XXXV

Es war Winter, die Wiesen hatten unter Wasser gestanden, und das Wasser

war seit einer Woche Eis.

Die Schlittschuhe mußten vom Boden herunter und hatten nur noch nachts

ihre Ruhe.

Julie blieb bei dem Kinde, aber die anderen liefen hinaus. Weit in das

Land, wo es blitzte wie von Stahl.

Sie lachten und tollten, und die Luft ließ ihre Fröhlichkeit klingen

wie die silberschwarze Fläche unter ihren Füßen.

Aber das dauerte nur Tage. Evelyn fand es zu kalt und fing an, von der

Wärme des Südens zu reden, Marianne wurde müde und begann vom Haushalt

und von ihrem Kinde zu sprechen.

Am nächsten Morgen blieben sie daheim.

Agnes Elisabeth allein blieb übrig. Sie wurde bedauert, weil sie keine

Gesellschaft hatte; Lukas bot sich an, sie am Sonntag zu begleiten.

Aber sie dachte nicht daran, dies anzunehmen. Lukas lief schlecht,

außerdem brauchte sie auch niemanden.

Lukas kam die Ablehnung gelegen, denn es wäre eine Qual für ihn

gewesen, den ganzen Tag über die Wiesen zu laufen.

Auch die Schwestern freuten sich, denn Agnes Elisabeth hatte schon in

früheren Zeiten Lukas immer nach Hause geschickt, sie konnte sich also

nicht allzusehr verändert haben.

Agnes Elisabeth aber freute sich am meisten. Denn nun wollte sie einmal

wirklich laufen, wie man laufen mußte, ohne Anhängsel, die vor tiefen

Stellen, vor Gräben und Kanälen, Angst hatten, die immer von hinten

riefen, man möchte warten, und lange berieten, wohin es gehen solle.

Zuerst den Fluß entlang und dann der Sonne entgegen, mitten in lauter

Licht hinein, dann links über die Ebene, die ohne Ende war und immer

weiter ging, bis irgendwo Bauernhäuser kamen ...

Da wollte sie wieder nach rechts biegen und ein Weilchen vor dem Winde

laufen. Sie konnte beinahe die Augen zumachen, so glatt war es hier, so

frei von Gestrüpp und Wurzeln.

Die Sonne ginge schon nach Westen hinüber. Sie könnte ja einmal Umschau

halten, wo sie wäre ... Wenn sie es nicht wüßte, könnte sie im nächsten

Dorfe fragen und allmählich an die Heimkehr denken.

So wollte sie. Und so tat sie.

* * * * *

Die Ebene funkelte. Ein Himmel blaßblau, eine Sonne rund, fest und

lichtloser beinah als das Eis, stahlscharf die verzweigten Linien

einiger Bäume. Das war alles, was sie sah. Da stand sie und dachte, daß

Mittag längst vorüber sei, und daß es wohl weit nach Hause sei.

Es freute sie, daß sie nur so ungefähr die Richtung wußte, und daß

es noch eine schöne Strecke war, mindestens zwei Stunden. Sie freute

sich über den Staubgeschmack, den sie auf den Lippen hatte, über das

Prickeln, das von den Füßen in die Knie heraufkam. Sie dachte mit einem

Male, hier sei sie nun allein, daß irgendwo Schwestern von ihr wären,

Julie und Marianne und Evelyn, das sei wohl nur ein Traum. Sie konnte

sich auf einmal nicht erinnern, wie diese Schwestern aussähen, sie

wußte nicht, wie sie sprächen. Auch darüber freute sie sich.

Es schien übrigens alles seine Richtigkeit zu haben. Von dort drüben

war sie gekommen, sie konnte noch einen Baum erkennen, an dem sie

vorbeigelaufen war. Freilich war es schon lange Zeit her. Vorher war

sie mit dem Winde gelaufen und hatte die Sonne zur Rechten gehabt. Das

war noch viel länger her. Als ob Monate dazwischenlagen. Was sie vordem

getan hatte, wußte sie nicht mehr. Sie sah an sich hinunter, wunderte

sich, daß hier, mitten in dieser unendlichen Eisebene, etwas war, was

sich bewegte. Sie hob den Arm, schob den Fuß vor ... Das lebte, das war

ein Mensch! Also war sie doch nicht allein ...?

