XXIX

Das Leben ist für jeden von uns eine andere Musik.

Ein Konzert, in dem Symphonien von Gassenhauern begleitet werden und

Tänze neben Trauermärschen klingen.

Ein Publikum, das sich hineindrängen läßt und nicht weiß, was gespielt

werden wird.

Die meisten hören eine Musik, die ihnen nicht gefällt, und blicken

neidisch auf die anderen, die im Konzert eine Elitenummer erwischt

haben.

Wenige nur, die so klug sind, sich die Stücke auszusuchen, die sie

hören wollen, die einen Blick ins Programm werfen und, wenn sie nicht

finden, was sie brauchen, zu Hause bleiben und sich ihre Musik selbst

machen.

Julie und Peter gehörten zu diesen wenigen. Zwar bot ihnen das Programm

der Familie Brautgesang und Hochzeitsmärsche. Aber dergleichen mochten

sie nicht hören.

An jenem Weihnachtsabend hatten sie ihre eigene Musik gefunden. Mit

einer stillen Frage hatte sie begonnen, und eine Antwort war gekommen,

brausend wie großes Orchester, mit Strömen von Licht und Wogen von

Farben. Monate gingen, in denen nur diese Musik erklang, ein breites

Andante voll Andacht, ein sonniges Scherzo mit Julies Kinderlachen, ein

weinendes Adagio, mit Tränen allzu großer Freude, ein Presto, in dem es

jubelte vor Glück.

Der Frühling war schon im Lande, als wieder ein neuer Satz begann. Es

war dasselbe Thema, das er brachte, und doch ein anderes. Sie schwiegen

ergriffen, als sie es hörten, sie falteten ihre Hände. War es nicht

etwas Neues und Großes? Und war es nicht doch das alte?

Nur eine Melodie war hinzugekommen, aber um diese eine Melodie rankte

sich alles herum; alles klammerte sich an ihr fest, ward zu einem

Crescendo, das in ihr seinen Höhepunkt fand.

Aus der alten Melodie war die neue der Mütterlichkeit geworden.

* * * * *

Wie verschieden davon war die Musik, die die Schwestern zu hören

bekamen.

Agnes Elisabeths Leben war kaum noch etwas anderem vergleichbar als

dem dumpfen Plappern der Nonnen in den Klosterkirchen, während des

Mittelalters Brandwolken über dem Lande qualmten. Ab und zu sprangen

rote Lichter in ihr ödes Haus, flogen über ihr Gesicht und warfen

Entsetzen vor ihre Füße.

Im Lehrerhaus gab es Wiegenlieder, surrende Weisen, die ein wenig nach

Kinderwäsche riechen und ohne allzu große Tiefe von dem Glück der

Heimat und der warmen Stube singen. Bei Lukas die breite Innigkeit des

Volksliedes, bei Marianne rosig robuste Mütterlichkeit und ein gut Teil

satter Sentimentalität.

Für Evelyn war das Leben gleich einer Ballmusik, gleich einem Walzer,

in dessen wiegendem Rhythmus Sehnsucht nach Lebensfreude singt. Die

Geigen klangen so weich, wie der Mond im schlafenden Garten; dann

hüpften die Lichter herbei, Windlichter lustiger Feste, kokettes

Pizzicato mit Triangel und Glockenspiel.

Auch Tante Sophie bekam ein wenig davon ab, und sie wurde wehmütig,

wenn sie daran dachte, daß dieser Tanz bald zu Ende wäre und an seine

Stelle wieder die Würde der Abonnementskonzerte träte, von denen

man nicht mehr hatte als jedesmal ein neues Kleid, und die man nur

besuchte, weil es zum guten Ton gehörte. Als Tante Sophie im April nach

Hause zurückkehrte, hatte sie aber nicht den Mut, auf ihr Abonnement zu

verzichten; es war auf Lebenszeit genommen, und sie mußte sich damit

abfinden.

Im Stockmannschen Hause blieb es die alte Motette, die früher einmal

eine Melodie mit geraden Holzschnittlinien gewesen war, nun aber

längst durch weichliche Schnörkel stillos und schwülstig geworden war.

Bei Johannes mehr Empfindung, aber doch immer nur einem geistlichen

Liede vergleichbar, wie es jeder Kantor für den Hauptgottesdienst

komponiert, Mendelssohn, Abt und ein wenig Lassen ...

* * * * *

So hörten sie ein jedes, was ihm zukam. Die einen bestimmten sich die

Musik ihres Lebens selbst, die anderen bekamen zu hören, was eben da,

wo sie im Leben standen, gespielt wurde.

Die Zeit schlug ihren Rhythmus dazu, eintönig dem einen, dem andern ein

frischer Puls bewußten Lebens.

Sie schleppte sich durch den Winter hindurch, bis die Stürme des

Frühlings das Eis zerhämmerten. Sie brachte Blumen und eilte

leichtbewegt über die Wiesen, um alle diese Blumen zu verstreuen. Nun

war es schon der langsame, schweigende und klingende Rhythmus des

Sommers geworden.

Die Schwestern Hellwege · 第 39 / 47 题