Die neue Sittlichkeit der Ehe, die sich schon zuzeiten träumerisch
geregt hat und nun vielleicht beginnt, zum Bewußtsein zu erwachen,
braucht Menschen, die sich darauf verstehen, die Seele zu suchen.
Natürlich muß man einmal damit aufhören, von den Freuden des
Junggesellenlebens und den Pflichten der Ehe in einem Atemzuge zu
sprechen. Man muß zu der Einsicht kommen, daß eine Ehe, die nicht mehr
bedeutet als den Abschluß toller Jugendstreiche und das Hineintappen
in die Behäbigkeit des eigenen Heims, von vornherein mit einer Lüge
anfängt.
Natürlich muß man sich darüber klar werden, daß die Frau kein Haustier
ist und auch kein Spielzeug.
Man wird guttun, auch auf den Stolz zu verzichten, mit dem manche sich
einer treuen, ein wenig zärtlichen Kameradschaft rühmen. Diese ist nur
ein Übergang.
Mann und Frau sollen endlich einmal Ehrfurcht voreinander fühlen, ein
scheues und doch inniges Verlangen nach des anderen Seele.
Dazu ist freilich nötig, daß ein jedes erst die eigene Seele findet.
Man findet sie nicht, wo heute Menschen ihr Innerstes zu finden glauben.
In die Tiefe muß man hinabsteigen, muß lauschen, ob aus den Abgründen
die Stimme der Seele ruft. Wir müssen auf Entdeckung ausgehen und
dürfen keine Mühe scheuen.
Ein wenig Mut ist vonnöten, und die Bürde der Begriffe wird man lieber
oben lassen.
Nur wer sich selbst gefunden hat, darf hoffen, auch des anderen Seele
zu finden. Denn nur dann versteht sich einer auf das Suchen.
Eines solchen Mannes Sehnsucht wird sein, der Geliebten immer nur das
Beste seines Wesens zu geben.
Eine solche Frau wird dem Geliebten nicht nur die Mutter seines Kindes,
sondern die Ergänzung seines Wesens sein, die seine Kraft zum Leben
bringt.
Solche tiefe, im letzten nur geahnte Verbindung zweier Wesen ist die
Wurzel der neuen Sittlichkeit. Sie verachtet die Gedankenlosigkeit,
mit der heute Menschenseelen in Ehen zertreten werden, sie lehrt eine
Nächstenliebe, die Ehrfurcht heißt.
Sie hält die Seele des Menschen für wertvoller als Geist oder Körper,
sie wendet sich gegen jede Vergewaltigung, die man heute noch gute
Sitte zu nennen wagt.
Sie gibt keine Zwangsgesetze: mögen die einen in einer Ehe leben, die
sich äußerlich von der heutigen nicht unterscheidet; mögen die anderen,
die um die zarte Blume ihrer Liebe Sorge tragen und den Frost des
Alltags fürchten, wieder auseinandergehen.
Sie kennt nur ein Gesetz: sich selbst und seine Liebe heilighalten.
* * * * *
So waren Peter Owens Anschauungen über die Ehe, und so war seine Liebe
zu Julie.
Er war von Beruf Maler und traf Julie im Hause des Professors
Stockmann, bei dem er auf Grund einer Familienempfehlung -- seine
Tante hatte den Generalsuperintendenten gekannt -- verkehrte. In der
abgestandenen Atmosphäre des Stockmannschen Hauses hatte es nur weniger
Worte bedurft, um beide fühlen zu lassen, daß etwas Gemeinsames sie
verband. Bei einem Gespräche, in dem der Professor erklärt hatte,
die moderne Kunst liege im argen, und Julie sich vergeblich mühte,
die Kunst gegen den Angriff des Doktors Johannes zu verteidigen,
hatte Peter Owen schweigend in seiner Ecke gesessen, und erst als der
Professor dem Streite mit geringschätziger Milde ein Ende machte, hatte
er gesagt:
»Wir werden trotzdem weitermalen!«
Diese Worte waren soviel wie ein Handschlag, und Julie war ihm dankbar,
daß er nicht Partei ergriffen hatte.
Nach einiger Zeit hatten sie sich in einer Kunstausstellung
wiedergesehen. Natürlich hatten sie von Heide und Moor gesprochen.
