XXIII

Liebe Julie!

Ich wollte Dir schon lange schreiben, seit drei Wochen nehme ich es

mir jeden Morgen vor, aber ich bin nie dazu gekommen. Ich bin in der

letzten Zeit zu manchem nicht gekommen. Es gibt so viele alte Dinge

nachzusehen. Und dann ist der Garten ...! Es dauert so lange, bis

man alle Wege gegangen ist. Alle diese Blumen, diese vielen Blumen,

die es jetzt gibt. Auf dem Rasenplatz hinten haben wir das eine Beet

verändert. Die Rosen wollten nicht mehr weiterkommen. Nun stehen da

Begonien. Sehr rote, die den Rasen eigentlich blaß machen. Der große

alte Birnbaum, links vom Hause, hat so viele Birnen gehabt wie noch

niemals; wir haben ihn stützen müssen. Das sah dann abends so aus, als

stünde da jemand. Sehr unheimlich! Ich mußte oft nachts drei- oder

viermal wieder aufstehen, um nachzusehen, ob da wirklich niemand war.

Schlafen tue ich überhaupt nicht sehr gut. Diese Birnen also: da ist

nun niemand, der sie aufißt. Soll ich Dir vielleicht welche schicken?

Die jungen Mädchen essen sie vielleicht gern. Abends rumort es jetzt

immer furchtbar auf dem Boden. Die Marder haben Junge gekriegt, und das

schreit wie kleine Kinder. Die Nächte sind lauter als die Tage.

Auf Mamas Grab bin ich auch viel. Die Blumen wachsen nicht ordentlich.

Einmal standen da Heliotropen, die wurden dürr; dann setzte ich

Verbenen ein; auch die standen nur einen Tag; denn mir fiel ein, daß

Mama sie nie hat leiden mögen. Nun habe ich Geranien gepflanzt; das

sieht lustig aus, beinahe komisch für einen Kirchhof. Ich gehe alle

Tage hinüber und begieße die Blumen. Es scheint ein sehr trockener

Herbst zu werden. Wenn nur nicht so viele Menschen da wären. Gesche

kocht den ganzen Tag Saft; das tut sie nun schon seit dem Juni, von der

Erdbeerenzeit an. Die Katze hat sehr gealtert. Sie liegt den ganzen

Tag in der Sonne und surrt. Das sehe ich mir gern an. Evelyn schickte

vorgestern eine große Kiste mit Weintrauben. Das sind doch andere

Trauben als hier bei uns; sie schmeckten so schön. Es geht ihr sehr

gut, und sie bekommt viel zu sehen. Sie lernt auch Menschen kennen.

Marianne wird Weihnachten ein kleines Kind bekommen. Ich gehe manchmal

zur Nortorf; sie macht so hübsche winzige Sachen für das Kind. Zwischen

unsern alten Kindersachen hab’ ich auch gekramt. Da lag noch meine

große Wachspuppe. Großmamas Korbsammlung hatte ich auch ganz vergessen.

Wie viele Stücke das sind! Diese feingeflochtenen italienischen, und

die mit dem seidenen Futter! Ich ordne sie alle nach der Größe.

Gestern kam ein Brief von Onkel Wilhelm; er hat viel Interesse für

Euch! Er beunruhigt sich etwas über den jungen Mann, mit dem Du in das

Museum gehst. Aber ich denke, wenn Du ihn bei Stockmanns kennengelernt

hast ...!

Kommst Du zu Weihnachten nach Hause? Zum Herbstreinemachen haben wir

auch Dein Zimmer wieder in Ordnung gebracht. Wie viele tote Fliegen da

waren, auf den Fensterbänken und auf der Diele; es waren mindestens

zwei Hände voll. In den Strümpfen, die Du mir schicktest, waren viele

Löcher. Das Seidenzeug habe ich gefunden. Es ist schön weich und

glänzend. Aber lasse es ja auf Futter arbeiten; es ist sonst ein so

unheimlich kaltes Gefühl auf der Haut.

Oben lag auch Mutters Brautschleier; er riecht nach Orangenblüten

und Spinnen. Ich habe ihn zwischen meine Wäsche gelegt. Übrigens hat

es diesen Sommer mehr Spinnen gegeben als jemals. Warum magst Du sie

eigentlich nicht leiden?

Früher schrieb ich Briefe schneller. Jetzt habe ich beinahe den ganzen

Abend dazu gebraucht.

Erst hat Teetje mich am Fenster erschreckt. Und dann kam die Sonne noch

einmal durch, obgleich es schon längst über ihre Zeit war.

Jetzt regnet es. Vor lauter Rauschen kann man nichts hören. Wenn sich

irgendwo jemand versteckt hat, hinter dem Wandschirm, hinter der

Gardine, unter dem Sofa, draußen vor der Tür, überall kann ja jemand

sein! aber man hört nichts vor Rauschen ...

Die Schwestern Hellwege · 第 31 / 47 题