Kurz vor Weihnachten erhielt Julie einen Brief von Professor Stockmann.
Darin stand, er wolle sie gern in einer wichtigen Angelegenheit
sprechen, ob sie noch vor dem Fest zu ihm kommen könne. Dann
folgten noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, von der rechten
Weihnachtsfreude, die auch in ihr Herz Einzug halten möge, daß wir in
dieser begnadeten Zeit recht daran denken sollten, unseren Mitmenschen
Liebe zu erweisen und deren Liebe in der rechten Demut hinzunehmen ...
Es war der 23. Dezember, ein kalter Tag mit klarer, starrer Luft, und
Julie ging nun zu ihm. Gemächlich schritt sie zwischen den Tannenbäumen
hindurch, die überall auf der breiten Straße standen.
Sie dachte nicht darüber nach, was der Professor von ihr wolle, ihre
Gedanken waren bei Agnes Elisabeth. Es tat ihr mit einem Male leid, daß
Agnes Elisabeth Weihnachten ganz allein sein würde. Wie gut, daß sie
wenigstens Zeit zu einem langen Brief gefunden und ihr das Bild und
die Bücher geschickt hatte. Einen Augenblick stiegen Zweifel in ihr
auf, ob sie nicht doch nach Hause fahren oder ihr wenigstens offen den
Grund ihres Hierbleibens hätte sagen sollen. Aber ... Plötzlich hörte
sie ihren Namen nennen. Sie blickte auf.
Heinrich Craner stand vor ihr, neben sich eine elegante junge Dame.
Schade, daß die Farbe des Kostüms nicht zu dem Blau des Hutes paßte,
stellte Julie fest.
»Ah, so fleißig, daß Sie selbst Weihnachten nicht nach Hause fahren?
Darf ich Ihnen meine Braut vorstellen?«
Fräulein Grünhagen reichte Julie liebenswürdig die Hand.
Julie redete frisch mit den beiden. Es interessierte sie, einmal einem
dieser Wesen gegenüberzustehen, die es fertigbringen, sich mit Spitzen,
Chiffongewuschel, goldenen Täschchen und sonstigem Gebaumel zu behängen.
Ob er nun wieder nach Südafrika gehe?
Er wüßte es noch nicht. Jedenfalls solle im Mai die Hochzeit sein.
Danach wollten sie nach Norwegen reisen. Um diese Zeit könne man
anderswohin ja nicht gehen. Vielleicht bliebe er dann auch hier; man
hätte ihm eine Stellung angeboten. Freilich die Unabhängigkeit dort
unten ...!
Julie lächelte.
Fräulein Grünhagen schien für Afrika keine Neigung zu haben.
»Ich weiß nicht, ob meine Gesundheit das Klima verträgt; Professor
Stengel meint ... Und dann: ohne jede Anregung, ohne Theater, Konzerte
...«
Julie dachte, wie oft Heinrich Craner wohl darüber geklagt haben mochte.
Bei der Gedächtniskirche trennten sie sich.
»Ich würde mich freuen, Sie einmal bei meinen Eltern zu sehen!«
Fräulein Grünhagen hob ihr Kleid auf und nickte Julie freundlich zu.
Julie bog in die Rankestraße ein. Ob Agnes Elisabeth ihn wirklich
einmal liebgehabt hat? dachte sie.
Nun kam sie zu Stockmanns. Martha begrüßte sie im Korridor.
»Wie lange waren Sie nicht bei uns, Julie!« sagte sie mit einem
ängstlichen Blick. »Vater ist in seinem Studierzimmer. Er wartet
schon den ganzen Tag auf Sie! Hoffentlich kam Ihnen sein Brief nicht
ungelegen!«
Julie war überrascht. Hatte Martha sich vielleicht verlobt? Sie war
so weich, nahm ihr Hut und Jacke so zärtlich ab, sah sie ein paarmal
verstohlen an ...
Martha öffnete ihr die Tür zu des Professors Zimmer und ließ sie allein
eintreten. Hier war eine trockene Luft, die nach Plüsch und kalter
Zigarrenasche roch.
Der Professor saß am Schreibtisch. Eigentlich ist sein Kopf beinahe
schön, dachte Julie und freute sich der scharfen Profillinie, die im
Fensterrahmen stand. Sie nahm sich vor, sehr freundlich zu ihm zu sein.
Er stand auf und drückte ihr die Hand.
»Wie schön, daß Sie doch noch kommen! Machen Sie sich’s gemütlich!« Er
schob ihr einen Sessel zu.
Julie setzte sich. Sie hatte eine peinliche Erinnerung an ihren
Konfirmationstag; ob diese aus der feierlichen Erwartung kam oder von
dem Rosa der Alpenveilchen hinter den gelblichen Stores, wußte sie
nicht.
