Generationen hindurch waren Professor Stockmanns Vorfahren Geistliche
gewesen. Von Hause aus derbfäustige Naturen, hatten sie schon im
Dreißigjährigen Krieg den Protestantismus mit Begeisterung verteidigt.
Dies war ihre gesündeste und beste Zeit gewesen. Denn der empfindsame
Augenaufschlag des Pietismus, der ihr folgte, war nichts für ihre
einfachen Augen. Diese Augen waren nicht scharf genug, um Empfindung
von Phrase zu scheiden. Und so hatte sich der Väter Überzeugungstreue
in ein Gewirr unklarer Gedanken und verwaschener Gefühle gewandelt, und
die persönliche Tat des protestantischen Bekenntnisses war zu einer
leeren Tradition geworden.
Diese Tradition machte man in der Familie nun zur Grundlage einer
Erziehung, die heute kaum anders war als vor zweihundert Jahren.
Es war System in dieser Erziehung. Die Bilder an den Wänden, Porträts
von Francke, Spener, der Christuskopf von Guido Reni, die vergilbten
Photographien von Werken der Nazarener redeten dieselbe eindringliche
Sprache wie Morgen- und Abendandachten, Bet- und Bibelstunden. Es
gab keine Gespräche, die nicht mit geistlichen Betrachtungen gewürzt
gewesen wären, keinen Entschluß, bei dem man vergessen hätte, zu
prüfen, ob er Gottes Wille sei. -- Den Dingen der Welt stand man mit
der uneingestandenen Feindseligkeit und dem Argwohn der evangelischen
Milde gegenüber. Man war tolerant; aber man wußte, daß durch eine Falte
der Stirn, durch geschickt eingeschaltete Nebensätze eine Verurteilung
schärfer ausgesprochen werden kann als durch gehässige Rede. Man
verehrte die Kunst: aber sie mußte an den Stufen von Gottes Thron
stehen. Man sah die Kunstwerke unter evangelischem Gesichtswinkel, man
hörte die Musik zur Ehre Gottes.
Dieses Erziehungssystem bemächtigte sich ihres Lebens derart, daß
von persönlichem Religionserlebnis, von religiöser Sehnsucht längst
nicht mehr die Rede sein konnte; vielmehr durfte man sagen, daß den
Stockmanns der Protestantismus in Fleisch und Blut übergegangen war.
Unter dieser Voraussetzung war es zu begreifen, daß die Jungen schon
mit zwölf Jahren ihre festen Ziele hatten, und daß aus ihnen Menschen
wurden, die niemals mit Scheu vor den Fragen des Lebens stehenblieben,
die weder den heiligen Ernst des Suchens, noch das Glück des Findens
kannten. Es kamen freilich Tage, wo des Lebens Sturmwinde heransausten,
morsche Stämme zu brechen und Platz zu schaffen für junge Bäume, die
stark werden sollten. Da wäre Gelegenheit gewesen, einmal aufzuräumen,
einmal nachzusehen, was des Wachsens noch wert wäre, und der Schößlinge
zu achten, die heimlich aus dem Schutt herauskamen.
Aber das taten die Stockmanns nicht.
Hatte bis zu diesem Zeitpunkte alle Verantwortung den Eltern
zugesprochen werden müssen, so traf sie jetzt die junge Generation.
Diese aber wagte keinen Kampf. Vielleicht wollte sie ihre Gewohnheiten
nicht aufgeben, vielleicht war sie überhaupt zu blaß, zu kränklich. Der
Mangel an Lebensmut und Lebensbejahung, der sie den Kampf vermeiden
hieß, vererbte sich gleichfalls und wuchs im Laufe der Zeiten zu
einer beträchtlichen Schuldenlast heran. Die Eigenschaften, die beim
Urgroßvater wertvoll gewesen waren, wirkten heute als eigensinnige
Schrullen. Aus seinem Glauben war Starrheit geworden, aus seiner
Innigkeit Sentimentalität.
