XVIII

Julies Zimmer hatte sich in den zwei Monaten, die sie nun schon in

Berlin war, verändert. Zwar standen dieselben Möbel darin, dieselben

gleichgültigen Bilder hingen an den Wänden; nur einige Linien waren

verschoben. Der Schreibtisch hatte günstigeres Licht bekommen, der

kleine Tisch, auf dem früher eine bunte Photographie gestanden hatte,

war jetzt mit Büchern bedeckt. Und durch diese Änderungen hatte das

Zimmer ein persönliches Aussehen bekommen. Es roch nicht mehr nach dem

Preise, nicht mehr nach Koffern und den Kleidern der früheren Bewohner,

es war nicht mehr Pension, sondern Julies Zimmer. Denn nun waren auch

Blumen da, nicht etwa die bekannten Töpfchen mit Alpenveilchen oder

Fuchsien, sondern lange Vasen und niedrige Schalen mit den reinen

Farben des Feldes. Heute breitete sich geradezu ein Goldton über dem

Zimmer. Auf den Schreibtisch, auf die Kommode, auf den Ofensims, wo

nur Licht und guter Hintergrund war, hatte Julie Goldlack hingestellt.

Sie selbst saß am Fenster mit einem Buche; und so oft geschah es, daß

sie das Buch zuschlug und den graublauen Einband neben die Blumen

hielt. Darauf hatte sie sich schon so lange gefreut; immer war sie in

der Stadt herumgelaufen, um Goldlack zu kaufen, aber die kümmerlichen

Stengel hatte sie nicht gemocht; heute endlich war sie mit einem großen

Strauß zurückgekommen.

Ihr fiel zum ersten Male ein, daß ihre Lebensweise hier eigentlich kaum

anders sei als zu Hause; zwar besuchte sie ihre Vorträge pünktlich

und kehrte mit gewissenhaften Notizen zurück, zwar ging sie oft ins

Theater, aber wirkliche Freude fand sie doch erst, wenn sie mit ihren

Büchern und Blumen allein war. Die vielgerühmte Anregung der Großstadt

hatte sie enttäuscht. Es war eine phrasenhafte Architektur nicht nur in

den öffentlichen und privaten Gebäuden, sondern auch in der Bildung der

Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein Zug von Handwerksmäßigkeit,

ein Mangel an künstlerischer Lebendigkeit. Das hatte Julie sehr bald

empfunden, und nachdem sie in den ersten Wochen mancherlei Verkehr

gehabt hatte, fing sie nun schon an, lieber zu Hause zu bleiben. Es war

ihr ja nicht um Kenntnisse zu tun, sondern um Schönheit. Und gerade

die hatte sie nicht gefunden. Konventionelle Schönheiten natürlich

allerwärts; in ihren Vorträgen flossen sie in Strömen. Aber Julie

wollte Schönheiten haben, die ihr allein gehörten.

Schien also der Berliner Aufenthalt nur den Erfolg zu haben, daß Julie

zu der Einsicht kam, zu Hause sei es besser, so dachte sie doch nicht

daran, jetzt wieder fortzugehen.

Jedenfalls schlug sie jetzt ihr Buch wieder auf und freute sich,

daß sie noch eine Stunde Zeit hatte, bis sie sich für die kleine

Abendgesellschaft bei Professor Stockmann umziehen mußte. Sie blätterte

und suchte eine Stelle und las. Es waren die »Essays« von Ellen Key.

Selten war ihr ein Buch so viel gewesen. Noch nie hatte sie so stark

den Eindruck gehabt, als wäre hier ausgesprochen, was sie schon seit

Jahren unklar empfunden hatte. Mit jeder Zeile, die sie las, schien

etwas in ihr frei zu werden. Die Töne, die schon lange aus fragender

Tiefe zu ihr heraufgekommen waren, einten sich zu einer Melodie,

und sie erkannte jetzt etwas, das allen ihren Hoffnungen, Wünschen

und Handlungen Richtung gegeben hatte, ohne daß es ihr recht bewußt

geworden war.

Heute las Julie den kurzen Aufsatz über das Weib der Zukunft. Diese

Worte hatten bei ihr schon nahezu eine Geschichte. Zuerst war es ein

Staunen gewesen vor der frühlingsfrohen Kraft dieser Persönlichkeit,

die ihre eigenen geheimsten Wünsche offenbarte. Dann -- Wochen waren

darüber hingegangen -- mit einem Male hatte sie entdeckt, daß die

Entwicklungsmöglichkeiten, von denen hier die Rede war, auch in ihr

verborgen waren, daß sie sie nur bisher noch nicht gekannt hatte.

Da war sie sich vorgekommen wie eine, die im Zimmer sitzt und ihre

bescheidene Freude über ein bißchen Sonnenschein hat, aber plötzlich

geht die Tür weit auf, und draußen lacht es und jubelt von Blumen, und

das Licht ist gleich einem Meer, und über den Himmel segeln Wolken.

Und dann tritt jemand herein und sagt: »Dies alles ist dein, du weißt

es nur noch nicht! Du brauchst nur aufzustehen und hineinzugehen!«

-- Es ward das Jauchzen des Sommermorgens, ein Gefühl von Macht, ein

Ausbreiten der Arme, ein ungestümes Laufen in die Luft hinein, ja,

Tränen von Glück und Dankbarkeit.

Aber heute war es wieder ganz anders. Sie sah nicht mehr die Fernen,

nicht mehr das weite Grün, nicht mehr das unendliche Blau.

Sie war vor einer Blume stehengeblieben. Und wie ihre Sehnsucht bisher

an der Linie des Horizonts gehangen hatte, so senkte sie sich nun in

den Kelch dieser einen Blüte hinein.

»Sie wird stets Geliebte bleiben, und nur so wird sie Mutter werden!

Ihr religiöser Kult wird sein, des Lebens Seligkeit zu schaffen.«

Es kamen wohl viele Düfte aus dem tiefen Kelche dieser Blume, wie

es viele Arten Sehnsucht gibt. Dufteten diese Worte von des Lebens

Seligkeit nicht nach Rosen, und wußten sie nicht von der Liebe heißen

Lippen? War es nicht herb und doch betäubend, zu empfinden, daß Macht

in ihren Händen lag? Daß nur die Frau der Welt die Kostbarkeiten

bringen kann, die des Lebens Seligkeiten schaffen?! Und waren da nicht

auch die Tiefen ungewisser Dinge, vor denen man ein süßes Grauen

empfand ...?

Von diesen Sehnsüchten blieb keine bei Julie. Eine andere kam, leise

und zaghaft, das Dämmern aufzuwecken, in dem die Empfindungen der

Jungfräulichkeit geträumt hatten: die Sehnsucht nach Mütterlichkeit.

In diesem neuen Empfinden waren Schmerz und Glück so nahe beieinander,

daß es eine Ruhe wurde, die sanft über die Augen strich. Und Julie

stand mit andächtiger Scheu, wie vor etwas Heiligem. Aber sie war keine

von denen, die träumend stehenbleiben. Ihre Gedanken gingen weiter.

Ellen Key fährt an jener Stelle fort: »Sie wird mit klarem Blick und

tiefem Verantwortlichkeitsgefühl den Vater ihrer Kinder wählen.«

Julie hatte diesen Gedanken noch nicht bewußt ergriffen, aber ihr

Empfinden mochte wohl schon auf ihn lauschen.

Die Schwestern Hellwege · 第 26 / 47 题