XXIV

Die neue Sittlichkeit der Ehe, die sich schon zuzeiten träumerisch

geregt hat und nun vielleicht beginnt, zum Bewußtsein zu erwachen,

braucht Menschen, die sich darauf verstehen, die Seele zu suchen.

Natürlich muß man einmal damit aufhören, von den Freuden des

Junggesellenlebens und den Pflichten der Ehe in einem Atemzuge zu

sprechen. Man muß zu der Einsicht kommen, daß eine Ehe, die nicht mehr

bedeutet als den Abschluß toller Jugendstreiche und das Hineintappen

in die Behäbigkeit des eigenen Heims, von vornherein mit einer Lüge

anfängt.

Natürlich muß man sich darüber klar werden, daß die Frau kein Haustier

ist und auch kein Spielzeug.

Man wird guttun, auch auf den Stolz zu verzichten, mit dem manche sich

einer treuen, ein wenig zärtlichen Kameradschaft rühmen. Diese ist nur

ein Übergang.

Mann und Frau sollen endlich einmal Ehrfurcht voreinander fühlen, ein

scheues und doch inniges Verlangen nach des anderen Seele.

Dazu ist freilich nötig, daß ein jedes erst die eigene Seele findet.

Man findet sie nicht, wo heute Menschen ihr Innerstes zu finden glauben.

In die Tiefe muß man hinabsteigen, muß lauschen, ob aus den Abgründen

die Stimme der Seele ruft. Wir müssen auf Entdeckung ausgehen und

dürfen keine Mühe scheuen.

Ein wenig Mut ist vonnöten, und die Bürde der Begriffe wird man lieber

oben lassen.

Nur wer sich selbst gefunden hat, darf hoffen, auch des anderen Seele

zu finden. Denn nur dann versteht sich einer auf das Suchen.

Eines solchen Mannes Sehnsucht wird sein, der Geliebten immer nur das

Beste seines Wesens zu geben.

Eine solche Frau wird dem Geliebten nicht nur die Mutter seines Kindes,

sondern die Ergänzung seines Wesens sein, die seine Kraft zum Leben

bringt.

Solche tiefe, im letzten nur geahnte Verbindung zweier Wesen ist die

Wurzel der neuen Sittlichkeit. Sie verachtet die Gedankenlosigkeit,

mit der heute Menschenseelen in Ehen zertreten werden, sie lehrt eine

Nächstenliebe, die Ehrfurcht heißt.

Sie hält die Seele des Menschen für wertvoller als Geist oder Körper,

sie wendet sich gegen jede Vergewaltigung, die man heute noch gute

Sitte zu nennen wagt.

Sie gibt keine Zwangsgesetze: mögen die einen in einer Ehe leben, die

sich äußerlich von der heutigen nicht unterscheidet; mögen die anderen,

die um die zarte Blume ihrer Liebe Sorge tragen und den Frost des

Alltags fürchten, wieder auseinandergehen.

Sie kennt nur ein Gesetz: sich selbst und seine Liebe heilighalten.

* * * * *

So waren Peter Owens Anschauungen über die Ehe, und so war seine Liebe

zu Julie.

Er war von Beruf Maler und traf Julie im Hause des Professors

Stockmann, bei dem er auf Grund einer Familienempfehlung -- seine

Tante hatte den Generalsuperintendenten gekannt -- verkehrte. In der

abgestandenen Atmosphäre des Stockmannschen Hauses hatte es nur weniger

Worte bedurft, um beide fühlen zu lassen, daß etwas Gemeinsames sie

verband. Bei einem Gespräche, in dem der Professor erklärt hatte,

die moderne Kunst liege im argen, und Julie sich vergeblich mühte,

die Kunst gegen den Angriff des Doktors Johannes zu verteidigen,

hatte Peter Owen schweigend in seiner Ecke gesessen, und erst als der

Professor dem Streite mit geringschätziger Milde ein Ende machte, hatte

er gesagt:

»Wir werden trotzdem weitermalen!«

Diese Worte waren soviel wie ein Handschlag, und Julie war ihm dankbar,

daß er nicht Partei ergriffen hatte.

Nach einiger Zeit hatten sie sich in einer Kunstausstellung

wiedergesehen. Natürlich hatten sie von Heide und Moor gesprochen.

