Es war an einem der nächsten Tage. Sie gingen durch den Garten, und auf
dem Wege um den großen Rasenplatz erfuhr Agnes Elisabeth, daß Julie ein
Kind bekommen würde.
Ihr Gesicht veränderte sich nicht, als sie es hörte, und es dauerte
eine Weile, bis sie etwas sagte. Endlich aber kamen Worte, und Julie
hatte andere erwartet.
»Es ist gut, daß du hier bist! Gesche und ich werden für dich sorgen.
Wir werden alle die kleinen Sachen nähen und zurechtmachen, das wird
hübsch werden, wir werden dich pflegen ...« Agnes Elisabeth streichelte
Julies Haar.
Da fing Julie zu weinen an.
Nur weil diese rauhe Hand sie streichelte, weinte sie. Dann kam eine
Wehmut über sie, und sie weinte immer heftiger.
Ihre Kindheit, ihre Arbeit, die Empfindungen, die sie damals geträumt
und mit Peter erlebt hatte, dies alles glitt an ihr vorüber. Die
neben ihr ging, hatte ebenfalls ihre Hände ausgestreckt, aber sie
hatte nichts bekommen! Sie war an ihr vorbeigegangen, alle die Jahre
hindurch, und hatte sie nicht ~einmal~ geküßt, alle die Jahre. Sie
aber streichelte sie!
»Du darfst nicht traurig sein, Julie, es wird schon alles gut werden!«
Sie kamen an die Johannisbeersträucher. Die Trauben troffen hernieder
wie Blut. Da nickte Agnes Elisabeth plötzlich.
»Ach ja! Ich hatte es ganz vergessen! Hier steht noch so viel Unkraut!«
Sie bückte sich und fuhr mit den Händen in das grüne Gewucher.
Julie setzte sich unten am Wasser auf eine Bank. Wieder kamen Tränen in
ihre Augen, als sie die Schwester dort zwischen den Sträuchern hocken
sah.
Das also war aus ihr geworden! -- Sie sammelte Körbe und ordnete
sie nach der Größe, sie flocht bunte Seide und zupfte Unkraut. Sie
hantierte zwischen Nichtigkeiten, freute sich an müßigem Klatsch und
verkroch sich vor Marianne. War sie nicht einmal eine Mutter für sie
alle gewesen?! Sie hatte ihre Liebe weggegeben und besaß nicht mehr als
einen Rest, der ihre Hand nur eben noch zu einem spröden Streicheln hob.
Sie hoffte nichts mehr vom Leben und konnte sich doch nicht von ihm
abwenden. An irgend etwas mußte sie sich noch immer halten, selbst
wenn es nur die Angst war, die sie hierhin und dorthin trieb, die im
Sonnenlicht nach ihr schielte und des Nachts hinter ihrem Bette stand.
Mit gierigen Händen griff sie nach dieser Angst und meinte, das Leben
zu fassen.
Sie wußte noch nicht, daß das Leben sie vergessen hatte!
* * * * *
Agnes Elisabeth kniete auf dem Wege und wühlte mit beiden Händen
zwischen den Johannisbeersträuchern.
Ob sie dieses Mal wohl dabei sein durfte?! Bei Marianne hatte man sie
nicht hineingelassen. Aber hier im eignen Hause! Sie wollte das doch
gern einmal sehen, wie so das Leben anfängt! Diese dumme Wolfsmilch!
Fünf Blätter, drei Krauseminzen, vier schwarze Johannisbeerblätter,
bei zunehmendem Mond, er wurde jetzt voller; dann könnte sie endlich
wieder schlafen! Auf den Boden mußte sie gehen, wegen der Wiege und der
Kindersachen und der Wachspuppe ...! Und der Doktor ...! Wann würde das
Kind kommen? Kam es nicht oft vor, daß die Mutter dabei starb? Dann
wollte ~sie~ das Kind haben! Dann wollte sie aber lachen! Daß
~sie~ ein Kind hatte!
Als sie endlich aufstand, war alles Unkraut wieder eingepflanzt.
* * * * *
Julie ging inzwischen durch den Garten. Sie lehnte sich ans Gitter und
sah die Chaussee hinunter. Ein paar Torfwagen rumpelten vorüber, ein
kleines Bauernmädchen knickste. Alles war wie früher. Eben wollte sie
ins Haus, da kam um die Ecke dort drüben etwas Gelbes; ein volles Rosa
wölbte sich darüber und zuoberst nickte ein Geranke von Federn, Blumen
und Stroh.
Julie in ihrer Kurzsichtigkeit meinte zuerst, das Ganze sei Marianne.
Sie atmete auf, als sich das eine als Kinderwagen, das andere als
Mariannes Hut herausstellte.
Nun löste sich etwas Schwarzes und steuerte nach der Tür herüber. Das
Gelbe mit dem rosa Verdeck aber zog vorüber. Dahinter kam Marianne,
eine Weile nichts, als Marianne, breit und voll und himmelblau ... Sie
blickte zur Seite und wollte Julie nicht sehen.
Das war eine Demonstration!
Julie nahm sie belustigt entgegen.
»Guten Tag, Julie!« sagte Lukas. »Ich mußte doch kommen und dich
begrüßen.«
Julie gab ihm die Hand.
»Das ist nett von dir! Wie geht es dir, Lukas?«
»Gut!« Sein Gesicht strahlte. Er war froh, daß er standhaft geblieben
war; wenn es auch nicht gerade gegen Mariannes Willen, so war es doch
ohne ihre Zustimmung geschehen, daß er sie verlassen hatte, um Julie zu
begrüßen.
»Wie geht es Marianne und eurer Kleinen?« fragte Julie.
»Der Kleinen? Oh, das ist ein Prachtmädel! Gesund und fidel, wiegt
schon vierundzwanzig Pfund! Auch Marianne geht es, Gott sei Dank,
recht gut. Sie hat viel im Haushalt zu tun. Es ist gemütlich bei uns.
Du solltest ...« Er brach plötzlich ab und wurde rot.
Julie mußte lächeln; sie war eingehüllt in eine Wolke von
Fliederparfüm. Das war Mariannes Seife, und auch Lukas mußte sie
natürlich benutzen.
»Nicht wahr, Julie,« begann er stockend, »du trägst es Marianne nicht
nach, daß sie ...? Sie wird schon zur Einsicht kommen. Im Grunde ist
sie doch so gut ...!«
Julie nickte freundlich.
»Ich kenne sie. Aber willst du nicht hereinkommen, Lukas?«
»Ich habe keine Zeit. Pastor Gerlach will mich heute noch sehen. Wir
richten eine Schulbibliothek ein; da gibt es viel zu besprechen. Du
hast wohl keine alten Bücher, die du entbehren kannst?«
»Ich will einmal nachsehen!«
»Wir nehmen alles mit Dank an!« Lukas schüttelte ihr die Hand und ging
eiligen Schrittes der Kirche zu.
Der Fliedergeruch dehnte sich in der Sommerluft, wurde flacher und
dünner und war verschwunden. Julie verstand jetzt besser als früher,
daß man Lukas Allm lieb haben konnte.
Aber warum gerade Marianne ihn lieb hatte?!