Wie kam dieser Mensch, der sie selbst sein sollte, hierher? Von dort

drüben. Dort war der Baum. Bei ihm hatte sie ein paar Bogen gemacht.

Sie setzte an und lief einen. Weil er nach rechts gegangen war, mußte

einer nach links ihm folgen. Er fiel nicht gut aus. Der nächste

wurde besser. Nun noch einmal! Und wieder! Sie lief und drehte sich,

beschrieb Kreise nach innen und nach außen, Kurven, erst große und

kleine, dann abwechselnd eine große, einen Kreis nach innen, eine

kleine, einen Kreis nach außen ...

Plötzlich stand sie wieder still.

Vor ihr war ein Baum. Sie hatte ihn vielleicht schon einmal gesehen.

Es war eine Erle, und der Zweig mit den schwarzen Früchten mußte gewiß

ein wenig herunterhängen. Es war der Baum, bei dem sie früher einmal

gewesen war.

Aber damals hatte die Sonne weiter rechts gestanden, jetzt aber ...

Wo war die Sonne ...?

Sie schaute nach ihr aus. Aber sie war nicht mehr da. Sie wendete sich

um und suchte.

Über den Himmel war ein seidiger Schimmer gespannt, und dort drüben

schwamm in zähem Dunst ein gelbliches Licht.

Wie schnell hatte sich das verändert! Soeben noch ...!?

Auch über dem Eise sah es anders aus, glasig, fast goldgrün; die Bäume

waren wie übergossen von lauwarmem Gold.

Plötzlich dachte sie an das Kind. An welches Kind ...? An das Kind, das

sie küssen wollte! Jetzt erst fiel ihr ein, daß es höchste Zeit sein

müßte, umzukehren. Sofort waren eine Menge Gedanken da, das Abendbrot,

ob Gesche nichts vergessen würde, morgen reines Tischzeug, Silberputzen

...

Plötzlich wurde sie sich mit der Klarheit früherer Tage bewußt, daß sie

schnell laufen müsse, wenn sie noch vor Dunkelheit in bekannte Gegend

kommen wolle.

Wenn sie nur erst den Deich hätte! Dann würde sie sich ja wohl

zurechtfinden. Aber vom Deich war nichts zu sehen. Er mußte nach Westen

zu liegen. Oder mehr nach Süden ...?

Dort war ein Mensch. Sie wollte ihn fragen. Hoffentlich könnte sie ihn

einholen. Oder kam er ihr entgegen?

Sie lief auf ihn zu. Der Wind wickelte sich in ihr Kleid; er war

stärker als heute morgen; sie konnte kaum aufsehen, so stark war er.

Er versetzte ihr den Atem; er war auch nicht mehr gleichmäßig, er kam

ruckweise ... Hoffentlich würde sie ihn nachher im Rücken haben, dann

käme sie wohl schnell nach Hause. Aber gegenan ...!

Wie schwer es sich lief! Das Eis war schmierig geworden; es gab beim

Laufen keine scharfen Linien mehr, sondern nur breite weißliche Spuren.

Da war ein Hügel, der wie eine Insel im Eise lag. Erlen standen da und

ein paar Weiden und noch ein anderer Baum. Dort mußte sie ihn fassen.

Sie winkte hinüber, rief und lief schneller. Dann war sie da, und vor

ihr stand -- Hinrich Teetje.

»Ja, -- das hat denn wohl so sein sollen!« sagte er.

Sie vergaß zu fragen. Aber sie schrie. Einen kurzen Schrei! Dieser

Schrei hatte ihr schon lange in der Kehle gesessen.

Hinrich Teetje sagte nichts. Doch als sie weglaufen wollte, hielt er

sie am Arme fest.

Sie zuckte unter seiner Hand und direkte sich und empfand grauenvolle

Wonne.

Dann packte er sie mit beiden Armen, hob sie in die Höhe und trug sie

hinauf, wo unter einer Eiche Reisig und Stroh lagen.

Dort legte er sie hin.

Sie blieb liegen.

Er küßte sie, gierig, wie ein Hund.

Sie küßte ihn wieder ...

* * * * *

Sie stieß ihn von sich hin, daß er taumelte. Dann kroch sie auf den

Knien den Hügel hinunter. Sie schlug mit dem Kopf an einen Ast, blieb

mit dem Haar in den Zweigen hängen und riß sich die Hände blutig.

