XXVII

Sie sehnte sich nach Peter, die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen

kam. Da wußte sie, daß sie zu ihm gehen mußte. Mit einem Male war

dieser Gedanke da. Und er veränderte alles.

Bei Peter war sie schon oft gewesen, daran war nichts Neues, jetzt

aber schien es ihr doch ganz anders. Als geschehe es heute zum ersten

Male mit Bewußtsein, mit einem Empfinden, das bisher geträumt hatte,

heute aber jede Schönheit tausendfältig nehmen würde, mit allem Jubel

ihres Glückes. Wie eine Kinder-Weihnachtsfreude wartete es in ihr.

Sie kam sich vor wie eine, die am Vormittag, als die Mutter aus der

Weihnachtsstube kam, scheu und sehnsüchtig durch die halboffene Tür

hineingeblickt hatte. Da stand der Baum, groß und dunkel, und auf

dem Tisch lagen viele Dinge. So seltsam sah das alles aus, als ob es

schliefe. Aber sie wußte, daß es am Abend anders sein würde. Ein Glanz,

der durch die Tür bräche, Wogen von Licht, die aus einer leuchtenden

Mitte herniederfluteten und das Zimmer bis in seine dunkelsten

Ecken füllten, unzählige Lichtpünktchen, die sich leise wiegten oder

strahlend stillestünden.

Noch immer war es Vormittag. Stunden müßten gehen, bis es dunkel würde.

Sie saß am Fenster, hatte ihre Uhr vor sich hingelegt und sah auf die

Straße. Oder in den Himmel oder ins Zimmer zurück. Der Zeiger rückte so

langsam.

Zwei Pakete wurden für sie gebracht, Weihnachtspakete.

Das eine kam von Evelyn. Nelken und Veilchen waren darin, ein Duft von

stillen Gärten und blauem Himmel. Lange saß Julie davor. Dann öffnete

sie das andere Paket. Eine rote Juchten-Schreibmappe von Marianne,

feine Taschentücher und eine Bernsteinkette von Agnes Elisabeth. Sie

legte es beiseite. Eigentlich berührte sie dies alles nur wenig. Kaum,

daß sie sich über den Bernstein freute, den sie sich früher einmal so

gewünscht hatte! Sie dachte an die Schwestern; aber sie machte sich

nicht die Mühe, sich vorzustellen, wo sie heute abend sein würden. So

weit von ihr waren sie, der räumliche Abstand erschien klein gegen die

graue Strecke innerer Entferntheit.

Wieder sah sie auf die Straße oder in den Himmel oder ins Zimmer

zurück. Die Zeit wollte nichts von Eile wissen, trödelte eine

Viertelstunde, schlürfte weiter, schien ganze Minuten lang

stillzustehen und kam mühselig zum Mittag. Die Blumen dufteten

stärker, ein blasser Fleck auf der Fensterbank erzählte ein wenig von

Sonne. Langsam ging es in den Nachmittag hinein.

Als die Schatten in den Ecken zu flüstern begannen, wurde aus der

Freude ein Bangen. Ganz unbestimmt war es, wußte nicht, was es

eigentlich wollte. Sie schloß die Augen, ihre Hände fielen in den

Schoß. Ein weiches Flimmern ging durch ihren Körper, ein laues Gefühl,

unter dem sie stillhielt und kein Glied rühren mochte. Dergleichen

kannte Julie noch nicht; sie wäre zu andern Zeiten darüber erschrocken

gewesen, hätte nicht eher geruht, als bis sie gefunden hätte, woher es

käme. Aber auch ihre Empfindungen lagen mit halbgeschlossenen Augen

unter einem Schleier verhängten Lichts.

Eine lange Zeit verging. Es war dunkel, als Julie aufschrak. Oben an

der Decke blinzelten wieder die Laternenlichter, gerade wie gestern

abend, und sie kam sich vor, als sei es noch gestern und sie habe

diesen Tag nur geträumt. Sie sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten

vor sechs. Da sprang sie auf. Um fünf Uhr hatte sie bei ihm sein

wollen. Er wartete schon. Sie mußte eilen. Hut und Jacke, einen großen

Strauß von Evelyns Veilchen, -- und fort war sie.

Draußen auf der Straße begann es schon weihnachtsstill zu werden. Große

Flocken segelten herunter und zergingen auf den Steinen. Die Luft war,

als ob es tauen wollte.

Julie ging schnell. Nach kaum zehn Minuten stand sie vor seinem Hause.

