Am Morgen fand man sie, kaum eine Viertelstunde von Hellweges Haus.
Drüben bei Gertelmanns, wo der Fluß die Biegung macht.
Daniel und der Knecht rackerten sich fast eine halbe Stunde ab, den
Körper unter der Weide hervorzuziehen.
Dann legten sie ihn auf einen Wagen; ihn zu tragen, war es bis zu
Hellweges zu weit. So würden sie auch noch hinüberkommen, ehe die
Kirche aus wäre, meinte Daniel.
Aber die Predigt war kurz gewesen -- man fror jetzt zwischen den
Mauern --, und so trafen die Kirchgänger den Wagen, just als er an der
Kirche vorüber wollte. Weil Daniel so sonderbar aussah, und weil etwas
Schwarzes auf seinen Knien lag, ließ man sich gern seinen Sonntagsstaat
mit Schmutz und tauendem Schnee bespritzen, drängte sich an den Wagen
und wollte sehen, was da nicht richtig wäre.
Als sie erkannten, wen Daniel bei sich hatte, kehrten alle um und
gingen dem Wagen nach.
Wenn eine Leiche da ist, schweigt man. Wenn aber bei Lebzeiten viel
Gerede und Munkeln und Tuscheln gewesen ist und mit einem Male der
Tod dazwischenkommt, alles still zu machen, so kann man sich nicht
zufrieden geben. Denn es ist nichts in der Welt, was aufkäme mit
wunderlichem Wesen und Menschen erschreckte, und dürfte mit einem Male
hingehen und sterben, als wäre nie etwas gewesen. Es muß alles seine
Ordnung haben.
Die Alten zwar nickten nur, bedächtig und zufrieden, wie man tut, wenn
etwas so ausgegangen ist, wie man es erwartet hat.
Aber die Jungen, die weiter hinten gingen und der Leiche nicht so nahe
waren, konnten ruhig aussprechen, was gesagt werden mußte.
Das hätte sie nun von dem Laufen bei Nebel und Tauwetter; so etwas
könnte kein gutes Ende nehmen; aber sie hätte ja nicht hören wollen!
Wunderlich, wie sie gewesen wäre! Eigentlich sei es gut für das ganze
Dorf, daß sie nun schliefe! Wer so anders gewesen sei und nicht unter
Menschen gepaßt habe! Wer nachts herumgelaufen sei und keine Ruhe habe
finden können! Nun würde sie ihre Ruhe haben, auf dem Kirchhofe, wo sie
ja immer schon gesessen hätte.
»Dat schöt wi eerst noch to sehn kriegen, ob de Ruhe hebben ward. Denn
dat dat mit richtigen Dingen togon is, glövt See doch wol silbens
nich!« sagte plötzlich jemand.
Da wurde es mit einem Male still. Und es stand fest, daß sie den Tod
selbst gewollt hätte.
Der Wagen hielt. Die Leute blieben stehen. Es war kein neugieriges
Gedränge. Mit spitzen Gesichtern sahen sie zu, wie Daniel sich
schwerfällig aufrichtete und die Leiche herunterhob. Wie ein Haufe von
Anklägern standen sie, die jede Bewegung der Beschuldigten verfolgen.
Einen Augenblick erschien das grünlichweiße Gesicht, das rote Haar über
der Menge. Sie konnte sich nicht verteidigen!
Sie trugen sie hinein.
Alle blieben stehen. Es war eine Drohung, wie sie da warteten,
breitbeinig, schweigsam, ohne Erbarmen. Man fand es in der Ordnung,
daß der Gemeindevorsteher und der alte Gertelmann ins Haus gingen, um
drinnen zu sagen, wie man draußen hierüber dachte.
Sie warteten. Der Wind blies durch die Straße. Sie schlugen die Kragen
hoch.
Es fing zu schneien an, große Flocken, die sie naß machten. Sie
warteten.
Bis die beiden wieder herauskamen und nickten. Da waren sie zufrieden
und konnten auseinandergehen.
* * * * *
Im Alkoven lag sie und schlief.
Große Flocken klebten die Scheiben zu, und das dämmernde Licht
des Frühnachmittags ging zu den brennenden Kerzen, die um ihr Bett
herumstanden.
Sie hatten nur Tannengrün streuen können. Woher sollten sie Blumen
nehmen ...?!
Sehr fern war die Tote, sehr allein! Zwar saßen die Schwestern bei ihr;
man hätte meinen können, sie seien alle vier noch einmal beisammen;
zwar schluchzte Marianne und wußte nicht, wie sie es tragen sollte;
zwar weinte Evelyn viele hilflose Tränen. Doch dies alles geschah
mitten im Zimmer. Die Tote aber lag im Alkoven! Zwischen ihr und den
Schwestern stand die blasse Helle der Kerzen; über die kamen sie nicht
hinweg.
Sie wollten mit ihr von alten Zeiten sprechen, wollten ihr danken,
-- denn es gab wohl viel zu danken --, aber es war nicht möglich. Es
schien, als wolle die Tote nichts mehr von ihnen wissen.
Vor den Fenstern war es schon dunkel, als Gesche die Tür öffnete. Lukas
Allm und der Pastor traten ein.
Julie stand auf und reichte ihnen die Hand.
