XXXIV

In den ersten Tagen des Oktobers wurde das Kind geboren. Es war ein

Junge, und Julie nannte ihn nach Peters zweitem Vornamen Niels. Von

allen Schmerzen blieb ihr keiner erspart, aber Julie ertrug sie

lächelnd und hatte sie schnell wieder vergessen über der Wirklichkeit,

die anders war, als sie gedacht hatte.

Die ersten Tage dämmerten vorüber, mit heruntergelassenen

Rouleaus, langsam wandernden Sonnenflecken, Fenchelgeruch und

Krankenzimmerstille. Das hielt Julie nicht lange aus, sie hörte nicht

auf zu bitten, man solle sie in den Garten bringen. Weil der Herbst

so weich war und die Laube so geschützt, taten sie ihr den Willen

und trugen sie des Mittags hinaus. Da durfte sie in der Herbststille

liegen, unter dem träumerischen Himmel, bis gegen vier. Niels war bei

ihr, und wenn Agnes Elisabeth an den Hecken Hagebutten sammelte, konnte

sie sehen, wie Julie mit dem Kinde sprach. Nur das Lächeln auf Julies

Gesicht sah sie, und das fließende Sonnengold in ihren Haaren. Nicht

mehr! Eigentlich wollte sie auch das nicht sehen!

Agnes Elisabeth dachte unablässig an das Kind. In den ersten Tagen

war sie scheu in den Zimmern umhergelaufen oder hatte in einer Ecke

gesessen und nach der Wiege gestarrt. Keiner hatte sie beachtet, sie

hatte so recht ihren Gedanken nachhängen können. Eigentlich war es

eine merkwürdige Sache mit solch einem Kinde! Es war mit einem Male

da, es schrie und wollte trinken. Es war häßlich und machte Mühe.

Und doch hätte sie es am liebsten genommen und totgeküßt. O ja! Das

kleine zappelnde Ding in die Finger nehmen, daß das Körperchen in den

Handflächen läge, und der Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger ...

Einige Tage später jedoch, als sie es einmal versucht hatte, war die

alte Doris dazugekommen und hatte ihr das Kind weggenommen.

Nun wollte sie es auch gar nicht mehr sehen! Sie hatte jetzt ihr

eigenes Kind. Sie hatte sich die Wachspuppe vom Boden geholt, die war

größer als Niels, sie machte die Augen zu, wenn sie wollte. Aber sie

guckte doch immer wieder hinüber und schlich dem Kinde nach, ob sie es

vielleicht sehen könnte. Denn das Kind war lebendig, die Wachspuppe

aber war tot.

Zu manchen Zeiten fragte sich Agnes Elisabeth, ob sie eifersüchtig

auf Niels wäre. Er war so einfach ins Haus gekommen und hatte Besitz

von ihm ergriffen; um ihn drehte sich die Wirtschaft, die alte Doris

stellte Gesche mit an, wo sie sie nur brauchen konnte, um seinetwillen

kam ein Korb mit allerhand Sachen von Tante Sophie, um seinetwillen

erschien Lukas jeden Tag und fragte schüchtern, wie es dem Kinde und

der Mutter gehe, um seinetwillen wurde jeden Morgen ein Brief gebracht,

der aus Berlin kam und zur Folge hatte, daß Doris für die nächste halbe

Stunde nicht zu Julie hineinging. Es fehlte nur noch, daß ihr Schwager

eines Tages in der Tür stände und den Jungen sehen wollte.

Dann wäre sie ganz aus dem Hause geschoben, und die anderen säßen

darinnen. Das wollte sie sich nicht gefallen lassen! Nein, freiwillig

würde sie nicht weggehen!

Noch während sie solche Dinge dachte, stand sie auf und ging in die

Küche, um den Kakao für Julie anzurühren. Sie tat das mit aller

Sorgfalt, probierte, ob er süß genug wäre, quirlte die Milch hinein und

suchte die schönsten Cakes für Julie aus. Dann brachte sie alles selbst

hinaus, stellte es auf den Tisch, rückte Julie die Tasse zurecht und

saß ein Weilchen bei ihr. Bevor sie ging, streichelte sie Julies Haar.