Und dann waren sie auf ihre Heimat gekommen. Da hatte sie von dem

Sonnenschimmer ihres Hauses erzählt und er von der ernsten Herbheit

Jütlands. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bewußter geworden.

Als sie sich trennten, hatte er versprochen, ihr Bücher zu schicken,

und die waren am nächsten Tage bei ihr abgegeben worden. Als Julie sie

sah, hatte sie die Empfindung seines Blicks, seiner kühlen graublauen

Augen.

Peter Owen war an demselben Tage abgereist. -- Er erfuhr während der

nächsten Wochen, daß er Julie liebte, und als er Anfang Dezember

zurückkehrte, geschah es, weil er nicht anders konnte. Julie hatte

seine Bücher gelesen und hatte auf ihn gewartet, mit einer festlichen

Freude. Doch als sie wochenlang nichts von ihm hörte, wurde sie

traurig, und eines Tages dachte sie über den Grund dieser Traurigkeit

nach.

Es schien ihr plötzlich ein weites Stück Wegs, bis sie mit ihrem ganzen

Empfinden in diese Traurigkeit hineinkam. Wie hatte sie nur so lange

nicht nachsehen können! Das war ihr fremd an ihr selbst.

Aber diese Traurigkeit war so weich, die Farben waren dunkel und

seidentief, mit einem Unterton von Gold; man konnte sich hinlegen

und weinen und weinen. Aber schien sich da nicht doch ein Lachen

zu verstecken, ein sonnenstrahlendes Lachen? Sie probierte dieses

Lachen, und sie lachte in der seidentiefen Farbe ihrer Traurigkeit. Da

freilich schwindelte ihr; es begann ein Zittern, dann kam ein Drehen

und Wirbeln, -- es tollte vor ihren Augen, bis sie nicht mehr wußte, wo

sie war, und mit den Händen in die Luft griff, sich festzuhalten. Als

sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich hoch oben in kühler Luft

und fühlte nichts anderes als diese Luft zwischen den Lippen, und daß

ihre Hand etwas umspannte. Es war nur eins von seinen Büchern, woran

sie sich klammerte, aber da wußte sie, daß sie Peter Owen liebte.

Nach einigen Tagen traf sie ihn, nachmittags, als schon Dämmerung in

den Straßen lag. Er ging auf der anderen Seite und wurde ihrer nicht

gewahr.

Julie zögerte keinen Augenblick, sie ging hinüber und begrüßte ihn.

»Wie gut, daß Sie endlich da sind!«

Er sah sie einen Augenblick fest an.

»Ja, ich glaube auch; es ist gut!«

Und dann gingen sie schweigend. Die Menschen strichen an ihnen vorüber

wie Schatten, der Lärm quoll aus den Straßen wie aus Fernen, die ihr

Schweigen nur tieften. Ganz sicher gingen sie, als wäre es nie anders

gewesen. Aber sie sprachen kein Wort. Nur Julie lachte. Sie mußte

lachen. Und Peter Owen sah sie an und verstand sie.

Bis sie oben an seinem Atelier waren.

Vor einem Bilde stand sie. Die letzten Lichter des Abends griffen

nach ihr, und sie hielt stille. Eine gespannte Klarheit war in ihrem

Empfinden. Sie fühlte alles, was um sie herum in halber Dunkelheit

träumte: die Bronze drüben in der Ecke, die Staffelei, den niedrigen

Tisch; sie fühlte, daß Peter Owen am Fenster stand, und daß viele

Schritte zwischen ihnen lagen. Aber noch etwas anderes war in ihr,

etwas Sicheres, etwas, von dem sie, ohne zu fragen, wußte, daß es

kommen mußte, so gewiß, als hätte sie darum gearbeitet, und dieses sei

nun das Ziel. Und dann kam sie sich auch so zu Hause vor.

Peter Owen wartete.

Er lehnte am Fenster und sah zu ihr hinüber. Gedanken kamen und gingen.

Dann blieb nur der eine, daß sie da war.

Eine Erinnerung an seine Mutter streifte ihn. Dann war plötzlich eine

Kindersehnsucht da: wenn der Mantel der Dämmerung über die Felder

schleppte, wenn sachte die Sterne kamen, dann hatte er seine Hände oft

voll Sehnsucht ausgestreckt ...

Er trat leise zu ihr und küßte sie.

Die Schwestern Hellwege · 第 33 / 47 题