Evelyn war nun mitten in der großen Welt.
Sehnte sie sich nicht zurück nach den feinen Tönen ihrer spielenden
Träume, nach ihrer grünen Wiese, nach ihren Pfauen, nach ihrer
kindlich-souveränen Verachtung? Gewiß nicht! Denn mit unbewußter
Sicherheit und dem leichten Schritt fröhlichen Genießens ging sie
durch alles Neue hindurch, nahm, wovon sie mochte, fand vielerlei und
atmete und lachte. Was vergangen war, war noch bei ihr, aber nicht
als eine wehmütige Erinnerung. Es war ein Teil von ihr geworden, ein
Stück ihres lächelnden Selbsts, das ihre Augen heller machte. Es
geschah nie, daß sie sich schmerzlich nach der Vergangenheit umgewendet
hätte, ebensowenig, wie sie an die Zukunft dachte. Sie liebte weder
die Erinnerungen an das Gestern, noch kleine Hoffnungen auf Morgen und
Übermorgen. ~Heute~ lebte sie, und sie hatte genug zu tun, wollte
sie alle Schönheiten zusammentragen, wie sie früher Blumen in ihren
Schoß gesammelt hatte.
Während des Sommers waren sie im Schwarzwald gewesen, und als es
kalt wurde, hatte der Arzt gesagt, Tante Sophie müßte nach dem Süden.
Onkel Wilhelm konnte sie nicht begleiten, denn es lagen umfangreichere
Aktenstücke auf seinem Schreibtische als je, Rena durfte ihre Stunden
nicht versäumen, so war es selbstverständlich, daß Evelyn mit ihr ging.
In einer Villa dicht bei St. Raphaël wohnten die beiden, machten
Spaziergänge, saßen im Sonnenschein auf ihrer Terrasse und abends vor
dem Kaminfeuer, empfingen ab und zu Besuche, freuten sich, wenn sie
wieder allein waren, und gaben einander gern die zarten Zeichen einer
wachsenden Vertrautheit, die den Altersunterschied vergessen machten.
Es zeigte sich, daß auch Sophie Craner viel Schönheitssinn besaß,
und daß Evelyns Träume eng mit verfeinerten Lebensbedürfnissen
zusammenhingen, die Tante Sophies elegantem Luxus nicht allzu fern
standen. Wenn es kein Kleid sein konnte aus Rosenblättern oder dem
Atlas, der abends über stillen Wassergräben liegt, so tat es auch eine
Toilette aus Seidenchiffon oder ein Hut aus Spiegelsammet. Das war kaum
ein Schritt, und Evelyn hatte ihn bald getan.
Sie sprachen viel miteinander. Evelyn bekam dabei mehr zu hören,
als Tante Sophie anfänglich hatte sagen wollen, und sie erwiderte
solches Vertrauen durch eine feine Dankbarkeit. Oft schwiegen sie auch
und empfanden den Rhythmus gleichartiger Stimmung. So bildete sich
unbemerkt ein gegenseitiger Einfluß, der zwar ihr Wesen nicht änderte,
aber gewisse Seiten an die Oberfläche brachte, die bisher in der Tiefe
gewesen waren.
Und ihr Leben hier, losgelöst von heimatlicher Enge, in der Stille
der kleinen Villa, den duftenden Garten und das unendliche Meer vor
Augen, und etwas weiter entfernt, aber doch deutlich zu spüren, ein
gewisses Parfüm des eleganten Badeorts, war recht geeignet, die neue
Freundschaft zu befestigen.
Nun kam noch ein gemeinsames Erlebnis dazu.
Mr. Clavé war der jüngere Bruder von Sophie Craners Pensionsfreundin;
er besaß ein hübsches Vermögen und hatte gestern um Evelyns Hand
angehalten. Dem Antrage waren viele Besuche in der Villa »Celeste«
vorangegangen. Abende mit Chopin und ein wenig Kaminmelancholie,
Nachmittage, ganze Nachmittage, mit Tennis, Racket-Flirt und der guten
Beleuchtung schräger Sonnenstrahlen, endlich sogar Morgenstunden, auf
den Steinen am Wasser, wo es gluckste oder schäumte, wenn Tante Sophie
noch ruhen mußte und Evelyn mit einem Buche dort unten saß und auf ihn
wartete. Denn sie wartete auf ihn.
Die Liebesgeschichte verlief bei ihm nicht anders, als sie in solchen
Fällen vor sich zu gehen pflegt. Und Evelyn machte es sehr viel Freude,
dies mit anzusehen. Nicht, daß sie ihn ermutigt oder gar mit ihm
gespielt hätte. Es tat ihr wohl, sich geliebt zu wissen, und sie zeigte
ihm dies mit Behagen. In diesem Behagen ging sie richtig spazieren;
sie dehnte sich, bewegte Hände und Füße und freute sich der weichen
Luft, die um sie herum war. Alle die Zeichen, die er ihr von seiner
Liebe gab, nahm sie mit Lächeln hin, wie Blumen, die er ihr brachte,
dankte ihm auch und sagte mehr als einmal, daß dies sonnige Tage seien,
die sie glücklich machten.
Aber nun hatte er den Fehler begangen, sie heiraten zu wollen. Darauf
fand Evelyn nur die Antwort: »Wie schade!«
Daß er ihre Blumen unter der Ehe schützendem Glasdache vertrocknen
lassen wollte, ernüchterte sie und machte ihr den ganzen Menschen mit
einem Male alltäglich.
Tante Sophie erfuhr davon und hielt es für nötig, einige ernste Worte
mit Evelyn zu reden. Aber eigentlich verstand Tante Sophie sie ganz
gut, das wußte Evelyn auch, und schließlich lachten sie beide.
»Auf diese Weise bekommst du aber nie einen Mann,« sagte Tante Sophie.
»Ich will auch keinen,« behauptete Evelyn.
»Und wenn du einmal einen lieb hast?«
»Dann möchte ich ihn gerade deshalb nicht heiraten!«
Sophie Craner lachte.
Evelyns Mund ward zu einem weichen Lächeln. »Sieh mal: Liebe, das ist
etwas so Feines; man sollte es gar nicht berühren. So, wie die Farben
dort in den Wassertropfen; wenn ich das Wasser in die Hand nehme, ist
keine mehr da. Es bleibt nur Wasser übrig; damit kann ich mich zur Not
ein bißchen waschen, aber das ist auch alles.«
»Vielleicht hast du ihn so lieb, daß du wünschst, immer mit ihm
zusammenzusein?«
Evelyn sah ein Weilchen vor sich hin. Dann wiegte sie ihr Haar.
»Vielleicht! Nun ja, dann werde ich ihn heiraten. Aber ich denke mir,
die feinen Farben werden dann verdrängt; satte Farben kommen, die
übermorgen nüchtern werden. Es ist traurig, sich nach etwas zu sehnen,
was nicht wiederkehren kann.«
Tante Sophie neigte den Kopf.
»Und dann ...« Evelyns Nase zuckte.
Tante Sophie dachte, daß Evelyn vielleicht niemals heiraten würde.
Durch Evelyn aber ging eine kleine Wehmut. Wenn Mr. Clavé sie nicht
hätte heiraten wollen, wäre vielleicht ...
Aber dann lachte sie. Denn das Wasser spritzte bis zu ihr herauf und
schimmerte in tausend Farben.