

lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es

ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In

diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher

Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe

in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird.

Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt,

erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene

Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die

Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest

ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte

sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des

reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine

einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden

wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica

verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer

Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem

Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein

guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser

Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren

Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch

einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung

der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf

ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies

Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher

Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses

aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich

denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der

klösterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club

bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der

Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen

Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge

Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den

Uebrigen sonderte, auch einen Freund --; aber diese Auszeichnung that

weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag,

die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und

forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche

ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich

wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden

Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender

Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer

Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des

Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester

Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die

Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart

verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten

herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr

Liebling -- dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel

gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so

oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele

-- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr

Rath, ihr Trost nöthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran

gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen.

Dazu trug selbst ihr _Aeußeres_ bei. Schwester Veronica hatte mit

Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber

ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein

Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt,

welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden

Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte

rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora -- und in dem

Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer

Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem

himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war

über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein

einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in

gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche

Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie

eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort

entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den

Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch

die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend

begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und

wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja

oftmals scherzend erwiederte.

Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau

Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die

trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten,

oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen

angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein

bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf;

nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß

Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe.

»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie

glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut.

Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch -- sehe ich recht?

warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein

Unglück -- --.«

Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe.

Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas;

kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte -- und den Himmel

auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade

nicht.«

»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke,

der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur

darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie

Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet

endlich vorüber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit

dauert, und das ist der Unfriede.«

Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und

dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen?

ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit

gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer

ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? --

Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen

Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich

wollte fort -- man säet ja doch nur auf den Wind.«

»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die

man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine

überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt

nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr

wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen

Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben

Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«

»_Mitleid?_« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der

Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«

»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme,

»ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir

leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch

die Pulse hüpfen.«

Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst

redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes,

als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir

Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten

wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie

sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die

bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die

beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«

»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer

über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer

davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo

aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und

Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem

Baal geopfert --« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.

_Wie_ lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem

Tone: »unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in

meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben

will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern

nur gesucht, und höchstens _gelernt_. Wir Alle müssen Geduld mit

einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden

geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe

oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die

sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil

derselben ein -- viel öfterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame

Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft.

Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie

nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich:

es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer

Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«

Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der

nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde

Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das

Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts,

ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete

ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg

zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch

schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete

den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung

aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.

»Warum ich eigentlich gekommen bin --« sagte sie mit einem gastlichen

Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes

Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen,

Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein,

auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich

bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste,

auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe

Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie

mögen dies Gebäck gern.«

»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll

in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke

rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach

echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine

Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen

wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester

Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an,

doch würde ich auch zu jeder andern Zeit -- -- --.«

»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute?

Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses

Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß -- daher

vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem

Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste

Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine

kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die

ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut

und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel,

spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine

Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten

Wachsstock voraus.«

Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie

glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.

Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie

erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine

Person?«

Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige

Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er

schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter

den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen

Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der

göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne

düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der

Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte

das Gemach --« die Augen der Nonne schimmerten.

»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der

Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht,

soll mir gethan seyn.«

»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die

Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische

Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer

religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte

Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter

Mann --.«

Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten

Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören.

Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur

abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel

die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau

Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?«

Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu

schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und

meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«

Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte

noch einmal und verschwand.

Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft

welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit

starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da

trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere,

ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der

Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern

Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt

worden.

»=Bon jour=, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem

er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein

großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in

diesem Bunde.

Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen,

und streichelte den Faust, so hieß der Hund -- der Täufling eines

Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer

Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also

zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major,

und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den

eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.

»Ich wollte nur --« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu

sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit

gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre

ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des

Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen

Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das

leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer

Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als

wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht

allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese

hündische Seele.

»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der

Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es

heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte

Miene in dem feinen Tuche.

»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie

selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhüte Gott!«

»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -- sprach Jener heftig: »es

kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er

ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der

Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl

erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck

des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu

drücken.

»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich

ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken

mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich

gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und

Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« --

der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen -- »ist ein Kind des

Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher?

von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau

Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«

Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte

vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major

fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß

Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche

Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille --

aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun

heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so

hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl,

Jene führte den Scepter im _Hause_, Diese trüge die Reichs-Insignien

im _Herzen_ des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine

Schattenköniginn.«

»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut,

ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese

Vertragsamkeit meine.

»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich

vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann

seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt

ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine

Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte

es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen:

denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«

»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege

geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf

meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter

falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«

Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall

den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war

dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern

Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine

Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der

Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens,

kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für

das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen --«

hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.

Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach:

»Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht

bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe,

sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe

geheirathet, die bedeutend älter war.«

Die Schwägerinnen. Erster Theil. · 第 1 / 13 段