In den ersten Tagen des Oktobers wurde das Kind geboren. Es war ein
Junge, und Julie nannte ihn nach Peters zweitem Vornamen Niels. Von
allen Schmerzen blieb ihr keiner erspart, aber Julie ertrug sie
lächelnd und hatte sie schnell wieder vergessen über der Wirklichkeit,
die anders war, als sie gedacht hatte.
Die ersten Tage dämmerten vorüber, mit heruntergelassenen
Rouleaus, langsam wandernden Sonnenflecken, Fenchelgeruch und
Krankenzimmerstille. Das hielt Julie nicht lange aus, sie hörte nicht
auf zu bitten, man solle sie in den Garten bringen. Weil der Herbst
so weich war und die Laube so geschützt, taten sie ihr den Willen
und trugen sie des Mittags hinaus. Da durfte sie in der Herbststille
liegen, unter dem träumerischen Himmel, bis gegen vier. Niels war bei
ihr, und wenn Agnes Elisabeth an den Hecken Hagebutten sammelte, konnte
sie sehen, wie Julie mit dem Kinde sprach. Nur das Lächeln auf Julies
Gesicht sah sie, und das fließende Sonnengold in ihren Haaren. Nicht
mehr! Eigentlich wollte sie auch das nicht sehen!
Agnes Elisabeth dachte unablässig an das Kind. In den ersten Tagen
war sie scheu in den Zimmern umhergelaufen oder hatte in einer Ecke
gesessen und nach der Wiege gestarrt. Keiner hatte sie beachtet, sie
hatte so recht ihren Gedanken nachhängen können. Eigentlich war es
eine merkwürdige Sache mit solch einem Kinde! Es war mit einem Male
da, es schrie und wollte trinken. Es war häßlich und machte Mühe.
Und doch hätte sie es am liebsten genommen und totgeküßt. O ja! Das
kleine zappelnde Ding in die Finger nehmen, daß das Körperchen in den
Handflächen läge, und der Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger ...
Einige Tage später jedoch, als sie es einmal versucht hatte, war die
alte Doris dazugekommen und hatte ihr das Kind weggenommen.
Nun wollte sie es auch gar nicht mehr sehen! Sie hatte jetzt ihr
eigenes Kind. Sie hatte sich die Wachspuppe vom Boden geholt, die war
größer als Niels, sie machte die Augen zu, wenn sie wollte. Aber sie
guckte doch immer wieder hinüber und schlich dem Kinde nach, ob sie es
vielleicht sehen könnte. Denn das Kind war lebendig, die Wachspuppe
aber war tot.
Zu manchen Zeiten fragte sich Agnes Elisabeth, ob sie eifersüchtig
auf Niels wäre. Er war so einfach ins Haus gekommen und hatte Besitz
von ihm ergriffen; um ihn drehte sich die Wirtschaft, die alte Doris
stellte Gesche mit an, wo sie sie nur brauchen konnte, um seinetwillen
kam ein Korb mit allerhand Sachen von Tante Sophie, um seinetwillen
erschien Lukas jeden Tag und fragte schüchtern, wie es dem Kinde und
der Mutter gehe, um seinetwillen wurde jeden Morgen ein Brief gebracht,
der aus Berlin kam und zur Folge hatte, daß Doris für die nächste halbe
Stunde nicht zu Julie hineinging. Es fehlte nur noch, daß ihr Schwager
eines Tages in der Tür stände und den Jungen sehen wollte.
Dann wäre sie ganz aus dem Hause geschoben, und die anderen säßen
darinnen. Das wollte sie sich nicht gefallen lassen! Nein, freiwillig
würde sie nicht weggehen!
Noch während sie solche Dinge dachte, stand sie auf und ging in die
Küche, um den Kakao für Julie anzurühren. Sie tat das mit aller
Sorgfalt, probierte, ob er süß genug wäre, quirlte die Milch hinein und
suchte die schönsten Cakes für Julie aus. Dann brachte sie alles selbst
hinaus, stellte es auf den Tisch, rückte Julie die Tasse zurecht und
saß ein Weilchen bei ihr. Bevor sie ging, streichelte sie Julies Haar.
