Sie tranken Kaffee und aßen Butterkuchen. Eine Weile war es still
zwischen ihnen. Julie machte sich bewußt, daß sie eigentlich überhaupt
noch nicht miteinander gesprochen hatten. Agnes Elisabeth aber schien
es nicht anders zu wollen; sie aß und trank und sah vor sich hin; ab
und zu fuhr sie zusammen und warf einen scheuen Blick hinter sich. Sie
mußte das immer schon getan haben, denn sie schien es gar nicht mehr zu
wissen. Sie mochte mit ihrem Gedanken auch so fern sein, daß Julies
Gegenwart sie kaum berührte.
»Wie fein hier alles geharkt ist!« sagte Julie. »Früher sah es nicht so
schön aus. Wer tut das?«
»Ich! Man kann dann besser sehen, ob irgend jemand im Garten war.«
Julie sah erschrocken auf.
»Geht denn manchmal jemand durch den Garten?«
Agnes Elisabeth schwieg. Nach einer Weile sagte sie langsam:
»O ja!«
»Wer? Hier hat doch niemand etwas zu suchen. Mich hat es schon
gewundert, daß Teetje immer hier war. Ist er es?«
Agnes Elisabeth lachte. Ganz anders, als Menschen sonst lachen. Früher
hatte sie anders gelacht, dachte Julie. Jetzt verzog sich nur der Mund,
und ein kleiner, grauenvoll harter Ton kam heraus. Vielleicht lacht
so einer, in dem die Einsamkeit allzu laut schreit: er will sie zum
Schweigen bringen, will endlich wieder seine eigene Stimme hören und
hat doch Angst, daß sie von den Wänden zurückkomme und nicht mehr seine
eigene Stimme sei, sondern tausend fremde.
»Freust du dich, daß ich wieder da bin?« fragte Julie.
»Natürlich!«
»Wir wollen wie früher leben; es soll alles sein wie damals! -- Auch
Evelyn kommt gewiß bald zurück.«
»Evelyn ist ein dummes Kind!«
»Warum?«
»Es ist jemand da gewesen, der hat sie heiraten wollen. Sie aber ...«
»Sie wird ihn nicht geliebt haben!«
»Man sollte mit beiden Händen zugreifen, wenn einer einen will!«
»Du bist sehr anders geworden, Agnes Elisabeth!«
Wieder kam ein Schweigen, ein breites Schweigen. In dem Summen der
Bienen siedete die Nachmittagshitze, von den Blumenrabatten kam ein
schwerer Duft.
Agnes Elisabeth breitete ein Paket bunter Seidenfäden auf dem Tisch
aus. Weiche Seide in altmodischen Farben, wie man sie in Urgroßmutters
Stickkörben findet. Sie begann, die Fäden auseinanderzuwirren. Es war
eine schwierige Arbeit; alle Augenblicke blieb die Seide an ihren
rauhen Händen haften.
»Warum tust du das?« fragte Julie. »Das muß doch langweilig sein?«
Agnes Elisabeth hielt ein paar Fäden mit den Zähnen fest und zog an den
Strähnen.
»Das werden schöne glatte Zöpfe! Ich muß daran denken, wie ich früher
Evelyns Haar abends einflocht.«
Julie stellte sich vor, wie Peter dies wohl malen würde: das blasse
Gesicht, das rote Haar, die rieselnden Lindenschatten, die bunte Seide
und das fahl-sonnige Zwischenlicht.
»Es ist auch eine so nette Unterhaltung,« sagte Agnes Elisabeth
langsam. »Gesche sagt auch ...«
»Bist du oft mit Marianne zusammen?«
Agnes Elisabeth lachte.
»Weißt du, sie ist dick geworden; sie findet mich nicht so leicht!«
»Versteckst du dich vor ihr?«
Agnes Elisabeth kicherte.
»Gehst du nicht manchmal zu ihr?«
»Ja! Lukas ist auch immer sehr nett!«
»Wie ist ihr Kind?«
»Ganz niedlich! Sie macht nur zu viel Aufhebens davon. Sie ist manchmal
so albern; sie macht sich auch so wichtig ...«
»Aber sie ist glücklich über das Kind?«
»Sie küßt es immerzu!«
Julie war von Agnes Elisabeths zwecklosem Eifer schon angesteckt.
»Soll ich dir flechten helfen?« Sie hielt ihr die Finger hin, um die
Seide aufzunehmen.
»Ich bin auf Marianne neugierig,« sagte sie nach einer Weile.
»Du wirst sie wohl nicht zu sehen bekommen! Weil du dich ohne sie
verheiratet hast!« Sie brach ab; nach einer Weile kam es schwerfällig
hinterdrein: »Ach ja, ich habe dich noch nicht gefragt: Wie geht es
deinem Mann? Peter? Nicht?«
»Ich danke dir. Es geht ihm gut!«
»Ich habe zu ihr gesagt: ›Wenn Julie es so will ...‹« Sie fand nicht
weiter und nestelte an der Seide. Dann hob sie ihren Kopf und sah
Julie an: »Nicht wahr? Aber Marianne natürlich ...«
»Und Marianne ist noch immer böse?«
»Du kennst sie ja!«
»Dann ist ihr nicht zu helfen!«
»Um Verzeihung bitten magst du wohl nicht?«
»Agnes Elisabeth!« rief Julie empört, aber gleichzeitig auch
erschrocken.