Durch die Ehen, die in der Familie geschlossen worden waren, hatten
die Wirkungen dieser Erziehung nicht aufgehoben werden können. Es
waren immer Frauen gewesen, die verwandtem Boden entstammten. Nur
eine Ausnahme gab es, und diese Frau hatte allerdings anderes Blut
in die Familie hineingebracht; das war Mathilde Dorn gewesen, die
Tochter eines stillen Gelehrten, dessen Leben voller Güte unbemerkt
bei trockener Fachwissenschaft vorübergegangen war, nach dessen
nicht ganz aufgeklärtem Tode man jedoch einige Arbeiten über die
Freiheit der naturwissenschaftlichen Forschung vorfand, die seine
Persönlichkeit unter eine veränderte Beleuchtung brachten. Mathilde
Dorn war verschlossen und träumerisch. Ihr Wesen hatte die Milde
eines Regens, der an schwülen Sommertagen zur Erde rauscht, ohne zu
kühlen. Als Professor Stockmann sie heiratete, lebte ihr Vater noch,
und als die Kinder kamen, Martha und zwei Jahre später Johannes, war
zu hoffen, daß ihre Erziehung von anderer Art sein würde, als sonst
in der Familie gebräuchlich war. Denn Mathilde liebte ihre Kinder mit
dem leidenschaftlichen Muttergefühl einer Frau, die nichts anderes hat
als ihre Kinder. Besaß sie auch selbst kein stark ausgeprägtes eigenes
Wesen, so durfte man doch von diesem durch keine Begriffe beirrten
mütterlichen Gefühl mancherlei erwarten. Aber nach wenigen Jahren starb
Mathildens Vater, und geraume Zeit darauf folgte sie ihm, ohne ihre
Kinder bis zu einer inneren Selbständigkeit gebracht zu haben.
Es sei ein Herzleiden, sagten die Ärzte, aber in Wirklichkeit ging sie
an den fortgesetzten stillen Vorwürfen zugrunde, die ihr Mann wegen
jener Schriften ihres Vaters gegen sie erhoben hatte. Immerhin erkannte
man noch heute an den Kindern die Mutter.
Martha, die seit ihrer Konfirmation dem Hauswesen vorstand, verband mit
der kindlichen Liebe zum Vater doch eine gewisse Unabhängigkeit. Sie
hatte den Glauben ihres Vaters, aber ein Glanz war übers ihn gebreitet,
der von persönlichem Empfinden herkam.
Johannes hingegen hatte von der Mutter die Zweifel geerbt. Sie
entbehrten zwar der Schärfe und hatten hin und wieder eine
gewisse Haltlosigkeit zur Folge; aber an dieser Stelle kam ihm
die Hartnäckigkeit des Vaters zugute. So gab es in seinem Leben
wenigstens scheinbare Kämpfe. Selbständigkeit gehörte nicht zu
seinen Eigenschaften. Aber er besaß eine gewisse Geschicklichkeit:
er nahm niemals Partei für Anschauungen, die den Familientraditionen
zuwiderliefen, aber er machte kleine Konzessionen, gestand einigen
Punkten eine Berechtigung zu und fühlte sich immer auf der Höhe
überlegener Milde.
Professor Stockmann hatte sich allmählich in seine Kinder gefunden.
Daß der positive Glaube ihnen keine Herzenssache war, wußte er wohl;
aber er zog es vor, diese Lücke zuzudecken, ohne sie zu ergründen.
Für diese Nachsicht forderte er stillschweigend das Festhalten an
allen äußerlichen Gewohnheiten. Es gab keinen Widerspruch gegen seine
Anschauungen; und die Kinder waren klug genug, dem Vater zu folgen, ja,
sie taten es sogar aus Überzeugung. Drei- bis viermal im Jahr ging man
zur Kommunion, morgens und abends versammelte man sich zur Andacht,
genau so, wie es unter dem seligen Generalsuperintendenten gewesen war.
Zu dieser Familie kam Julie Hellwege.