Der Pastor trat neben das Bett und sah mitleidig auf die Tote. Lukas
stand in der Ecke und weinte. Er, der sie am meisten mit Freundlichkeit
umgeben hatte, war auch der einzige, der etwas von eigener Schuld
empfand.
Nach einer Weile wendete sich der Pastor zu den Schwestern.
»Wir wollen miteinander beten!«
Sie standen auf und traten um das Bett herum, und der Pastor faltete
die Hände und betete:
»Aus der Tiefe rufen wir, Herr, zu dir! So du willst Sünde zurechnen,
Herr, wer wird bestehen?
Diese Tote ist dahingegangen, in der Blüte ihrer Jugend, in der Hälfte
ihrer Tage ist sie dahingegangen.
Den Schwesternkreis hat sie verlassen und das Ziel ihres irdischen
Lebens gefunden.
Herr, wir wissen nicht, ob sie in ihren Sünden gestorben ist; aber wir
flehen zu dir, du wollest dich ihrer erbarmen.
Denn bei dir ist Gnade und viel Erlösung.
Du hast ihr Leben reich gesegnet, und ihrer Arbeit warst du gnädig. Den
verwaisten Schwestern durfte sie die Mutter sein, sie durfte für sie
sorgen, du gabst Gelingen zu ihrem Werke und ließest sie die Früchte
genießen.
Es kann dein Wille nicht sein, daß diese Seele verlorengehe. Du bist
gerecht und heilig. Sünde bleibt nicht vor dir. Aber du bist auch
gnädig und voll großer Güte.
Darum heben wir unsere Hände zu dir auf: Vergib ihr ihre Sünde und nimm
sie in Gnaden in dein himmlisches Reich.
Herr, lehre uns bedenken, daß auch wir sterben müssen, auf daß wir klug
werden.
Daß wir beizeiten tun, was zu unserem Frieden dient, daß wir entsagen
der Hoffart der Welt und töten des eigenen Herzens Wünsche, daß wir
wandeln in deinem Licht und merken auf dein Wort.
Herr, hilf uns, daß wir nicht vergehen!
Herr, hilf uns, daß es niemals von uns heißen müsse: Sie haben ihren
Lohn dahin!«
* * * * *
Der Pastor schwieg. Dann drückte er den Schwestern, einer nach der
anderen, die Hand.
Unter schluchzendem Flüstern bedankte sich Marianne, auch Lukas atmete
auf; das Gefühl der Trostlosigkeit hatte ihn verlassen. Mit den Worten
des Pastors war eine weiche Empfindung über ihn gekommen: da drüben, wo
die Tote nun sei, wäre ein anderer, der besser für sie sorgen würde,
als sie alle es hatten tun können.
Der Pastor ging.
Lukas trat noch einmal an das Bett und legte seine Hand auf das rote
Haar, so, wie er es manchmal bei Marianne tat.
Wie hilflos doch die Toten sind! dachte Evelyn. ~Der~ konnte sie
nun streicheln, was er im Leben nie fertiggebracht hätte, und der
Pastor hatte solche Worte über sie sagen dürfen.
Dann gingen sie alle hinaus.
Die Tote blieb allein, wie sie es auch im Leben gewesen war.
* * * * *
Nach einer Weile kam Julie zurück. Sie hatte Niels auf dem Arm und
setzte sich in den großen Stuhl zwischen Ofen und Fenster.
Als Niels die Lichter sah, begann er laut zu krähen. Als er sie im
Spiegel nochmals fand, strampelte er mit Armen und Beinen. Julies Haar
glänzte so goldig, die kleinen Finger mußten schnell hinein, mußten
zerren und den Kopf zu sich herunterziehen.
»Das muß Jungchen nicht! Dann tust du Mutter weh!« sagte Julie und
machte ihr Haar von den kleinen Händen frei.
Sie setzte ihn zurecht und neigte sich zu ihm hinunter.
»Siehst du, sie hätte auch solch einen kleinen Jungen haben müssen wie
dich! Sie war so arm! Sie war so allein! Sie hat immer für uns gesorgt,
hat alles für uns getan. Aber darüber hat sie sich selbst vergessen.
Siehst du, für andere leben kann man nur, wenn das eigene Leben voll
ist von Schönheit und Freude. Sonst hat es keinen Wert! Du kannst das
jetzt noch nicht verstehen, aber später wirst du es wissen! Peter und
ich, wir wollen dafür sorgen, daß in deinem Leben so viel Schönheit, so
viel Lachen und so viel Glück sein wird, daß du auch andere Menschen
glücklich machen kannst. Du sollst noch viel glücklicher werden als
Peter und ich, bis du einmal so weit bist, daß du unsere Hilfe nicht
mehr brauchst!«
Mit großen Augen sah das kleine Wesen zu Julie auf. Ganz, als
verstünde es alles, was sie ihm sagte.
Sie beugte sich hinunter und küßte ihren Jungen. Draußen kamen Schritte
über die Diele, feste, kurze Schritte.
Dann sprang die Tür auf.
Julie erschrak. Ein Zittern lief über die Kerzen. Eine nach der anderen
zuckte zusammen.
Hinrich Teetje stand vor Agnes Elisabeth.
Stand -- und sagte kein Wort.
~Ende~