Liebe Julie!
Ich wollte Dir schon lange schreiben, seit drei Wochen nehme ich es
mir jeden Morgen vor, aber ich bin nie dazu gekommen. Ich bin in der
letzten Zeit zu manchem nicht gekommen. Es gibt so viele alte Dinge
nachzusehen. Und dann ist der Garten ...! Es dauert so lange, bis
man alle Wege gegangen ist. Alle diese Blumen, diese vielen Blumen,
die es jetzt gibt. Auf dem Rasenplatz hinten haben wir das eine Beet
verändert. Die Rosen wollten nicht mehr weiterkommen. Nun stehen da
Begonien. Sehr rote, die den Rasen eigentlich blaß machen. Der große
alte Birnbaum, links vom Hause, hat so viele Birnen gehabt wie noch
niemals; wir haben ihn stützen müssen. Das sah dann abends so aus, als
stünde da jemand. Sehr unheimlich! Ich mußte oft nachts drei- oder
viermal wieder aufstehen, um nachzusehen, ob da wirklich niemand war.
Schlafen tue ich überhaupt nicht sehr gut. Diese Birnen also: da ist
nun niemand, der sie aufißt. Soll ich Dir vielleicht welche schicken?
Die jungen Mädchen essen sie vielleicht gern. Abends rumort es jetzt
immer furchtbar auf dem Boden. Die Marder haben Junge gekriegt, und das
schreit wie kleine Kinder. Die Nächte sind lauter als die Tage.
Auf Mamas Grab bin ich auch viel. Die Blumen wachsen nicht ordentlich.
Einmal standen da Heliotropen, die wurden dürr; dann setzte ich
Verbenen ein; auch die standen nur einen Tag; denn mir fiel ein, daß
Mama sie nie hat leiden mögen. Nun habe ich Geranien gepflanzt; das
sieht lustig aus, beinahe komisch für einen Kirchhof. Ich gehe alle
Tage hinüber und begieße die Blumen. Es scheint ein sehr trockener
Herbst zu werden. Wenn nur nicht so viele Menschen da wären. Gesche
kocht den ganzen Tag Saft; das tut sie nun schon seit dem Juni, von der
Erdbeerenzeit an. Die Katze hat sehr gealtert. Sie liegt den ganzen
Tag in der Sonne und surrt. Das sehe ich mir gern an. Evelyn schickte
vorgestern eine große Kiste mit Weintrauben. Das sind doch andere
Trauben als hier bei uns; sie schmeckten so schön. Es geht ihr sehr
gut, und sie bekommt viel zu sehen. Sie lernt auch Menschen kennen.
Marianne wird Weihnachten ein kleines Kind bekommen. Ich gehe manchmal
zur Nortorf; sie macht so hübsche winzige Sachen für das Kind. Zwischen
unsern alten Kindersachen hab’ ich auch gekramt. Da lag noch meine
große Wachspuppe. Großmamas Korbsammlung hatte ich auch ganz vergessen.
Wie viele Stücke das sind! Diese feingeflochtenen italienischen, und
die mit dem seidenen Futter! Ich ordne sie alle nach der Größe.
Gestern kam ein Brief von Onkel Wilhelm; er hat viel Interesse für
Euch! Er beunruhigt sich etwas über den jungen Mann, mit dem Du in das
Museum gehst. Aber ich denke, wenn Du ihn bei Stockmanns kennengelernt
hast ...!
Kommst Du zu Weihnachten nach Hause? Zum Herbstreinemachen haben wir
auch Dein Zimmer wieder in Ordnung gebracht. Wie viele tote Fliegen da
waren, auf den Fensterbänken und auf der Diele; es waren mindestens
zwei Hände voll. In den Strümpfen, die Du mir schicktest, waren viele
Löcher. Das Seidenzeug habe ich gefunden. Es ist schön weich und
glänzend. Aber lasse es ja auf Futter arbeiten; es ist sonst ein so
unheimlich kaltes Gefühl auf der Haut.
Oben lag auch Mutters Brautschleier; er riecht nach Orangenblüten
und Spinnen. Ich habe ihn zwischen meine Wäsche gelegt. Übrigens hat
es diesen Sommer mehr Spinnen gegeben als jemals. Warum magst Du sie
eigentlich nicht leiden?
Früher schrieb ich Briefe schneller. Jetzt habe ich beinahe den ganzen
Abend dazu gebraucht.
Erst hat Teetje mich am Fenster erschreckt. Und dann kam die Sonne noch
einmal durch, obgleich es schon längst über ihre Zeit war.
Jetzt regnet es. Vor lauter Rauschen kann man nichts hören. Wenn sich
irgendwo jemand versteckt hat, hinter dem Wandschirm, hinter der
Gardine, unter dem Sofa, draußen vor der Tür, überall kann ja jemand
sein! aber man hört nichts vor Rauschen ...