Das Leben ist für jeden von uns eine andere Musik.
Ein Konzert, in dem Symphonien von Gassenhauern begleitet werden und
Tänze neben Trauermärschen klingen.
Ein Publikum, das sich hineindrängen läßt und nicht weiß, was gespielt
werden wird.
Die meisten hören eine Musik, die ihnen nicht gefällt, und blicken
neidisch auf die anderen, die im Konzert eine Elitenummer erwischt
haben.
Wenige nur, die so klug sind, sich die Stücke auszusuchen, die sie
hören wollen, die einen Blick ins Programm werfen und, wenn sie nicht
finden, was sie brauchen, zu Hause bleiben und sich ihre Musik selbst
machen.
Julie und Peter gehörten zu diesen wenigen. Zwar bot ihnen das Programm
der Familie Brautgesang und Hochzeitsmärsche. Aber dergleichen mochten
sie nicht hören.
An jenem Weihnachtsabend hatten sie ihre eigene Musik gefunden. Mit
einer stillen Frage hatte sie begonnen, und eine Antwort war gekommen,
brausend wie großes Orchester, mit Strömen von Licht und Wogen von
Farben. Monate gingen, in denen nur diese Musik erklang, ein breites
Andante voll Andacht, ein sonniges Scherzo mit Julies Kinderlachen, ein
weinendes Adagio, mit Tränen allzu großer Freude, ein Presto, in dem es
jubelte vor Glück.
Der Frühling war schon im Lande, als wieder ein neuer Satz begann. Es
war dasselbe Thema, das er brachte, und doch ein anderes. Sie schwiegen
ergriffen, als sie es hörten, sie falteten ihre Hände. War es nicht
etwas Neues und Großes? Und war es nicht doch das alte?
Nur eine Melodie war hinzugekommen, aber um diese eine Melodie rankte
sich alles herum; alles klammerte sich an ihr fest, ward zu einem
Crescendo, das in ihr seinen Höhepunkt fand.
Aus der alten Melodie war die neue der Mütterlichkeit geworden.
* * * * *
Wie verschieden davon war die Musik, die die Schwestern zu hören
bekamen.
Agnes Elisabeths Leben war kaum noch etwas anderem vergleichbar als
dem dumpfen Plappern der Nonnen in den Klosterkirchen, während des
Mittelalters Brandwolken über dem Lande qualmten. Ab und zu sprangen
rote Lichter in ihr ödes Haus, flogen über ihr Gesicht und warfen
Entsetzen vor ihre Füße.
Im Lehrerhaus gab es Wiegenlieder, surrende Weisen, die ein wenig nach
Kinderwäsche riechen und ohne allzu große Tiefe von dem Glück der
Heimat und der warmen Stube singen. Bei Lukas die breite Innigkeit des
Volksliedes, bei Marianne rosig robuste Mütterlichkeit und ein gut Teil
satter Sentimentalität.
Für Evelyn war das Leben gleich einer Ballmusik, gleich einem Walzer,
in dessen wiegendem Rhythmus Sehnsucht nach Lebensfreude singt. Die
Geigen klangen so weich, wie der Mond im schlafenden Garten; dann
hüpften die Lichter herbei, Windlichter lustiger Feste, kokettes
Pizzicato mit Triangel und Glockenspiel.
Auch Tante Sophie bekam ein wenig davon ab, und sie wurde wehmütig,
wenn sie daran dachte, daß dieser Tanz bald zu Ende wäre und an seine
Stelle wieder die Würde der Abonnementskonzerte träte, von denen
man nicht mehr hatte als jedesmal ein neues Kleid, und die man nur
besuchte, weil es zum guten Ton gehörte. Als Tante Sophie im April nach
Hause zurückkehrte, hatte sie aber nicht den Mut, auf ihr Abonnement zu
verzichten; es war auf Lebenszeit genommen, und sie mußte sich damit
abfinden.
Im Stockmannschen Hause blieb es die alte Motette, die früher einmal
eine Melodie mit geraden Holzschnittlinien gewesen war, nun aber
längst durch weichliche Schnörkel stillos und schwülstig geworden war.
Bei Johannes mehr Empfindung, aber doch immer nur einem geistlichen
Liede vergleichbar, wie es jeder Kantor für den Hauptgottesdienst
komponiert, Mendelssohn, Abt und ein wenig Lassen ...
* * * * *
So hörten sie ein jedes, was ihm zukam. Die einen bestimmten sich die
Musik ihres Lebens selbst, die anderen bekamen zu hören, was eben da,
wo sie im Leben standen, gespielt wurde.
Die Zeit schlug ihren Rhythmus dazu, eintönig dem einen, dem andern ein
frischer Puls bewußten Lebens.
Sie schleppte sich durch den Winter hindurch, bis die Stürme des
Frühlings das Eis zerhämmerten. Sie brachte Blumen und eilte
leichtbewegt über die Wiesen, um alle diese Blumen zu verstreuen. Nun
war es schon der langsame, schweigende und klingende Rhythmus des
Sommers geworden.