Und dann waren sie auf ihre Heimat gekommen. Da hatte sie von dem
Sonnenschimmer ihres Hauses erzählt und er von der ernsten Herbheit
Jütlands. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bewußter geworden.
Als sie sich trennten, hatte er versprochen, ihr Bücher zu schicken,
und die waren am nächsten Tage bei ihr abgegeben worden. Als Julie sie
sah, hatte sie die Empfindung seines Blicks, seiner kühlen graublauen
Augen.
Peter Owen war an demselben Tage abgereist. -- Er erfuhr während der
nächsten Wochen, daß er Julie liebte, und als er Anfang Dezember
zurückkehrte, geschah es, weil er nicht anders konnte. Julie hatte
seine Bücher gelesen und hatte auf ihn gewartet, mit einer festlichen
Freude. Doch als sie wochenlang nichts von ihm hörte, wurde sie
traurig, und eines Tages dachte sie über den Grund dieser Traurigkeit
nach.
Es schien ihr plötzlich ein weites Stück Wegs, bis sie mit ihrem ganzen
Empfinden in diese Traurigkeit hineinkam. Wie hatte sie nur so lange
nicht nachsehen können! Das war ihr fremd an ihr selbst.
Aber diese Traurigkeit war so weich, die Farben waren dunkel und
seidentief, mit einem Unterton von Gold; man konnte sich hinlegen
und weinen und weinen. Aber schien sich da nicht doch ein Lachen
zu verstecken, ein sonnenstrahlendes Lachen? Sie probierte dieses
Lachen, und sie lachte in der seidentiefen Farbe ihrer Traurigkeit. Da
freilich schwindelte ihr; es begann ein Zittern, dann kam ein Drehen
und Wirbeln, -- es tollte vor ihren Augen, bis sie nicht mehr wußte, wo
sie war, und mit den Händen in die Luft griff, sich festzuhalten. Als
sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich hoch oben in kühler Luft
und fühlte nichts anderes als diese Luft zwischen den Lippen, und daß
ihre Hand etwas umspannte. Es war nur eins von seinen Büchern, woran
sie sich klammerte, aber da wußte sie, daß sie Peter Owen liebte.
Nach einigen Tagen traf sie ihn, nachmittags, als schon Dämmerung in
den Straßen lag. Er ging auf der anderen Seite und wurde ihrer nicht
gewahr.
Julie zögerte keinen Augenblick, sie ging hinüber und begrüßte ihn.
»Wie gut, daß Sie endlich da sind!«
Er sah sie einen Augenblick fest an.
»Ja, ich glaube auch; es ist gut!«
Und dann gingen sie schweigend. Die Menschen strichen an ihnen vorüber
wie Schatten, der Lärm quoll aus den Straßen wie aus Fernen, die ihr
Schweigen nur tieften. Ganz sicher gingen sie, als wäre es nie anders
gewesen. Aber sie sprachen kein Wort. Nur Julie lachte. Sie mußte
lachen. Und Peter Owen sah sie an und verstand sie.
Bis sie oben an seinem Atelier waren.
Vor einem Bilde stand sie. Die letzten Lichter des Abends griffen
nach ihr, und sie hielt stille. Eine gespannte Klarheit war in ihrem
Empfinden. Sie fühlte alles, was um sie herum in halber Dunkelheit
träumte: die Bronze drüben in der Ecke, die Staffelei, den niedrigen
Tisch; sie fühlte, daß Peter Owen am Fenster stand, und daß viele
Schritte zwischen ihnen lagen. Aber noch etwas anderes war in ihr,
etwas Sicheres, etwas, von dem sie, ohne zu fragen, wußte, daß es
kommen mußte, so gewiß, als hätte sie darum gearbeitet, und dieses sei
nun das Ziel. Und dann kam sie sich auch so zu Hause vor.
Peter Owen wartete.
Er lehnte am Fenster und sah zu ihr hinüber. Gedanken kamen und gingen.
Dann blieb nur der eine, daß sie da war.
Eine Erinnerung an seine Mutter streifte ihn. Dann war plötzlich eine
Kindersehnsucht da: wenn der Mantel der Dämmerung über die Felder
schleppte, wenn sachte die Sterne kamen, dann hatte er seine Hände oft
voll Sehnsucht ausgestreckt ...
Er trat leise zu ihr und küßte sie.