Jedesmal dachte sie daran, daß Mama so mit ihr getan hatte, wenn sie
früher einmal krank gewesen war.
* * * * *
Es war plötzlich, als sei die Stille nun lange genug im Hause gewesen.
Evelyn kam eines Tages mit zwei riesigen Koffern an und brachte so viel
Fröhlichkeit und Lachen mit, daß die Linden ihre Kronen schüttelten,
als vermöchten sie nicht zu glauben, daß alles wieder beim alten
sein sollte. Das Haus aber wunderte sich nicht, sondern es war stolz
auf seine Kinder. Sie waren in der Welt herumgelaufen, hatten viele
andere Häuser gesehen und darin gewohnt; in einem hatten sie gelacht,
im anderen geweint, -- und schließlich waren sie doch vor Sehnsucht
umgekehrt und zurückgekommen. Nun müßten sie auch wieder unten im
Flusse Ringelrangelrosenkranz tanzen. Dazu wäre es jetzt freilich zu
kalt, dachte das alte Haus. Und Evelyn wäre so elegant geworden, sie
täte es vielleicht überhaupt nicht mehr.
Evelyn saß fast den ganzen Tag bei Julie und erzählte von der großen
Welt. Von einem jungen Künstler, den sie in Wien kennengelernt hätte
-- übrigens traf auch alle vierzehn Tage ein Brief mit fremdländischer
Marke für Evelyn ein, -- von Tante Sophies grüner Seidenkrepptoilette,
von einem eleganten Hut, den sie sich ausgedacht hätte. Sie mußte alle
Bilder von Peter Owen sehen und erfand zu ihnen lange Geschichten.
Plötzlich tollte sie dann wieder durchs Zimmer, lief in den Garten und
sagte ihrer alten Kastanie guten Tag, kam wieder hereingewirbelt und
tanzte vor Niels einen provenzalischen Tanz.
Niels fing dann zu schreien an, Julie lachte, und Agnes Elisabeth
mußte kommen, wie es früher gewesen war, und mahnen:
»Kinder, seid doch vernünftig!«
Übrigens fand sich auch Marianne wieder ins Haus. Evelyn war bei ihr
gewesen und hatte sie wegen ihrer kleinbürgerlichen Wichtigtuerei
ausgelacht; eine ellenlange lustige Rede hatte sie gehalten, mitten in
Mariannes Salon, wo Ponceaurot, Erdbeerfarbe und schmutziges Grün von
allen Seiten in ihre Worte hineinschrieen. Das hatte freilich nicht
genügt, Mariannes Sinn zu wenden, gestern aber war Pastor Gerlach bei
ihr gewesen und hatte sie gebeten, sie möchte ihren Einfluß bei der
Schwester geltend machen, damit das Kind endlich getauft werde. Eine
Anmeldung sei bislang noch nicht bei ihm eingelaufen.
So hatte Marianne sich ausgemacht und war bei den Schwestern
erschienen. Evelyn mochte schlimme Dinge im Kopf haben; als Marianne
hereinkam, zog sie ein Gesicht, daß diese ihre Würde fallen ließ,
schnell auf Julie zuging, ihr einen Kuß gab und den Jungen bewunderte.
Damit war die Angelegenheit erledigt, und Marianne fühlte sich
sichtlich erleichtert.
Nun waren sie alle Tage zusammen und ließen alles sein, wie es früher
gewesen war. Sie fanden, daß sie alle in das Leben hineingesehen
hätten, sich ihr Teil geholt hätten und wieder zurückgekommen wären,
ein jedes mit dem, was ihm zukäme. Sie fanden, daß das Zimmer dasselbe
geblieben war, daß es hier wieder helldunkle Abende und sonnenblasse
Morgenstunden geben würde. Sie fanden aber auch, daß sie einander im
Innersten kaum noch kannten, daß nur die Strenge des Alltags, die
Gewohnheit sie zusammenhielt und ihre Hände ineinanderlegte, als seien
die Jahre nicht gewesen.