Sie wollte eintreten, aber plötzlich kehrte sie um und ging weiter. Als

ob sie Angst hätte!

Sie ging die Straße zu Ende, bog in die nächste Seitenstraße, lief

immer weiter, wie im Traum, und konnte ihr banges Gefühl nicht los

werden. Fast eine Stunde irrte sie so umher und wußte kaum noch, wo sie

war.

Überall sah sie jetzt Christbäume glänzen, hörte auch hier und da ein

Weihnachtslied und kam sich wie das arme Kind vor, von dem sie bei

Stockmanns einmal in einem Traktätchen gelesen hatte. Und plötzlich war

eine Sehnsucht da, dieselbe Sehnsucht nach Lichtern und Weihnachtsduft,

wie bei dem armen Kinde, und dann kam eine andere, die sie wohl kannte,

seit gestern abend. Da wollte sie umkehren. Aber die Straße, in der sie

war, erschien ihr mit einem Male bekannt, und plötzlich sah sie sich

wieder vor seinem Hause.

Sie ging hinein.

Im Wohnzimmer saß er, in einem Mahagonisessel. Auf dem Schreibtisch

standen zwei Messingleuchter mit dicken Wachskerzen, die still

herunterbrannten, als sei hier eine Kirche. Auf dem Tisch wartete

der Tee, der aber schon kalt war; vor zwei Stunden hatte Peter ihn

bereitet, er hatte nichts davon getrunken, sondern mit ihm gewartet,

bis halb sechs, bis sechs und dann noch eine Zeit, von der er nicht

mehr wußte, wie lang sie gewesen war.

»Der Tee ist kalt geworden!«

»Du bist böse?«

»Hm!«

»Wirklich? Es ist Weihnachten, du!«

»Du bist wohl bei Stockmanns gewesen?«

»Komm, das wollen wir lassen!« Sie küßte ihn auf die Stirn, setzte sich

ihm gegenüber und roch an den Veilchen.

Peter nahm seine Pfeife heraus.

»Du erlaubst?«

Sie nickte.

Er setzte die Pfeife in Brand. An ihre Torfbauern mußte Julie denken,

so hielt er die Pfeife im Mund. Sah er nicht aus, wie ein ungezogener

Junge, mit seinem kindlichen Ausdruck um den Mund, den grauen Augen,

die manchmal hellblau leuchteten, wie wenn ein Wind über blaues Wasser

geht? Kokettierte nicht ein kleines verschmitztes Lächeln aus diesen

Augen, in kurzen, flackernden Blicken?

Plötzlich fing er an, mit halben Sätzen zu sprechen, wie einer tut, der

die Pfeife im Munde hat.

»Hör’ mal, Julie, ich habe mir etwas überlegt.«

Ein paar blaue Wolken qualmten auf. »Es ist wohl besser, ich schreibe

an deinen Vormund und bitte ihn in aller Form um deine Hand.«

Julie saß ganz still. Sie betrachtete eine Kerze, die schief gebrannt

war und ihr Wachs langsam träufeln ließ.

»Wir sind dann richtig verlobt, vor aller Welt verlobt, und den

Ansprüchen der Gesellschaft ist Genüge getan. Es ist natürlich eine

Äußerlichkeit, eine törichte Form, aber man muß sie eben mitmachen. Es

hat keinen Zweck, sich auszuschließen!«

Julie schwieg noch immer. Nun war die Wachssträhne auf dem Messing

gelandet.

»Wir können dann bald heiraten, wir sehen uns zusammen die Welt an,

später leben wir hier oder auf dem Lande.«

Von Julie kam kein Laut. Sie saß tief im Schatten. Er konnte nur sehen,

daß ihre Handflächen vor dem Gesicht lagen. Er merkte, daß sie weinte.

Es war kein Schluchzen, auch keine Tränen. Wie ein blasser Duft kam es

zu ihm herüber. In diesem Dufte sonnte sich sein Lächeln.

»Wir werden dann alles miteinander teilen. Natürlich ohne übertriebene

Rücksichten; jeder kann seine eigenen Wege gehen. Du arbeitest, ich

male. Du bist mein Kamerad, mit dem ich über alles sprechen kann. Du

kennst auch meine Freunde noch gar nicht,« dabei hatte er ihr vor acht

Tagen gesagt, daß er nur einen alten Schulfreund oben in Holstein habe.