Der Professor räusperte sich.
»Mein liebes Fräulein Julie!« begann er. »Ich habe es mir reiflich
überlegt, ehe ich Sie bat, zu mir zu kommen. Ich weiß, daß in einem
Falle, wie dem vorliegenden, am besten Frau zu Frau redet. Die meine
ist ja nun leider schon seit vielen Jahren heimgegangen, und Ihre liebe
Tante ...«
Julie durchfuhren mit einem Male allerhand wirre Gedanken: Marianne,
die ihr Kind erwartete, Agnes Elisabeth, die so seltsam geschrieben
hatte ... Oder sollte man von Peter Owen und ihr wissen?
»Ihre liebe Tante, die ihrer angegriffenen Gesundheit wegen im Süden
weilt, wollte ich durch einen langen Brief nicht aufregen. Als Freund
Ihres seligen Vaters und auch als Ihr väterlicher Freund glaube ich
eine gewisse Berechtigung zu haben ...«
»Aber, Herr Professor, was ist denn geschehen?« fragte sie ungeduldig.
»Ich will mich kurz fassen.« Er räusperte sich von neuem. »Mein Sohn
kam vor einigen Tagen zu mir, um mir ein Geständnis zu machen.« Er
stockte einen Augenblick und hätte sich gern an Julies Erstaunen
geweidet. »Das Geständnis seiner Liebe zu Ihnen, meine liebe Julie!«
fuhr er bedeutungsvoll fort. Sie hielt die Augen gesenkt. »Es hat
mich innig gefreut, daß nun auch mein Sohn, der so still und treu nur
seiner Arbeit gelebt hat, die Liebe kennenlernt. Gerade zu dieser
heiligen Advents- und Weihnachtszeit. Diese Liebe, die erst durch das
Christentum in die Welt gekommen ist, die durch die christliche Ehe zu
einer veredelnden Gemeinschaft wird. Nun hat der Herr sie Ihnen beiden
zum Christgeschenk machen wollen!«
»Uns ...?«
»J--ja, -- ja, -- ja! Zum lieben Weihnachtsfest ist es ja besonders die
Aufgabe der Frau, zu beglücken und Liebe zu spenden. Diesmal hat der
Herr gerade Ihnen die Freude machen wollen, daß Sie einem Menschen Ihre
ganze Liebe geben dürfen!«
»Aber, Herr Professor ...«
»Gewiß, ich verstehe, Sie wundern sich, daß mein Johannes Ihnen dies
alles nicht selbst sagt. Er dachte, es würde Ihnen zu plötzlich kommen,
zu unerwartet. Sie werden ihm für dieses Zartgefühl gewiß nur dankbar
sein.« Der Professor stand auf und blieb vor ihr stehen. »Ich weiß ja,
Ihre Anschauungen haben sich noch nicht zu der Klarheit durchgerungen,
deren wir für das Leben bedürfen. Noch bauen Sie zu sehr auf eigene
Kraft, meine liebe Julie! Darum schickt der Herr Ihnen eine treue Hand,
an der Sie sich festhalten sollen, um gemeinsam den Weg zum himmlischen
Vaterhause zu suchen. Nicht wahr, Sie werden diese Hand mit Freude und
Demut ergreifen? Meine liebe Julie, darf ich ihm die Antwort bringen,
daß Sie die Seine werden wollen?«
Der schwarze Rock kam näher und näher auf sie zu ...
Sie konnte keine Worte finden.
»Herr Professor, es tut ... Es tut mir ... So leid tut es mir ... Aber
ich habe ihn nicht lieb! Nein, ich habe ihn ~gewiß~ nicht lieb!«
»Ich begreife, es kommt Ihnen zu überraschend! Sie sagen, Sie haben ihn
nicht lieb ...«
Julie schüttelte heftig den Kopf. Ein Gefühl von Widerwillen schlug
plötzlich über ihr zusammen. Die stickige Luft, die rosa Blumen, seine
wohlmeinend überlegene Stimme verursachten ihr Unbehagen.
»Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb?! Die Liebe wird kommen, mein
Kind, wenn Sie nur in Demut darauf warten!« Seine Güte begann gereizt
zu werden.
»Bei andern mag das sein. Von mir aber weiß ich genau, daß ich ihn
niemals liebhaben werde.« Er machte noch einen Versuch.
»Bedenken Sie, was Sie von sich weisen! Sie stehen allein in der Welt.
So, wie Sie sind, wie Sie alles Freie, Moderne lieben, liegt die Gefahr
nahe, daß Sie sich verlieren und vom rechten Wege abkommen. Sie kennen
das Leben nicht! Sie wissen nicht, was Sie jetzt ausschlagen! Sie
brauchen eine Stütze, und Johannes möchte Ihnen diese Stütze sein. Er
würde Ihnen ...«
Julie stand auf.
