XXXI

An einem Sommertage lehrte Julie nach Hause zurück.

Teetjes Wagen hatte sie am Bahnhof abgeholt. Agnes Elisabeth hatte

mitfahren wollen, war aber im letzten Augenblick nirgends zu finden

gewesen. Nun hielt sie vor der weißen Gartenpforte.

Gesche stürmte aus dem Hause, strahlte über das ganze Gesicht und

wischte vor freudiger Verlegenheit mit den Händen über die Schürze.

Teetje stieg vom Bock, hob die Koffer herunter:

»Man too, Gesche, faten Se ok man mit an!«

Julie sprach zwar noch mit Gesche, aber Teetjes Worte schienen hier

vorzugehen. Unterwürfig griff Gesche zu und schleppte die Sachen mit

hinein. Ein paar halbe Worte kamen zu Julie hinüber:

»Fräulein het seggt -- man blot up de Däälen ...« Und dann Teetjes

barsche Stimme:

»Hä, wa, -- Narrnkram! Man foors rin damit in die Stubben!«

Die beiden verschwanden im Haus, und Julie ging ihnen langsam nach.

Die Malvenstöcke standen noch da, aber wieviel größer waren sie

geworden! Früher war eine blaßrosa dazwischen gewesen; jetzt gab es nur

dunkelrote.

Unter den Linden dämmerte das alte grünglasige Licht. Wie stark sie

dufteten! Die grünen Bänke erschienen dunkler, ein klebriger Glanz lag

über ihnen; er kam von den Lindenblüten.

Auf der Diele gackerten zwei Hühner, in der Mitte schlief, ein

schwarzer Knäuel, die Katze. Die Dielenuhr schlug halb fünf. Warum nur

Agnes Elisabeth nirgends zu sehen war?

Julie mochte sie nicht rufen. Im Hause war es totenstill. Sie öffnete

die Tür zu ihrem Zimmer. Der Drücker ging noch immer etwas schwer und

klapperig. Drinnen stand Hinrich Teetje.

»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, Herr Teetje! Meine Schwester

haben Sie wohl nicht gesehen?«

Seine Hand fuhr durch die Luft.

»Vielleicht auf dem Kirchhof, da ist sie heut noch nicht gewesen!« Er

faßte an seine Mütze. »Na guten Tag!« Damit ging er.

Julie sah sich im Zimmer um. Die Luft war abgestanden und wußte vom

Sonnenschein und Staub vieler Tage. Es roch nach Kalk, nach Spinnen

und heruntergelassenen Rouleaus. Die Fenster sollten nun wieder offen

sein. Die Vasen standen voll vertrockneter Blumen. Das Zimmer dünkte

sie niedrig gegen die Berliner Etagenwohnung; es war ihr überhaupt

fremd geworden. In der letzten Zeit hatten sich ihre Gedanken ja

auch nicht oft hierher gefunden. Sie ging an ihr Bett. Die gute alte

Bettstelle! Großmamas Decke, die feine lila gestreifte Bettdecke hatte

viele Fliegenflecke bekommen. Die vergilbte Heloise in dem schmalen

Goldrahmen hing noch immer schief, im Spiegel waren einige blinde

Stellen mehr. Sie wusch sich die Hände; erst an dem Moorwasser merkte

sie, daß es noch ihr Zimmer war, und daß sie hier bald wieder zu Hause

sein würde. -- Mitten im Zimmer stand sie noch und trocknete sich

die Hände, als vor dem Fenster ein Kopf erschien und eine Stimme von

draußen hereinrief:

»Unten im Garten sitzt sie! Unter der großen Esche!«

Julie erschrak. War der noch immer da?! Durfte er hier so im Garten

herumlaufen? Sie wollte Agnes Elisabeth nach ihm fragen. Der Mensch

hatte etwas Merkwürdiges.

Sie ging in den Garten. Hier war vieles, was sie hätte begrüßen mögen,

aber sie hatte keine Zeit, denn Agnes Elisabeth kam die Tannenallee

herauf. Sie sprach mit jemandem, den Julie nicht sehen konnte.

Julie ging ihr entgegen. »Sie ist voller geworden«, dachte sie, »und

auch schöner.«

Die Schwestern gaben sich die Hand und küßten sich. Es war ein Kuß ohne

Innigkeit; die eine hatte das Küssen verlernt, die andre wußte, wie

anders Küsse sein können.

»Ich konnte nicht zum Bahnhof kommen,« sagte Agnes Elisabeth. »Ich

hab’ hier noch Unkraut gefunden; wenn man es nicht rechtzeitig

ausrupft, wird es immer schlimmer. Hier ist schon wieder welches!« Sie

bückte sich; es schien, als wolle sie da hockenbleiben. »Dieser dumme

Schachtelhalm! Immer reißt man die Stiele zu kurz ab!«

Julie blieb stehen. »Komm, Agnes Elisabeth, wir können es ja morgen

tun.«

»Wie du willst!«

Sie gingen einige Schritte.

»Als ich von Berlin wegfuhr, regnete es noch,« sagte Julie. »Hier ist

das Wetter so schön!«

»Ja, es ist in diesem Jahre früh Sommer geworden. Sieh mal, wie

groß die Äpfel sind! Sogar Gewitter hat es schon gegeben. Drüben

bei Gertelmanns, weißt du, wo wir manchmal beim Schlittschuhlaufen

einkehrten, hat es eingeschlagen. Aber sie sagen, er selbst habe es

angesteckt. Das ist überhaupt ein alter Trinker! Seine Frau ...«

»So!« sagte Julie. Es wunderte sie, daß sich die Schwester um solchen

Klatsch kümmerte.

Sie kamen ans Haus.

»In deinem Zimmer sind die Rouleaus herabgelassen, Agnes Elisabeth!?«

»Da schlafe ich schon längst nicht mehr. Ich ziehe in allen Zimmern

herum. Mir ist immer, als ob da etwas wäre, was mich heraustreibt ...«

»Du warst ja auch so allein! Das wird nun besser werden!« sagte Julie.

Nach einer Weile nahm sie die Hand der Schwester und streichelte sie.

Es fiel ihr auf, wie trocken die Haut war. Sie erschrak darüber.

Agnes Elisabeth ließ ihr die Hand nur einen Augenblick; dann zog sie

sie kurz zurück, als müsse sie versteckt werden.

»Komm, Gesche hat den Kaffeetisch in der Lindenlaube gedeckt!« sagte

sie. »Die ist schön sicher!«

Auf dem Tischtuch standen viele Tassen. Julie wußte nicht, was sie alle

hier sollten.

»Hast du heute nachmittag Besuch?« fragte sie. »Kommen noch andere

Menschen?«

»Nein, nein, das ist nur so!«

Agnes Elisabeth griff über den Tisch, tauschte zwei Obertassen

miteinander, wechselte zwei Untertassen und brachte sie alle in

Bewegung, die rosa auf die grünen, die blauen unter die gelben.

Bis Julie es nicht mehr mit ansehen konnte und die Tassen stellte, wie

sie zusammengehörten.

»Warum tust du das?« fragte sie befremdet.

Agnes Elisabeth nickte nur.

Die Schwestern Hellwege · 第 41 / 47 题