»Ich meinte nur ... Ich muß das oft tun!« Sie legte die Seidenflechten
zusammen, eine auf die andere. »Ich freue mich dann, wenn alles wieder
in Ordnung ist. Mama war auch so dafür!«
Julie wollte etwas erwidern. Aber sie fühlte sich mit einem Male
außerstande. Nicht nur, weil sie begriff, daß es nutzlos sein würde.
Sie kam sich ausgeschlossen vor, als stünde sie vor einer Tür und könne
nicht hinein.
* * * * *
Abend war es. Seidiger Dunst stand über dem Garten, an den Bäumen
hingen ein paar Lichter, die von der schmalen Mondsichel kamen.
Um das Haus ging ein Klappern. Drüben bei Agnes Elisabeths Wohnzimmer
fing es an, kam hinten herum ... Plötzlich erschien Agnes Elisabeth vor
Julies Fenster und schlug den Laden zu.
»Was soll das?« rief Julie hinaus. »Warum tust du das?«
»Das muß so sein! Man ist dann sicherer!«
Julie kam ans Fenster und lehnte den Laden wieder zurück. »Aber, Agnes
Elisabeth, das haben wir früher nicht getan!«
»Es ist auch anders geworden!«
»Bei mir müssen die Fenster aufbleiben! Ich fürchte mich nicht!«
In Agnes Elisabeths Stimme kam ein weinerlicher Ton:
»So schließe wenigstens die Tür ab, Julie! Es ist nicht mehr wie
früher!« Sie stand auf dem Rasen, einen Rechen in der Hand, mit dem sie
die Wege noch einmal nachgesehen haben mochte. Julie beugte sich zu ihr
hinaus.
»Wenn du dich fürchtest, soll ich dann nicht lieber bei dir schlafen?!«
Agnes Elisabeth tat, als höre sie nichts, und begann den Weg unter dem
Fenster zu harken.
Julie ging ins Zimmer zurück. Die Angst um die Schwester war wieder da.
Eine Angst, die an hundert Dingen hing und sich doch eigentlich auf
nichts gründete, ein Zittern vor etwas Grausigem, das irgendwo wartete,
sich nicht greifen ließe und doch da wäre und drohte.
Sie mußte sich beschäftigen. Sie schloß ihren Schreibtisch auf, stellte
alle Sachen wieder an ihren alten Platz, ging an den Koffer, packte die
letzten Stücke aus. Dabei wartete sie immer darauf, daß Agnes Elisabeth
käme, ihr gute Nacht zu sagen. Sie wollte mit ihr über all dies
Seltsame sprechen, wollte sie fragen, ob sie ihr nicht helfen könne.
Wie ein kleines Mädchen kam sie sich vor, als sie daran dachte, daß
sie helfen solle. Sie wußte nicht, wo sie mit helfen beginnen sollte.
Agnes Elisabeth kam nicht. Vielleicht besprach sie mit Gesche noch das
Essen für morgen oder sah nach dem neu eingekochten Saft. Schließlich
dauerte es Julie zu lange, und sie ging hinaus. Auf der Diele brannte
ein Nachtlicht. Die Dunkelheit erschien dunkler dadurch. In der Küche
war niemand zu sehen; nur die Glut verglimmender Torfstücke kroch noch
über den Herd.
Julie ging nach Agnes Elisabeths Zimmer hinüber, faßte die Klinke und
wollte eintreten.
Die Tür war verschlossen. Drinnen sprang jemand auf.
»Wer ist da?«
»Ich bin es ... Julie! Ich wollte dir gute Nacht sagen!«
»Ich bin schon zu Bett,« sagte es drinnen nach einer Weile. »Ich bin
müde.«
»Du bist doch nicht krank?«
»Warum sollte ich krank sein? Geh nur zu Bett, Julie!«
»Wenn du mich brauchst, Agnes Elisabeth, weckst du mich, hörst du?!«
Von drinnen kam keine Antwort.
Julie ging in ihr Zimmer zurück.
Sie trat ans Fenster und sah in den Garten hinaus. Da waren mit einem
Male viele weiße Laken. Große grelle Flecke! Sie erschrak. Dann fiel
ihr ein: die hatte wohl Agnes Elisabeth noch aufgehängt. Sie zog ihren
Stuhl heran und lehnte die Arme auf die Fensterbank.
Lange Zeit saß sie so.
Plötzlich fuhr sie zusammen. Irgendwo dort hinten war ein Schatten
über die Laken gegangen. Sie beugte sich hinaus. Es war nichts zu
sehen; der Garten lag totenstill. Sie ging ins Zimmer zurück an
ihren Schreibtisch. Hier lag alles, womit sie sich die letzten Jahre
beschäftigt hatte. Jetzt würde sie zu solcher Arbeit fürs erste nicht
mehr kommen.
Da waren auch Peters Aquarelle. Sie wollte sie morgen aushängen; jetzt
war sie zu müde. Sie begann sich langsam auszukleiden.
Plötzlich ging sie ans Fenster und ließ das Rouleau herunter. -- Es war
doch vielleicht besser. Dann legte sie sich hin und löschte das Licht.