Immer auf den Knien kroch sie weiter, bis das Eis in den Wunden

brannte. Da half sie sich auf die Füße, kam hoch und lief, so schnell

sie konnte.

Hinter sich hörte sie Klappern und Rasseln und kreischendes Schneiden

von Schlittschuhen. Sie lief schneller, sie raste über das Eis.

Er kam nicht weit mit. Schon bald schien er eine andere Richtung

genommen zu haben; sie hörte ihn weit dort drüben.

Dann war alles verschwunden.

Sie blieb stehen und schloß die Augen. Heiß brauste es, troff in

schwarzroten Streifen und flammte in zerrissenen Flecken. Gedanken gab

es keine mehr; ihr Empfinden war wie eine Wüste.

Nach einer langen Zeit fühlte sie, daß ihre Hände warm und feucht

waren, und wieder nach einer langen Zeit sah sie nach, was das wäre. Da

lief Blut herunter.

Sie blickte auf. Um sie herum war nichts als Nebel. Rauchender Nebel.

Er wälzte sich um sie herum, drängte sich nahe an sie heran, daß sie

es brenzlig an den Lippen spürte, schwamm zurück, machte ihr Platz,

daß sie ein paar Schritte laufen konnte, fing sie wieder auf, griff

mit Händen nach ihrer Haut, nach ihrem Haar, rieb sich an ihren Armen,

faßte über ihren Körper ...

Es war ganz still. Die Ungeheuer stiegen um sie herum, krochen am

Boden, bäumten sich auf ... Aber es war ganz still. Die Stille sauste

in ihren Ohren.

Dann hörte sie ein Schurren, als ob etwas über das Eis wische.

Krisselnder Schneestaub war es, den der Nebel fegte.

Dann ward es ein Glucksen, wie wenn Wasser in dünnen Schuhen steht.

Taufeuchtigkeit drängte von unten herauf.

Lange Zeit hörte sie das und begriff es noch immer nicht.

Plötzlich aber fühlte sie es. Sie fühlte, daß kein Baum, kein Strauch

zu sehen war, kein Himmel über ihr, nichts, nichts als Nebel.

Sie war allein gelassen. Ganz allein mit diesem Nebel, mitten in den

Wiesen. Es war nicht Mittag, es war nicht Abend, es war nicht Nacht ...

Das Eis wollte sie nicht mehr haben, die Sonne war weggegangen, die

Häuser hatten sich zugedeckt, und die Menschen ...

Sie begann zu schreien. Sie begann zu laufen. Sie lief und schrie. Das

Eis schrie mit ihr, schrie sich aus in brechendem Krachen. Sie lief.

Der Nebel lief hinter ihr her und jagte sie, und das Wasser spritzte

herauf, bis in ihr Gesicht.

Sie lief und es kam kein Ende.

Plötzlich bewegte sich etwas unter ihr, krümmte sich ...

Die ganze Fläche schwankte. Von weit da drüben kam es und von jener

Seite und von überall und schwankte mit ...

Als sie nicht mehr schreien konnte, wimmerte sie: »Mutter! -- Mutter!

-- Mutter!«

Dann hörte auch dies auf. Sie lief und lief ... Endlich kam ihr etwas

in den Weg. Groß war es und dunkel und reckte sich ...

Sie wollte die Hände ausstrecken ... Da schlug es ihr schon ins

Gesicht.

Das Große, Dunkle gab nach, schwankte mit ihr hin und her. Eine alte

Weide war es. Da mußte wohl ein Graben sein.

Sie wollte weiter, aber sie konnte die Füße nicht heben. Als sie sich

bückte, kam sie in Wasser. Sie riß die Jacke herunter und klammerte

sich an die Weide.

Das Wasser kam höher, und das Eis raschelte an ihrem Kleide.

Sie zerrte sich an dem Baum in die Höhe. Er neigte sich, und das Wasser

kam bis an ihre Brust. Noch einmal schrie sie auf.

Dann stemmte sie die Knie gegen den Baum und riß sich nach oben.

Da gab er nach, warf sie vor sich hin und schlug sie tot.

Die Schwestern Hellwege · 第 46 / 47 题