XXVIII

Es regnete.

Der Himmel war eine qualmende Dunstmasse. In krisselnden Strichen kam

das Wasser am Fenster vorbei, spritzte gegen die Scheiben und klatschte

auf die Dächer; an den Scheiben flossen die Tropfen in Bächen, und die

Dächer waren blank. Ab und zu fuhr ein Windstoß daher und preßte den

Regen gegen eine Wand, daß es zischte und knatterte.

Dann sprangen Böen aus den Wolken, nahmen das Wasser und fuhren durch

die Straßen, peitschten es vor sich hin und schleppten es hinter

sich her, waren plötzlich verschwunden, und wieder tropfte es in der

Dachrinne und klopfte an die Fenster.

»Bei solchem Wetter kommen viele Gedanken und Träume!« sagte Julie.

Sie saß an ihrem Platz in Peters Atelier, neben dem Mahagoni-Pulte,

wo sie ein wenig vom Fenster sehen konnte und doch zwischen allen den

lieben Dingen des Zimmers war.

Peter hockte in einem Sessel.

»Früher waren dieses meine liebsten Farben! Jetzt freilich ...«

Er schwieg. Er empfand, daß er von etwas anderem, etwas ganz Bestimmtem

sprechen wollte. Aber er wußte nicht, was es war. Er schwieg und suchte

danach.

Bis Julie es fand.

»Ich denke an etwas, woran ich schon oft gedacht habe seit Weihnachten.«

»Vielleicht ist es das, wonach ich suche?! Sag’ es mir, Julie!«

Sie schwieg.

Der Regen schlug gegen das Fenster. Schwaden zogen draußen vorüber.

Julie sah hinaus. Nach einer Weile kam es leise:

»Ich wüßte gern, ob wir wohl ein Kind haben werden?!«

Peter sagte nichts. Aber dies war es, wovon er mit ihr sprechen wollte.

»Ich denke darüber nach,« fuhr er nach einer Weile fort, »ob das Kind

uns wohl dankbar dafür sein wird, daß seine Eltern nicht verheiratet

sind?«

Wie weich klangen ihre Worte! War es nicht, als ob die Linien ihres

Gesichts, auf denen die Dämmerung halbe Lichter spielen ließ, jetzt in

leisen Tönen zu ihm sprächen?

»Ich möchte wissen, Peter, ob ein Kind einem niemals Vorwürfe machen

kann? Die Menschen sind noch nicht so weit, daß sie den Unterschied

begreifen zwischen Kindern aus einer Vernunftheirat und solchen,

die -- aus dem kommen, was zwischen uns ist. Die Menschen werden es

einem solchen Kinde sehr schwer machen, glaube ich; das Kind wird

vielleicht seine beste Kraft daran verschwenden müssen, nur über die

Schwierigkeiten hinwegzukommen, die ihm die Eltern bereitet haben.«

Sie hatte ihre Hände gefaltet und sah zu Peter hinüber.

Er saß still in seiner Ecke. Er wußte, wie schwer es Julie sein mußte,

an diese Dinge zu rühren, die sie früher so leicht hatte in ihre Hände

nehmen können, weil sie noch nicht zu ihnen gehört hatten.

»Glaubst du nicht, daß die Erziehung das Kind davor schützen wird? Ich

meine, durch sie müßte es innerlich frei werden, so daß es unbekümmert

seinen Weg gehen kann ...!«

»Ja, Peter! Aber vielleicht wird das Kind auch anders denken. Es will

sein Leben selbst bestimmen dürfen, ebenso unabhängig, wie wir es getan

haben; frei soll es vor dem Leben stehen, soll gehen dürfen, wohin

seine Überzeugung es drängt. Darf man seine Entscheidung beeinflussen?«

Peter nickte langsam.

»Glaubst du nicht, daß wir unserem Kinde ...?«

»Peter!« Sie sah ihn mit strahlendem Lächeln an.

»Ja, unserem Kinde! Glaubst du nicht, daß wir ihm alles Schöne zeigen

werden, so daß es fühlen und begreifen wird, was unser Leben ausfüllt?«

»Ja, Peter, das werden wir! Aber dürfen wir auch diese Frage seines

Lebens ~entscheiden~? Entscheiden, ohne es vorher zu fragen? Ich

glaube es nicht!«

Peter schaute sie bewegt an.

»Nicht wahr, du verstehst mich, Peter? Nicht die Menschen fürchte ich,

und daß sie von Schande sprechen könnten; aber vor diesem Kinde würde

ich mich fürchten, daß es einmal sagen könnte, wir hätten ihm im Wege

gestanden.«

Sie saß eine Weile in Sinnen verloren. Und dann sagte sie leise:

»Deshalb würde ich mir vielleicht doch wünschen, daß du mich heiratest!«

Peter stand vor ihr; seine Hand strich über ihr Haar.

»Und, nicht wahr, Peter, von uns selbst geben wir dabei doch nichts

auf?! Zwischen uns beiden bleibt alles, wie wir es einander neulich

gesagt haben!?«

Peter beugte sich zu ihr und küßte sie auf die Stirn.

Dann zog er sie in seinen Sessel. Lange saßen sie da, ganz still. Bis

Peter ihre beiden Hände nahm und sagte:

»Dann soll es bald geschehen, Julie!«

Sie neigte ihren Kopf sehr tief.

»Du mußt das wissen, Peter! Ich weiß von diesen Dingen nichts!«

Und plötzlich weinte sie.

* * * * *

Noch an demselben Abend schrieb Peter Owen an den Vormund -- übrigens

war Julie bereits seit einem halben Jahre mündig -- und zeigte diesem

an, daß er sich mit Julie verheiraten werde. Er schätze sich glücklich,

in verwandtschaftliche Beziehungen zu Herrn Craners Familie zu kommen,

aber er bitte ihn, sich seinen und Julies Wünschen anzupassen und auf

eine Hochzeitsfeier zu verzichten.

Dieser Brief erregte in der Familie Entsetzen.

Sechs Wochen später fand die Trauung statt.

Die Schwestern Hellwege · 第 38 / 47 题