Jedesmal dachte sie daran, daß Mama so mit ihr getan hatte, wenn sie

früher einmal krank gewesen war.

* * * * *

Es war plötzlich, als sei die Stille nun lange genug im Hause gewesen.

Evelyn kam eines Tages mit zwei riesigen Koffern an und brachte so viel

Fröhlichkeit und Lachen mit, daß die Linden ihre Kronen schüttelten,

als vermöchten sie nicht zu glauben, daß alles wieder beim alten

sein sollte. Das Haus aber wunderte sich nicht, sondern es war stolz

auf seine Kinder. Sie waren in der Welt herumgelaufen, hatten viele

andere Häuser gesehen und darin gewohnt; in einem hatten sie gelacht,

im anderen geweint, -- und schließlich waren sie doch vor Sehnsucht

umgekehrt und zurückgekommen. Nun müßten sie auch wieder unten im

Flusse Ringelrangelrosenkranz tanzen. Dazu wäre es jetzt freilich zu

kalt, dachte das alte Haus. Und Evelyn wäre so elegant geworden, sie

täte es vielleicht überhaupt nicht mehr.

Evelyn saß fast den ganzen Tag bei Julie und erzählte von der großen

Welt. Von einem jungen Künstler, den sie in Wien kennengelernt hätte

-- übrigens traf auch alle vierzehn Tage ein Brief mit fremdländischer

Marke für Evelyn ein, -- von Tante Sophies grüner Seidenkrepptoilette,

von einem eleganten Hut, den sie sich ausgedacht hätte. Sie mußte alle

Bilder von Peter Owen sehen und erfand zu ihnen lange Geschichten.

Plötzlich tollte sie dann wieder durchs Zimmer, lief in den Garten und

sagte ihrer alten Kastanie guten Tag, kam wieder hereingewirbelt und

tanzte vor Niels einen provenzalischen Tanz.

Niels fing dann zu schreien an, Julie lachte, und Agnes Elisabeth

mußte kommen, wie es früher gewesen war, und mahnen:

»Kinder, seid doch vernünftig!«

Übrigens fand sich auch Marianne wieder ins Haus. Evelyn war bei ihr

gewesen und hatte sie wegen ihrer kleinbürgerlichen Wichtigtuerei

ausgelacht; eine ellenlange lustige Rede hatte sie gehalten, mitten in

Mariannes Salon, wo Ponceaurot, Erdbeerfarbe und schmutziges Grün von

allen Seiten in ihre Worte hineinschrieen. Das hatte freilich nicht

genügt, Mariannes Sinn zu wenden, gestern aber war Pastor Gerlach bei

ihr gewesen und hatte sie gebeten, sie möchte ihren Einfluß bei der

Schwester geltend machen, damit das Kind endlich getauft werde. Eine

Anmeldung sei bislang noch nicht bei ihm eingelaufen.

So hatte Marianne sich ausgemacht und war bei den Schwestern

erschienen. Evelyn mochte schlimme Dinge im Kopf haben; als Marianne

hereinkam, zog sie ein Gesicht, daß diese ihre Würde fallen ließ,

schnell auf Julie zuging, ihr einen Kuß gab und den Jungen bewunderte.

Damit war die Angelegenheit erledigt, und Marianne fühlte sich

sichtlich erleichtert.

Nun waren sie alle Tage zusammen und ließen alles sein, wie es früher

gewesen war. Sie fanden, daß sie alle in das Leben hineingesehen

hätten, sich ihr Teil geholt hätten und wieder zurückgekommen wären,

ein jedes mit dem, was ihm zukäme. Sie fanden, daß das Zimmer dasselbe

geblieben war, daß es hier wieder helldunkle Abende und sonnenblasse

Morgenstunden geben würde. Sie fanden aber auch, daß sie einander im

Innersten kaum noch kannten, daß nur die Strenge des Alltags, die

Gewohnheit sie zusammenhielt und ihre Hände ineinanderlegte, als seien

die Jahre nicht gewesen.

Die Schwestern Hellwege · 第 45 / 47 题