An einem Sommertage lehrte Julie nach Hause zurück.
Teetjes Wagen hatte sie am Bahnhof abgeholt. Agnes Elisabeth hatte
mitfahren wollen, war aber im letzten Augenblick nirgends zu finden
gewesen. Nun hielt sie vor der weißen Gartenpforte.
Gesche stürmte aus dem Hause, strahlte über das ganze Gesicht und
wischte vor freudiger Verlegenheit mit den Händen über die Schürze.
Teetje stieg vom Bock, hob die Koffer herunter:
»Man too, Gesche, faten Se ok man mit an!«
Julie sprach zwar noch mit Gesche, aber Teetjes Worte schienen hier
vorzugehen. Unterwürfig griff Gesche zu und schleppte die Sachen mit
hinein. Ein paar halbe Worte kamen zu Julie hinüber:
»Fräulein het seggt -- man blot up de Däälen ...« Und dann Teetjes
barsche Stimme:
»Hä, wa, -- Narrnkram! Man foors rin damit in die Stubben!«
Die beiden verschwanden im Haus, und Julie ging ihnen langsam nach.
Die Malvenstöcke standen noch da, aber wieviel größer waren sie
geworden! Früher war eine blaßrosa dazwischen gewesen; jetzt gab es nur
dunkelrote.
Unter den Linden dämmerte das alte grünglasige Licht. Wie stark sie
dufteten! Die grünen Bänke erschienen dunkler, ein klebriger Glanz lag
über ihnen; er kam von den Lindenblüten.
Auf der Diele gackerten zwei Hühner, in der Mitte schlief, ein
schwarzer Knäuel, die Katze. Die Dielenuhr schlug halb fünf. Warum nur
Agnes Elisabeth nirgends zu sehen war?
Julie mochte sie nicht rufen. Im Hause war es totenstill. Sie öffnete
die Tür zu ihrem Zimmer. Der Drücker ging noch immer etwas schwer und
klapperig. Drinnen stand Hinrich Teetje.
»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, Herr Teetje! Meine Schwester
haben Sie wohl nicht gesehen?«
Seine Hand fuhr durch die Luft.
»Vielleicht auf dem Kirchhof, da ist sie heut noch nicht gewesen!« Er
faßte an seine Mütze. »Na guten Tag!« Damit ging er.
Julie sah sich im Zimmer um. Die Luft war abgestanden und wußte vom
Sonnenschein und Staub vieler Tage. Es roch nach Kalk, nach Spinnen
und heruntergelassenen Rouleaus. Die Fenster sollten nun wieder offen
sein. Die Vasen standen voll vertrockneter Blumen. Das Zimmer dünkte
sie niedrig gegen die Berliner Etagenwohnung; es war ihr überhaupt
fremd geworden. In der letzten Zeit hatten sich ihre Gedanken ja
auch nicht oft hierher gefunden. Sie ging an ihr Bett. Die gute alte
Bettstelle! Großmamas Decke, die feine lila gestreifte Bettdecke hatte
viele Fliegenflecke bekommen. Die vergilbte Heloise in dem schmalen
Goldrahmen hing noch immer schief, im Spiegel waren einige blinde
Stellen mehr. Sie wusch sich die Hände; erst an dem Moorwasser merkte
sie, daß es noch ihr Zimmer war, und daß sie hier bald wieder zu Hause
sein würde. -- Mitten im Zimmer stand sie noch und trocknete sich
die Hände, als vor dem Fenster ein Kopf erschien und eine Stimme von
draußen hereinrief:
»Unten im Garten sitzt sie! Unter der großen Esche!«
Julie erschrak. War der noch immer da?! Durfte er hier so im Garten
herumlaufen? Sie wollte Agnes Elisabeth nach ihm fragen. Der Mensch
hatte etwas Merkwürdiges.
Sie ging in den Garten. Hier war vieles, was sie hätte begrüßen mögen,
aber sie hatte keine Zeit, denn Agnes Elisabeth kam die Tannenallee
herauf. Sie sprach mit jemandem, den Julie nicht sehen konnte.
Julie ging ihr entgegen. »Sie ist voller geworden«, dachte sie, »und
auch schöner.«
Die Schwestern gaben sich die Hand und küßten sich. Es war ein Kuß ohne
Innigkeit; die eine hatte das Küssen verlernt, die andre wußte, wie
anders Küsse sein können.
»Ich konnte nicht zum Bahnhof kommen,« sagte Agnes Elisabeth. »Ich
hab’ hier noch Unkraut gefunden; wenn man es nicht rechtzeitig
ausrupft, wird es immer schlimmer. Hier ist schon wieder welches!« Sie
bückte sich; es schien, als wolle sie da hockenbleiben. »Dieser dumme
Schachtelhalm! Immer reißt man die Stiele zu kurz ab!«
Julie blieb stehen. »Komm, Agnes Elisabeth, wir können es ja morgen
tun.«
»Wie du willst!«
Sie gingen einige Schritte.
»Als ich von Berlin wegfuhr, regnete es noch,« sagte Julie. »Hier ist
das Wetter so schön!«
»Ja, es ist in diesem Jahre früh Sommer geworden. Sieh mal, wie
groß die Äpfel sind! Sogar Gewitter hat es schon gegeben. Drüben
bei Gertelmanns, weißt du, wo wir manchmal beim Schlittschuhlaufen
einkehrten, hat es eingeschlagen. Aber sie sagen, er selbst habe es
angesteckt. Das ist überhaupt ein alter Trinker! Seine Frau ...«
»So!« sagte Julie. Es wunderte sie, daß sich die Schwester um solchen
Klatsch kümmerte.
Sie kamen ans Haus.
»In deinem Zimmer sind die Rouleaus herabgelassen, Agnes Elisabeth!?«
»Da schlafe ich schon längst nicht mehr. Ich ziehe in allen Zimmern
herum. Mir ist immer, als ob da etwas wäre, was mich heraustreibt ...«
»Du warst ja auch so allein! Das wird nun besser werden!« sagte Julie.
Nach einer Weile nahm sie die Hand der Schwester und streichelte sie.
Es fiel ihr auf, wie trocken die Haut war. Sie erschrak darüber.
Agnes Elisabeth ließ ihr die Hand nur einen Augenblick; dann zog sie
sie kurz zurück, als müsse sie versteckt werden.
»Komm, Gesche hat den Kaffeetisch in der Lindenlaube gedeckt!« sagte
sie. »Die ist schön sicher!«
Auf dem Tischtuch standen viele Tassen. Julie wußte nicht, was sie alle
hier sollten.
»Hast du heute nachmittag Besuch?« fragte sie. »Kommen noch andere
Menschen?«
»Nein, nein, das ist nur so!«
Agnes Elisabeth griff über den Tisch, tauschte zwei Obertassen
miteinander, wechselte zwei Untertassen und brachte sie alle in
Bewegung, die rosa auf die grünen, die blauen unter die gelben.
Bis Julie es nicht mehr mit ansehen konnte und die Tassen stellte, wie
sie zusammengehörten.
»Warum tust du das?« fragte sie befremdet.
Agnes Elisabeth nickte nur.