XXII

Evelyn war nun mitten in der großen Welt.

Sehnte sie sich nicht zurück nach den feinen Tönen ihrer spielenden

Träume, nach ihrer grünen Wiese, nach ihren Pfauen, nach ihrer

kindlich-souveränen Verachtung? Gewiß nicht! Denn mit unbewußter

Sicherheit und dem leichten Schritt fröhlichen Genießens ging sie

durch alles Neue hindurch, nahm, wovon sie mochte, fand vielerlei und

atmete und lachte. Was vergangen war, war noch bei ihr, aber nicht

als eine wehmütige Erinnerung. Es war ein Teil von ihr geworden, ein

Stück ihres lächelnden Selbsts, das ihre Augen heller machte. Es

geschah nie, daß sie sich schmerzlich nach der Vergangenheit umgewendet

hätte, ebensowenig, wie sie an die Zukunft dachte. Sie liebte weder

die Erinnerungen an das Gestern, noch kleine Hoffnungen auf Morgen und

Übermorgen. ~Heute~ lebte sie, und sie hatte genug zu tun, wollte

sie alle Schönheiten zusammentragen, wie sie früher Blumen in ihren

Schoß gesammelt hatte.

Während des Sommers waren sie im Schwarzwald gewesen, und als es

kalt wurde, hatte der Arzt gesagt, Tante Sophie müßte nach dem Süden.

Onkel Wilhelm konnte sie nicht begleiten, denn es lagen umfangreichere

Aktenstücke auf seinem Schreibtische als je, Rena durfte ihre Stunden

nicht versäumen, so war es selbstverständlich, daß Evelyn mit ihr ging.

In einer Villa dicht bei St. Raphaël wohnten die beiden, machten

Spaziergänge, saßen im Sonnenschein auf ihrer Terrasse und abends vor

dem Kaminfeuer, empfingen ab und zu Besuche, freuten sich, wenn sie

wieder allein waren, und gaben einander gern die zarten Zeichen einer

wachsenden Vertrautheit, die den Altersunterschied vergessen machten.

Es zeigte sich, daß auch Sophie Craner viel Schönheitssinn besaß,

und daß Evelyns Träume eng mit verfeinerten Lebensbedürfnissen

zusammenhingen, die Tante Sophies elegantem Luxus nicht allzu fern

standen. Wenn es kein Kleid sein konnte aus Rosenblättern oder dem

Atlas, der abends über stillen Wassergräben liegt, so tat es auch eine

Toilette aus Seidenchiffon oder ein Hut aus Spiegelsammet. Das war kaum

ein Schritt, und Evelyn hatte ihn bald getan.

Sie sprachen viel miteinander. Evelyn bekam dabei mehr zu hören,

als Tante Sophie anfänglich hatte sagen wollen, und sie erwiderte

solches Vertrauen durch eine feine Dankbarkeit. Oft schwiegen sie auch

und empfanden den Rhythmus gleichartiger Stimmung. So bildete sich

unbemerkt ein gegenseitiger Einfluß, der zwar ihr Wesen nicht änderte,

aber gewisse Seiten an die Oberfläche brachte, die bisher in der Tiefe

gewesen waren.

Und ihr Leben hier, losgelöst von heimatlicher Enge, in der Stille

der kleinen Villa, den duftenden Garten und das unendliche Meer vor

Augen, und etwas weiter entfernt, aber doch deutlich zu spüren, ein

gewisses Parfüm des eleganten Badeorts, war recht geeignet, die neue

Freundschaft zu befestigen.

Nun kam noch ein gemeinsames Erlebnis dazu.

Mr. Clavé war der jüngere Bruder von Sophie Craners Pensionsfreundin;

er besaß ein hübsches Vermögen und hatte gestern um Evelyns Hand

angehalten. Dem Antrage waren viele Besuche in der Villa »Celeste«

vorangegangen. Abende mit Chopin und ein wenig Kaminmelancholie,

Nachmittage, ganze Nachmittage, mit Tennis, Racket-Flirt und der guten

Beleuchtung schräger Sonnenstrahlen, endlich sogar Morgenstunden, auf

den Steinen am Wasser, wo es gluckste oder schäumte, wenn Tante Sophie

noch ruhen mußte und Evelyn mit einem Buche dort unten saß und auf ihn

wartete. Denn sie wartete auf ihn.

Die Liebesgeschichte verlief bei ihm nicht anders, als sie in solchen

Fällen vor sich zu gehen pflegt. Und Evelyn machte es sehr viel Freude,

dies mit anzusehen. Nicht, daß sie ihn ermutigt oder gar mit ihm

gespielt hätte. Es tat ihr wohl, sich geliebt zu wissen, und sie zeigte

ihm dies mit Behagen. In diesem Behagen ging sie richtig spazieren;

sie dehnte sich, bewegte Hände und Füße und freute sich der weichen

Luft, die um sie herum war. Alle die Zeichen, die er ihr von seiner

Liebe gab, nahm sie mit Lächeln hin, wie Blumen, die er ihr brachte,

dankte ihm auch und sagte mehr als einmal, daß dies sonnige Tage seien,

die sie glücklich machten.

Aber nun hatte er den Fehler begangen, sie heiraten zu wollen. Darauf

fand Evelyn nur die Antwort: »Wie schade!«

Daß er ihre Blumen unter der Ehe schützendem Glasdache vertrocknen

lassen wollte, ernüchterte sie und machte ihr den ganzen Menschen mit

einem Male alltäglich.

Tante Sophie erfuhr davon und hielt es für nötig, einige ernste Worte

mit Evelyn zu reden. Aber eigentlich verstand Tante Sophie sie ganz

gut, das wußte Evelyn auch, und schließlich lachten sie beide.

»Auf diese Weise bekommst du aber nie einen Mann,« sagte Tante Sophie.

»Ich will auch keinen,« behauptete Evelyn.

»Und wenn du einmal einen lieb hast?«

»Dann möchte ich ihn gerade deshalb nicht heiraten!«

Sophie Craner lachte.

Evelyns Mund ward zu einem weichen Lächeln. »Sieh mal: Liebe, das ist

etwas so Feines; man sollte es gar nicht berühren. So, wie die Farben

dort in den Wassertropfen; wenn ich das Wasser in die Hand nehme, ist

keine mehr da. Es bleibt nur Wasser übrig; damit kann ich mich zur Not

ein bißchen waschen, aber das ist auch alles.«

»Vielleicht hast du ihn so lieb, daß du wünschst, immer mit ihm

zusammenzusein?«

Evelyn sah ein Weilchen vor sich hin. Dann wiegte sie ihr Haar.

»Vielleicht! Nun ja, dann werde ich ihn heiraten. Aber ich denke mir,

die feinen Farben werden dann verdrängt; satte Farben kommen, die

übermorgen nüchtern werden. Es ist traurig, sich nach etwas zu sehnen,

was nicht wiederkehren kann.«

Tante Sophie neigte den Kopf.

»Und dann ...« Evelyns Nase zuckte.

Tante Sophie dachte, daß Evelyn vielleicht niemals heiraten würde.

Durch Evelyn aber ging eine kleine Wehmut. Wenn Mr. Clavé sie nicht

hätte heiraten wollen, wäre vielleicht ...

Aber dann lachte sie. Denn das Wasser spritzte bis zu ihr herauf und

schimmerte in tausend Farben.

Die Schwestern Hellwege · 第 30 / 47 题