»Ich liebe ihn nicht, und ich weiß, daß auch nicht das geringste
Verstehen zwischen uns ist!«
Nun wurde er ängstlich um seine Mission.
»Nein, so dürfen Sie nicht gehen! Johannes muß selbst ...«
»Bitte, Herr Professor! Er kann nichts daran ändern. Ich danke Ihnen,
daß Sie es gut mit mir gemeint haben!«
Damit war sie aus der Tür.
Sie hörte noch, daß der Professor ihr folgte, aber er ging ins Zimmer
nebenan.
Julie fuhr in ihre Jacke, setzte den Hut auf, fand irgendwo ihre
Handschuhe und riß den Schirm aus dem Ständer. Schon kam des Professors
Stimme der Tür wieder ganz nahe, auch Johannes schien zu sprechen.
Sie riß die Tür auf und flog die Treppe hinunter. Hinter ihr wurden
Schritte hörbar, Johannes, der etwas Heftiges sagte ... Nun war sie
draußen.
Sie ging schnell. Die Menschen bogen ihr aus, so schnell ging sie.
Plötzlich fing sie mitten auf der Straße zu weinen an.
Wie konnte man so allein sein! So ganz verlassen! Es kam ihr vor, als
ob alles, was sie sich an Anschauungen erkämpft hatte, sie im Stich
ließe, als ob ihre innere Unabhängigkeit ein Traum sei, der der
Wirklichkeit nicht standgehalten hätte. Sie suchte nach Gedanken, an
die sie sich hätte klammern können; aber woran sie auch dachte, alles
war gleichgültig, alles erfüllte sie mit Widerwillen. Was sie umgab,
erschien ihr häßlich; die Straße war schmutzig, die Schaufenster
aufdringlich erleuchtet, die Menschen rücksichtslos, der Himmel ein
grauer Dunst. Ein kahles Gefühl von Heimatlosigkeit, ein Frost, der
gleichsam von innen kam, das war alles, was sie empfand.
Einer wäre dagewesen, der hätte ihr helfen können. Manche lassen sich
auch helfen und werfen ihren Kummer weg. Das aber konnte Julie nicht.
Es war ihr unmöglich, Peter Owen auch nur mit einem Wunsche zu streifen.
So kam sie nach Hause. Auf dem Korridor tobte Weihnachtsferientrubel.
Thea Allenbach, kokett angezogen, lief mit einer Reisetasche und zwei
Pappschachteln hin und her, die Liecke band sich vor dem Spiegel
ihren Schleier um, und nun erschien auch Fräulein Meusel. Sie war in
gehobener Stimmung, denn sie freute sich auf ein paar ruhige Tage. Den
Tee könnten sie doch noch zusammen trinken, bis zu ihrem Zuge hätten
sie noch Zeit genug!
»Gott, meine Theosophie habe ich vergessen,« schrie Thea.
»Wo sind nur wieder meine Gummischuhe!« beklagte sich die Liecke.
»Sie kommen doch auch, Fräulein Hellwege?« fragte Fräulein Meusel.
»Wir haben unsern kleinen Baum schon angesteckt.«
Aber Julie wollte nicht. Nein, das konnte sie nicht.
»Verzeihen Sie, Fräulein Meusel, ich habe solches Kopfweh!«
»Ja, ja, mit der Liebe!« kam es aus der Ecke, wo die Gummischuhe
gesucht wurden.
»Na adieu, fröhliches Fest!« rief Thea.
»Danke schön! Viel Vergnügen zu Hause,« entgegnete Julie und ging in
ihr Zimmer.
»Grüßen Sie Ihren blonden Freund von mir,« kam es hinter ihr her.
Im Zimmer war es dunkel. Nur an der Decke blinzelten die Lichter der
Straße. Ihre Hand streifte einen Stuhl, sie stieß ihn heftig zurück.
Was war denn geschehen? Sie wollte doch gewiß nichts Absonderliches
vom Leben, nichts Außergewöhnliches. Sie wußte doch, daß Heiraten
so vor sich ging, daß der Antrag kam und alles Weitere sich mit
geschäftsmäßiger Feierlichkeit abspielte. Unter anderen Bedingungen,
meinte sie, hätte ihr dies alles auch nicht weh getan.
Aber, daß es so gekommen war! Daß dieser alte Mann, den sie geachtet
hatte, sie mit seinem Sohne zusammenbringen wollte, ganz gleich, ob sie
ihn liebte oder nicht, daß er sich ihr Alleinstehen in der Welt zunutze
machte, sich ihrer Schwachheit und Zaghaftigkeit bedienen wollte, um
sie zu dieser Ehe zu überreden, das traf sie. Nicht nur ihren Stolz.
