XXV

Sie waren täglich beisammen. Sie nahmen die Tage mit Lächeln und gaben

einander, soviel sie nur geben konnten.

Zuerst war es seine Kunst, die sie mit leisem Finger berührte. Und

Farben kamen, die er noch nicht gekannt hatte. Man machte seinen

Bildern den Vorwurf, sie seien zu blaß. Diese Blässe war auch

vorhanden, als der Ausdruck eines allzu feinen Farbenempfindens. Es

wurde anders. Julie hatte gewiß die Augen für seine Töne, aber sie

brachte ihn dahin, die brausende Musik satter Farben zu lieben.

Erfuhren sie hierbei, wie ihrer beider Empfinden sich ergänzte, so

bemerkten sie an Büchern, über die sie sprachen, an Erlebnissen

und Gedanken, die sie einander erzählten, manche Ähnlichkeit ihrer

Anschauungen. Bei ihm waren sie fest, kühl leuchtend, bei ihr alles ein

wenig weicher. So schritten sie durch neues Land und fanden Schönheiten.

Sie waren im Irrtum, wenn sie glaubten, daß sie sich ihren Weg

selbständig suchten. Ihre Liebe ging ihnen voraus, sie folgten nur,

träumend, ohne die Augen aufzuschlagen. -- Manchmal glaubten sie zu

wissen, daß es ein Ziel gab; aber wenn sie daran dachten, waren sie

froh, in einer Wirklichkeit zu sein, die noch weit davon entfernt

war. Sie kam nicht jeden Tag zu ihm; aber wenn sie kam, war es

meist am dämmernden Nachmittag. Sie liebte es, an seinem geräumigen

Backsteinkamin zu sitzen und zuzusehen, wie er den Tee machte.

Es hatte ihn belustigt, daß sie niemals auf den Gedanken gekommen war,

es ihm abzunehmen. Es gab viele Dinge an ihr, über die er sich wunderte.

Man wußte niemals, was sie tun oder sagen würde. So konnte sie

ungeniert sein, daß er sich oft wunderte. War ihr eine Haarnadel in

den Halsausschnitt des Kleides gefallen, so konnte sie ruhig lächelnd

hinunterfassen, um sie wieder heraufzuholen.

Sie sprach mit ihm über alles, über Dinge, die sie vielleicht nackt vor

ihm auszogen. Er meinte, ihre Haut berühren zu können. Aber die Art,

~wie~ sie sprach, ließ ihn dann nur etwas Kühles an seinen Händen

fühlen; nie, daß eine zitternde Schwüle über ihn gekommen wäre.

Dabei war sie weiblich, oft sogar frauenhaft. Und immer war sie neu,

immer eine andere.

Nun war auch ~er~ gezwungen, sich zu geben, wie er war.

»Sag’ mir, Julie,« fragte er sie einmal, »warum machst du ein so

seltsames Gesicht, wenn ich dich küsse? -- Ich tue es doch, weil ich

dich liebhabe!«

»Glaubst du, ich hätte dich nicht lieb? -- Ich habe dich lieb, mit

aller Hoffnung, mit allem! Aber siehst du, da ist etwas zwischen dir

und mir, etwas Feines, Gläsernes, das mich ganz von dir trennt, wodurch

ich dich aber so gut sehen kann, alles an dir sehen kann, jede Linie.

Das gehört zu mir! So etwas war immer bei mir. Aber sieh, wenn ich

dich küsse, muß ich ohne dies kommen. Und dann bin ich nicht mehr ich

selbst! Ich bin jetzt so glücklich. -- Ich will jetzt nichts anderes!«

»Wenn du einmal etwas anderes willst, Julie, wirst du es mir dann

sagen?«

»Oh, das wirst du schon merken!« -- Sie lachte.

»Und wenn ich einmal mehr will, als ich jetzt habe ...«

Diese Dinge waren es, vor denen Peter Owen haltmachte. So sehr er sich

anstrengte, konnte er sich doch nicht darüber klar werden, ob sie

die Gedanken, von denen zu sprechen sie nie müde wurde, auch in die

Wirklichkeit ihres Lebens hineintragen würde.