»Von denen wirst du mancherlei Anregung haben. Wir werden ein Haus

machen, viele Menschen sehen, vergnügt und glücklich nebeneinander

durchs Leben gehen.«

Julies Hände sanken von ihrem Gesicht; ihre Augen sahen unbewegt in das

Kerzenlicht.

»Das sind katholische Kirchenkerzen,« sagte Peter. Dann lachte er.

Julie stand auf und ging zu den Lichtern hin.

»Julie!«

Ein Zittern kam in den Heiligenschein, den die krausen Haare um ihren

Kopf legten.

»Julie!«

»Ja ...?«

»Komm!«

»Nein, wenn du ~das~ willst, komme ich überhaupt nicht mehr zu

dir! Wenn du glaubst, meine Liebe sei eine Allerweltsliebe ...«

Nun war es an ihm, still zu sein.

»Es ist mir gleich, was du von mir denkst, aber ich habe dich anders

lieb, als daß ich dich danach heiraten werde! Gelübde tun, von denen

ich nicht weiß, ob es nicht später ein Verbrechen ist, sie zu halten,

alles, womit ich dich lieb habe, in Formen zwangen, zwischen denen es

das ganze Leben bleiben soll, denen man immer nur Zugeständnisse machen

muß, die einen erniedrigen, das Heiligste, was ich habe, im Alltag

abnutzen ...! In deinem ›gastfreien Hause‹, und wenn ich für dich nicht

~mehr~ sein darf als dein Kamerad! Das würde nicht lange dauern.

-- So bin ich, und wenn du mich so nicht haben willst ...«

Aus dem Lächeln in Peter Owens Gesicht war ein Strahlen geworden.

»Julie ...!«

Sie blickte sich um. Als sie sein Gesicht sah, machte sie ihre kleinen

Schritte und kam auf ihn zugelaufen.

»Ich wollte es so gern einmal von dir hören!« sagte er.

Sie küßte ihn. O ja, sie küßte ihn.

Und nun wollten sie Weihnachten feiern.

Der Duft von ihrer Kindheit Tagen sollte im Zimmer dämmern,

die wichtigen Geschichten sollten sich von neuem begeben, vom

Versteckspielen im Hause der Großeltern, von den Windmühlenflügeln, die

sie beinahe mitgenommen hätten, vom Hektor, der dann gestorben war. An

ihren Kinderträumen wollten sie das Heute messen und konnten ihr Glück

nicht anders sagen, als mit ihrem alten Kinderlachen.

Sie mußte die Augen zumachen, damit er die Leuchter hinaustragen und

den Baum hereinbringen konnte. Damit sie nicht zu früh aufsehe, mußte

sie bis hundert zählen; sie hörte aber schon bei fünfzig auf, und da

stand vor ihr der kleine Baum mit allen seinen Lichtern.

Wie sie jubeln und lachen konnten! Um den Tisch herum liefen sie und

sahen ihn von allen Seiten an und fanden, daß er von hier so lustig

aussähe, aber von da noch lustiger. Julie wollte die Lichter recht

genau betrachten, diese vergnügten Lichter, und kam zu nahe, daß ihr

Haar schon ein wenig zu knistern anfing, er mußte sie wegziehen; da

sie nun einmal in seinen Armen war, mußte er sie wohl küssen. Dann

durfte er sie nicht stören, am Schreibtisch saß sie und malte ihre

Verlobungsanzeige auf ein großes Stück Papier; die legte sie ihm unter

den Baum und machte ein feierliches Gesicht, daß er dachte, es sei

irgend etwas Liebes, was sie ihm aufgeschrieben hätte; nun war es dies.

Und sie lachte ihn aus!

Geschenke hatten sie keine; was hätten sie sich auch noch schenken

sollen?

»Ich dachte, du würdest mir eine Börse gehäkelt haben, Julie! Oder du

hättest mir eine Brieftasche gestickt!«

»Ich ~habe~ ein Geschenk für dich, Peter,« sagte sie und wendete

sich ein wenig ab. »Du weißt wohl nicht, was es sein könnte?«

»Nein!« kam es lächelnd zurück.

»Nicht?«

»Nein!«

Da drehte sie sich langsam um, der Heiligenschein der Weihnachtslichter

war wieder über ihrem Haar.

»Mich!« sagte sie still.

Die Lichter, die bis jetzt geflackert und geschaukelt hatten, brannten

nun ganz ruhig. Feierlich, wie es solchen Weihnachtslichtchen zukommt.

Ganz sachte brannten sie herunter. Und dann erloschen sie eins nach dem

anderen.

Die Schwestern Hellwege · 第 37 / 47 题