Oh, demütigend war es wohl, aber es kam ihr auch unsittlich vor. Ihr
Schamgefühl litt.
Sie war oft bei Stockmanns gewesen und hatte sich mit Johannes beinahe
freundschaftlich gestanden. Vieles an ihm gefiel ihr; erst neulich
hatte er ihr gesagt, er wolle bei dem Vater wohnen bleiben, er fühle
sich innerlich dazu verpflichtet; das hatte sie für ihn eingenommen.
Mit dem Professor hatte es zwar immer erregte Auseinandersetzungen
gegeben; aber Achtung vor seinen Anschauungen war stets in ihren Worten
gewesen. Sie hatte von diesen Menschen lernen wollen und hatte auch
nach dem ersten mißlungenen Versuche nicht die Mühe gescheut, es wieder
und nochmals zu tun. Hatten Stockmanns nicht einmal so viel von ihr
kennengelernt, daß sie sich einen Begriff davon hätten machen können,
wie sie über die Ehe dächte. Ohne Liebe ...!
Lange saß Julie und grübelte darüber, wie dieses hatte kommen können.
Es mußte schon spät sein, als sie durch ein Klopfen aufgeschreckt
wurde. Das Mädchen kam; dieser Brief sei abgegeben worden. Ob sie die
Lampe bringen solle? -- Ja, wenn sie so freundlich sein wolle.
Julie nahm den Brief, und jetzt zum ersten Male dachte sie an Peter
Owen. Ja, o ja! Sie konnte es kaum erwarten, daß Licht käme. Sie
streichelte den Brief, riß ihn auf und ging ans Fenster; vielleicht
könnte sie ihn bei dem Lichte der Laternen lesen. Aber es war nichts zu
erkennen. Endlich kam die Lampe. Sie setzte sich an den Tisch und nahm
den Bogen vor die Augen.
»Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein!« las sie. Sie drehte das Blatt
heftig um. »Johannes Stockmann!« -- Einen Augenblick dachte sie daran,
den Brief zu einem Knäuel zu ballen; den wollte sie auf die Straße
werfen oder ins Feuer oder in den Papierkorb. Doch dann hob sie müde
die Hände und las:
»Mein Vater hat mir soeben das Ergebnis seiner Unterredung mit
Ihnen mitgeteilt. Ich bin dadurch schmerzlicher betroffen, als Sie
wahrscheinlich ahnen werden. Wenn ich mit diesen Zeilen nochmals zu
Ihnen komme, so geschieht es nicht in der Hoffnung, doch noch eine
günstige Antwort auf meine Frage von Ihnen zu erlangen, sondern um
ein Mißverständnis aufzuklären, das mich Ihnen in einem falschen
Lichte hat erscheinen lassen. Als ich meinem Vater mitteilte, daß
ich Sie um Ihre Hand bitten wolle, stand er meiner Bitte um seine
Einwilligung nicht so freundlich gegenüber. Er äußerte Bedenken, die
sich insonderheit auf Ihre freieren Anschauungen bezogen. Es gab eine
lebhafte Auseinandersetzung, aus der ich schließlich nur dadurch als
Sieger hervorging, daß ich meinem Vater sagte, Sie würden, wenn Sie
erst meine Frau wären, unter seinem und meinem Einfluß gewiß wieder auf
den rechten Weg kommen. Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er wollte
sich jedoch nicht nehmen lassen, selbst als erster mit Ihnen darüber
zu reden. Weil ich hoffte, daß Sie für seine väterliche Sorgfalt das
rechte Verständnis haben würden, fügte ich mich. Ich will Ihnen offen
alles sagen. Daß ich Sie sehr lieb habe, brauche ich nicht zu betonen;
Sie werden aus den Zugeständnissen, die ich meinem Vater gemacht habe,
um seine Einwilligung zu erlangen, erkennen, ~wie~ lieb ich Sie
haben muß. Aber noch etwas anderes muß ich Ihnen sagen. Gerade durch
Sie hoffte ich mich von den drückenden Fesseln frei zu machen. Mit
Ihnen wollte ich ein neues Leben anfangen. Sie sollten es mich lehren.
Das war die sehnende Hoffnung, die ich auf Sie setzte, die große
Lebensfrage, die Sie entscheiden sollten.
Nun haben Sie anders beschlossen. Ich werde lernen müssen, mich damit
abzufinden. Aber Sie sollen später nicht an mich zurückdenken als an
einen, der den Kampf nicht wagen wollte. Deshalb habe ich Ihnen diese
Zeilen geschrieben.
Sie werden mir wohl nichts zu antworten haben; jedenfalls wissen Sie
nun alles.