»Du mußt Kinder furchtbar gern haben!« sagte sie einmal. »Diese

Jungens!« Sie hielt eine Lithographie an ihre kurzsichtigen Augen. »Wie

wundervoll muß es sein, Kinder zu haben!«

»Meinst du?« -- Er wußte in diesem Augenblick nicht, was für ein

Gesicht er machte.

Sie sah ihn ruhig an und entwickelte ihm ganz genau, wie sie ihre

Kinder erziehen würde.

Er liebte es übrigens, daß sie kurzsichtig war. Wenn sie zusammen

spazierengingen, stützte er sie bei jedem Straßenübergang. Dann war sie

von ihm abhängig. Dieses Gefühl hatte er selten bei ihr. Er liebte es,

wenn ihre Hände auf dem Tisch herumtasteten und nach einem Gegenstande

suchten. Dann war sie ganz hilflos, so daß er die Empfindung hatte, sie

würde ihn nie verlassen können.

»Ich habe noch nie dein Schlafzimmer gesehen,« sagte Julie eines Tages.

»Komm, ich will es gern sehen!«

Er schlug den Vorhang zurück und ließ sie eintreten.

»Das ist hübsch!« sagte sie und atmete erleichtert auf.

Er sah von der Tür aus, wie kindlich ihre Linien sich auf dem blassen

Winterhimmel zeichneten.

»Weißt du eigentlich, wie hübsch du bist, Julie?«

»So genau, wie du es von dir weißt!«

Sie drehte sich um, und zwischen ihren Lippen kam ein ganz klein wenig

eine unartige Kinderzunge heraus.

»Peter ...!«

»Und dieses ist dein Bett!?« Sie schlug die Decke ein bißchen zurück

und legte ihren Kopf leise auf sein Kissen.

Er stand in der Tür und rührte sich nicht.

»Komm, Peter! Lege einmal deinen Kopf hier neben mich!«

Er kam. Als sein Kopf neben dem ihren lag, war es ganz still in ihm.

Sie wußten nicht, wie lange sie so gelegen hatten. Da kam Julie mit

einem weichen kleinen Lachen in die Höhe.

»Siehst du, wenn du heute nacht hier liegst, wirst du denken, daß ich

ebenso wie jetzt bei dir bin. Dann mußt du sogar deine Arme ganz fest

um mich legen!«

Sie strich noch einmal mit der Hand über das Kissen; dann gingen sie

hinüber.

* * * * *

Es war Schnee gefallen, und Julie ging mit Peter Owen durch den

Tiergarten. Er erzählte ihr vom Winter zu Hause, von seiner Mutter,

von seinen alten Träumen. Aber Julie war heute Freude, nur Freude. Sie

freute sich, daß der Schnee unter ihren Füßen knirschte, daß Peter

neben ihr ging, daß sie jung war, und daß es Entsetzen geben würde,

wenn Stockmanns sie mit ihm zusammen sähen.

Sie war ganz Freude; der Sinn seiner Worte glitt an ihr vorüber, aber

der stille Klang kam zu ihr hinein, zu allem Jubelnden, das in ihr

war, und schuf einen Unterton von Wehmut, der Glück nur um so inniger

macht. Alles, was an Empfindung in ihr war, streckte sich aus, alle

Sehnsucht kam, nach Schönheiten zu suchen, sie war mitten im Leben und

~wollte~ leben!

Dann waren sie oben bei ihm.

»O Peter, wie glücklich ich bin!« sagte sie. »Du machst mich so

glücklich!«

»Julie ...!« War es so weit, daß er fragen konnte?

Sie besann sich eine Weile. Dann ging sie zu ihm. Es war nur von einer

Ecke des Zimmers bis zur anderen, und das Zimmer war nicht groß. Aber

es war ihr, als ginge sie einen langen Weg, als ginge sie durch Säle,

schimmernde Säle, die sie nicht kannte, und die doch immer da gewesen

sein mußten und nur auf sie gewartet hatten.

Als sie endlich bei ihm war, tat sie die Hände auf seiner Brust

zusammen und gab sich ganz in seine Arme.

Nun war das andere da. Und es brachte schon einen Schimmer von dem

Lichte jener Stunde, in der sie ihm ganz gehören würde.

Die Schwestern Hellwege · 第 34 / 47 题